Forschung
Vom Wert der Werte - eine Beziehungsgeschichte
Hans-Christoph Liess
Die These des Projektes lautet, dass die sorgsam gehütete semantische Grenze zwischen kultur- und sozialwissenschaftlichen Wertkonzeptionen einerseits und wirtschaftswissenschaftlichen andererseits eine Fiktion ist, von deren Auflösung die Theoriebildung beider Seiten profitieren würde. Historische Debatten aus verschiedenen Disziplinen werden an einem Punkt zusammengeführt, an dem sie zusammengehören: dem Begriff des Wertes. Da ist zum einen der ökonomische Wertbegriff, welcher seit den Tagen Adam Smiths konsequent von ethischen Wertvorstellungen geschieden wird. Da sind zum anderen die Kultur- und Sozialwissenschaften mit ihrer langen Geschichte des Ringens um die Möglichkeit der Gewinnung normativer Orientierung. Diese in epistemologischer Hinsicht schillernde Begriffstopographie wurde bei weitem noch nicht befriedigend auf ihre erkenntnistheoretische Tiefenstruktur hin analysiert. Max Weber, Werner Sombart, Joseph Schumpeter sowie die ordoliberalen Theoretiker um Alexander von Rüstow und Walter Eucken waren etwa Protagonisten sowohl der innerökonomischen Theoriedebatten als auch der Modernebewältigung für die Geistes- und Sozialwissenschaften insgesamt. Ethische und ökonomische Wertkonzeptionen werden demnach hier in einer unlösbaren Bezogenheit aufeinander gesehen, die verschiedenste Modi kennt - sie laufen parallel, konfligieren, überlagern sich oder interagieren. Der integrierenden Perspektive gelingt es, die beiden Wertbegriffe in ihrer langen wechselseitigen Beziehungsgeschichte wahrzunehmen. Dabei spannt sich der zeitliche Untersuchungsrahmen von der ersten deutschen Smith-Rezeption um 1800 bis ans Ende des 20. Jahrhunderts.
Milieu. Umgebungen des Lebens
Christina Wessely
Fragen, die das Verhältnis vom Lokalen zum Globalen zum Inhalt haben, die sich mit den Beziehungen des Subjekts zu seiner Umwelt beschäftigen und daher an einer Vertiefung von Umgebungswissen interessiert sind, ziehen sich quer durch die Disziplinen und können als zentrale Themen moderner Wissenschaft gelten. So unterschiedlich und vielschichtig sowohl diese Fragen als auch die Antworten darauf ausfallen, verweisen sie – wenn auch nicht immer explizit – strukturell doch vielfach auf einen Begriff, den der französische Wissenschaftsphilosoph Georges Canguilhem als Schlüsselkategorie modernen Denkens bezeichnet hat und der historisch an prominenter Stelle zwischen diesen Themen und Problemstellungen vermittelt hat: Milieu.
Das Forschungsvorhaben untersucht die wechselvolle Karriere des Milieubegriffs und sein beziehungsstiftendes Potential auf dem Weg durch unterschiedlichste Disziplinen und Wissensfelder. Anhand der dabei beobachtbaren Bedeutungserweiterungen und -verschiebungen – etwa zu Umwelt, Ökosystem, Gesellschaftsschicht oder Lebensraum – sollen insbesondere disziplinäre Differenzen zwischen unterschiedlichen Formen des Umgebungswissens erforscht werden.
Zu diesem Zweck wird zunächst ein Forschungsfeld näher in den Blick genommen, auf dem seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit besonderer Intensität an Fragen das Verhältnis von Organismus und Umwelt betreffend gearbeitet wurde. Dabei wird insbesondere das Aquarium als materielle Inspiration ökologischer Theoriebildung in den Blick genommen, das als Glas gewordenes Phantasma eines Medienwechsels ohne Medienwechsel verstanden werden kann. Wenn, so ein zeitgenössischer Topos, „das Tier im Aquarium ganz genau das [ist], was es im Freien ist“, dann steht das Element Wasser für die Fixierung dessen, was es umfängt. Das „Ausschneiden“ eines winzigen Teils des Ozeans hinterließe demnach scheinbar so gut wie keine Spuren, denn eingefangen, an die Oberfläche gebracht und in die Aquarien der Forschungsstätten oder bürgerlichen Salons versetzt würden nicht nur lebende Individuen, sondern mit ihnen, so hieß es, ein ganzes Milieu. Tatsächlich erwiesen sich jedoch die meeresbiologischen Praktiken des Sammelns, Stabilisierens und Ausstellens ganzer Milieus als komplexe Unternehmungen, die Biologen wie Paul Kammerer, Jakob von Uexküll und – später – Konrad Lorenz dazu veranlassten, über die Grenzen von „Umgebung“ und die Qualitäten von Nachbarschaften nachzudenken und aus ihren Studien an marinen Organismen theoretische Ansätze über „natürliche Milieus“, Umwelten und Ökosysteme abzuleiten.
Anschauen, Anfassen, Auffassen: Mathematische Modelle im Kontext wissenschaftlicher Praxis 1870-1920
Anja Sattelmacher
In meiner Dissertation untersuche ich die von dem Mathematikprofessor Felix Klein und seinen Kollegen vorangetriebene Annäherung zwischen Anschaulichkeit und praktischer Anwendung in der Mathematik zwischen 1870 und 1920. Gegenstand meiner Untersuchung sind dabei mathematische Modellsammlungen an deutschen Universitäten, die seit etwa 1870 vermehrt entstanden und die insbesondere für die Ausbildung von Mathematiklehrern und Ingenieuren zum Einsatz kommen sollten. Die sogenannte Anschauungspädagogik Friedrich Fröbels und Heinrich Pestalozzis war für viele Mathematiker, die eine Reformierung des als zu statisch empfundenen Mathematikunterrichts anstrebten Ausgangspunkt und Ideenquelle für die Herstellung und Verwendung mathematischer Modelle.
Die Arbeit geht der Frage nach, wie sich in einer Zeit, in der die Veranschaulichung mathematischer Tatsachen aufgrund der Entwicklung der nicht-euklidischen Mathematik immer weiter zurückgedrängt wurde, sich dennoch eine große Anzahl von Mathematikern, Lehrern und Lehrmittelverlagen einer Bewegung zuwandte, die auf die Schulung des räumlichen Sehens und der sinnlichen Wahrnehmung im Dienste einer „Erziehung zur Gewohnheit des Funktionalen Denkens“ (Klein 1907), sowie der „stufenweisen Entwickelung des exakten Denkvermögens“ (Goldziher 1908) von Schülern und Studierenden zuwandte.
Das Projekt widmet sich den Interferenzen zwischen der Geschichte des mathematischen Anschauungsunterrichts und medienhistorischen Fragen, sowie Bezügen zu kunstpädagogischen Entwicklungen, wie etwa der in den 1920er Jahren entstehende Arbeitsschulpädagogik (Kerschensteiner), oder der experimentellen Pädagogik (Meumann). Diese weitgreifenden Zusammenhänge werden vor allem unter ästhetischen Gesichtspunkten von Darstellungs- und Präsentationsweisen von Modellen in der Vitrine, auf dem Ausstellungstisch oder im Hörsaal untersucht.
Bildinformation: Hermann Wiener: Flächen 2. Ordnung, Reihe IV, V, VI (Verzeichnis Mathematischer Modelle, Sammlungen H. Wiener & P. Treutlein, Leipzig/Berlin: Teubner 1912, Tafel III)
Röntgenausstellungen und die Entwicklung der medizinischen Radiologie 1900-1940
Christian Vogel
Das Projekt fragt nach Rolle und Funktion von Röntgenfachausstellungen für die Entwicklung der medizinischen Radiologie zwischen 1900 und 1940. Die auf internationalen und nationalen Radiologiekongressen an zentraler Stelle in das Kongressprogramm eingebundenen Ausstellungen wurden von der apparatebauenden Industrie bestückt und ausgestaltet und sollten den anwesenden Radiologen den 'Fortschritt und Stand' der Röntgentechnik vor Augen führen. Die Ausstellungen waren aber weit mehr als bloß anschauliche Repräsentationen, die den Stand der Technik widerspiegeln, sondern wichtige Akteure in der Entwicklung der medizinischen Radiologie von einem anfangs durchaus nicht unumstrittenen bildgebenden Diagnoseverfahren zu einem anerkannten medizinischen Spezialfach.Über Ausstellungen wurde ein Erkenntniszusammenhang geschaffen, der eine Verständigungsgrundlage zwischen den Röntgenärzten und der Industrie schuf und dadurch beide Seiten in eine notwendige Verbindung und Austauschbeziehung brachte. Ausstellungen eröffneten einen Raum, in dem sich soziale Belange, kulturelle Voraussetzungen und technische Notwendigkeiten zu einer untrennbaren Einheit verflochten. Schließlich bildeten Ausstellung und Röntgeninstitut eine übergreifende und sich gegenseitig bedingende Produktionseinheit, in der es zur parallelen Herausbildung der medizinisch-radiologischen Praxis kam.
Bildinformation: Ausstellungsstand von Siemens-Reiniger-Veifa auf dem Internationalen Röntgenkongress Paris 1931, Siemens MedArchiv
Das private Seminar. Studentische Vereine als Ort der Wissenschaft
Arne Schirrmacher
Das Forschungsprojekt konzentriert sich auf mathematische und naturwissenschaftliche Studentenvereinen und -verbindungen und möchte auf der Grundlage eines breiten Quellenmaterials erstmals systematisch herausarbeiten, welche Rolle die in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufkommenden wissenschaftlichen Studentengruppierungen bis zu ihrer allgemeinen Auflösung in den Jahren nach 1933 für die Wissensproduktion und Wissenschaftskultur in Deutschland gespielt haben. Während Studenten und die Sozialisation in studentischen Institutionen seit langem Thema der Sozial-, Politik-, Geschlechter- und Kulturgeschichte sind, hat die Wissenschaftsgeschichte die Frage nach der wissenschaftlichen Sozialisation und dem Erlernen epistemischer Handlungsformen, die die Praktiken und Forschungskulturen der Wissenschaften prägen, vernachlässigt.
Neben den zentralen Vereinen und Verbindungen, die seit 1868 im Arnstädter Verband mathematischer und naturwissenschaftlicher Vereine und seit 1910 im Deutschen Wissenschafter-Verband organisiert waren, werden auch fachwissenschaftliche Studentenschaften und Arbeitsgemeinschaften, die sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik etablierten, vor dem Hintergrund des allgemeinen Verbindungswesens betrachtet und die Gruppenerfahrungen und -aktivitäten anhand individueller Lebensläufe konkretisiert.
Bildinformation: Detail einer Postkarte der Akademisch-Neuphilologischen Verbindung Leipzig, um 1910.
Geschichte der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften Halle (1878-1954)
Jens Thiel / Simon Renkert
Im Rahmen des Forschungsprojekts zur Geschichte der Leopoldina in Halle, der heutigen Deutschen Nationalakademie, wird die Geschichte dieser Wissenschaftsakademie im späten 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts untersucht. Konzipiert als „Biographie“ einer wissenschaftlichen Institution, werden sowohl die gesellschaftlichen, sozialen, politischen, wissenschaftspolitischen und wissenschaftsgeschichtlichen Kontexte als auch die spezifischen Merkmale der Entwicklung dieser Akademie berücksichtigt. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei der Sonderrolle der Leopoldina im Gefüge der deutschen Wissenschaftsakademien gewidmet; entscheidende Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten werden herausgearbeitet. Am Beispiel der Leopoldina soll die für die Akademiegeschichtsschreibung aufgestellte These vom generellen Bedeutungsverlust der deutschen Akademien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts überprüft werden. Ausgehend von den tiefgreifenden Veränderungen der Wissenschaftslandschaft um und nach 1900 werden die Wechselbeziehungen von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit sowie das Wirken der Akademie im internationalen, nationalen, regionalen und urbanen Kontext untersucht. Schwerpunkte der Untersuchung werden die Entwicklung der Leopoldina in der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus, in der SBZ und frühen DDR sowie der Rolle des umstrittenen Leopoldina-Präsidenten Emil Abderhalden sein.
Richten, Heilen, Strafen: Forensisch-psychiatrische Kultur und Politik in Berlin, 1887-1917
Eric Engstrom
Das Projekt untersucht das vielfältige Gefüge forensisch-psychiatrischer Instanzen in der preußischen Hauptstadt vor dem Ersten Weltkrieg. Im Mittelpunkt der Analyse stehen drei Kulturräume, in denen mit psychisch-auffällig gewordenen Menschen umgegangen wurde: der Gerichtssaal, das Krankenhaus und das Gefängnis. Das Projekt nimmt die überlappenden Zuständigkeiten, Kompetenzen und handlungssteuernde Prioritäten in und an den Schwellen dieser forensischen Kulturräume in den Blick. Dabei werden juristische Bestimmungen, administrative Praktiken, Fach- und Laiendiskurse, sowie forensisch-psychiatrische Subjekte untersucht. Insbesondere werden die politischen Auseinandersetzungen an den Nahtstellen dieses städtischen Ensembles forensisch-psychiatrischer Instanzen untersucht. Die forensische Politik wird als eine konflikt- und akteurszentrierte Dynamik verstanden, bei der es um die Mobilisierung rhetorischer Mittel, die rituelle Inszenierung symbolischer Handlungen, das Evozieren von Emotionen und Empathien, sowie um die Organisation kollektiver Loyalitäten geht. Diese Strategien forensischer Politik gilt es im Bezug auf die immer wieder vom neuen sich aufdrängenden Probleme im Umgang mit psychisch erkrankten Straftätern in Berlin zu untersuchen. Der Einfluss der Berliner Öffentlichkeit und die Rolle von Fürsorgeeinrichtungen für entlassene Patienten und Gefangene werden analysiert. Das Projekt zielt auf eine feinere Kartierung der Grenzen zwischen den forensischen Kulturräumen und untersucht sie unter Berücksichtigung des urbanen Umfeldes.