Humboldt-Universität zu Berlin - Europäische Geschichte des Mittelalters. Schwerpunkt: Spätmittelalter

Sonderforschungsbereich 644: Transformationen der Antike

Der Sonderforschungsbereich "Transformationen der Antike" vereinte elf sozial- und geisteswissenschaftliche Fächer der Humboldt-Universität zu Berlin, sowie je eines der Freien Universität Berlin und des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in 16 Projekten mit rund 50 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus insgesamt fünf Fakultäten. In der Arbeit des Sonderforschungsbereichs sollten die bisher weitgehend sektoralisierte Erforschung der Antike und ihrer Rezeption überwunden werden.

Von Mai 2011 bis Dezember 2016 war Herr Prof. Dr. Johannes Helmrath Sprecher des SFB 644. Als Teilprojektleiter stand er dem Projekt A04 Historiographie des Humanismus vor.

 


Historiographie des Humanismus. Soziale Praxis, Narrativität, historische Semantik


Teilprojektleiter: Prof. Dr. Johannes Helmrath (Institut für Geschichtswissenschaften)


Wissenschaftliche Mitarbeiter: Ronny KaiserDr. Albert SchirrmeisterDr. Stefan Schlelein (assoziiert), Maike Priesterjahn M.A., Dr. Patrick Baker (kooptiert)

 

Unterprojekt 1: Italiener als Geschichtsschreiber der europäischen "Nationen": Substitution des Mittelalters durch die römische Antike (Maike Priesterjahn)

 

Unterprojekt 2: Implementierung römischer Antike in Landesbeschreibung, Ethnographie und Reisebericht (Dr. Albert Schirrmeister)
 
Unterprojekt 3: Appropriation antiker Historiker in Editionen, Kommentaren und Übersetzungen (ca. 1480 bis 1550) (Ronny Kaiser)

 

 

Das Teilprojekt erforschte, wie in der Historiographie der Renaissance Nation und Region mittels antiker Bezüge als unterschiedliche politische und kulturelle Einheiten im europäischen Rahmen ausdifferenziert wurden und wie dabei eine jeweils anders nuancierte Antike konstruiert wurde. Zugleich wurde gefragt, wie dieser Transformationsprozess die disziplinären Archäologien der Geschichtswissenschaft, der Ethnographie und der Geographie prägte. Das Teilprojekt kombinierte eine dezidiert textbezogene Arbeitsweise mit der Untersuchung der sozialen und kulturellen Bedingungen humanistischer Historiographie. 
 
In der ersten Förderphase haben die beiden Unterprojekte zur Nationalgeschichte und zu den Landesbeschreibungen die historiographischen Wissensformen und ihre Textzeugnisse in ihren disziplinären Kontexten ordnend erschlossen. Die wechselseitigen Einflüsse geographischen, ethnographischen und antiquarischen Wissens (z.B. Epigraphik oder Numismatik) auf die Geschichtsschreibung im Zeichen des Humanismus wurden präziser bestimmt. Der analytische Zugang legte die grundlegende Bedeutung der materiellen Formen offen, in denen sich die Transformationen der Antike manifestierten. In der Auseinandersetzung mit den stilistischen und strukturellen antiken Vorbildern der humanistischen Geschichtsschreibung konnte der Referenzbereich, den die humanistischen Autoren konstruierten, genau begrenzt werden: Nicht die griechische, allein die römische Geschichtsschreibung wurde für die Nationalgeschichten wie für die Landesbeschreibungen prägend. Sind bei letzteren zu allererst Caesar mit seinem Bellum Gallicum und Tacitus mit der Germania zu nennen, so traten bei den Nationalgeschichten vor allem die Geschichtswerke des Livius, Sueton und Tacitus hinzu. Ein wichtiges Ergebnis war der Nachweis der Hybridität beider Textsorten, die sich auch in der verwendeten Semantik niederschlägt. Diese haben wir daher in das Zentrum unserer längerfristigen Untersuchungen gerückt.
 
Das Teilprojekt kombinierte in den folgenden vier Jahren eine dezidiert an den Texten orientierte Herangehensweise mit einem intensiven Interesse an den sozialen und kulturellen Bedingungen humanistischer Historiographie und ihrer Transformationen der Antike. Die in Zusammenarbeit der beiden Unterprojekte entwickelten Analyseinstrumente und Fragenkataloge – insbesondere die datenbankgestütze Untersuchung der historischen Semantik – sollten ein vergleichendes Verfahren methodisch fundieren, das als ausschlaggebend für eine erfolgreiche Arbeit angesehen wurde.