Humboldt-Universität zu Berlin   ·   Homepage des IfG

- Historikergalerie des Instituts für Geschichtswissenschaften -

Willy Andreas – Historiker vom Kaiserreich bis in die Bundesrepublik

Die Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität bildete in der langen akademischen Laufbahn von Willy Andreas nur einen kurzen Zwischenstop. Andreas lehrte hier 1922/23, bevor er nach Heidelberg wechselte.

Berlin und Heidelberg waren auch die Studienorte des aus Karlsruhe stammenden, 1884 geborenen, Bürgersohns. Sein wichtigster akademischer Lehrer, der später auch sein Schwiegervater wurde, war der Neorankeaner Erich Marcks. (Vgl. die biographische Notiz zu Marcks von Alexander Schmidt-Gernig in der Historikergalerie des IFG http://www.geschichte.hu-berlin.de/ifg/galerie/texte/marcks.htm) Die Prägung durch seinen Doktorvater, der - preußisch-deutsch gesinnt -, vor allem als Bismarckbiograph in Erscheinung getreten ist, sollte den Werdegang von Willy Andreas lange Zeit entscheidend bestimmen. 1907 promovierte er in Heidelberg 23-jährig zu dem Thema: "Die venizianischen Relazionen und ihr Verhältnis zur Kultur der Renaissance". Mit seiner 1912 in Marburg angenommenen Habilitationsschrift, die sich mit der "Geschichte der Verwaltungsorganisation und Verfassung Badens 1802-1818" beschäftigte, wandte er sich dann einem seiner späteren Forschungsschwerpunkte – der Geschichte des Oberrheingebietes – zu. Im Jahr des Kriegsausbruches wurde Andreas, der am I. Weltkrieg aktiv teilnahm, außerordentlicher Professor an der Technischen Hochschule in Karlsruhe. Zwei Jahre später übernahm er in Rostock die Nachfolge von Arnold Oskar Meyer, der ebenso wie er ein Schüler von Erich Marcks gewesen war. Hier blieb er jedoch auch nur kurze Zeit, bis er 1922 nach Berlin an die Friedrich-Wilhelms-Universität kam, um die Nachfolge Otto Hintzes anzutreten. Im gleichen Jahr erhielt auch sein Lehrer Erich Marcks hier ein Ordinariat für neuere Geschichte und vertrat gemeinsam mit Friedrich Meinecke diesen Zeitabschnitt an der Berliner Universität. Dem kurzen Berliner Intermezzo Andreas' folgte bereits ein Jahr später die Berufung nach Heidelberg – als Nachfolger von Hermann Oncken. Hier blieb Andreas, bis er 1945 zu den 24 deutschen Historikern gehörte, die aus ihrem Amt entfernt wurden.

Willy Andreas steht mit seinem Verhalten zwischen 1918 und 1945 paradigmatisch für einen nicht unbeträchtlichen Teil der deutschen Historiker dieser Zeit und auch seine spätere Rehabilitierung im Westen Deutschlands ist nicht als Einzelfall zu betrachten. Zwiespältig war die politische Ausrichtung des Historikers in der Weimarer Republik. Anfangs als liberal und demokratisch geltend – er war Mitunterzeichner des Wahlaufrufes der DDP von 1924 –, engagierte er sich mehrfach auf 'nationalen Kundgebungen' für den Anschluß Österreichs. Wie weit auch hier noch Prägungen von Marcks - der während des Weltkrieges alldeutsch-annexionistische Positionen vertreten hat – wirkten, läßt sich nur schwer sagen. Tatsache ist jedoch, daß sich der Doktor- und Schwiegervater von Willy Andreas frühzeitig verhältnismäßig eng mit dem Nationalsozialismus eingelassen hat. Offensichtlich ist auch Andreas in seinen politischen Einstellungen im Verlaufe der Weimarer Republik weiter nach rechts gerückt, ohne jedoch zu den offenen Feinden der Republik zu gehören.

Willy Andreas gehörte nicht zu Gegnern der Nationalsozialisten, die zum Zeitpunkt seines Rektorates in Heidelberg die erste deutsche Republik zerstörten. In einer Rede, die er im Juni 1933 in seiner Eigenschaft als Rektor der Universität hielt, begrüßte er 'die Regierung der nationalen Erhebung' und sprach sich für die Errichtung einer ständischen Gesellschaft in Deutschland sowie die Revision der Nachkriegsgeschichte aus. Einzig der Versuch, die universitäre Autonomie wenigsten in Teilen zu retten klang kurzzeitig auf, bevor er mit einem von nationalem Pathos und Volksgemeinschaftsfloskeln strotzenden Schluß endete. In der Praxis versuchte er jedoch in dem ihm bis zur Einsetzung eines Universitätsführers im Oktober 1933 verbleibenden Zeitraumes, die Folgen des 'Berufsbeamtengesetzes' und vor allem des sogenannten 'Beurlaubungserlasses', der auf die Entfernung aller 'Nichtarier' aus der Wissenschaft zielte, für seine Universität zu mildern. Entgegen ausdrücklicher Weisung der Kultusbehörde nahm er sogar die Privatdozenten und außerplanmäßigen Professoren, die keinen Beamtenstatus und damit kein eigentliches Dienstverhältnis hatten, von den diskriminierenden Regelungen aus.

Nachdem sein Amt von einem Nationalsozialisten übernommen worden war, mußte er sich wahrscheinlich als Folge seiner Verschleppungstaktik überdurchschnittliche Gehaltskürzungen gefallen lassen. Dennoch blieb er bis 1945 an der Universität und machte wie viele Historiker seinen Frieden mit dem neuen System. In dieser Zeit erschienen von ihm eine Reihe größerer Arbeiten, die wenn auch nicht vordergründig, sehr gut in das Geschichtskonzept der Nationalsozialisten paßten. Vor allem seine Studie über Napoleon, den er als ersten 'modernen Diktator' darstellte, aber auch weitere biographische Arbeiten sind hier zu nennen. So arbeitete er als Mitherausgeber an dem Werk "Die großen Deutschen" (1935 f.), in dem er die Biographie von Horst Wessel schrieb, den er als einen großen Führer der Deutschen pries.

Nicht zuletzt weil er dies verschwiegen hatte, entließ ihn die amerikanische Militärverwaltung bereits 1945. Die Fakultät in Heidelberg hielt jedoch an ihm fest und ließ die Stelle bis 1948 - trotz Interesse Franz Schnabels – vakant. In diesem Jahr wurde die Amtsenthebung rückgängig gemacht und Andreas im darauffolgenden Jahr im Alter von 65 Jahren emeritiert. Dies bedeutete allerdings noch nicht das Ende seiner Tätigkeit. Er lehrte anschließend noch bis ein hohes Alter an den Universitäten in Tübingen und Freiburg weiter.

Die wissenschaftliche Laufbahn des Historikers Willy Andreas, der 1967 im Alter von 83 Jahren starb, begann im Kaiserreich und endete im Westen des geteilten Deutschlands. Trotz der kurzen Unterbrechung zwischen 1945 und 1948 gelang es Andreas – wie der Mehrzahl seiner Zeitgenossen – alle politischen Zäsuren in Forschung und Lehre zu überdauern. Die Grundüberzeugung von Geschichte als Geschichte von großen Männern und Mächten behielt er allen Umbrüchen zum Trotz bei.

René Schiller
rene.schiller@gmx.net

Literatur zu Willy Andreas


Autor der biographischen Notiz: René Schiller ·  Datum der letzten Überarbeitung 18.11.98