Humboldt-Universität zu Berlin - Historische Diktaturforschung

M.A. Carl Julius Reim

Kurzvita | Publikationen
Foto
Name
M.A. Carl Julius Reim
E-Mail

Dissertationsprojekt: 

Dem Bruch entgegen. Antikoloniales Denken und die linksintellektuelle Deutung des Nahostkonflikts in Frankreich, 1956-1975.

Spätestens seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 sind Positionen verstärkt in den Fokus öffentlicher Diskussionen gerückt, die anti-israelische Agitation mit postkolonialen Argumenten unterfüttern. Dem steht ein Lager gegenüber, das postkolonialem Denken grundsätzlich Antisemitismus attestiert. Dieser Polarisierung zwischen linken, postkolonialen Ansichten auf der einen und pro-israelischen, pro-jüdischen Positionen auf der anderen Seite stellt das Promotionsprojekt eine historische Kontextualisierung entgegen, die nicht vereindeutigen, sondern Zusammenhänge verstehen möchte.

Seit der Herausbildung anti- und postkolonialen Denkens werden diese Theorien auch auf Israel und den Nahen Osten angewendet. In der historischen Rückblende wird deutlich, dass neben der heute omnipräsenten Einordnung Israels als Kolonialstaat stets auch andere, differenziertere Positionen möglich waren. Dies gilt insbesondere für Frankreich, das aufgrund der Verflechtung spezifischer Kolonial- und Kriegserfahrungen mit besonders prägenden epistemischen Entwicklungen ein Laboratorium der Aushandlung darstellte, dessen Bedeutung über die nationalen Grenzen hinauswirkte.

Blickt man auf diese Räume der Aushandlung, war  die zunehmende anti-israelische Ausrichtung postkolonialen Denkens nicht die einzig mögliche oder theoretisch zwingende, sondern ein Ergebnis konkreter historischer Erfahrungen und ihrer intellektuellen Ausdeutung. Dazu wird der Blick auf das Frankreich der „langen 1960er Jahre“ gelegt. Während antikoloniales Denken auf der Linken im Verlauf dieser epochalen Dekade der politischen Dekolonisierung und soziokulturellen Liberalisierung zunehmend hegemonial wurde, differenzierten sich die Positionen zu Israel aus. Doch diese anfängliche Heterogenität war von kurzer Dauer: Waren zunächst noch verschiedene Positionen möglich und wurden ernsthaft diskutiert, so verengte sich der Raum akzeptierter Positionen zunehmend. Eine Folge dieser Verengung ist heutzutage der manifeste Bruch zwischen antikolonialem Denken und pro-israelischen Positionen. Der Arbeitstitel des Projekts greift diese Polarisierung in doppelter Hinsicht auf: Einerseits deutet er an, dass bestimmte Akteur:innen auf diesen Bruch hinarbeiteten und ihn schließlich provozierten. Andererseits wird darin auch deutlich, dass es stets Denker:innen gab, die sich dem Bruch entgegenstellten. Diese Komplexität abzubilden ist Ziel des Projekts.

Das Promotionsprojekt wird von der Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert.