Der am 11. November 1848 in Bergen
auf Rügen geborene und am 14. Juli 1929 in Berlin verstorbene Hans
Delbrück zählt zu den Wegbereitern einer universitären Anbindung
der Militärgeschichte. Im 19. Jahrhundert wurde Wehr- und Kriegsgeschichte
isoliert als Fachwissenschaft aufgefaßt, die von Militärs für
Militärs betrieben wurde. Unter dem Vorzeichen strategischer Analysen
wurden im Großen Generalstab aus den Schlachten der Vergangenheit im
Rahmen einer applikatorischen Methode Lehrsätze für den Krieg der
Zukunft gefaßt.
Delbrück plädierte jedoch dafür, Militärgeschichte in Verbindung mit Politikgeschichte, mit Verfassungs- und Sozialgeschichte zu sehen. Dagegen kam Widerspruch von zwei Seiten auf. Die Militärs sahen in ihm einen dilettierenden Außenseiter (nach einem kurzen Intermezzo als Leutnant im Krieg 1870/71 verzichtete er bewußt auch auf eine Reserveoffizierslaufbahn), vielen Historikern gingen Delbrücks Überlegungen zu weit, wurde die Berücksichtigung militärischer Abläufe als Teil allgemeingeschichtlicher Prozesse als abwegig aufgefaßt. Seine 1881 eingereichte Habilitationsschrift mit einer zweibändigen Arbeit über Gneisenau wurde nur unter großen Schwierigkeiten von der Philosophischen Fakultät der Berliner Universität angenommen, da man sich für ein solches, vermeintlich unakademisches Thema nicht zuständig glaubte.
Delbrücks Berufung zog sich denn auch bis 1895 hin, als er mit einigem Glück in Berlin auf das Ordinariat von Treitschke "Allgemeine und Weltgeschichte" berufen wurde - und es bis zu seiner Emeritierung 1921 innehatte.
Mit dem Makel des nie ganz Anerkannten behaftet, fand Delbrück dann auch keine Aufnahme in die Preußische Akademie der Wissenschaften.
In seiner langen Privatdozentenzeit hatte sich Delbrück politisch betätigt und trat als reger Publizist auf. Er war von 1882-85 freikonservatives Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses sowie von 1884-1890 MdR, vertrat liberal-fortschrittliche Auffassungen und stand den sogenannten Kathedersozialisten nahe. Seit 1883 fungierte er als Mitherausgeber, ab 1889 als Alleinherausgeber der 'Preußischen Jahrbücher'.
Bedeutendste Werke: Historische und politische Aufsätze (1886/87); Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte (7 Bde., 1900-1936); Weltgeschichte (5 Bde., 1923-1928).