"Hiermit bitte ich darum, mir
in einer Dozentur für neuere europäische und, im besonderen, neuere
deutsche Geschichte an der Universität Berlin Gelegenheit zu geben,
an der Überwindung der nationalsozialistischen Residuen und an der
Entfaltung einer wahrhaft humanistischen Denkweise unter der deutschen
studierenden Jugend beizutragen."
Ähnlich ungewöhnlich wie dieses Schreiben aus dem Juli 1946 an die Deutsche Zentralverwaltung für Volksbildung war einiges im beruflichen Werdegang von Alfred Meusel. Angesichts seines Elternhauses und seiner Ausbildung war er lange Zeit jedenfalls nicht prädestiniert einmal als 'erster marxistisch-lenistischer Historiker' eine Universitäts-Professur in Deutschland zu erhalten und später als 'einer der wissenschaftspolitisch einflußreichsten Historiker der DDR' in den 1950er Jahren zu gelten.
Alfred Theodor Helmut Meusel wurde am 19. Mai 1896 in Kiel geboren. Sein Vater, Carl Richard Meusel, war Studienrat am städtischen Lyceum und fungierte als liberaler Wahlmann bei Landtagswahlen. Seine Mutter, Magdalene Auguste, geb. v. Pankow, entstammte einer alten preußischen Offiziersfamilie. Meusel selbst hat ihr später eine 'preussisch-konservative' Gesinnung attestiert. Sein Elternhaus stufte er insgesamt als bürgerlich-liberal mit 'reger politischer Atmosphäre' ein.
Meusel besuchte die örtliche Oberrealschule und meldete sich 1914 als achtzehnjähriger Oberprimaner bei Ausbruch des 1. Weltkrieges sofort als Freiwilliger.
In Gesprächen mit Kameraden an der Ostfront kam er erstmals mit sozialistischen Theorien in Kontakt. Meusel schrieb diesen Diskussionen in seinen später verfassten offiziellen Lebensläufen große Bedeutung zu. Doch selbst im 1989 erschienenen Band 'Wegbereiter der DDR-Geschichtswissenschaft' hieß es hierzu: "Er entdeckte das deutsche Proletariat. Doch es war dies eine rein gefühlsmäßige Hinwendung zur Arbeiterklasse. Sie bedurfte noch der späteren theoretischen Begründung und Vertiefung."
Meusel wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet und kam - nach der Absolvierung eines Offiziers-Lehrgangs - an die Westfront. Dort wurde er Anfang Dezember 1917 bei Aisne verschüttet und lag wochenlang schwerverletzt im Koma. An den Folgen des erlittenen Nervenschocks, v.a. einem Zittern der Hände, litt Meusel sein ganzes weiteres Leben.
Im Februar 1918 zunächst zum Bürodienst in Jüterbog bei Berlin eingeteilt, wurde er Mitte 1918 vom Heeresdienst beurlaubt und konnte sich bereits im Juni 1918 an der Universität Kiel immatrikulieren.
Im Rahmen seines Studiums belegte Meusel so unterschiedliche Fächer wie Literaturgeschichte, Rechtswissenschaft, Nationalökonomie, Soziologie und Geschichte. Er erlebte die Novemberrevolution 1918 unmittelbar an ihrem Ausgangsort als ein, wie er später schrieb, "sehr begeisterter und noch sehr unklarer Sozialist". Meusel schloß sich der USPD an und gründete zusammen mit Kommilitonen den (allerdings nur kurze Zeit existierenden) Studentenrat an der Universität, dessen Vorsitzender er war. In dieser Zeit hielt er bereits Vorträge und Kurse in der Arbeiterjugend über Politische Ökonomie und Sozialismus.
Meusels akademische Laufbahn verlief überaus geradlinig und wurde im Herbst 1920 lediglich durch eine schwere gesundheitliche Krise unterbrochen, die ihn zu einem sechswöchigen Erholungsaufenthalt und dem Wohnortwechsel nach Hamburg veranlasste: Nach einem Vortrag über "Franz Oppenheimers 'liberalen Sozialismus'" erhielt er im 3. Semester vom Direktors des Instituts für Weltwirtschaft, Bernhard Harms, das Angebot, bei ihm zu promovieren. Meusel schloß seine staatswissenschaftliche Dissertation zum Thema 'Untersuchungen über das Erkenntnisobjekt bei Marx' im Frühjahr 1922 mit 'Summa cum laude' ab.
Wenige Wochen später trat er eine Stelle als Assistent am Wirtschaftswissenschaftlichen Institut der TH Aachen an. Obwohl er bereits seit seinem 1. Semester in Aachen Ordinarienaufgaben wahrnehmen mußte, beendete er bereits ein Jahr später seine soziologische Habilitationsschrift 'Zur Soziologie der Abtrünnigen'.
1925 wurde er zum außerordentlichen und 1930 zum ordentlichen Professor für Volkswirtschaftslehre und Soziologie an der TH Aachen berufen.
Während der Jahre in Aachen näherte sich Meusel, der 1925 aus der SPD ausgetreten war, zunehmend den politischen Positionen der KPD an. Daneben gründete er im Herbst 1930 die 'Sozialwissenschaftliche Vereinigung', die sich als 'Plattform für freimütigen Gedankenaustausch zwischen Arbeitern und Intellektuellen' verstand und sich die theoretische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zum Ziel setzte. Meusel agierte hier ebenso wie bei der Ortsgruppe der 'Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland' als Vorsitzender.
Seine so zum Ausdruck gekommene politische Gesinnung diente den Nationalsozialisten als Anlaß Meusel von April bis Mai bzw. Juni bis September 1933 in 'Schutzhaft' zu nehmen und schließlich auf Grund § 2a des Gesetzes 'zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums' im September 1933 endgültig aus dem Staatsdienst zu entlassen. Fünf Jahre später wurden ihm offiziell die Staatsbürgerschaft und der Doktortitel in Deutschland aberkannt.
Zusammen mit seiner Frau Meta, die er 1923 geheiratet hatte, emigrierte Meusel 1934 über Dänemark nach Großbritannien. Hier arbeitete er für verschiedene wissenschaftliche Institutionen wie die London School of Economics oder das Institute of Sociology der University of London. 1934 verfaßte er für das New Yorker International Institute of Social Research den Bericht 'Familienprobleme in der deutschen Soziologie'. In den Jahren 1937/38 untersuchte er im Auftrag des Royal Institute of International Affairs die Lage der deutschen Emigranten und bereiste hierfür als Sachverständiger die Nachbarstaaten des Deutschen Reiches.
Für Meusels weiteren politischen Werdegang waren die Jahre in der Emigration besonders bedeutsam: Im Herbst 1937 wurde er in die - seit 1934 in London existierende - Gruppe emigrierter deutscher Kommunisten aufgenommen. Als Bürge fungierte hierbei Jürgen Kuczynski, der die Gruppe politisch leitete und Meusels Arbeit im Exil überaus positiv bewertete.
Meusel selbst engagierte sich in der Folgezeit als Mitbegründer und Leitungsmitglied des 'Freien Deutschen Kulturbundes in Großbritannien' mit seinen bis zu 1500 Mitgliedern. Nachdem er zu Kriegsbeginn kurzzeitig interniert worden war, leitete er ab 1942 zusammen mit Arthur Liebert die 'Freie Deutsche Hochschule'.
1946 kehrte Meusel mit seiner Frau nach Deutschland zurück und siedelte sich nun in Berlin an. Hier erhielt er - nach dem eingangs erwähnten Schreiben - eine Professur 'für politische und soziale Probleme der Gegenwart'. Unter Anleitung von Paul Wandel war Meusel an der Errichtung der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät in Leipzig beteiligt, und erhielt von dort auch einen Ruf. Er lehnte diesen Mitte 1947 zugunsten einer Ordentlichen Professur für Neuere Geschichte an der Berliner Universität ab, wo er fortan auch die Position des Direktors des Seminars für Neuere Geschichte innehatte. In zweifacher Hinsicht war er hier zunächst ein Außenseiter: zum einen durch seine Ausbildung, die ihn nicht direkt zum Historiker prädestinierte, zum anderen war der frühere Aachener Ordinarius einer der wenigen Professoren der Weimarer Jahre auf die die SED beim Neuaufbau der Wissenschaftslandschaft zurückgreifen konnte.
Meusel war 1951 Gründungsdirektor des Instituts für deutsche Geschichte an der Humboldt-Universität und wurde hier ein Jahr später zum Direktor des Instituts für Geschichte des deutschen Volkes (ähnliche Institute wurden parallel in Leipzig bzw. Halle errichtet) ernannt.
In seiner Lehrtätigkeit in Berlin widmete sich Meusel u.a. der Revolution 1848/49, der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, dem 1. Weltkrieg und der Weimarer Republik. Im Wintersemester 1948/49 hielt er eine Überblicksvorlesung von der Reformation bis zum 1. Weltkrieg. Schwerpunkte seiner Publikationstätigkeit waren das Verhältnis Wissenschaft-Gesellschaft, die 'Geschichte der bürgerlichen Revolutionen' und sein 1952 erschienenes Buch 'Thomas Münzer und seine Zeit'.
Westdeutschen Historikern wurde er in den kommenden Jahren zudem durch sein energisches, teilweise polemisches Verhalten auf den Historikertagen bekannt.
Hierfür mit ausschlaggebend war zweifellos die zentrale Stellung Meusels innerhalb der sich etablierenden Geschichtswissenschaft der DDR. Die Jahre 1952/53 veränderten und erweiterten seine Aufgabengebiete hier beträchtlich:
Mit Wirkung vom 1. Februar 1952 wurde er zum Direktor des (neugeschaffenen und bereits wenig später an der Straße Unter den Linden angesiedelten) Museums für Deutsche Geschichte ernannt. Im September folgte die Ernennung zum Vorsitzenden des Autorenkollektivs für das Lehrbuch der deutschen Geschichte.
Das unmittelbar vor Beginn der 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 eröffnete Museum für Deutsche Geschichte sollte - wie im 'Neuen Deutschland' formuliert wurde - als "Stätte patriotischer Volkserziehung" demonstrieren "welche Kraft unser Volk aus seiner Geschichte, seinen großen nationalen Traditionen, seinem Kulturerbe zu schöpfen vermag". Bereits einen Monat zuvor hatte eine Tagung von 250 Historikern stattgefunden auf der deutlich geworden war, daß das Museum die 'Funktion einer zentralen Leit- und Koordinierungsstelle für die Geschichtswissenschaft der DDR' erfüllen sollte. So standen hier keine museologischen oder museumspädagogischen Probleme auf der Tagesordnung, sondern die ideologische Ausrichtung der Historiker im Sinne des Marxismus-Leninismus.
Das Autorenkollektiv wiederum sah sich mit der Aufgabe konfrontiert "in möglichst kurzer Frist ein mehrbändiges Hochschullehrbuch auszuarbeiten, eine wissenschaftlich fundierte marxistisch-leninistische Darstellung der deutschen Geschichte von der Urgesellschaft bis zur Gegenwart."
Ab März 1953 war Meusel zudem (als erster 'marxistisch-leninistischer Historiker') ordentliches Mitglieder der Deutschen Akademie der Wissenschaften und amtierte dort bis 1956 auch als Vorsitzender der Sektion Geschichte. Im April 1953 war er maßgeblich an der Gründung der 'Zeitschrift für Geschichtswissenschaft' beteiligt.
Die Fülle zeitintensiver Tätigkeiten nahm Meusel so in Anspruch, daß er im Herbst 1953 um die Entbindung von seinen Verpflichtungen an der Humboldt-Universität bat, was auch geschah.
In der Folgezeit widmete sich Meusel intensiv seinen neuen Aufgabengebieten. Heute noch nachvollziehbar ist das unter anderem durch seine ausgedehnten Manuskript-Gutachten für das Autorenkollektiv des Lehrbuchs der deutschen Geschichte.
Seiner herausragenden Stellung entsprechend, eröffnete Meusel schließlich im März 1958 in Leipzig die Gründungsversammlung der Deutschen Historiker-Gesellschaft (dem 'Gegenpart' zum westdeutschen Historikerverband).
Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit war Meusel in der DDR auch auf politischem und gesellschaftlichem Gebiet tätig: So saß er für die Fraktion des Kulturbundes, dessen Vizepräsident er seit 1954 war, von 1949 bis 1960 in der Volkskammer, und war Mitglied im Zentralen Ausschuß für Jugendweihe.
Mit dem Nationalpreis (1953) und dem Vaterländischen Verdienstorden in Silber (1959) ausgezeichnet starb Meusel am 10. September 1960 in Berlin.