Humboldt-Universität zu Berlin - Historische Diktaturforschung

Philipp Henning

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Philipp Henning
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Dissertationsprojekt: Die „Achse Berlin-Rom“ und der „Orient“ – Orientalismen, Gegen-Moderne und Propaganda in einem kolonialen Imaginationsraum für Faschismus und Nationalsozialismus

 

Das Dissertationsprojekt untersucht die Bedeutung des „Orients“ als politisch-kulturelles Imaginarium im faschistischen Italien und im nationalsozialistischen Deutschland. Der Begriff „Orient“ fungierte in beiden Systemen weniger als geografische Kategorie, denn als diskursives Konstrukt, das besonders seit dem 19. Jahrhundert in Fragen der Identitätsbildung, Abgrenzung und Ordnungsvorstellungen wirkmächtig war. Im Mittelpunkt stehen dabei die unterschiedlichen nationalen Orientalismen und vielfältigen „Oriente“, die – ausgehend von Edward W. Saids Konzept – als Spiegel ideengeschichtlicher Grundannahmen beider Regime analysiert werden.

Das Projekt verfolgt einen breit angelegten Ansatz, der Ideen‑, Kultur‑, Global- und Technologiegeschichte miteinander verbindet. Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf der italienischen, deutschen und britischen Rundfunkpropaganda in arabischer Sprache in den 1930er und 1940er Jahren sowie deren Akteure. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Integration der arabischen Perspektiven, die sich im Spannungsfeld von postosmanischer Neuordnung, europäischer Moderne, antikolonialen Bewegungen und innerarabischen Diskursen über Tradition und Reform befanden. Ziel ist es, die Wechselwirkungen zwischen europäischen Projektionen, technologischen Eingriffen und lokalen Reaktionen sichtbar zu machen und so die Wirkungen der Achsenpropaganda zu analysieren.

1. Nationale Orientalismen

Der erste Teil analysiert die Entwicklung und Funktion der nationalen Orientbilder seit der Staatsgründung Italiens und Deutschlands im 19. Jahrhundert. An der Herausbildung der jeweiligen nationalen Orientalistikdisziplinen als Wissensressource zeigten sich dabei die strukturellen Unterschiede und die Einbindung in koloniale und propagandistische Projekte ab den 1930er Jahren. Ziel dieses Teils ist es, die ideologischen Voraussetzungen offenzulegen, aus denen heraus beide Regime den Orient deuteten, instrumentalisierten und politisierten. Dadurch werden die fundamentalen Spannungen innerhalb der „Achse Berlin–Rom“ offenbart. Der Zusammenhang zwischen europäischen Orientdiskursen und Modernekritik wirkte auch in den politischen, religiösen und intellektuellen Neuordnungsprozesses in der postosmanischen arabischen Welt selbst.

2. Der virtuelle „Rundfunkraum Orient“

Der zweite Teil widmet sich dem Rundfunk als neuem Medium imperialer Einflussnahme und der Analyse der arabischsprachigen Sendungen aus Rom (bzw. Bari, ab 1934) und Berlin (ab 1939) sowie ihres Einsatzes als Instrument geopolitischer Konkurrenz gegen Großbritannien und Frankreich im Nahen Osten und Nordafrika. Durch die Konstruktion des „Rundfunkraum Orient“ als technologisch erzeugte Erweiterung des Imaginationsraums Orient wird gezeigt, wie der koloniale Anspruch auf Kontrolle über Wissen und Raum nun durch das neue virtuelle Medium fortgeschrieben wurde. Es wird eine systematische Betrachtung der infrastrukturellen Grundlagen faschistischer und nationalsozialistischer Orientpolitik vorgenommen. Zudem wird dieser die britische Perspektive anhand der von der BBC betriebenen arabischsprachigen Gegenpropaganda ab 1938 entgegengestellt.

3. Reaktionen und Wirkungen in der arabischen Welt

Der dritte Teil rückt die Rezeption und Wirkung der Propaganda ins Zentrum und untersucht die zeitgenössische Wirkungsforschung multiperspektivisch und in Hinblick auf koloniale Herrschaft und antikoloniale Bewegungen. Darüber hinaus wird die Frage nach Kontinuitäten einzelner Deutungsmuster – etwa antisemitischer Elemente, technikbezogener Modernitätsdiskurse oder antikolonialer Rhetorik – nach 1945 beleuchtet. Dies ermöglicht es, die europäische Perspektive zu dezentrieren und die dargestellte Verflechtungsgeschichte in ihrer wechselseitigen Interaktion zu erfassen.

Insgesamt eröffnet die Arbeit eine Perspektive auf den „Orient“ als Projektions‑ und Interventionsraum zweier europäischer Diktaturen und leistet einen Beitrag zur Erforschung der globalen Verflochtenheit der „Achse Berlin-Rom“ sowie der medialen Dimension internationaler und transkultureller Beziehungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

 

Erstbetreuer: Prof. Dr. Michael Wildt

Zweitbetreuerin: Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum

Förderung: Evangelisches Studienwerk Villigst

 

Philipp Henning arbeitet aktuell als wissenschaftlicher Volontär im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors.