Vor
200 Jahren wurde Leopold von Ranke geboren.
Am 21. Dezember 1795 wurde in Wiehe/Unstrut in einer alten lutherischen Theologenfamilie Leopold (seit 1865 von) Ranke geboren, der nach Unterricht in Schulpforta, Studium in Leipzig und Halle und Gymnasiallehrerjahren in Frankfurt/O. 1825 als außerordentlicher (seit 1834 ordentlicher) Professor der Geschichte an die Berliner Universität berufen wurde, wo er bis 1871 lehrte und eine große Zahl namhafter Historiker heranbildete.
Dieser bedeutende, wirkungsmächtige und eben darum umstrittene Historiker wurde mit Etiketten wie "größte deutsche Historiker", "Vater der objektiven Geschichtsschreibung" und "Begründer der Geschichtswissenschaft" versehen, die von ihm maßgeblich entwickelte Quellenkritik beansprucht bis heute als "historische Methode" Gültigkeit, auch wenn seine Beschränkung auf amtliche Dokumente und damit auf die Perspektive der Regierenden seitdem zu kritischer Weiterung etwa auf sozial- und kulturgeschichtliche Quellen und Fragestellungen veranlaßte.
Zahlreiche gewichtige Publikationen im 100.Todesjahr 1986 belegen einen ungebrochenen Drang zur Auseinandersetzung mit dem von Ranke auf die politische Welt übertragenen Individualitätsgedanken der Romantik und einem darin angelegten Wertrelativismus. Als Maxime des von ihm repräsentierten Historismus formulierte Ranke apodiktisch: "Aus dem Besonderen kannst du wohl bedachtsam und kühn zu dem Allgemeinen aufsteigen; aus der allgemeinen Theorie giebt es keinen Weg zur Anschauung des Besonderen." Individualität als Erkenntnisziel der "göttlichen Ideen" in der Welt des "Real-Geistigen", und Objektivität als Aufgabe des Historikers, in diesem Sinne erzog Ranke seine Schüler mit Vorliebe anhand mittelalterlicher Quellen, während seine eigenen Schriften durchweg die Neuzeit umspannten. Provokativ schrieb er bereits in seinem Erstlingswerk 1824, er habe "nicht die Vergangenheit zu richten", sondern wolle "blos zeigen, wie es eigentlich gewesen", provokativ, weil er sich damit gegen aktualitätsgewandte Erkenntnisinteressen der Aufklärungshistorie wandte, zugleich aber nicht weniger anstrebte, als die Idee der Weltgeschichte aufzufinden.
Wir bewundern seine methodologischen, quellengenauen und darstellerischen Leistungen, haben aber neue Wege zu beschreiten, ohne auf die Auseinandersetzung mit Ranke zu verzichten. Ranke polarisiert nach wie vor, da etwa Thomas Nipperdey 1986 bemerkte, "Rankes Idee der Objektivität" sei auch heute "eine starke Theorie". Wie sehr Rankes literarische Qualität fortwirkt, hierin dem Berliner Althistoriker Theodor Mommsen vergleichbar, das belegen etwa die Neuauflagen seiner Deutschen Geschichte im Zeitalter der Reformation, seiner Geschichte der Römischen Päpste, seiner französischen und englischen Geschichte. Ranke zielte auf Weltgeschichte, aber die Grundstimmung war nationalgeschichtlich und konservativ, die gewaltigen Veränderungen seit der französischen Revolution werden kaum reflektiert und seine Bücher zur preußischen Geschichte enthielten, fern jeglicher propagandistischen Absicht, den Keim für ein borussisch-nationaldeutsches Geschichtsbild. Dieses Erbe nötigt zu kritischer Reflexion, aber es verweist zugleich auf eine von Ranke begründete Blütephase geschichtswissenschaftlicher Forschung an der Berliner Universität, an die vor allem Max Lenz und Friedrich Meinecke anknüpfen konnten.
Ranke selbst war sich der Dynamik seiner Zeit durchaus bewußt. 1875 schrieb er an seinen Bruder: "Alle Reiche und Staaten sind durch Lokomotive und Telegraphie in die engste und rascheste Verbindung gesetzt...Auf dem weiten Globus gibt es keine absolute Trennung mehr. Wer spricht noch von dem humanen Leben? Die Forderung eines solchen versteht sich gleichsam von selbst." Zeitwahrnehmung als rückwärts gewandte verklärende Utopie? Am 8.8.1885 suchte der Berliner Oberbürgermeister Max von Forckenbeck Ranke in seiner Wohnung in der Luisenstraße auf, um ihm den Ehrenbürgerbrief zu überreichen. Man sprach über allgemeinpolitische und städtische Angelegenheiten, doch kaum hatte sich die Delegation verabschiedet, vermerkte Ranke: "und nun zurück zu dem Kaisertum Ottos III., mit dessen Ende ich eben beschäftigt war, als der Herr Oberbürgermeister kam." In seinen letzten Lebensjahren erfuhr Ranke zahlreiche Ehrungen, vielfache Ehrenpromotionen bestätigten seinen internationalen Rang und er wurde u.a. zum Kanzler des Orden "pour le mérite" berufen. Seit 1871 widmete er sich der Herausgabe seiner Sämtlichen Werke (54 Bände).
Am 23.Mai 1886 verstarb er in Berlin, das noch heute erhaltene Grabmal auf dem Sophienfriedhof wurde mit einem Bildnismedaillon geschmückt. Der persönliche Nachlaß verblieb in Deutschland, die Bibliothek wurde geschlossen nach Syracuse im Staat New York überführt. Die Humboldt-Universität gedenkt zum 200. Geburtstag Rankes eines maßgeblichen, umstrittenen, aber eben in diesem Streit fortlebenden Begründers der modernen deutschen Geschichtswissenschaft. Die methodenstrenge Schulung seines Seminars bleibt auch heute Verpflichtung für eine qualitätsbewußt forschende Lehre.