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Erich Marcks (1861-1938)


Kaum ein Historiker geschweige denn eine breitere Öffentlichkeit kann heute noch mit dem Namen von Erich Marcks etwas anfangen – ein Umstand, der vor allem deshalb interessant ist, weil Marcks während der Weimarer Republik und zu Beginn des Dritten Reiches zu den angesehensten und bekanntesten Historikern Deutschlands gehört hat. An Marcks läßt sich geradezu exemplarisch zeigen, wie Historiker in besonderem Maße dem herrschenden „Zeitgeist" verhaftet waren und blieben, auch wenn gerade sie sich berufen fühlten, die historischen Ereignisse und Prozesse sozusagen „von höherer Warte" aus einordnen und damit erklären zu können, „wie es eigentlich gewesen" sei. Einen solchen Anspruch vertrat insbesondere der 1861 in Magdeburg als Sohn eines Architekten geborenen Erich Marcks, der sich als einer der führenden „Neurankeaner" neben Hermann Oncken und Max Lenz zeit seines Lebens bewußt und in „universalhistorischer Absicht" geradezu programmatisch zum Altmeister bekannte. Charakteristisch ist allerdings, daß Rankes Programm einer prinzipiell universalhistorischen und „objektivierten" Geschichte der großen Mächte und politischen Ideen unter dem Eindruck der Reichsgründung und der neuen Stellung Deutschlands in der Welt bei Marcks sehr schnell umschlug in einen „integralen" Nationalismus, der ihn schließlich auch zu einem der prominentesten Mitglieder des extrem chauvinistischen „Alldeutschen Verbandes" werden ließ. Eine solche Entwicklung war dabei keineswegs von vornherein vorgezeichnet gewesen, hatte Marcks doch zunächst 1879 in Straßburg, dann in Bonn und Berlin vor allem die Geschichte der Antike bei erklärten Liberalen wie Heinrich Nissen und Theodor Mommsen studiert und mit einer Dissertation zur römischen Geschichte 1884 promoviert. Die entscheidende Wendung vollzog sich dann aber offenkundig gerade in Berlin durch den direkten Kontakt mit Heinrich von Treitschke, bei dem sich Marcks 1887 mit einer Arbeit zu den französischen Religionskriegen habilitierte. Gerade an Marcks läßt sich insofern exemplarisch zeigen, wie ab Mitte der 80er Jahre der Einfluß liberaler Historiker wie Mommsen gerade an der Berliner Universität zunehmend zurückging und durch die neuen nationalistischen Orientierungen, die Treitschke als charismatische Leitfigur verkörperte, ersetzt wurde. Marcks paßte sich diesem Trend erfolgreich an und wurde nach einigen Jahren als Privatdozent in Berlin nicht zuletzt durch den Einfluß Treitschkes 1892 als ordentlicher Professor nach Freiburg berufen. Weitere Stationen seiner wissenschaftlichen Karriere waren dann 1894 Leipzig, 1901 Heidelberg, 1907 Hamburg (Wissenschaftliche Stiftung), 1913 München (nach einer Gastprofessur in den Vereinigten Staaten) und schließlich als krönender Abschluß 1922 Berlin, wo er bis zu seiner Emeritierung 1928 lehrte.

Auch wenn Marcks zunächst durchaus europäische Themen vor allem zur frühen Neuzeit bearbeitete und dabei insbesondere als Biograph hervortrat, indem er neben Arbeiten zu Calvin, Philipp II. oder Pitt dem Jüngeren z.B. auch eine Monographie mit dem Titel „Königin Elisabeth von England und ihre Zeit" (1897) verfaßte oder eine Vorlesung zur „Gegenreformation in Westeuropa" als ständiges Repertoire anbot, wurde die kleindeutsch-borussische und bald auch nationalistische Weichenstellung seiner Arbeiten bereits mit einer ersten Kurz-Biographie zu Wilhelm I. (1897 für die ADB) deutlich. Auch ein kurzer Aufenthalt als Austauschprofessor in den USA (1912), der ihm durchaus viele Vorzüge der jungen Demokratie auf der anderen Seite des Atlantiks bewußt machte, konnte daran langfristig kaum etwas ändern, im Gegenteil: Aufschlußreich heißt es in einer in Hamburg gehaltenen und 1913 unter dem Titel „Historische und akademische Eindrücke aus Nordamerika" in Leipzig veröffentlichten Rede resümierend über seine Tätigkeit in Amerika: „Ich habe, als Historiker, der von dem Deutschland des 19.Jahrhunderts zu berichten hatte, unsern Staat mit seiner Wurzelkraft und seiner Stärke, die Verwachsenheit unseres Staates und Volkes mit unserem Heere, die zentrale Stellung des Heeres in unserem ganzen äußerlichen und innerlichen Dasein, den naturgegebenen, ungeheuer weiten und tiefen Einfluß der europäischen Lage, unserer Lage in Europa, auf unsere Geschichte, unsere Politik, unsere Verfassung, unsere Gesellschaft, auf unser persönlichstes Dasein zu betonen, zu erläutern, zu begründen, zu veranschaulichen gesucht." (S.37f).

Diese trotz aller europäischen Orientierung zunehmend nationalistische Wendung fand ihren stärksten Ausdruck dann schließlich in dem Werk, das nach der Jahrhundertwende sein Leben beherrschen und auch seinen erstaunlichen Ruf als erstrangiger deutscher Historiker begründen sollte, nämlich in der biographischen Beschäftigung mit Bismarck. Kaum ein Historiker dürfte in den zwanziger und dreißiger Jahren das Bismarck-Bild in Deutschland zumindest innerhalb des liberalen und konservativen Bürgertums stärker geprägt haben als Erich Marcks, der Bismarck 1893 in Friedrichsruh noch persönlich kennengelernt und nach dessen Tod Zugang zum Familienarchiv erhalten hatte. Wie weit sich der „Neurankeaner" Marcks mit seinen zeitgeschichtlichen Arbeiten zu Bismarck dabei allerdings von Rankes Grundsätzen entfernte, wurde bereits in einem ersten Band „Bismarcks Jugend 1815-18148" deutlich, der 1909 erschien und bereits klar apologetische Züge enthielt. Der gleichsam „hagiographische" und heroisierende Grundansatz von Marcks’ Darstellung, die Bismarck nicht nur als Gründer des Deutschen Reiches, sondern gleichsam als Höhepunkt und „Vollendung" der deutschen Geschichte überhaupt feierte, fand seine Fortsetzung und fulminante Steigerung dann schließlich in der bezeichnenderweise erst 1915 erscheinenden Biographie „Otto von Bismarck – ein Lebensbild", deren enorme und kontinuierliche öffentliche Wirkung u.a. auch darin zum Ausdruck kommt, daß sie 1935 bereits in der 28.Auflage (!) erschien. Kaum einer anderen historischen Biographie (mit wissenschaftlichem Anspruch) dürfte zu dieser Zeit ein solcher Erfolg und also auch ein solcher Einfluß auf dem Buchmarkt beschieden gewesen sein; auch Marcks’ ebenfalls ganz auf Bismarck hin orientiertes Alterswerk „Der Aufstieg des Reiches" (1936) konnte an einen solchen Erfolg, der vor allem in seinen biographischen Arbeiten nicht zuletzt auch aus einem eleganten, essayistischen und stellenweise fast literarischen Stil resultierte, nicht mehr anknüpfen. Wie sehr dieser Erfolg aber auch in einer im nachhinein geradezu frappierenden „totalen" Inkarnation der prägendsten zeittypischen Denkmuster begründet lag, wird deutlich, wenn man sich seinen weiteren Entwicklungsweg vor Augen hält. Mochten seine vielfach aufgelegten und viel gelesenen Essay-Bände wie z.B. „Männer und Zeiten" (1911) noch ganz den ursprünglich Rankeschen Geist der Konzentration auf politische Ideen, große Mächte und führende Staatsmänner spiegeln, so geriet Marcks spätestens mit seinem starken Engagement für die „Ideen von 1914", die er neben vielen anderen deutschen Professoren glühend während des Weltkriegs propagierte, auf den Weg einer bedingungslosen Verteidigung und zugleich kritiklosen Stilisierung und Ästhetisierung rücksichtsloser Machtpolitik, die für Ranke in dieser Form noch völlig undenkbar gewesen wäre. Konsequent verfocht er denn auch in der Kriegszieldiskussion die Position der äußersten Rechten, die u.a. die Idee einer teilweisen Annexion und totalen Kontrolle Mitteleuropas unter deutscher Führung und damit die Sicherung der deutschen Hegemonie in Europa propagierte.

Daß ein solches Denken nach der katastrophalen Niederlage 1918 in eine zutiefst ablehnende Haltung der Weimarer Republik gegenüber münden mußte, versteht sich fast von selbst. Wie so viele Intellektuelle aus dem traditionellen bildungsbürgerlichen Milieu löste der Schock der Niederlage bei Marcks kein prinzipielles Umdenken aus, ganz im Gegenteil: In Schriften wie „Die Versklavung des deutschen Volkes" (1921) oder „Tiefpunkte des deutschen Schicksals in der Neuzeit" (1925) beschwor er in der Kontinuität des Leitbilds vom „deutschen Sonderweg" nach außen einen äußerst nationalistischen Revisionismus wie auch nach innen einen dezidierten Anti-Parlamentarismus – Positionen, die dann konsequenterweise nach 1933 in Marcks’ Identifikation mit dem Nationalsozialismus mündeten, wobei diese Identifikation ihren Ausdruck nicht zuletzt in seiner Ehrenmitgliedschaft in dem von Walter Frank 1935 gegründeten „Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands" fand.

Daß der Weg der immer wieder beschworenen radikalen Machtpolitik und Führerorientierung (die somit auch Hitler in eine Reihe mit Bismarck stellte) schließlich in das größte Desaster der deutschen Geschichte führte, hat der uneingeschränkte Apologet des autoritären Machtstaats durch seinen Tod 1938 nicht mehr erlebt. Aber ohne Zweifel gehört er mit seinen gerade in Berlin zwischen 1922 und 1928 gehaltenen Vorlesungen und Seminaren wie auch vor allem mit seinen überaus populären und viel gelesenen (weil stellenweise glänzend geschriebenen) historisch-politischen Arbeiten mit ihrer Fixiertheit auf Reichsmystik und Führerkult, mit ihrer emphatischen Legitimation einer machtvollen Außenpolitik und bedingungslosen Orientierung am starken und autoritären Staat zu den Wegbereitern der deutschen Katastrophe; dabei muß allerdings zugleich einschränkend gesagt werden, daß Marcks keineswegs das biologistische und rassistische Gedankengut des NS übernahm, sondern eher die für einen Historiker seltsam anachronistisch wirkende Wiederherstellung des alten Bismarck-Reiches intendierte.

Marcks, der gerade während seiner Berliner Zeit die höchsten Auszeichnungen und Ehrungen der Historikerzunft erhielt (so wurde er 1922 (gemeinsam mit dem engen Weggefährten Friedrich Meinecke!) zum Historiographen des Preußischen Staates ernannt, war daneben Mitglied in der preußischen Akademie der Wissenschaften und außerdem seit 1923 Präsident der Historischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften sowie bereits seit 1910 Mitherausgeber der „Historischen Zeitschrift"), kann insofern geradezu als Idealtyp des deutschen „Mandarins" gelten. Gerade seine Berühmtheit zu Lebzeiten wie die fast völlige Vergessenheit, der sein Werk heute anheimgefallen ist, machen den „Fall Marcks" zum Exempel für die Relativität vieler historischer Forschungen und ihre offenkundige Abhängigkeit vom „Zeitgeist" – eine Feststellung, die auch und gerade heute nach wie vor bedenkenswert ist und nachdenklich stimmt.


Autor der biographischen Notiz: Dr. Alexander Schmidt-Gernig    -   Datum der letzten Überarbeitung: 10.11.97


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