"Der Wunsch, die Gegenwart aus dem Erkennen und Deuten der Vergangenheit, also der Geschichte, zu verstehen, ist eine der wichtigsten Antriebe zu historischem Denken und Arbeiten gewesen." Diesen Satz - 1946 von Rörig niedergeschrieben - darf man wohl als Lebens- und Arbeitsmaxime des wohl bedeutensten Hanse- und Stadtgeschichtsforschers seiner Zeit bezeichnen.
Fritz Rörig wurde am 2. Oktober 1882 in St. Blasien im Schwarzwald geboren. Nach Schule, Studium in Leipzig und Tübingen, promovierte er 1906 bei G. Seeliger. Archivtätigkeit in Metz und ein erneutes Studium der Rechtswissenschaften in Göttingen prägten Rörigs weiteren Lebensweg. Richtungsweisend sollte allerdings ab 1911 seine Arbeit am Staatsarchiv in Lübeck werden. Die dortige Tätigkeit veranlaßte ihn, sich verstärkt mit Fragen der Stadtgeschichte (Theorie von den Gründungsunternehmerstädten) im allgemeinen und Problemen der Geschichte Lübecks und der Hanse im besonderen zu beschäftigen. 1923 erhielt Rörig einen Ruf als ordentlicher Professor für mittelalterliche und neuere Geschichte nach Kiel, wo er bis 1935 lehrte. Wichtige Schriften zur Rechts-, Verfassungs-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte entstanden in diesem Zeitraum, wie etwa "Geschichte Lübecks im Mittelalter"(1926), "Hansische Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte"(1928) und "Die europäische Stadt"(1932).
Nach dem Tod von Erich Casper trat Rörig 1935 dessen Nachfolge auf dem Lehrstuhl für mittlere und neuere Geschichte an der Berliner Universität an. Aus den Berufungsunterlagen des Jahres 1935 geht hervor, daß die Berufung Rörigs in erster Linie nach fachlichen Gesichtspunkten erfolgte, politische Kriterien suchte man bewußt auszuklammern. In seiner Berliner Zeit widmete sich Rörig einem weiteren Hauptthema in seiner wissenschaftlichen Arbeit: den Ursachen und Auswirkungen des deutschen Partikularismus (gleichlautende Schrift 1937), wobei er sich auch auf eine bis in die heutige Zeit wirkende Kontroverse mit dem Rechtshistoriker Heinrich Mitteis einließ. Vgl. dazu: "Geblütsrecht und freie Wahl in ihrer Auswirkung auf die deutsche Geschichte. Untersuchungen zur Geschichte der deutschen Königserhebung (911-1198)", 1948.
Rörigs wissenschaftliches Ansehen dokumentiert auch seine Mitgliedschaft im Vorstand des Hansischen Geschichtsvereins seit 1925. 1932 wurde er korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, 1942 ordentliches Mitglied der Preußischen Akademie und nach dem Krieg Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, die ihn schließlich 1947 mit der Leitung der Berliner Dienststelle der Monumenta Germaniae Historica betraute.
Rörigs an nationalen Kriterien orientiertes Wertesystem ließen ihn in der Weimarer Republik wie auch in der Nazizeit in problematischer Nähe zum Zeitgeist erscheinen. Gleichwohl war an Rörigs demokratischer Grundgesinnung nicht zu zweifeln. Vor allem nach dem Krieg bis zu seinem Lebensende bemühte er sich um eine demokratisch organisierte Universität und um ein hohes fachliches Niveau universitärer Lehre. Seinem Leben setzte ein langwieriges und hartnäckiges Herzleiden am 2. Oktober 1952 ein Ende.