Humboldt-Universität zu Berlin - Geschichte des Mittelalters in vergleichender Perspektive. Schwerpunkt: Früh- und Hochmittelalter

Wintersemester 2017/18

Wintersemester 2017/18

 

Prof. Dr. Barbara Schlieben

Vorlesung

Einführung in die Geschichte des Mittelalters

Mo. 16-18 Uhr, Friedrichstr. 191-193, R. 5008

Die Vorlesung richtet sich an BA-Studierende in den ersten Semestern; sie führt in Themen, Arbeitsschwerpunkte und Methoden der mittelalterlichen Geschichte ein. Sie gibt einen Überblick über zentrale Ereignisse der Jahre von 500 bis 1500, sie thematisiert mittellalterliche politische und soziale Organisationsformen, Formen des religiösen Lebens sowie kulturelle Errungenschaften der Epoche. Die Vorlesung dient damit der Vermittlung von Grundlagen und führt zugleich für jeden Themenabschnitt in aktuellen Forschungsdiskussionen ein.

 

Einführungskurs gemeinsam mit Marika Bacsóka, M.A.

Von Bologna nach Bologna (Happy Birthday, Wilhelm!)

Mo. 9-13 Uhr, DOR24, R. 1.404

Der Kurs führt in grundlegende Methoden, Hilfsmittel und Arbeitsweisen der Geschichtswissenschaften ein. Wir nehmen den 250ten Geburtstag Wilhelms von Humboldt zum Anlass, um darüber zu diskutieren, was Universität sein will, kann und soll. Als Historiker diskutieren wir diese Fragen am historischen Gegenstand: Die Universität ist eine Schöpfung des Mittelalters. Bologna und Paris, die ältesten Universitäten, wurden nicht gegründet, sie waren plötzlich ,einfach da‘. Schon die Frage, weshalb die Universität entstand, in welcher spezifisch historischen Situation, ist daher nicht einfach zu beantworten. Als Institution sollte sich die Universität als überraschend langlebig erweisen. Nicht nur sie selbst, auch zahlreiche ihrer Einrichtungen (die Immatrikulation, das Examen, der Doktorgrad, der Dekan, die Fakultät, Veranstaltungstypen wie die Vorlesung), prägen das akademische Leben bis heute.

Ziel des Kurses ist, die Universität in ihrer historischen Dimension (mit einem Schwerpunkt im Mittelalter und Ausblicken auf die Neugründungen im 19. Jahrhundert) zu analysieren und  strukturelle Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Die Studierenden sollen für den historischen Wandel sensibilisiert werden und wahrnehmen, dass unsere gegenwärtigen Verhältnisse nicht ,natürlich‘ sind. Im Mittelpunkt stehen die Fragen nach spezifischem Charakter der Universität: Was macht sie aus? Wie verhält sie sich zu ihrem je spezifischen gesellschaftlichen Umfeld? Was unterscheidet sie von anderen Institutionen des Wissens?

Fragen wie diese sind heute durchaus aktuell, weil sich die Bedeutung von Wissen, seine Verortung und die Kriterien seiner Bewertung derzeit verschieben und auch die Wissenschaft selbst ihre gesellschaftliche Verantwortung neu definieren, ja legitimieren muss.

 

Masterseminar

Reconquista. Mythos und Geschichte

Di. 14–16 Uhr, Friedrichstr. 191-193, R. 4031

Die Bezeichnung „Reconquista“ für die christliche Eroberung muslimisch beherrschter Gebiete auf der Iberischen Halbinsel ist nicht zeitgenössisch-mittelalterlich. In der Geschichtsschreibung setzt sie sich erst im 19. Jahrhundert durch. Die jüngere Forschung hat gezeigt, wie sehr die Prägung des Begriffs von den Erfahrungen des bereits damals als Befreiungskrieg bezeichneten Widerstands gegen Napoleon getragen war: Die Franzosen – so war es in zahlreichen Texten seit den 1820er Jahren zu lesen – hätten ein Land, das ihnen nicht gehörte (nämlich Spanien) erobert, welches die Spanier sodann gemeinsam, unter größten Opfern und zum Wohle ganz Europas, zurückeroberten. Eben diese „Rückeroberung“ wird im zeitgenössisch-politischen Diskurs als „Reconquista“ bezeichnet und von dort aus hat die Vokabel Eingang auch in die Geschichtsschreibung gefunden, wo sie fortan als christliche „Rückeroberung“ muslimisch besetzter Gebiete im Mittelalter firmierte.

Der erste Abschnitt des Seminars gilt diesem Deutungsprozess der mittelalterlichen, spanischen Geschichte im Verlauf des 19. Jahrhunderts, der sich bei genauerer Betrachtung vielschichtiger ausnimmt, als ihn die Forschung üblicherweise zeichnet. Verglichen werden sollen neben populären und geschichtswissenschaftlichen Debatten, wie sie im Spanien des 19. Jahrhunderts geführt wurden, auch die spanische, englische, französische und deutsche Historiographie eben jener Jahre zur Geschichte der Iberischen Halbinsel im Mittelalter.

Der zweite Abschnitt des Seminars gilt sodann der detaillierten Lektüre und Interpretation ausgewählter mittelalterlicher Quellen: Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, auf welche Art und Weise der Krieg gegen Muslime im spanischen Mittelalter gerechtfertigt wurde und wie er sich in der Praxis gestaltete.

Ziel des Seminars ist es, in der Zusammenschau mittelalterlicher und neuzeitlicher Lesarten von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen zu einem genaueren Verständnis dessen zu gelangen, was genau wir eigentlich meinen, wenn wir von Religion bzw. religiös motivierter Gewalt sprechen.

Spanischkenntnisse stellen natürlich keine Voraussetzung zur Teilnahme am Seminar dar, sind aber natürlich willkommen.

 

Philipp Winterhager, M.A.

Einführungskurs

Aufbrechen und Ankommen. Migration in der Geschichte

Di. 12-14 Uhr, HV5, R. 0319-22

Migration ist ein Grundphänomen des sozialen Lebens. Sie kann freiwillig oder unfreiwillig erfolgen, aus politischen, kulturellen oder sozioökonomischen Gründen, allein oder in Gruppen.

Im Einführungskurs werden anhand von Beispielen der Migrationsgeschichte verschiedener Epochen grundlegende Arbeitstechniken des Geschichtsstudiums erprobt: Was macht wissenschaftliche Literatur aus? Wie bearbeite ich historische Quellen? Worauf ist bei schriftlichen und mündlichen Präsentationen zu achten? Wie verfasse ich selbst eine Arbeit?

Um diese Fragen zu klären, werden wir uns in zwei epochenspezifischen Sitzungen pro Woche der Geschichte von Ein- und Auswanderungen widmen und an ihr den Einstieg ins Geschichtsstudium erproben. Zur Vertiefung und Ergänzung kommt ein wöchentliches Tutorium dazu.

 

Proseminar

Von der ‚Völkerwanderung‘ zum Frühmittelalter: Die Langobarden in Italien

Mo. 10-12 Uhr, MO40, R. 114

Mit der Einwanderung langobardischer Krieger und Siedler nach Norditalien im Jahr 568 endete nach weit verbreiteter Meinung die Epoche der sogenannten Völkerwanderung. In der Folge bildete sich ein langobardisches Königreich, das weite Teile Italiens umfasste. Im Seminar soll dieses frühmittelalterliche Königreich im Mittelpunkt stehen. Welche Bedeutung haben ‚Völker‘ und ‚Wanderung‘ bei der Herrschaftsbildung der Langobarden? Welche gesellschaftlichen, religiösen, rechtlichen und politischen Strukturen bildeten sich hier?

Und wie lassen sich diese Prozesse im Kontext der italischen Nachbarn verstehen? An diesen Beispielen sollen zugleich grundsätzliche Arbeitstechniken der Mittelalterlichen Geschichte erlernt und erprobt werden.

 

Dr. Tillman Lohse

Forschungsseminar

Missionare als Migranten

Do. 10-12 Uhr, MO40, R. 114

Die mittelalterliche Geschichte der lateinischen Christenheit kennt viele Glaubensboten; fast alle von ihnen waren Männer mit Migrationshintergrund. Diese Grundbedingung apostolischen Wirkens hat die mediävistische Forschung bislang weitestgehend ignoriert. Sie soll im Rahmen des Forschungsseminars anhand einschlägiger Fallbeispiele (Augustin von Canterbury, Ansgar von Bremen, Brun von Querfurt usw.) systematisch untersucht werden. Wie Vorstudien gezeigt haben, können der – durchweg kargen – früh- und hochmittelalterlichen Überlieferung unter Rekurs auf migrationssoziologische und verflechtungsanalytische Modelle zahlreiche neue Erkenntnisse abgetrotzt werden. So gelesen, gewähren nämlich selbst weithin bekannte Heiligen-Viten überraschende Einsichten. Gerade im Vergleich erhellen die Lebenswege der Missionare mit ihren oft zahlreichen Migrationsetappen dabei nicht bloß das Schicksal des Einzelnen. En miniature informieren sie auch über Prozesse transkultureller Hybridisierung und Muster gesellschaftlicher Symbiose bzw. Abschottung.

 

Übung

Inkunabeln als historische Quelle

Do. 12-14 Uhr, MO40, R. 114

Inkunabeln nennt man jene Bücher, die vor 1501 gedruckt wurden. Die Materialität der einzelnen Zeugnisse und die Protagonisten ihrer Herstellung werden seit dem 17. Jahrhundert vonseiten der Inkunabelkunde untersucht, einem hochspezialisierten Zweig der allgemeinen Buchforschung. Mit dem „Ende der Gutenberg-Galaxis“ durch den Siegeszug digitaler Textspeicher, wurde die Konkurrenz von Handschrift und Buchdruck zunehmend auch zum Gegenstand der allgemeinen Mediengeschichte. In der Übung sollen aktuelle Fragestellungen beider Forschungszweige anhand konkreter Beispiele aus der Berliner Staatsbibliothek und digitaler Repositorien erörtert werden.