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- Historikergalerie des Instituts für Geschichtswissenschaften -

Gustav Mayer (1871-1948)

Zu seinen Lebzeiten gehörte Gustav Mayer nicht zu den Wissenschaftlern, mit denen sich die Berliner Universität zu schmücken beliebte. Die Philosophische Fakultät hatte dem sechsundvierzigjährigen, längst anerkannten Gelehrten auf Betreiben einer alldeutschen Professorengruppe Anfang 1918 die Habilitation für Geschichte verweigert. Gegen den Willen einer Mehrheit in der Fakultät erhielt er ein Jahr später nur mit nachdrücklicher Unterstützung des preußischen Kultusministeriums einen Lehrauftrag , der 1922 schließlich in eine planmäßige außerordentliche Professur für Geschichte der Demokratie, des Sozialismus und der politischen Parteien umgewandelt wurde, nicht ohne daß sich Abgeordnete der DNVP im Preußischen Landtag über die Einrichtung einer solchen "parteiamtlichen" Professur empörten. Mayers Lehrveranstaltungen fielen aus dem Rahmen des damals üblichen universitären Themenkanons; bei den Studierenden stießen sie in den letzten Jahren der Weimarer Republik auf immer geringere Resonanz. Er selbst wurde nie heimisch an seiner Fakultät, privaten Verkehr pflegte er nur mit einer Minderheit unter den Kollegen, die sich zur demokratischen Verfassung bekannten. 1933 verlor er als "Nichtarier" sein Hochschulamt. 1937, im Alter von 66 Jahren, sah er sich zur Emigration nach England gezwungen, wo er 1948 verstarb.

Mayers Lebensweg war alles andere als typisch für den Werdegang eines deutschen Professors in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts: seine jüdische Herkunft, seine politischen Überzeugungen, die ihn dem sozialreformerischen Flügel der SPD annäherten, sein weiter europäischer Horizont, eine berufliche "Vorbelastung" als Journalist, schließlich seine Forschungsinteressen brachten ihn auch in den Jahren der Republik in eine schmerzlich empfundene Stellung am Rande der akademischen Zunft.

Er war im Jahr der Reichsgründung im uckermärkischen Prenzlau als ältestes von neun Kindern einer alteingesessenen jüdischen Kaufmannsfamilie geboren worden. Das Elternhaus vermittelte ihm eine traditionelle religiöse Erziehung, zugleich jedoch auch eine liberale Gesinnung und die Begeisterung für die Literatur der deutschen Klassik. 1890 ging er zum Studium, als dessen Schwerpunkt er die Nationalökonomie wählte, nach Berlin und dann nach Freiburg. In dieser Zeit erlebte er eine tiefe Krise, in der er sich aus den strengen religiösen Bindungen seiner Familie löste.. An eine Universitätslaufbahn wagte er als Jude mit linken Sympathien nicht zu denken. Zehn Jahre arbeitete er als Korrespondent der liberalen Frankfurter Zeitung in Amsterdam, Paris und Brüssel. Hier gewann er eine unmittelbare Anschauung der politischen Praxis des Parlamentarismus und knüpfte enge persönliche Beziehungen zu führenden westeuropäischen Sozialisten. Den ungeliebten Journalistenberuf tauschte er 1906 gegen die Existenz als Privatgelehrter und freier Publizist ein und machte sich bald einen Namen als Pionier der Geschichte der Arbeiterbewegung, zu der er bereits 1893 mit seiner Dissertation über "Lasalle als Sozialökonom" gefunden hatte. Den Ersten Weltkrieg rechtfertigte er zunächst, ähnlich wie die Mehrheit der Sozialdemokraten, in der Hoffnung auf eine grundlegende Demokratisierung des monarchischen Obrigkeitsstaates und die Überwindung des Außenseiterstatus von Juden und Arbeitern. Seine Erfahrungen im Dienst des Auswärtigen Amtes in Belgien und Schweden ließen ihn an der Zukunft des Kaiserreichs endgültig zweifeln; seine öffentliche Kritik an annexionistischen Kriegszielen zog ihm die unversöhnliche Feindschaft der Alldeutschen zu, die sich nicht zuletzt in der Verhinderung der Habilitation 1918 bemerkbar machte.

Mayers Arbeiten, in denen er sich um eine "Synthese von Ranke und Marx" bemühte, kreisten vor allem um die Trias von Radikalismus, bürgerlicher Demokratie und Sozialismus. Führende Köpfe der deutschen Arbeiterbewegung stellte er in quellengesättigten biographische Studien dar, unter denen seine Engelsbiographie herausragt - Hans-Ulrich Wehler hat sie zum "kleinen Kernbestand wirklich bedeutender Leistungen" auf dem Gebiet der politischen Biographien in diesem Jahrhundert gerechnet. Die Emigration riß ihn aus einem großen Werk über Lasalle, dessen verschollen geglaubten Nachlaß er aufgespürt und in einer umfangreichen Edition erschlossen hatte. Die Vormärzforschung bereicherte er um unkonventionelle Studien zum linkshegelianischen Radikalismus und setzte sich eingehend mit der "Trennung der proletarischen von der bürgerlichen Demokratie" Ende der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts auseinander. Noch in den mühseligen Jahren des Exils vertiefte er sich in die Frühgeschichte der englischen Arbeiterbewegung und widmete ihr ein allerdings unveröffentlicht gebliebenes Quellenwerk.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wies Mayer jeden Gedanken an eine Rückkehr nach Deutschland weit von sich. Zu breit sei der Blutstrom, "den ich so wenig noch einmal überschreiten könnte wie die Bewohner des Hades den Styx". Sein Glaube an eine Humanität, "die von der Bibel über das Wiederaufleben der Antike zu Lessing, zu Goethe, zum Liberalismus und schließlich zur modernen Demokratie führte", war in den Wurzeln getroffen. In seinen "Erinnerungen", die ein Jahr nach seinem Tod erschienen und als bewegendes Zeugnis der gescheiterten deutsch-jüdischen Symbiose gelesen werden können, versuchte er sein Lebenswerk gegen diese tiefe Verstörung zu behaupten. Dennoch hätte er sich wohl kaum vorgestellt, daß es bald schon nach seinem Tod zum Bezugspunkt würde für Neuanfänge in der Geschichtswissenschaft beider deutscher Staaten.


Autor der biographischen Notiz: Martin Baumeister    -   Datum der letzten Überarbeitung: 30.01.97


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