Michael Tangl lehrte als Professor für historische Hilfswissenschaften fast ein Vierteljahrhundert an der Berliner Alma Mater (1897 - 1921) und ist - im Gegensatz zu manch anderem seiner zeitgleich dort wirkenden Historikerkollegen - über den Kreis der unmittelbaren Fachwissenschaftler hinaus ein Unbekannter. Einen Grund dafür mag man in seinem Lehrgebiet sehen, fristen doch die sogenannten historischen Hilfswissenschaften in der heutigen akademischen Ausbildung ein weitgehendes Nischendasein. Andererseits sind zwei Vorgänger Tangls auf diesem Gebiet an der Friedrich-Wilhelms-Universität, Wilhelm Wattenbach und Harry Bresslau, durchaus feste Größen im Bewußtsein weiter Kreise von Historikern. Dieser kurze Abriß von Leben und Werk Michael Tangls soll dazu einige Erklärungen anbieten und zugleich dazu beitragen, ihm neben den bekannteren Professoren des Historischen Seminars einen angemessenen Platz zuzuweisen.
Michael Tangl wurde am 26. Mai 1861 in der Stadt Wolfsburg im unterkärnterischen Lavanttal, einem lange Zeit abgelegenen Gebiet im habsburgischen Vielvölkerstaat, geboren. Seiner österreichischen Heimat blieb er ein Leben lang innerlich stark verbunden. Die Gymnasialbildung erlangte Tangl am Benediktinerkloster St. Paul im Lavanttal und im Wiener Schottengymnasium. 1880 immatrikulierte er sich an der Universität Wien und wandte sich nach kurzem Jurastudium ab 1881 der Geschichte und der Klassischen Philologie zu. Im Anschluß an das Studium wurde Tangl 1885 als ordentliches Mitglied in das Institut für österreichische Geschichtsforschung aufgenommen, dem er bis 1887 angehörte und wo er - nach eigener Einschätzung - die entscheidende Prägung für seinen weiteren wissenschaftlichen Lebensweg erhielt.
Das Institut für österreichische Geschichtsforschung war 1854 nach dem Vorbild der 1821 begründeten Pariser École des Chartres ins Leben gerufen worden und hatte sich zur hohen Schule der historischen Hilfswissenschaften entwickelt, die die Absolventen auf die Tätigkeit in Archiven, Museen und Bibliotheken vorbereitete. Der Erfolg dieses Instituts kann als Ausdruck für den Aufschwung gelten, den die historischen Hilfswissenschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahmen und der vor dem Hintergrund der Durchsetzung der Rankeschule und deren sogen. Æhistorisch-kritischer Methode" stand. Die kritische Analyse der Quellen historischer Überlieferung und die Beherrschung von Techniken, die dazu in die Lage versetzten, gewannen an Bedeutung. Seine große Geltung verdankte das Wiener Institut im wesentlichen einem Mann: Theodor Sickel, der es zum Zentrum der Urkundenforschung machte und der Diplomatik zu neuer Blüte verhalf. Sickel führte Tangl in eines seiner späteren Hauptforschungsgebiete, dem päpstlichen Verwaltungswesen, ein, und zwar am 1881 auf Sickels Anregung gegründeten Österreichischen Historischen Institut in Rom, wo er in den Jahren 1887 bis 1889 und 1891 zum päpstlichen Urkundenwesen und im Zusammenhang damit zur Papst- und Kirchengeschichte arbeitete. Als Ergebnis dieser Studienaufenthalte legte Tangl 1894 sein Hauptwerk ÆDie päpstlichen Kanzleiordnungen von 1200 - 1500" vor, das große Beachtung und Anerkennung fand und noch heute in einschlägige Bibliographien aufgenommen wird.
Ein weiterer Lehrer am Institut für österreichische Geschichtsforschung, Engelbert Mühlbacher, verpflichtete Tangl für Vorhaben zu den Monumenta Germaniae Historica (MGH), für deren Editionsunternehmen mittelalterlicher Quellen die Absolventen des Instituts prädestiniert waren. Durch Mühlbacher 1892 in die Arbeiten an der Herausgabe der Urkunden der frühen Karolinger einbezogen, deren erster Band nach dessen Tod unter Tangls Leitung 1903 erschien, übernahm Tangl anschließend die Herausgabe der Placita und die Leitung der Abteilung Epistolae. 1902 wurde er zum Mitglied der Zentraldirektion der MGH gewählt, bekam 1911 die Redaktion der Zeitschrift der Gesellschaft übertragen und führte von 1914 bis 1919, nach dem überraschenden Tod des bisherigen Vorsitzenden Reinhold Koser, die Geschäfte der MGH.
Zwischen 1892 und 1895 gelang es Tangl, als Beamter im österreichischen Archivdienst - neben den Arbeiten für die MGH - die Voraussetzungen für eine akademische Karriere zu erwerben. So habilitierte er sich 1892 bei Mühlbacher in den Fächern Geschichte des Mittelalters und Historische Hilfswissenschaften und lehrte auf diesen Gebieten als Privatdozent an der Wiener Universität, bis ihn 1895 der Ruf an eine preußische Universität, nach Marburg, erreichte. Dort war kurz zuvor das Seminar für historische Hilfswissenschaften und in Verbindung damit die Prüfungskommission für Archivaspiranten eingerichtet worden. Diese ÆArchivschule", initiiert durch den bedeutenden Organisator der Geschichtswissenschaften Paul Fridolin Kehr, sollte in Anlehnung an das Wiener Institut der Ausbildung der preußischen Archivare dienen. Daß in der Nachfolge Kehrs auf das Marburger Extraordinariat für historische Hilfswissenschaften der Österreicher und Katholik Michael Tangl berufen wurde, ist auf die damals beherrschende Stellung des Sickelschen Instituts zurückzuführen. Welche Auseinandersetzungen es bei der Berufung Tangls aus konfessionellen und nationalpolitischen Gründen im Hintergrund gegeben hat, ist aus der Quellenlage nicht verifizierbar. Daß sie stattfanden, ist zumindest für die Berufung Tangls auf den außerordentlichen Lehrstuhl für historische Hilfswissenschaften an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, die bereits zwei Jahre später, 1897, erfolgte, aus Nachrufen zu entnehmen. Dort ist auch von der strikten Zurückhaltung Tangls in politischen Fragen die Rede, die, berücksichtigt man seine Herkunft und einen seiner Forschungsschwerpunkte, die Papstgeschichte, auf Distanz gegenüber der unter seinen Berliner Kollegen vorherrschenden preußisch-nationalistischen Richtung schließen läßt. Jedoch setzt auch hier die Quellenlage den Vermutungen Grenzen.
Michael Tangl blieb in Berlin bis zu seinem Tode im Jahr 1921 und lehrte, ab 1900 als ordentlicher Professor, historische Hilfswissenschaften und mittelalterliche Geschichte. Er konnte in der Nachfolge Philipp Jaffés, Wilhelm Wattenbachs oder Harry Bresslaus an gute Voraussetzungen für die hilfswissenschaftliche Lehre anknüpfen und der Wiener Schule in Berlin Geltung verschaffen. Im Mittelpunkt seines Lehrkanons standen Urkundenlehre und Paläographie, u.a. ergänzt durch Chronologie, Numismatik, Siegelkunde, Quellenkunde, Verfassungsgeschichte des Reiches und der Kirche und historisch-diplomatische Übungen für die Archivaspiranten, deren Ausbildung 1904 von Marburg nach Berlin verlagert wurde.
Lag der Forschungsschwerpunkt Tangls in den Anfangsjahren auf dem Gebiet der päpstlichen Kanzlei- und Verwaltungsgeschichte des späten Mittelalters, so folgte mit den Arbeiten für die Edition der Karolingerdiplome eine Konzentration auf das Frühmittelalter. In den zahlreichen quellenkritischen Untersuchungen zu Fälschungen, zur Chronologie, zu seinem Spezialgebiet, den Tironischen Noten, und bei der Herausgabe der ÆSchrifttafeln zur Erlernung der lateinischen Paläographie" sowie mit weiteren Aufsätzen über die Schriftkunde erwies Michael Tangl sich als Hilfswissenschaftler von Rang, dessen Stil von der Synthese hilfswissenschaftlicher Techniken mit allgemeinhistorischen Themen, vor allem der Kirchengeschichte, gekennzeichnet war. Charakteristisch für Tangls wissenschaftliches Werk ist zudem eine allmähliche Hinwendung von den Urkunden zu eher kulturgeschichtlichen Quellengattungen wie den Briefen, mit denen er sich vor allem im Rahmen der von ihm ins Leben gerufenen MGH-Reihe der Epistolae selectae intensiv beschäftigte.
Mit Ausnahme der ÆPäpstlichen Kanzleiordnungen" und der Arbeiten für die MGH veröffentlichte Michael Tangl kein selbständiges Werk. Sein wissenschaftliches Werk bilden vor allem zahlreiche Spezialuntersuchungen in Zeit- und Festschriften. Von ihm liegt, bedingt auch durch den plötzlichen frühen Tod im Jahre 1921, weder ein ÆStandardwerk" vor, das seine Forschungsergebnisse zusammenfaßt, noch ein ÆLehrbuch", das aus seinem langjährigen Unterricht hätte hervorgehen können. Hierin liegt sicher ein Grund dafür, daß sein Name bei weitem nicht so bekannt ist wie der anderer Hilfswissenschaftler. Andererseits entspricht die Favorisierung von Einzeluntersuchungen, die sich meist einer konkreten, eng abgegrenzten Problematik auf der Grundlage exakter Quellenanalysen zuwendeten, gegenüber Überblicks- oder verlaufsgeschichtlichen Darstellungen der praxisorientierten hilfswissenschaflichen Schule.
Im allgemeinen schätzten seine Kollegen und Schüler Tangls Lehrtätigkeit als wichtigste Lebensleistung ein. Im Laufe der fast 25jährigen Lehrtätigkeit an der Berliner Universität unterrichtete er zahlreiche später zu Bedeutung gelangte Archivare, historische Hilfswissenschaftler und Mediävisten und betreute deren Promotion bzw. Habilitation. Dazu zählten u.a. Adolf Hofmeister (1883 - 1956), Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität Greifswald von 1921 bis 1955; Hellmut Kretzschmar (1893 - 1965), Direktor des Hauptstaatsarchivs Dresden 1937 bis 1958; Eugen Meyer (1893 - 1972), der u.a. Professuren für Historische Hilfswissenschaften in Berlin und Saarbrücken innehatte und zeitweise das Staatsarchiv Münster leitete; Tangls Nachfolger auf dem Berliner hilfswissenschaftlichen Lehrstuhl, Ernst Perels (1882 - 1945); Ernst Posner (1892 - 1980), der in die USA emigrieren mußte und dort eine führende Rolle im Archivwesen einnahm - u.a. begründete er das Institut für Records Management - ; Heinrich Sproemberg, Professor für Mittelalterliche Geschichte in Rostock und Leipzig bis Ende der 50er Jahre, sowie Georg Winter (1895 - 1961), Leiter des Bundesarchivs von seiner Gründung 1952 bis 1960.