Laufende Forschungsprojekte
Thomas Mergel
Köln im Kaiserreich (1871-1918) ► mehr
Malte Zierenberg
Agenten des Sichtbaren. Bildagenturen und transatlantische Ordnungen des Visuellen im 19. und 20. Jahrhundert ► mehr
Felizitas Schaub
Migration und städtische Kulturen in Prag und Berlin (1871-1914) ► mehr
Claudia Christiane Gatzka
Bürgernähe. Demokratie und lokale Lebenswelt in Italien und der Bundesrepublik (1945-1990) ► mehr
Benjamin Schröder
Kulturen des Wahlkampfs in Deutschland und Großbritannien in der Zwischenkriegszeit ► mehr
Dominique Rudin
Video Heterotopia – Politischer Medienaktivismus und alternatives Milieu in der Schweiz 1970-1990 ► mehr
Sebastian Seibert
Sprechen und Töten. Nationalistische Bewegungen, politische Gewalt und Zivilgesellschaft in Nordirland und dem spanischen Baskenland seit den siebziger Jahren ► mehr
Franziska Kuschel
Schwarzhörer, Schwarzseher und heimliche Leser. Die DDR und die Westmedien ► mehr
Alexandre Bibert
Die gewerkschaftlichen Beziehungen zwischen Frankreich und den beiden deutschen Staaten (1949-1973) ► mehr
Johanna Drescher
Spanische Arbeitsmigranten in der Bundesrepublik. Eine politische Erfahrungsgeschichte zwischen Diktatur und Demokratie 1960-1979 ► mehr
Dominik Trutkowski
Parlamentarische Kultur in Spanien und Polen. Geschichtspolitik und politische Kommunikation im Übergang zur Demokratie ► mehr
Martin Kirsch
Europahistoriographie in der Mitte des 20. Jhs. (1920er-1970er Jahre) – Transfers und Vergleich zwischen Frankreich, Deutschland und den USA ► mehr
Patrick Deinzer
Ein deutsch-britischer Vergleich konservativer Parteien in den 1970er Jahren ► mehr
Nikolaos Papadogiannis
‘Sun, sea and sex’? The making of West German and Greek young tourists in the 1960s and the 1970s ► mehr
Sean A. Forner
Europas "erste Neue Linke" und die verborgene Geschichte des Kalten Krieges ► mehr
Paul Benedikt Glatz
American Deserters and International Protest against the Vietnam War
► zu den abgeschlossenen Forschungsprojekten
Köln im Kaiserreich (1871-1918)
Prof. Dr. Thomas Mergel
Als Band 10 der auf 13 Bände angelegten Geschichte der Stadt Köln befaßt sich dieser Band mit der stürmischen Entwicklung einer Stadt, die zur Zeit der Reichsgründung noch auf den Raum innerhalb ihrer mittelalterlichen Mauern beschränkt war und mehr in vergangenen Zeiten als in der Gegenwart lebte. Am Ende des Kaiserreichs hatte die Stadt ihre Bevölkerungszahl vervierfacht, ihre Fläche war um das Vierzigfache gestiegen; damit war Köln nach Berlin die zweitgrößte deutsche Stadt. Das Buch fragt vor allem danach, wie Verwaltung und Politik diesen Aufbruch „managten“ und wie der Wandel von der verschlafenen „German Home Town“ zur modernen Metropole sich im Alltagsleben auswirkte. In diesem Zusammenhang spürt das Projekt der Frage nach, wie die Zugehörigkeit zur neuen deutschen Nation und die erste Welle der Globalisierung, die in den 1880er Jahren auch Köln erreichte, in der lokalen Gesellschaft verarbeitet wurde. Denn vieles von dem, was wir heute als stolze kölnische Lokalkultur kennen, wie etwa der Karneval, hat sein heutiges Gesicht erst um die Wende zum 20. Jahrhundert erhalten. Der moderne Lokalmythos Köln, so die Hypothese, ist ein Stück weit auch ein Ergebnis des Wandels der Stadt seit dem späten 19. Jahrhundert und insofern etwas sehr Modernes – auch wenn es immer als Inbegriff von Tradition verkauft wird.
http://www.historische-gesellschaft-koeln.de/
Agenten des Sichtbaren. Bildagenturen und transatlantische Ordnungen des Visuellen im 19. und 20. Jahrhundert
Dr. Malte Zierenberg
Seit der zweiten Medienrevolution im 19. Jahrhundert verwandelte sich die visuelle Welt. Die massenhafte Reproduktion der Fotografie schuf neue Wahrnehmungsformen und -bedingungen. Zugleich etablierten sich bis dahin unbekannte, moderne Formen der Bildbewirtschaftung. Welche Rolle spielten Bildagenturen und Stock-Photography-Anbieter aus Westeuropa und den USA als Protagonisten dieser Entwicklung bei der Bebilderung der Welt im 20. Jahrhundert? Danach fragt das Habilitations-Projekt „Agenten des Sichtbaren“. Es rückt ökonomische, politische und kulturelle Logiken des Umgangs mit fotografischen Produkten in Westeuropa und den USA in den Mittelpunkt und es erschließt Neuland, indem es, erstens, strukturelle und institutionelle Aspekte einer Visual History der neuesten Geschichte thematisiert und sich mit den Bildagenturen einer der wichtigsten Medien-Institutionen des 20. Jahrhunderts zuwendet. Dabei rücken, zweitens, Aspekte einer transatlantischen Geschichte in den Fokus, nach denen sowohl auf der Ebene institutioneller wie auch bildsemantischer Verflechtung gefragt wird. In den Blick gerät dabei die Genese einer transatlantischen bildinformierten Öffentlichkeit. Innovativ ist das Projekt zudem, drittens, auf einer methodisch-theoretischen Ebene: Es verbindet die Analyse der „commodity chains“ der Bilder mit der Analyse ausgewählter Bild-Topoi der westlichen Welt. Was die moderne Bildpraxis der Agenturen unter anderem auszeichnete, war eine Form mitlaufender visueller Geschichtsschreibung, die ihre Umsetzung sowohl in der Präsentation als auch in der Archivierung der Bilder fand. Am Beispiel der Organisation visuellen Materials über „historische Ereignisse“ untersucht das Projekt diesen Prozess als spezifischen Medialisierungseffekt des 20. Jahrhunderts und fragt zugleich nach den politischen Kontexten, nach politisch-juristischen Rahmungsversuchen der modernen Bildbewirtschaftung.
Migration und städtische Kulturen in Prag und Berlin (1871-1914)
Felizitas Schaub Lic. phil.
Verstärkte Migrationsbewegungen als Folge, aber auch als Voraussetzung von Urbanisierung und Industrialisierung waren in hohem Masse Teil der Transformationsprozesse, die Stadträume an der Wende zum 20. Jahrhundert prägten. Das Dissertationsprojekt fokussiert auf die hohe Mobilität von Migrantinnen und Migranten, um danach zu fragen, welche vornehmlich kulturhistorische Bedeutung der konstanten Zu- und Abwanderung in den städtischen Gesellschaften Prags und Berlins zukommt. Dabei stehen nicht nur transnationale Wanderungsbewegungen zur Debatte. Die damaligen Migrationsbewegungen zeichneten sich vor allem auch als zirkuläre Wanderungsprozesse in regionalen und überregionalen Zusammenhängen aus.
Dieses Phänomen wirft, jenseits quantitativer Erhebungen, Fragen nach Wahrnehmungen und Praktiken, Wertungen und Ordnungen solcher dynamischer Lebenswelten auf. Welche Strategien etablieren sich im Umgang mit der damit einhergehenden Bewegung und Unbeständigkeit, die angesichts der fluktuierenden Bevölkerung konstitutiver Teil der städtischen Gesellschaften waren? Wie wird versucht, gemeinschaftliche Stabilität zu errichten und individuelle Kontinuitäten zu schaffen resp. zu erhalten angesichts des Moments der Flüchtigkeit, das durch die Zu- und Abwanderung die Städte prägte? Welche Bevölkerungssegmente und Stadtgebiete waren besonders betroffen und sind Unterschiede im Umgang damit zu finden? Diese Fragen werden in dem Dissertationsprojekt anhand einer Topographie von Orten, in und an denen die hohe Mobilität der Bevölkerung verhandelt wurde, für die Städte Prag und Berlin diskutiert. Als „Orte“ kommen nicht nur Arbeiterviertel in Frage, wo die Bewegung in der Bevölkerung statistisch am deutlichsten zu fassen ist, sondern auch staatliche, religiöse, politische, wirtschaftliche oder soziale Institutionen, anhand derer Stabilisierungsmomente in Prozessen der Vergemeinschaftung aufgezeigt werden können in einer Ära ausgeprägter Mobilität.
Sprechen und Töten. Nationalistische Bewegungen, politische Gewalt und Zivilgesellschaft in Nordirland und dem spanischen Baskenland seit den siebziger Jahren
Sebastian Seibert M.A.
Das Dissertationsprojekt interessiert sich für die öffentliche Auseinandersetzung mit politisch motivierter Gewalt in zwei westeuropäischen Gesellschaften, die seit Jahrzehnten maßgeblich von starken nationalistischen Bewegungen und terroristischer Gewalt bestimmt sind. Es rückt die sprachliche Eingebundenheit politischer Gewalt und damit das Verhältnis von Gewalthandeln und Gewaltkommunikation in den Blick. Dabei fragt es sowohl nach Gründen für die Persistenz der Gewalt als auch danach, wie in diesem Spannungsfeld Normen für eine anvisierte zukünftige Gesellschaft verhandelt werden. Dies geschieht vor allem anhand der Auseinandersetzung mit der angewandten und angedrohten Gewalt. Das Projekt konzentriert sich deshalb besonders auf die Begründung, Wahrnehmung und Kritik der Gewalt in öffentlichen Debatten, aber auch innerhalb der Bewegungen selbst.
Bild: Plakat baskischer Nationalisten, das das Vorgehen des Staates als undemokratisch anprangert
Kulturen des Wahlkampfs in Deutschland und Großbritannien in der Zwischenkriegszeit
Benjamin Schröder M.A.
Das Projekt zielt darauf, am Beispiel nationaler Wahlkämpfe demokratische Kultur zu untersuchen. In Wahlkämpfen wird nicht nur über Personal und Programme gestritten. Zugleich sind sie Phasen der selbstreflexiven Auseinandersetzung darüber, wie der politische Konflikt selbst ausgetragen werden darf. Die Aushandlung gültiger Praktiken kann dort nachgezeichnet werden, wo Wahlkämpfe geführt werden: nicht nur auf Flugblättern, in Zeitungen und anderen Medien, sondern auch in Wahlveranstaltungen, in Demonstrationen oder an der Haustür. Solche unmittelbaren Interaktionen zu untersuchen, erlaubt auch, den Bürger als das Gemeinwesen mitgestaltenden Souverän stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Um dem gerecht zu werden, liegt der Fokus der Arbeit auf exemplarischen Fallstudien über die lokalen Öffentlichkeiten von je zwei deutschen und zwei britischen Städten. Vergleichend wird danach gefragt, wie an unterschiedlichen Orten über sehr ähnliche Probleme gestritten wurde und welche Rollenverständnisse, Erwartungen und Ansprüche den ungeschriebenen Regeln dieser Auseinandersetzungen zugrunde lagen. Ähneln sich diese trotz unterschiedlicher Traditionen und verschiedener Wahlsysteme in den jungen Demokratien Deutschlands und Großbritanniens? Weisen die Praktiken auf spezifisch nationale politische Kulturen hin? Oder sind gar bis ins 20. Jahrhundert hinein lokale Eigenheiten entscheidend?
Bild: Cambridge Daily News, 24. Mai 1929
Bürgernähe. Demokratie und lokale Lebenswelt in Italien und der Bundesrepublik (1945-1990)
Claudia Christiane Gatzka M.A.
Nach 1945 kehrte mit dem Pluralismus auch der politische Konflikt in die westdeutsche und italienische Gesellschaft zurück, der zuvor unter den faschistischen Regimes externalisiert worden war. Politischer Streit und politische Werbung konkurrierender Parteien wurden nach Jahren der Entwöhnung zu legitimen Prinzipien der neu gegründeten Republiken, in die sich die Bürger einzuüben hatten. Das Dissertationsprojekt verfolgt diesen Einübungsprozess an der Basis der italienischen und westdeutschen Gesellschaft und bedient sich dabei nationaler Wahlkämpfe als heuristischer Sonden für das Erlernen von Demokratie mit all seinen lokalen Eigenlogiken und Unwägbarkeiten. Es interessiert sich für lokale Begegnungen zwischen Bürgern und Politik, für die Intonation des politischen Konflikts vor der Haustür der Bürger und für die Imaginationen von Demokratie und Gemeinschaft, die in lokalen Handlungs- und Repräsentationsformen deutlich werden. Mit Blick auf die lokalen Akteure wird gefragt, wie sich die vielfältigen Konfliktlagen und Spannungen zwischen Zentrum und Peripherie, links und rechts, männlich und weiblich, lokaler und nationaler Identität, politischer Überzeugung und privaten Bedürfnissen im Wahlkampfalltag an der Basis widerspiegeln. Dabei soll in kritischer Distanz zu den universalen, auf zentraler Ebene entwickelten Signaturen "Demokratisierung", "Modernisierung" oder "Medialisierung" nach dem Fortleben nationaler Traditionen gefragt werden, die gerade im lokalen Kosmos zu vermuten sind. Wo etwa finden sich Spuren der Utopie des „Neuen Menschen“, den Mussolini schaffen wollte, wohin diffundierte die deutsche Obsession der Volksgemeinschaft? Wie äußerten sich Generationswandel, Wertewandel und Medienwandel, namentlich die zunehmende Bedeutsamkeit des Fernsehens, in diesen lokalen Settings? Wie lässt sich schließlich das Konzept der "Demokratisierung" von unten besehen und mit vergleichender Perspektive auf zwei postfaschistische Staaten qualifizieren?
Bild: Helmut Kohl auf Wahlkampfreise 1976. Bundesarchiv Koblenz, Bildarchiv.
Schwarzhörer, Schwarzseher und heimliche Leser. Die DDR und die Westmedien
Franziska Kuschel M.A.
Die DDR sah sich seit Beginn ihres Bestehens der medialen Konkurrenz des Westens ausgesetzt. Diese untergrub den Anspruch der DDR-Führung auf eine totale Kontrolle des Kommunikationsprozesses innerhalb der DDR. Die Dissertation analysiert die Versuche, die Nutzung westlicher Medien zu verhindern, die Kommunikation über dort Gehörtes, Gesehenes oder Gelesenes zu kriminalisieren und Kontakte zu westlichen Medien zu unterbinden. Vor allem die kampagnenartigen Auseinandersetzungen mit den Nutzern sowie der Einsatz der Justiz werden untersucht. Es wird nach den Grenzen einer repressiven Medienpolitik gefragt. Dabei werden auch eigen-sinnige Strategien der Nutzer im alltäglichen Umgang mit westlichen Medienangeboten in den Blick genommen.
Bild: "Die Revolutionsschnauze", Frischer Wind, April 1952
Spanische Arbeitsmigranten in der Bundesrepublik. Eine politische Erfahrungsgeschichte zwischen Diktatur und Demokratie 1960-1979
Johanna Drescher M.A.
Das Projekt erforscht die Geschichte der spanischen Arbeitsmigration in der Bundesrepublik. Dabei konzentriert es sich auf die politischen Erfahrungen und Lernprozesse der Migranten. Diese kamen nicht nur aus einem weniger entwickelten Land in eine Wohlstandsgesellschaft, sondern auch aus einer Diktatur in eine Demokratie. Deutsche Gewerkschaften und spanische Exilorganisationen bemühten sich in besonderer Weise um die politische Bildungsarbeit mit diesen Migranten. Ziel war die Vermittlung demokratischer Grundwerte. Die damit verbundenen Erfahrungen bargen Sprengstoff insofern, als ein großer Teil der Migranten wieder nach Spanien zurückkehrte. Das Projekt untersucht nicht nur die Erfahrungsgeschichte der spanischen Migration in der Bundesrepublik, sondern auch die der Remigration in ein bis 1975 immer noch diktatorisches Spanien. Sie fragt, inwieweit die Migrationserfahrungen als Teil einer Lerngeschichte der spanischen Demokratie verstanden werden können. Die spanische Arbeitsmigration kann so als eine politische Sozialisationsgeschichte unter der doppelten Perspektive der Transfer- und Transitionsforschung beschrieben werden.
Parlamentarische Kultur in Spanien und Polen. Geschichtspolitik und politische Kommunikation im Übergang zur Demokratie
Dominik Trutkowski M.A.
Die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfolgten Durchbrüche zur Demokratie in Spanien und Polen waren nicht nur das Ergebnis übergeordneter sozialer, politischer und wirtschaftlicher Determinanten. Sie waren vor allem die Folge kommunikativer Prozesse, die sich in geschichtspolitisch ausgehandelten Diskursen, Symbolen und Repräsentationen niederschlugen und so die sozialen Ordnungen prägten. Bezeichnenderweise entwickelten sich diese Aushandlungsprozesse in der Diktatur wie auch der Demokratie zum größten Teil aus den zentralen politischen Institutionen heraus – aus den parlamentarischen Debatten, die über die Presse in die Öffentlichkeit getragen wurden. Das Dissertationsprojekt schließt wichtige Forschungslücken, indem es sich zum einen über einen Ost-West-Vergleich der kaum erforschten Geschichtspolitik in den Parlamenten während des Übergangs zur Demokratie zuwendet, zum anderen, indem es das Thema methodologisch durch einen kommunikationstheoretischen Zugang erschließt. So gilt zu fragen, welche öffentlichkeitswirksame Semantik - symbolische Praktiken, Sprache, Rhetorik und Rituale - hinter der Geschichtspolitik stand. Wie wurde also in den Abgeordnetenhäusern kommuniziert, wenn es z.B. darum ging, nationale Traditionen und gesellschaftlichen Konsens oder, durch Politisierung der Vergangenheit, Konflikte und parteipolitischen Dissens herzustellen, der nicht selten zur Spaltung der Gesellschaft führte? Parlamente sind nicht nur ein Ort der Kommunikation und Interaktion, sie sind auch ein Ort ständiger Sozialisation. Daher fragt das Projekt ebenso danach, inwiefern es den politischen Akteuren durch Aushandeln neuer geschichtspolitischer Streitkulturen gelang, „Demokratie“ zu erlernen und so auch die Weichen für eine Bewältigung der Diktaturerfahrung zu stellen.
Die gewerkschaftlichen Beziehungen zwischen Frankreich und den beiden deutschen Staaten (1949-1973)
Alexandre Bibert
Die zivilgesellschaftlichen Beziehungen zwischen Frankreich, der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik sind bis jetzt wissenschaftlich weniger intensiv erfasst worden als die diplomatischen Beziehungen zwischen diese Staaten. Die Untersuchung widmet sich, anhand der gewerkschaftlichen Ebene, der Schilderung eines Aspektes der transnationalen Geschichte zwischen Frankreich und beiden Teilen Deutschlands. Als Massenorganisationen, und als eine der ersten Akteure nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt, haben französische und deutsche Gewerkschaften füreinander Interesse gefunden. In der Nachkriegszeit unter Prägung des Kalten Krieges, der Vergangenheitsbewältigung und der europäischen Einigung entwickelten die Gewerkschaftsverbände ein Netz von bilateralen und trilateralen Beziehungen, wo Verbindendes und Trennendes zusammenspielten. Die Dissertation untersucht welche Rolle die Gewerkschaften in der Annäherung zwischen den Zivilgesellschaften Frankreichs und denen von Deutschland eingenommen hatten.
Ein deutsch-britischer Vergleich konservativer Parteien in den 1970er Jahren
Patrick Deinzer M.A.
Die 1970er Jahre werden in der Historiographie oftmals als ein krisenhaftes Jahrzehnt beschrieben. Im Fokus stehen eine Vielzahl von ökonomischen, technologischen und kulturellen Wandlungsprozessen und ihre gesellschaftliche Auswirkungen. Aber in welcher Form verwandeln politische Akteure strukturelle Phänomene in Krisendiskurse und reicht der Krisenbegriff aus, um die politische Selbstbeschreibung dieser Zeit zu erfassen? Das Promotionsprojekt will die gesellschaftlichen Strukturbrüche und den politischen Umgang mit diesen in der Zeit „nach dem Boom“ reflektieren. Dazu richtet sich der Blick auf konservative Parteien, da sie maßgeblich an der Polarisierung und Neuvermessung des Politischen mitgewirkt haben. Im Mittelpunkt stehen die politische Deutung und Verarbeitung des kulturellen Wertewandels und ökonomischer Strukturkrisen angesichts weitreichender Veränderungen in den westlichen Industriegesellschaften und der Weltwirtschaft. Durch eine Analyse des programmatischen und organisatorischen Wandels der CDU/CSU und der britischen Conservative Party sollen deren Problemwahrnehmung und ihre Ordnungsvorstellungen beleuchtet werden, um im Anschluss daran nach dem Wandel der politischen Kommunikation zu fragen. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt auf einer synoptischen Verbindung der Debatten über die Inflation und den Aufgaben des Staates mit den identitätsstiftenden Diskursen über Grundwerte und der Rolle der Familie in der postindustriellen Gesellschaft. An diesen Themenfeldern werden sowohl die Politisierung von sozialstrukturellen Wandlungsprozessen als auch die damit einhergehende Konfliktkultur nachvollzogen. Der deutsch-britische Vergleich der konservativen Parteien ermöglicht es zudem den omnipräsenten Krisenbegriff auf den Prüfstand zu stellen und prägnante Modelle von Krisenbewältigungsstrategien in ihrer Entstehung zu verfolgen, um zu verstehen, welche Rolle konservative Parteien in dieser Umbruchzeit spielen.
Bild: Bundespressearchiv B 145 Bild-F054627-0032, Foto: Reineke, Engelbert, Oktober 1978.
Video Heterotopia - Politischer Medienaktivismus und alternatives Milieu in der Schweiz 1970-1990
Dominique Rudin Lic. phil.
Was seit den 1970er-Jahren als Neue Soziale Bewegungen und alternatives Milieu firmiert, war, unter anderem, eng mit dem Wandel medialer Dispositive verbunden. So sind soziale Alteritäts- und außerparlamentarische Oppositionsphänomene im Bannkreis der Chiffre 1968 auch im Lichte des Fernsehens und seinem Aufstieg zu einem ‚Leitmedium’ zu sehen (Fahlenbach 2002). Doch bereits 1970 traten in den USA Akteure auf den Plan, die die audiovisuellen Kommunikationstechniken nicht den etablierten TV-Stationen zu überlassen gewillt waren. Häufig in Gruppen organisiert, verstanden sich ab den frühen Siebzigern auch in Europa VideofilmerInnen als autonome Mediatoren sozialen Wandels und politischer Aktion.Das Hauptaugenmerk der meisten untersuchten Videos liegt zwar auf Wohnungsnot, Hausbesetzungen, Verkehrsbelastung, baulichen Großprojekten oder Kulturangeboten. Diese städtischen Problematiken wurden jedoch in Inszenierung und Argumentation meist eng mit weiteren Aufmerksamkeitsbereichen verflochten, wie etwa Umwelt, Atomkraft, Feminismus, Migration, Psychiatrie oder Abrüstung. So betrifft meine zweite Fragerichtung die diskursive und ikonische Verfassung politischer Interventionen und sozialer Ordnungen. Genauer interessieren mich Evidenzstrategien audiovisueller Repräsentation. So untersuche ich Muster der Plausibilisierung und Authentifizierung in den Videos, womit ich auf eine politische Kulturgeschichte des alternativen Milieus der 1970er- und 1980er-Jahre abziele.
Bildnachweis: Video-Still aus "Der Rest ist Risiko" (CH 1987, Produktion und Copyright: Sus Zwick)
‘Sun, sea and sex’? The making of West German and Greek young tourists in the 1960s and the 1970s
Nikolaos Papadogiannis PhD
Youth tourism became a massive phenomenon in the post-World War II period in Western Europe, especially since the 1960s. From this decade onwards, young people increasingly went on holidays without their elders. Despite its significance, youth tourism in postwar Europe has hitherto received less attention in historiography than its importance merits. In order to help fill this gap, I have embarked on a comparative and transfer history of young tourists from the Federal Republic of Germany and Greece in the 1960s and the 1970s.
As part of this research project, I probe the impact, especially of cross-border tourism, on the national identities of young tourists. Did it help them transcend national identification by facilitating broader identities or did it contribute to the reproduction of national stereotypes? In addition, the 1960s have often been depicted as heralding an era of ‘sexual permissiveness’. I explore whether youth tourism served as one factor that posed a challenge to sexual restrictions or whether it contributed to more complex transformations, subverting some but helping uphold other sexual norms as well as gender hierarchies and exclusions.
In addressing those questions, I scrutinise a variety of youth tourist patterns. A number of illuminating articles on youth tourism in the Federal Republic of Germany and Western Europe in the 1960s and the 1970s focus on the so-called ‘alternative tourism’. The latter term denotes informally arranged travel, undertaken by young people connected to countercultural milieus. Nevertheless, my project aims at complementing this body of research and wishes to shed light onto the issue whether informal youth tourism was actually limited to left-leaning young people. In addition, my research highlights other forms of youth travel that also featured prominently in this period. I consider the growing appeal of excursions to Eastern Europe organised by pro-Soviet Communist youth groups in the 1970s in the Federal Republic of Germany and Greece. The history of youth identities has been premised on the selective reception of solely or mainly American cultural products in post-World War II Europe. By contrast, my research intends to show that the tourist patterns of the groups under study reinforced a diverse range of cultural flows and Cold War divisions. Finally, I take into account a category that has remained largely neglected in the historiography of youth cultures: young immigrants. I examine the intersection of migration and youth tourism in the case of young Greek migrant workers and university students in West Germany. I analyse both the informal travel of those immigrants as well as trips undertaken by the main Greek societies in West Germany. I am particularly interested in probing whether they often visited their natal areas on vacation, driven by the emotion of nostalgia as well as whether those trips facilitated the reproduction of their Greek national identity.
Europahistoriographie in der Mitte des 20. Jhs. (1920er-1970er Jahre) – Transfers und Vergleich zwischen Frankreich, Deutschland und den USA
Dr. Martin Kirsch
Dieses Forschungsprojekt ist auf eine individuelle Monographie angelegt und wurde nach Auslaufen der Juniorprofessur mit einem „Forschungsstipendium nach der Habilitation“ der Gerda Henkel-Stiftung gefördert und steht kurz vor dem Abschluss.
In dem Forschungsprojekt soll die deutsche und französische Europahistoriographie von den 1920er bis zu den 1970er Jahren auf ihren nationalen und internationalen Kontext hin untersucht werden. In methodischer Hinsicht kombiniert das kultur- und wissenschaftsgeschichtlich ausgerichtete Vorhaben einen vergleichenden Ansatz mit Fragen der Transfergeschichte. Hierbei werden die Publikationen von Historikern auf die Betonung spezifisch „europäischer“ Elemente hin untersucht, um auf diese Weise eine Geschichte Europas herauszukristallisieren. Hauptfocus ist somit die semantische Konstruktion von Transnationalität am Beispiel des Europabildes der Historiker. Der Vergleich der Publikationen der Europahistoriographie erfolgt entlang von fünf, von mir auf der Basis der Untersuchungen der Wissenschaftler zusammengestellten inhaltlichen „europäischen Besonderheiten“: a) Staat und Staatensystem Europas, b) europäischer Kapitalismus, c) gesellschaftliche Besonderheiten, d) kulturelles Wechselspiel von Antike, Christentum und Aufklärung, e) Bedeutung von Wissenschaft und Technik. In zweierlei Hinsicht entstanden damit Aussagen zur europäischen Geschichte: Zum einen gilt ein besonderes Augenmerk den zeitgebundenen, normativen Konstruktionen des „Europäischen“ mit Hilfe des Vergleichs „Europas“ mit „anderen“ geographischen Räumen (z.B. verhalf die Ausgrenzung Russlands der Aufwertung „Europas“). Zum anderen diente die Suche nach der europäischen Geschichte auch der inhaltlichen Abgrenzung gegenüber Faschismus und Stalinismus und damit einer Selbstvergewisserung der „positiven“ Traditionen Europas. Schließlich soll in wissenschaftsgeschichtlicher Hinsicht geklärt werden, warum es trotz gewichtiger Vorbilder (M. Weber, O. Hintze) für viele Jahrzehnte nicht zu einer Fortsetzung der innovativen Methodik eines interkulturellen Vergleichs Europas mit anderen Großregionen der Welt kam, und erst mittels der historischen Soziologie ein transnationaler „Umweg“ entstand, indem der Vergleich mit Hilfe der für die Entwicklungsländer herausgearbeiteten modernisierungstheoretischen Modelle ab den 1960er Jahren wieder als Methode in der Historiographie Europas etabliert wurde.
Gegenüber der vorhandenen Forschung versucht das Vorhaben in folgenden Bereichen innovativ zu sein: 1) Bislang ist die deutsche und französische Europahistoriographie (1920er-1970er Jahre) nicht untersucht worden; 2) exemplarisch wird die Konstruktion von „transnationaler“ Geschichte aufgezeigt und ermöglicht auf diese Weise eine kritische Begleitung der sich derzeit verstärkenden Geschichtsschreibung zu transnationalen Themen; 3) in methodischer Hinsicht erfolgt eine Verknüpfung der Methoden des Vergleichs mit denjenigen des Transfers unter Einbeziehung eines Verlaufsmodells.
In dem Projekt stehen die Forschungen französischer, deutscher und US-amerikanischer Wissenschaftler im Vordergrund. Die Einbeziehung der amerikanischen Forschungen ist allein schon deshalb notwendig, weil die deutschsprachigen Emigranten nach 1945 einen erheblichen Einfluss auf die Europahistoriographie in den USA gewannen, was wiederum auf die bundesdeutsche Geschichtsschreibung zurückwirkte. Die Berücksichtigung der französischen Europahistoriographie ist aufgrund ihres anders ausgerichteten Focus auf die europäische Geschichte wichtig, denn hier standen kultur-, sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Fragestellungen im Vordergrund, um die Besonderheiten der europäischen Staatenwelt erklären zu können.
Als erste Ergebnisse aus den Vorarbeiten lassen sich hinsichtlich der zeitgenössischen Motive und Konjunkturen der Europahistoriographie folgende Phasen unterscheiden: 1) allmähliche Anfänge in den 1920/30er Jahren, 2) ein nach 1945 einsetzender „Boom“ der Europabücher, 3) ab den 1960er Jahren ein Rückgang der Europahistoriographie durch Historiker bei gleichzeitiger Hinwendung zur europäischen Geschichte durch Sozialwissenschaftler. Die Geschichte Europas wurde seit den 1920er Jahren eng mit der Analyse der christlichen Grundwerte des Kontinents und der Bedeutung der Aufklärung für die parlamentarisch-rechtsstaatlichen Errungenschaften seit 1789 verknüpft – dies erklärt sich auch aus dem zeitgenössischen Kontext, denn eine derartige historische (Re-)Konstruktion Europas in der Mitte des 20. Jhs. entstand häufig als inhaltlicher (innereuropäischer) Gegenentwurf zu Faschismus und Stalinismus, um sich der positiven Seiten des europäischen Selbstverständnisses zu vergewissern. Ab 1945 verstärkte sich die Europahistoriographie parallel zur internationalen Europabewegung und den ersten Schritten der Entstehung der Europäischen Gemeinschaft. Zu einer Weiterführung der Europahistoriographie in die 1960er Jahre hinein kam es aber nur selten, was sogar für die USA gilt, wo sich die Lehrstühle für europäische Geschichte zunehmend nationalgeschichtlich mit Bezug auf ein einzelnes europäisches Land ausprägten. Zudem überlagerte ab 1945 die Ost-West-Konfrontation ein weiteres Mal einen über die eigene Zivilisation hinausgehenden Blick, denn nunmehr diente Europa als „Abendland“ der Abgrenzung gegenüber dem Ostblock. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass erst mit der Änderung der internationalen Beziehungen ab 1961 und der Übertragung der europäisch-amerikanischen Steuerungs- und Entwicklungsmodelle auf andere Zivilisationen in den gerade unabhängig gewordenen Kolonien die Wahrnehmung „europäischer Besonderheiten“ wieder verstärkt in den Blick von historisch arbeitenden Sozialwissenschaftlern geriet, die aufgrund ihrer Disziplingeschichte zudem leichter an die vergleichenden Fragestellungen Webers anknüpfen konnten als die durch den Historismus geprägten Historiker. Die historisch arbeitenden Soziologen und Politologen übertrugen dann die für die Entwicklungsländer herausgearbeiteten modernisierungstheoretischen Staatsentwicklungsmodelle auf die Geschichte Europas und führten den Vergleich wieder als Methode in die Historiographie Europas ein. Das stärkere Interesse für Europa als historischen Raum setzte bei den meisten Historikern erst mit den 1980/90er Jahren ein.
Europas "erste Neue Linke" und die verborgene Geschichte des Kalten Krieges
Sean A. Forner
Das Projekt widmet sich einem transnationalen Raum des intellektuellen Engagements, der sich um 1956 unter den heterodoxen Linken Europas eröffnete. Einerseits wurde dieser Raum durch eine Legitimationskrise des Kalten Krieges, die symbolisch im Ungarischen Aufstand und in der Suez-Krise gipfelte, herbeigeführt. Andererseits war er eine Antwort auf die Festigung des Wohlfahrtsstaats in Westeuropa und des Staatssozialismus im Osten als unterschiedlicher Varianten des "high modernism" mit seinen autoritären Zügen. In diesem Raum trat Europas "erste Neue Linke" auf den Plan, um den Sozialismus neu zu denken und wiederzubeleben, in humanistischer und partizipatorisch-demokratischer Absicht. Ihren diversen Exponenten war die Absage an die bipolare Welt, die Abwendung von objektiven Gesetzen und geschichtlicher Notwendigkeit sowie die Hinwendung zu Subjektivität, Bewusstsein und Praxis gemein. Wie wurden ähnliche Ideen zur selben Zeit, aber an so unterschiedlichen Orten wie Bundesrepublik und DDR, Großbritannien und Italien, Ungarn und Jugoslawien plausibel? Inwieweit wurden sie durch translokale und transnationale Kontakte erzeugt? Ziel des Projekts ist es, diese Wandlungen der linken Vorstellungswelt zu erklären. Anvisiert wird eine Ideen- und Intellektuellengeschichte, die die doppelte methodische Falle eines freischwebenden Idealismus sowie eines soziologischen Reduktionismus vermeidet.