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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Geschichtswissenschaften

Amsterdam ISHSS 2003/04

Erasmus-Erfahrungsbericht Amsterdam 2003/2004

Kaya Sittard

Ich habe im Rahmen des Erasmus-Austauschprogrammes das akademische Jahr 2003/2004 in Amsterdam verbracht, wobei ich den Platz über das Institut für Geschichte bekommen habe. Ich studiere hier an der International School for Humanities and Social Sciences (http://www.uva.ishss.nl), an der man sich allerdings extra, bzw. parallel zur Universiteit van Amsterdam (http://www.uva.nl) bewerben muss, im Certificate Undergraduate Program European Art and Culture, European Society und Media and Communication.
Voraussetzung für die Zulassung ist ein Englisch-Nachweis, wie etwa der Toefl Test. Der gesamte Unterricht findet in Englisch statt.
Sobald man an der ISHSS angenommen wurde, wird das Vorlesungsverzeichnis zugeschickt. Um an den Kursen teilnehmen zu können, muss man sich über seinen Studienkoordinator registrieren lassen, in manchen Fällen noch ein Motivations-Paper beim Dozenten einreichen. Pro Semester ist man verpflichtet minimal drei Kurse (meist 10 Creditpoints pro Kurs) zu nehmen, maximal 40 Creditpoints sind für „besonders begabte Studenten“ erlaubt, was auch immer das heißt. Die Kurse sind zwischen zwei und vier Stunden lang, meist unterteilt in einen Vorlesungs- und einen Seminarteil. Die gründliche Lektüre der fälligen Literatur wird WIRKLICH erwartet, teilweise sind wöchentliche Zusammenfassungen fällig. Im Allgemeinen sind regelmäßige schriftliche Aufgaben ein fester Bestandteil, neben Referaten und ein bis zwei Hausarbeiten pro Kurs pro Semester. Diese fallen in der Regel kürzer aus, als das an der Humboldt-Uni die Regel ist, die Abgabetermine sind auch nicht immer verhandelbar. Auch Anwesenheit ist verpflichtend, wird kontrolliert und bei mehrmaligem Fehlen wird meist eine schriftliche „Strafarbeit“, d.h. die Zusammenfassung der Literatur der verpassten Stunden fällig. Allerdings gilt der Besuch der Familie bei einigen Dozenten durchaus als gute Entschuldigung.
Im Grossen und Ganzen würde ich das Niveau als niedriger als in Berlin beurteilen, man behandelt Themen oberflächlicher und pragmatischer, wobei letzteres eine angenehme Abwechslung zur philosophischen Herangehensweise des Kuwi/Ästhetik Instituts sein kann. Meine Erwartungen an die Inhalte haben sich weitesgehend erfüllt und ich bin mir sicher, dass mir dieses Jahr in Hinsicht auf mein weiteres Studium, als auch auf spätere Job-Vorstellungen viel gebracht hat. Ich habe meinen Themenschwerpunkt an der ISHSS auf Medien und Europa festgelegt und Kurse besucht wie etwa „Television in a Changing Europe“, „Eurocentrism and the Media“, „Hollywood – Europe – Hollywood“ und ähnliches.
Das Wintersemester beginnt in den Niederlanden am 1.September und geht bis zum 31. Januar, das Sommersemester vom 1.Februar bis zum 30. Juni. Wobei der Unterricht in den meisten Kursen vier Wochen vor Semesterende aufhört und diese Zeit zum Verfassen der Hausarbeiten genutzt wird.
An der International School gibt es zwei Koordinatoren für die Erasmus Studenten. Da es hier eigentlich nur ausländische Studenten gibt, ist die organisatorische Betreuung gut, man sollte ihnen allerdings nicht auf die Nerven fallen, dann wird auf stur geschaltet. Für allgemeine Fragen gibt es den ganzen Tag einen Ansprechpartner in der International School, der einem weiterhilft, eventuell auch Telephonate übernimmt etc.. Technisch ist hier alles unglaublich gut ausgestattet, Video-Beamer, PC mit Internetzugang etc. in den Unterrichtsräumen ist Standard, die PC’s in den Computer-Pools neu und Scanner, Drucker und Brenner verfügbar.
Die UvA vermittelt über eine Wohnungsagentur, DeKey Shortstay (http://www.dekey.nl) Zimmer in Studentenwohnheimen. Man sollte aber vorab sagen, dass Wohnen in Amsterdam nichts mit Wohnen in Berlin zu tun hat. Es herrscht hier extreme Wohnungsknappheit, was nicht gerade dadurch verbessert wird, dass durch ein dämliches Steuergesetz kaum jemand Zimmer untervermietet und wenn nur illegal, d.h. ohne jeden Vertrag und damit ohne jede Garantie. Ich habe hier in einem Wohnheim ein 10 m² Zimmer und teile mir mit 16(!) anderen internationalen Studenten zwei Duschen, zwei Klos und die Küche. Das bedingt eine unglaubliche Kompromissbereitschaft. Ich war mir in den ersten Wochen sicher, dass ich wieder ausziehen würde. Allerdings ist es in einer neuen Umgebung immer viel wert Menschen um sich zu haben und bei 16 Leuten ist die Wahrscheinlichkeit ein paar nette zu finden doch recht hoch. Und der Mensch passt sich ja dann doch immer an. Das Zimmer kostet monatlich 294 Euro, was aus Berliner Sicht absurd erscheint, hier aber zu der günstigsten Variante zählt. Freunde, die in etwas gediegeneren Studentenhäusern leben zahlen bis zu 490 Euro. Ein Zimmer auf dem freien Markt zu ergattern ist möglich, aber mit einigem Aufwand verbunden und am besten vor Ort machbar. Aufgrund seltsamer Gesetze werden Zimmer an Studenten aber fast immer nur illegal vermietet, d.h. man bekommt keinerlei Vertrag und läuft auch Gefahr urplötzlich vor die Tür gesetzt zu werden. DeKey vermietet die Zimmer nur semesterweise und sind auch sonst nicht grade die Wohlfahrt.
Das Gute an meiner Wohnung ist, das sie direkt am Waterlooplein liegt, somit mitten in der Stadt. Alles ist in fünf Minuten auf dem Rad zu erreichen und Touristenströme ist man von der Sophienstrasse ja auch schon gewöhnt. Hat man Sehnsucht nach (sehr flacher) Landschaft, kann man binnen 20 Minuten aus der Stadt in die Pampa kommen (auch mit dem Rad).
Das Fahrrad spielt im Leben in Amsterdam eine zentrale Rolle und sollte das erste sein, was man sich hier besorgt. Entweder legal auf einem Markt oder die Studentenvereinigung ASVA kaufen, oder illegal, aber bedeutend billiger auf der Brücke. Wobei man sich das gut überlegen sollte, die Polizei ist da sehr hinterher. Das gute Fahrrad aus Berlin mitzubringen würde ich mir sehr gut überlegen, auch wenn man noch so viele, gute Schlösser hat – Räder werden geklaut. Lieber hier einen alten Klepper kaufen, Gänge braucht man hier wirklich nicht. Man sollte sich jedoch nicht wundern, wenn auch das noch so runtergewirtschaftete Rad verschwindet. Wenn man Glück hat, lassen sie einem zumindest die Schlösser da, die meistens mehr wert sind, als das Gefährt selbst. Gute und billige Schlösser bekommt man auf dem Markt am Waterlooplein und dem Albert-Cuyp-Markt im De Pijp. Immer mindestens zwei benutzen.
Zum Leben ist Amsterdam recht teuer, gerade im Stadtkern ist vieles an Touristenniveau angepasst. Die größte Supermarktkette Albert Heijn hat alles, von der vorgeschälten Kartoffel über vorgekochte Fertigessen aus allen Nationen (erstaunlich gut allerdings), bis hin zu zahllosen Variationen von Erdnussbutter und Frühstückskuchen, ist aber auch extrem teuer. Es gibt hier in der Stadt auch ALDI und LIDL, Gemüse, Obst und Fisch kann am günstigsten auf den Märkten kaufen (Albert-Cuyp und Dappermarkt). Während des Tages essen die Holländer Brodjes, Brodjes und Brodjes, Kroketten, Vlaamse Fritten und Falafel bekommt man aber auch an vielen Ecken. Beim Weggehen trinken fast alle Biertjes, die zwischen 1,80 und 2,50 Euro kosten. Kleine Biertjes. Es gibt sehr viele nette Kneipen und Clubs in Amsterdam, und man entdeckt im Vorbeiradeln immer wieder neue, die man unbedingt noch besuchen muss. Was dann allerdings wieder sehr ins Geld geht.
Im Monat sollte man exklusive die Miete, etwa 450 bis 600 Euro kalkulieren. An der Uni wird hier auch erwartet, dass man sich die Bücher zum Kurs kauft (und Bücher in den Niederlanden sind wesentlich teurer als in Deutschland, Lieferfristen liegen teilweise bei sechs Wochen) oder vollständig kopiert. Da kommen recht schnell 150 Euro pro Semester zusammen.
Ich habe in Amsterdam nicht gearbeitet, einige meiner Freunde hatten Jobs in Call-Centern, Souvenirshops und Cafés, oder Coffeeshops. Als Europäer bekommt man sehr einfach eine Sozialversicherungsnummer, mit der man dann arbeiten kann. Jobs werden über Agenturen vermittelt oder man fragt einfach rum.
Die Uni vermittelt einem auch ein Konto bei der ABN-Amro, was einem das Leben sehr erleichtert, da man hier oft nur pinnen, d.h. mit Karte zahlen kann. Bleibt man ein Jahr hier, würde ich auch empfehlen einen Mobil-Telephon-Vertrag abzuschließen, das ist wesentlich günstiger als die Prepaid-Variante und in den meisten Wohnheimen gibt es zwar ein Flurtelephon, das aber nicht immer funktioniert.
Als Deutscher kann man sich schnell ins Niederländische reinhören, und ist nach ein paar Wochen durchaus in der Lage alles zu verstehen und zu lesen. Das Sprechen ist so eine Sache, es ist dem Deutschen sehr ähnlich, wird aber komplett anders ausgesprochen. Aber auch Grundverständigung ist recht rasch möglich. Ich habe am Anfang einen Holländisch Kurs belegt, habe aber etwas frustriert aufgegeben, da alles auf Englisch erklärt wurde, was die Sache für Deutschsprachige Studenten komplizierter macht als sie ist. Man braucht aber nicht Niederländisch zu sprechen, um in Amsterdam zu überleben. Jeder Busfahrer kann Englisch. Deutsch würde ich erst sprechen, wenn es mir von einem Niederländer angeboten wird, die meisten verstehen und sprechen es zwar, mögen es aber gar nicht, wenn man sie damit überfährt.
Das Verhältnis zwischen Deutschen und Holländern kann recht schwierig sein und man kann (muss aber nicht) hier seltsame Dinge erleben. Ich kann nur eine Gelassenheit gegenüber dummen Kommentaren empfehlen. Diskutieren bringt einen meist nicht viel weiter.
Im Allgemeinen ist Amsterdam unglaublich toll und ich kann nur empfehlen hierher zu kommen. Gerade im Frühling und Sommer ist es das Höchste durch die Grachten zu radeln und die Sonne im Vondelpark zu genießen. Der Winter ist grau, aber nicht so grau wie in Berlin. Ja, es gibt hier auch viele Coffeeshops, ich muss aber sagen, dass ich sie nicht wirklich viel genutzt habe.
Die Niederländer sind sehr lebenslustig, laut und, wie ich finde, liebenswert. Ich habe mich in Amsterdam von Anfang an zuhause gefühlt und bis auf die Wohnsituation keinerlei Anflüge von Heimweh nach Berlin verspürt. Unbedingt besorgen in Amsterdam:
-Museumskarte (kostenloser Eintritt in die meisten Museen)
-Vordeelurenkart (so was wie ne Bahncard, nur viel billiger)
-Albert-Heijn Bonuskarte

Links:
http://www.isn-amsterdam.nl internationale Studentenverbindung, organisieren auch die Einführungswoche
http://www.asva.uva.nl
http://www.crea.uva.nl