Humboldt-Universität zu Berlin - Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte

Wissenschaftsgeschichte und Pandemie

Über das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 und die von ihm verursachte Krankheit COVID-19 wird viel geschrieben. Einen besonderen Blick haben Wissenschafts- und Medizinhistoiker auf dieses Geschehen, weil sie sich mit der Geschichte von Seuchenereignissen schon immer auseinandergesetzt haben, und weil sie zugleich die aktuellen Geschehnisse mit dem Instrumentarium der historischen Epistemologie analysieren.  weil sie zugleich die aktuellen Geschehnisse mit dem Instrumentarium der historischen Epistemologie analysieren. Im Anschluss an das virtuelle Podium des Lehrstuhlkolloquiums im Sommersemester 2020 stellen wir auf dieser Seite Texte vor, die uns in den letzten Wochen und Monate aufgefallen sind und die aus unserer Sicht zu einer Einordnung des aktuellen Geschehens beitragen.

 

Mathias Grote: "Mehr als die Verpackung des Impfstoffs", Aktueller Beitrag in der FAZ

Die rasch wachsenden Wikipedia-Einträge zu den neuartigen Covid-19-Impfstoffen der Firmen Biontech und Moderna führen unter deren Ingredienzien eine Substanz mit verbalem Zündstoff: „Lipid-Nanopartikel“. In der Tat hat dieser Begriff in den sozialen Netzwerken bereits zu überschießenden Reaktionen geführt – steckt bald in Abermillionen Oberarmen Nanotechnologie?

Im Gegensatz zu der hinlänglich diskutierten Umsetzung von mRNA („Boten-RNA“) in Virusprotein herrscht ob dieser weiteren Innovation Erklärungsbedarf: Worum handelt es sich genau bei den aus Lipiden bestehenden Nanopartikeln, und was steckt hinter dem Präfix? Mathias Grote erklärt in seinem aktuellen Beitrag  in der FAZ u.a. die Metaphorik der „Lipid-Nanopartikel“.

Grote, Mathias: "Mehr als die Verpackung des Impfstoffs", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Januar 2021, Nr. 22, S. N2.

 

Die chinesischen Impfkampagnen der 1950er Jahre

Durch konsequentes Impfen wurden die Pocken in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgerottet. Wenig bekannt ist die Rolle Chinas in dieser Erfolgsgeschichte der Medizin. Die Wissenschaftshistorikerin und Sinologin Mary Augusta Brazelton (Cambridge, UK) untersucht in ihrem Buch Mass Vaccination. Citizen’s Bodies and State Power (Cornell 2019) die chinesischen Impfkampagnen der 1950er Jahre und zeigt, wie in der Volksrepublik China fast 600 Millionen Menschen gegen die Pocken und andere tödliche Krankheiten geimpft wurden. (10/19)

 

Relevantes Wissen - History of Science - ON CALL

Wissen ist eine der wichtigsten Resourcen für den Umgang mit Krisen. Deshalb hat das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin die Online-Plattform History of Science – ON CALL initiiert. ON CALL hat sich zum Ziel gesetzt, multidisziplinäre Forschungsansätze und Bildungsressourcen zum Themenkomplex Krisen und chronischen Katastrophen vorzustellen und zu bündeln, um so deren Reichweite zu erhöhen. Seit Beginn der Pandemie werden die Beiträge auf der Seite fortlaufend aktualisiert. (seit 03/20)

 

COVID-19, Ludwik Fleck und die Genese epidemologischer Fakten

Ilana Löwy (Senior Researcher emerita, Inserm, Paris) schlägt einen Bogen von der Genese epidemologischer Fakten und der Politik der Diagnose in der Coronakrise zu Ludwig Flecks Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache (1935), einem bis heute grundlegendem Werk der historischen Erkenntnistheorie. (10/20)

http://somatosphere.net/2020/ludwik-fleck-where-are-you-now.html/

 

Unzureichend, aber unverzichtbar: Die WHO und die Geschichte der globalen Gesundheit

Vor dem Hintergrund des Rückzugs der USA aus der WHO analysieren Christoph Gradmann (Professor für Medizingeschiche, Universität Oslo) und Jean-Paul Gaudillière (Senior Researcher, Inserm, Paris) das Spannungsfeld, in dem sich diese Organisation seit ihrer Gründung bewegt. (08/20)

https://geschichtedergegenwart.ch/inadequate-yet-indispensable-the-who-and-the-history-of-global-health/

 

"Fehlerbewusstsein ist die Essenz von Wissenschaft"

Interview mit Lorraine Daston (Direktorin emerita, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin), über Wissenschaft und Wissen in Geschichte und Gegenwart und darüber, wie sie die Wissenschaft während der Coronakrise erlebt. (06/20)

https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/interview_lorrainedaston

 

"'Ein Feind und Helfer' - Geschichte einer schwierigen Beziehung"

Mikroben waren dem Menschen zunächst gefährlicher Gegner, dann nützlicher Begleiter. Wird Sars-CoV-2 unseren Blick auf die Mikroorganismen nun abermals verändern?, fragt Mathias Grote (Heisenberg Programm, Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin) in seinem Beitrag "Ein Feind und Helfer", zur Sektion Natur und Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Zeitung . (05/20)

Grote, Mathias: "Ein Feind und Helfer", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Mai 2020, Nr. 111, S. N2.

 

Kontaktverfolgung und Stigmatisierung

In seinem Beitrag "Patient Zero: Why It's Such a Toxic Term" historisiert Richard McKay (University of Cambridge) die Praxis des "contact tracing", die um 1900 Verbreitung fand und zur Bekämpfung der AIDS-Epidemie in den 1980er Jahren eine unrühmliche Konjunktur erfuhr. Auch mit Blick auf die Corona-Pandemie warnt der Wissenschafts- und Medizinhistoriker: "We should ... discuss contact tracing ... with great care." (04/20)

 

Ground Zero of Empiricism

Lorraine Daston (Direktorin emerita, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin) zu den tastenden Versuchen von Medizinern und Wissenschaftlern in der Frühphase der Pandemie belastbare Erkenntnisse über das neuartige Virus zu gewinnen. (04/20)

https://critinq.wordpress.com/2020/04/10/ground-zero-empiricism/