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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Geschichtswissenschaften

Amsterdam ISHSS 2000/01


Resümee – International School for Social Sciences and Humanities, Amsterdam 2000/01

Dies ist der Bericht eines 10 monatigen Aufenthalts an der „International School for Social Sciences and Humanities“ der Universiteit van Amsterdam.

Zuallererst: Auch wenn viele es nicht wahrhaben wollen, die kulturellen Unterschiede zwischen Niederländern und Deutschen sind beträchtlich: ‘Wir‘ sind uns nicht so ähnlich, wie gemeinhin angenommen wird.

Ich kam also an und trat meinen zehnmonatigen Platz an. Ich war bereits gut informiert: über die Stadt und auch über die Universität und meine Ansprechpersonen. Ich wußte, wo ich hinzugehen hatte, um mich anzumelden etc. In dieser Hinsicht war das Informationspaket der Universität sehr gut. Das einzige, bei dem es nicht wirklich half, war die Wohnungssuche. Da kommen wir dann zu dem eher skandalösen Punkt: Die Universiteit van Amsterdam, zu der die 'International School' gehört, ist nicht in der Lage, allen Austauschstudenten einen Wohnheimplatz zuzusichern oder andere fundamentale Hilfe bei der Wohnungssuche anzubieten. In Berlin wäre das ja alles nicht so schlimm, aber bei der wirklich katastrophalen Wohnungssituation in Amsterdam ist das essentiell. Das kann sich niemand vorstellen, der nicht schon mal in London und New York Wohnraum gesucht hat(dort ist es wahrscheinlich vergleichbar katastrophal). Berlin ist dagegen der Himmel auf Erden. Als Berliner muß man seine Ansprüche drastisch herunterschrauben auf ein Maß, von dem man wahrscheinlich nie gedacht hätte, daß man so wohnen könnte. Auch Ansprüche an den Preis halten nicht stand. Bedingt durch die Knappheit und die vielen Suchenden geht der Preis natürlich in die Höhe. Das heißt nicht, daß die Niederländer nicht auch günstig wohnen würden. Der von den Genossenschaften vergebene Wohnraum ist günstig, aber in diesen Genuß kommt man als Student und noch dazu Austausch- nicht. Da die Nachfrage so groß ist, vermieten Leute, die nicht viel Geld haben, ein kleines Zimmer in ihrer schon beengten Wohnung(man wohnt generell enger aufeinander in den Niederlanden) für z.T. horrendes Geld. Natürlich gibt es immer Leute, die Glück hatten oder andere Leuten kannten, aber ich und die Mehrzahl, die ich kannte, hatten dieses Glück nicht. Ich war auf die Universität angewiesen und bekam bei der Verlosung vor Semesterbeginn eines der restlichen Zimmer in einem Studentenwohnheim zugewiesen.
Ich wohnte nun also im Norden von Amsterdam in einem 15stöckigem, eher häßlichen 60ziger Jahre Hochhaus. Mit Kakerlaken und Mäusen, wie sich kurze Zeit darauf herausstellte. Aber da muß man hier durch. Wer auch immer in kommenden Jahren einen Platz im Studentenwohnheim Cleyndertweg bekommen sollte, laßt Euch davon nicht abschrecken, auch davon nicht, daß es in diesem Haus eher aussieht als würden dort Junkies und Sozialhilfeempfänger wohnen. Wenn die Leute in den Fluren mit internationalen Studenten stimmen, könntet Ihr die beste Zeit Eures Lebens dort verbringen. Es glaubt Euch hinterher keiner, wie lieb Ihr diese Umgebung gewinnt. Ich habe dort zumindest eine wundervolle Zeit verbracht mit sehr unterschiedlichen, inspirierenden und liebenswürdigen Menschen. Und Ihr habt ein eigenes Bad und müßt das Zimmer nicht teilen, wie in anderen Studentenwohnheimen durchaus üblich.
Der zweite Teil des Skandals war jedoch, daß die Universität diese Zimmer nur für ein Trimester vergab und nicht für die gesamte Dauer des Aufenthalts. Also stand ich zwei Wochen vor Weihnachten wieder in einer Lotterie, nicht wissend, ob ich eine Verlängerung bekommen würde oder nicht. Ich bekam eine, aber man stelle sich die Situation vor, zwei Wochen vor Weihnachten kein Zimmer zu haben und nicht zu wissen wohin mit seinen Sachen. Und alle Leute fahren natürlich über Weihnachten nach Hause. Man bekommt zumindest starke Nerven.
Ich denke, daß diese Situation nicht haltbar ist und von der Berliner Seite unbedingt darauf gedrungen werden muß, daß den Austauschstudenten an der ‚International School‘ mehr geholfen wird als nur mit einem freundlichen Achselzucken.

Die Unisituation – die „International School for Humanities and Social Sciences“ ist der lebendige Beweis dafür, daß Masterstudiengang nicht gleich hohes Niveau und gute Qualität bedeutet. Die Kurse waren von der Qualität her sehr unterschiedlich. Es lag natürlicherweise an dem jeweiligen Dozenten. Ich kann aber eigentlich nur von den Kursen aus dem Bereich der Humanities sprechen, denn bei den Social Sciences fand sich nichts für meinen Interessensbereich. Ich habe aber von anderen deutschen Austauschstudenten gehört, daß es in diesem Bereich sehr interessante und gute Sachen gab. Es lohnt sich also vor allem für Leute, die Geschichte in Kombination mit Sozialwissenschaften oder Politik studieren, nach Amsterdam zu gehen.
Es bleibt anzumerken, daß die Kurse vom Reflexions- und Organisationsgrad her z.T. erheblich hinter deutschen Hauptseminaren zurückstanden, obwohl sie Masterskurse waren. Laßt Euch bloß nicht von Level 3 - Kursen abschrecken! Ansonsten kranken die Kurse an ähnlichen Problemen wie in Deutschland auch: mangelnde Struktur, mangelnde Vorbereitung der Studenten, mangelnde Diskussionsbereitschaft. Obwohl viele Leute doch beachtliche Geldsummen für einen 'Masters‘ dort bezahlen, gibt es nicht automatisch bessere Kurse, mehr Motivation und Engagement. Es kam mir auch ein bißchen wie ein Billigunternehmen der Universität vor, die prestigeträchtig und geldeinbringend ein Mastersprogramm entwickelt hat. Denn fast alle Dozenten waren eigentlich an der „normalen“ Universität angestellt und unterrichteten nur zusätzlich an der 'International School‘. Man hatte oft das Gefühl, daß ihr Fokus auch eher auf ihrer eigentlichen Anstellung lag.

An der Kursverteilung kann man schon erkennen, daß ich mich ab dem 2. Trimester noch anderweitig orientiert habe: Auf der einen Seite am Geschichtsbereich der „normalen“ Universität, auf der anderen Seite an der Universität in Leiden.
Doch zunächst zu den Kursen an der 'International School‘. Uneingeschränkt empfehlen kann ich nur die beiden Kunst- Kurse. Wer sich noch nicht sehr viel mit Kunstgeschichte beschäftigt hat und einfach mal einen Zugang zu Kunst sucht, für den sind sie perfekt. Nicht nur weil es viele Museumsexkursionen gibt und man so einige sehr gute Museen in den Niederlanden kennenlernt, sondern vor allem weil die Dozentin Marietta de Bruine es versteht, einem Kunst als Lebensäußerung persönlich nahezubringen in einer einfachen unprätentiösen Sprache, die vor allem um Verständlichkeit und nicht um Fachtermini bemüht ist, aber trotzdem den theoretischen und historischen Hintergrund vermittelt. Wer immer gedacht hat, mit modernen Kunst könne er nichts anfangen, der sollte ihren Kurs besuchen. Es wird sich dann ändern.
Vom Besuch des Kurses „Dutch Society and Culture“ möchte ich ganz abraten. Der Dozent Ad Welschen kann außer Klischees und Vorurteilen nichts zum Verständnis der Niederlande beitragen. Also: lest das Buch, aber geht nicht hin!

An dieser Stelle möchte ich für das Lernen der niederländischen Sprache werben. Auch wenn man immer sagt in den Niederlanden und speziell in Amsterdam braucht man kein Niederländisch(was tatsächlich stimmt), so bleiben einem doch viele Facetten der niederländischen Kultur und des niederländischen Wesens verschlossen, wenn man der Sprache nicht mächtig ist. Das fängt bei der Art der Kommunikation an und hört bei Theaterstücken und dem Sehen von Kinofilmen in anderen Sprachen, die man nicht kennt, aber bei denen man dann die niederländischen Untertitel lesen kann, auf. Jede Sprache vermittelt durch die Eigenheiten ihres Klanges, des Wortschatzes und der Satzstruktur bestimmte Wesenszüge der Kultur, die man sonst nicht erkennt. Und sie kann tatsächlich schön sein, die niederländische Sprache, wenn ich sie auch nicht für die geeignetste Sprache bei Liebeserklärungen halte(wo mir die Niederländer natürlich widersprechen werden). Außerdem bleiben einem Kurse in Leiden verschlossen, und die sollte man sich nicht entgehen lassen. Aber dazu später. Ich bin den Sprachkursen an der Universität gefolgt, die ich für recht gut und noch dazu am günstigsten halte. Man muß sich nur sehr früh dafür anmelden, denn sie sind schnell voll. Auch wenn Ihr blutige Anfänger seid, so wie ich es war, beginnt beim zweiten Kurs, ‚Beginners‘. Ansonsten langweilt Ihr Euch zu Tode. Wenn Ihr schon in Deutschland etwas gelernt habt, noch höher einsteigen.

Nun zu meinen anderen Uni- Erfahrungen. Die Angebote der Geschichtsfakultät an der Universiteit van Amsterdam konnten mich nach näherem Anschauen nicht wirklich reizen. Um so anders war es in Leiden. Ich hatte mich also nach einigen Monaten des Niederländisch- Lernens entschlossen 'ES' zu tun, Seminare auf Niederländisch zu besuchen. Ich schaute ins Internet und schrieb E-mails an die Dozenten, um nachzufragen, ob eine Teilnahme möglich sei, da ich doch nicht in Leiden studiere. Es war überhaupt kein Problem. Im Gegenteil, alle waren höchst erstaunt und beeindruckt über so viel Motivation, 35 Minuten von Amsterdam nach Leiden zu fahren, und das jede Woche. Ich hatte dann dort auch meine sehr guten Seminarerfahrungen. Ich besuchte ein Seminar zu 'Cultural History' bei einem amerikanischen Gastprofessor und ein Seminar zur Weimarer Republik mit Demokratievergleich Deutschland- Niederlande, das mich aus dem letzteren Grund reizte. Das Seminar zur Weimarer Republik gestaltete sich so, wie ich es von einem Hauptseminar erwarten würde: sehr motivierte und freie Diskussionen und ein gemeinsames Arbeitsverhältnis zwischen Dozent und Studenten. Es war erstaunlich, wieviel Freiraum man hier hatte, wo meine Erfahrungen in Amsterdam eher die eines verschulten Studiums waren. Am Ende bekam ich sogar noch eine extra Sitzung, um mit den Studenten über das niederländische Demokratieverständnis und über niederländische Identität zu sprechen, zwei Themen, die sich bei mir im Laufe meines Aufenthalts als wichtig herausgestellt haben. Ich habe daraus sehr viel über dieses Land gelernt.
Zum Seminar zur 'Cultural History‘ bleibt mir nur zu sagen, daß es nahezu perfekt für mich war. Es hat mir klargemacht, wo mein Interessensschwerpunkt liegt und wie sehr ich die anglo-amerikanische Art, Wissenschaft zu vermitteln, schätze. Auch einen anderen Blick auf die deutsche Universitätslandschaft hat es geworfen. Denn ich hörte auch mal von der anderen Seite, daß das Undergraduate- Studium in Deutschland so viel besser sei als in den USA, und das wo in Deutschland immer über das Studium gemeckert wird.
Beide Dozenten sind leider nicht mehr an der Universität, aber ich habe die Hoffnung, daß diese Seminare allgemein für die Qualität des Studiums in Leiden sprechen.

Noch ein paar Worte zum Verhältnis Niederlande- Deutschland: Es wird Euch schnell auffallen, falls Ihr es nicht schon wißt, die Niederländer, besonders die jungen, haben ein Problem mit den Deutschen. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges haben sich hier in eine Art kollektive Identität umgeformt, die darin besteht, vor allem ganz anders und viel besser als die Deutschen sein zu wollen. Der Deutsche ist die Negativfolie, psychologisch gesehen der große Bruder, wie mir ein Dozent erklärte, über den man sich lustig macht. Nun haben sich die Deutschen auch nach 1945 vielfach eher peinlich verhalten, aber trotzdem wundert es einen schon, wenn Leute unseres Alters in Small Talk – Situationen dementsprechende Sprüche äußern. Da ist dann von Offenheit keine Spur. Also wenn Euch so etwas passiert, nehmt es nicht persönlich. Sie können nicht anders.
Das mit dem Kennerlernen der Niederländer ist generell nicht einfach – das wird Euch bald auffallen. Wie wahrscheinlich bei jedem Auslandsaufenthalt, aber auch hier ganz besonders, weil sich die Niederländer als Gruppe gern gegenüber Neuankömmlingen abschließen.

Zum Schluß kann ich nur sagen: Genießt es, Euch einmal auf ein anderes Land, eine andere Kultur einlassen zu können! Ich habe versucht, so viel wie möglich von Land und Leuten mitzubekommen, kulturelle Veranstaltungen, Feste etc., irgendwie das gesellschaftlich und kulturelle Klima dort aufzusaugen und Dinge auszuprobieren, die ich so sonst wohl nicht getan hätte. Das ist es, was einen Auslandsaufenthalt im Endeffekt schön und ergiebig macht, Bücher lesen könnt Ihr auch Zuhause.
Habt Spaß und amüsiert Euch!

Stefanie Klamm