Humboldt-Universität zu Berlin - Geschichte Aserbaidschans

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Muslimische Eliten im Prozess der aserbaidschanischen Nationsbildung von 1860-1940

Ein Vorwort zum Thema

Muslimische Eliten im Prozess der aserbaidschanischen Nationsbildung von 1860 - 1940

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Aserbaidschan – ein Land an einer besonders sensiblen und doch noch unzureichend erforschten Schnittstelle zwischen Kulturen, Religionen und Großreichen Europas sowie Asiens, kehrt nicht nur aufgrund eines zweiten Ölbooms seit den 1990er Jahren in die europäische Wahrnehmung zurück. Seit dem Anbruch der zweiten Unabhängigkeit hat sich die junge Republik mit einer turksprachigen, muslimisch-schiitischen Mehrheitsbevölkerung immer wieder zu Europa bekannt. Seit 2001 ist die Republik Aserbaidschan Mitglied des Europarates, seit Mai 2009 wird mit dem Instrument der „Ostpartnerschaft“ eine langfristige Option der EU-Erweiterung gestaltet und seit Januar 2011 sind Aserbaidschan und die EU durch eine Energiepartnerschaft verbunden, die jedoch Fragen der demokratischen und zivilgesellschaftlichen Weiterentwicklung nicht ausblenden soll. Gerade bei der Frage nach Annäherung von Werten und Normen wird gern auf ein historisches Erbe früher „westlicher Orientierung“ aserbaidschanischer Eliten verwiesen.

Tatsächlich begann mit der russischen Eroberung Südkaukasiens zwischen 1801 und 1828/9 und vor allem durch die Einbindung des Ölreviers von Baku in die Industrialisierungsprozesse des 19. Jahrhunderts ein Wandel sozialökonomischer und geistig-kultureller Strukturen in Richtung westlicher Moderne. Allerdings wurde dessen Breiten- und Tiefenwirkung bisher – insbesondere aus dem Blickwinkel der Modernisierungsdebatten (Hildermeier, Baberowski) um das Russische Reich stark angezweifelt.  Differenzierende Untersuchungen zu Veränderungen in den sogenannten „Peripherien“ des Russischen Reiches sind jedoch immer noch eine Ausnahme. Kaum wurde der Frage nachgegangen, welche kurzzeitigen oder längerfristigen Synergieeffekte die Entwicklung von Baku zur  Weltmetropole der Erdölförderung erzielte. Ausgehend von Untersuchungen zu den Transformationsprozessen und dem damit verbundenen  Identitätswandel unter den Muslimen Südkaukasiens wurde ein Forschungsprojekt initiiert, welches sich zum Ziel setzte, auf der Basis systematischer biographischer Erhebungen eine Kollektivbiographie frühnationaler Eliten Aserbaidschans zu erarbeiten, um qualitative und quantitative Aussagen zu Trägerschichten und Akteuren der aserbaidschanischen Nationalbewegung zu gewinnen. Während der erste Band als „Biobibliographisches Lexikon neuzeitlicher Eliten zwischen 1860 - 1914“ konzipiert ist, erfolgt in Band II eine systematische Auswertung der Daten im Sinne einer Kollektivbiographie, die computergestützt u.a. Aufschluss gibt über soziale Bindungen, Bildungswege und –zentren, Vernetzungen und Wirkungsfelder der erfassten Personen. Eine internetgestützte, aktive Datenbank ist am Lehrstuhl „Geschichte Aserbaidschans“ der Humboldt-Universität Berlin in Vorbereitung. Sie wird die Möglichkeit bieten weitere Forschungsergebnisse zu neuzeitlichen Eliten Aserbaidschans einzuspeisen und der internationalen Forschergemeinschaft zur Verfügung zu stellen. Unterstützt wurden die Recherchen von Ulviya Hadžiyeva und Mamed Džafarly (Baku). Ihnen – wie vielen Kollegen in den Historischen Archiven, Bibliotheken, Akademien und Universitäten sowie Vertretern der Bakuer Intelligenz, welche Fotos und Dokumente aus Familienarchiven zur Verfügung stellten – bin ich für ihre Hilfe, Ihr Vertrauen und ihre  Gastfreundschaft zu Dank verpflichtet.