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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Geschichtswissenschaften

Bologna 2005/06

Bericht über den Sokratesaufenthalt in Bologna September 2005 bis März 2006

 
1. Über Bologna
Bologna liegt im Herzen der Emilia Romagna, ca. 80km nördlich von Florenz und an den Hauptautobahnen Norditaliens. Politisch sehr links orientiert, heißt die Stadt auch „la rossa“ (auch wegen der einheitlich roten Dächer, übrigens).
Bologna ist eine wirklich mittelalterliche Stadt mit einem wunderschönen Stadtkern, von dem sternförmig fünf große Straßen abgehen und der von einem Gewirr von Gassen, Sträßchen und Wegen durchzogen ist. Architektonisch ist Bologna berühmt für seine „portici“, Bogengängen über den Bürgersteigen, die sich auf 30 Kilometern durch das Zentrum ziehen und Schutz vor Regen und Sonne bieten (gibt es beides zur Genüge; besonders berühmt ist der Bologneser Nebel, der sich von November bis Februar breit macht).
Bologna ist eine sehr reiche und leider auch teuere Stadt, gilt aber auch als sozialer Brennpunkt und Drogenumschlagplatz. Hier gibt es prozentual zur Einwohnerzahl (300000 plus Studenten) mehr Obdachlose als in jeder anderen Stadt Italiens. Die Kriminalitätsrate ist - zumindest im Stadtkern - sehr gering. Unsicher muss man sich also auf keinen Fall fühlen, auch wenn man nachts um vier allein nach Hause läuft.
Es gibt viel zu sehen in Bologna; dafür sorgen nicht nur die vielen Museen und Galerien, sondern auch die reiche Geschichte, die sich in Plätzen, Kirchen und Palazzi widerspiegelt. Ich kann eine ausführliche Stadtführung wärmstens ans Herz legen, außerdem sollte man mal ins Uni-Museum gehen, wo wahre Schätze lagern.
Die Universität macht auch einen großen Teil der Stadtgeschichte aus; im Jahr 1088 gegründet, gilt sie als die älteste Europas. Hier studieren ca. 100000 Studenten. Zu den berühmtesten Dozenten gehört zum Beispiel Galileo Galilei. Bologna nennt sich auch „la dotta“; Studenten aus ganz Italien kommen hierher.

2. Wohnungssuche
In Bologna eine Unterkunft zu finden, gestaltet sich ungleich schwieriger als in Berlin. Da mich einige italienkundige Freunde bereits vorgewarnt hatten, begann ich bereits im Juni (!) 2005 nach einem Zimmer zu suchen und kann das auch nur jedem empfehlen, da die ohnehin schon horrenden Preise im September noch höher sind und die Auswahl klein.
Ich habe über www.easystanza.it ein „posto letto“ gesucht. Die allermeisten Italiener wohnen in Zweibettzimmern, und wenn man nicht zu viel Geld hat, nicht ganz außerhalb hausen will und eine lustige Erfahrung machen möchte, sollte man sich darauf einlassen. Für mein „posto letto“ habe ich 306€ monatlich gezahlt, exklusive Wasser und Gas. Das ist nicht das Billigste, doch unter ca. 250€ findet man nichts. Für ein Einzelzimmer muss man im Normalfall mindestens 350€ und mehr rechnen.
Es gibt auch Studentenwohnheime in Bologna, die kann ich aber nicht empfehlen, denn sie liegen recht weit außerhalb, und verglichen mit dem italienischen Lebensrhythmus (um 10 Uhr aufstehen, um 14 Uhr Mittagessen, um 21.30 Uhr Abendessen und frühestens um 2 Uhr nach Hause) sind die Busverbindungen miserabel. Außerdem leben in den Wohnheimen nur Erasmusstudenten, ein anderer Punkt, den ich keinesfalls empfehlen kann. Man sollte wirklich darauf achten, mit Italienern zu wohnen, auszugehen und zu lernen, das hilft mehr als jeder Sprachkurs. Ich kenne „Erasmen“, die zusammen wohnen und nach sieben Monaten Bologna noch immer keinen Satz auf Italienisch sagen können. Außerdem lernt man mit Italienern in der Wohnung nebenbei die Kultur des Landes viel besser kennen. Ich war noch dazu mit einer sizilianischen Mitbewohnerin gesegnet, die mich mit ihren Kochkünsten verwöhnte (ab und zu kam dann auch ihre „mamma“, da gab es jeden Tag Menü). Ein weiterer Vorteil, wenn man mit Italienern wohnt, ist, dass man gleich allen Freunden vorgestellt wird, nach einem Abend mit fünf neuen Telefonnummern nach Hause geht und sich nach dem ersten Ankunftsblues gleich viel besser fühlt.
 

3. Ankunft, Anmeldung und Sprachkurs
Ich kam Ende August 2005 in Bologna an, mit zwei großen Koffern und diversen Tüten, eine  davon gefüllt mit bayerischen Weißwürsten und Vollkornbrot, was mir die Zuneigung meiner Mitbewohnerin von Anfang an sicherte. Sie half mir dann auch, mich einzuleben (was heißt Zahnbürste auf Italienisch?) und ging gleich am Anfang mit mir in den Vodafone-Shop, um eine Simkarte zu kaufen. Mit dem Handy zu telefonieren ist in Italien ungleich billiger als bei uns; für Gespräche nach Deutschland kann man sich aber auch internationale Telefonkarten kaufen.

Wenn man sich in der Uni anmeldet, muss man immer mit langen Schlangen rechnen; andererseits lernt man nach zwei Stunden Wartezeit gleich einige andere „Erasmen“ kennen. Die Anmeldung klappte in Bologna ausgesprochen reibungslos. Wir bekamen eine nette Präsentationsmappe der Uni mit sämtlichen Unterlagen überreicht und unser Plastikkärtchen, das unter anderem dazu dient, sich Eintritt in die Toilette zu verschaffen (es gibt auffallend viele Obdachlose in Bologna, und damit die nicht die Toiletten der Uni benutzen, sind die Türen nur mit Magnetkarte zu öffnen - kleine Kuriosität am Rande!).
Die Universität Bologna hat zwar eine recht unübersichtliche Homepage (www.unibo.it), aber immerhin kann man fast alles online erledigen, so auch die Anmeldung zum Sprachkurs. Der wird für die Erasmusstudenten kostenlos angeboten und besteht aus 50 Unterrichtsstunden, wobei je nach Lernstufe auch einige Online-Lernstunden dabei sind. Für den Kurs meldet man sich im Juli (!) an, indem man einen Sprachtest im Internet absolviert; dann gibt es noch einen Einstufungstest Anfang September. Die Klassen sind angenehm klein und die Dozenten, nach allem was ich mitbekommen habe, alle sehr nett, kompetent und motiviert. Mir hat der Kurs nicht so wahnsinnig viel gebracht, da ich vor allem Grammatikunterricht gebraucht hätte und wir mehr Konversation geübt haben. Allerdings bekommt man einen sehr guten Einblick in Politik, Kultur und Geschichte Italiens und der Emilia Romagna. Über die Sprache selbst: wenn man Latein gelernt hat, gewöhnt man sich schnell an das Italienische; als ich ankam, konnte ich gerade mal sagen, wie ich heiße, woher ich komme und was ich studiere, und jetzt habe ich kaum Probleme mehr.

4. Uni und Anerkennung
Die Stadt Bologna selbst definiert sich auch und vor allem über die „Alma Mater“. Dementsprechend finden sich an allen Ecken und Enden Gebäude der Universität, vor allem in und um die Via Zamboni. Ich war wirklich beeindruckt von den schönen Palazzi, in denen die Vorlesungen stattfanden; alle aus dem Mittelalter, mit Stuck und Wandmalereien und Holztäfelungen. Besonders das Dipartimento di Storia ist wunderschön, ein Labyrinth von Bibliotheken, Studiensälen und Büros, gruppiert um einen kleinen Innenhof. Dazu kommt die gute Ausstattung der Räume: es gibt überall Beamer, Computer und Mikrophon, und die meisten Dozenten machen davon auch Gebrauch. Was ich wirklich super fand, war die Ausstattung mit internetfähigen Computern, von denen es in jeder Bibliothek und oft auch einfach auf dem Gang genügend gibt und die jeder mit seinem Uni-Passwort benutzen kann, so lange er will.
Das italienische Uni-System ist im Zuge des Bologna(!)-Prozesses vor einigen Jahren reformiert worden; das Studium teilt sich in eine „Laurea triennale“ und eine zweijährige „Laurea specialistica“ auf, in denen die zu absolvierenden Prüfungen vorgegeben sind. Dementsprechend lernen alle wie wild auf jede Prüfung vier Bücher auswendig; der Forschungsaspekt wird meiner Meinung nach völlig vernachlässigt, da man erst zum Studienende eine „Tesi“, also eine größere Hausarbeit schreiben muss. Es gibt auch kaum oder keine Seminare in unserem Sinne, sondern nur Vorlesungen, die zwei- bis dreimal wöchentlich stattfinden.
Die Themen der Kurse sind außerdem sehr weit gefasst - was wir an Spezialisierung im Grundstudium vielleicht manchmal zu viel haben, hat Italien definitiv zu wenig. „Geschichte der Arbeit“, „Geschichte Afrikas“ oder „Geschichte der Religion“ wird in dreißig Stunden naturgemäß sehr oberflächlich abgehandelt, meist dem Inhaltsverzeichnis eines einführenden Lehrbuchs à la Beck’sche Reihe folgend. Forschungskontroversen werden meist in Nebensätzen kurz angesprochen und dann gnädig unter den Tisch fallen gelassen. Das hat mich schon ein bisschen frustriert, weil ich mich oft wie in einem Abitur-Grundkurs fühlte.
Die ersten beiden Monate allerdings fühlte ich mich noch nicht in der Lage, Kurse zu besuchen. Nach einigen deprimierenden Stunden bei einer Toskanerin, einem Puglier und einem Venezianer erkannte ich, dass ich kein Wort verstand. Der Sprachkurs ging bis Oktober, danach lernte ich für meine Zwischenprüfung, für die ich noch mal nach Belrin flog.
Im November dann begann der zweite „ciclo“ (das akademische Jahr ist in zwei Semester eingeteilt, die allerdings aus je zwei „cicli“ bestehen), und ich besuchte zwei Kurse, einmal Psychosemantik (mein zweites Fach ist Linguistik) und Geschichte der Ernährung bei Professor Montanari, bei dem ich auch eine schriftlich Prüfung ablegte. Der ist eine Koryphäe, redet verständlich und ist noch dazu sehr nett. Ich kann nur jedem empfehlen, bei ihm eine Vorlesung zu besuchen!
Im dritten „ciclo“ dann, von Februar bis April, besuchte ich „Geschichte des italienischen Staates“, „Geschichte der Städte“ und eine Einführung in Prädikatenlogik für Linguistik.
Mit der Anerkennung ist es so eine Sache: Nachdem in Italien keine Hausarbeiten, sondern nur mündliche oder - in Ausnahmefällen - schriftliche Prüfungen vorgesehen sind, gestaltet sich die Anerkennung schwierig. Ich weiß noch nicht, inwieweit mir was anerkannt wird, deswegen kann ich darüber leider nichts sagen.

5. Kultur, Reisen, Nachtleben
Auch wenn sich es akademisch vielleicht nicht unbedingt lohnt, in Italien zu studieren, macht das die Kultur wieder wett. Gerade in Bologna gibt es viele Lesungen, Konzerte und Theateraufführungen, viele davon kostenlos. Ich war zum Beispiel bei einer gemeinsamen Lesung von Umberto Eco und Gerard Depardieu, Freunde von mir bei einer Diskussion mit Roberto Benigni. Die künstlerische Fakultät (DAMS) der Uni ist sehr berühmt und veranstaltet oft Kulturabende; es gibt auch ein sehr gutes Kino, das Lumiére, in dem Themenabende organisiert werden, in das oft berühmte Regisseure und Schauspieler kommen und das nicht nur Hollywood-Mainstream, sondern immer auch alte Klassiker, japanische und chinesische Filme, italienisches Kino und Kurzfilme zeigt. Bologna ist voll von Theatern, aber auch in einigen kleinen Osterien werden oft szenische Erzählungen aufgeführt, die meist nichts kosten und sehr lohnenswert sind.
Außerdem sollte man unbedingt in Italien herumreisen! Von Bologna aus sind Florenz, Ravenna, Padua, Verona, Mailand und Venedig nicht so weit entfernt, und die Züge kosten einen Bruchteil von dem, was man in Deutschland zahlt. Auch nach Rom ist es nicht so sehr weit, das kann ich nur empfehlen. Wenn man nicht gerade einen Flug erreichen muss, kann man über die regelmäßigen Verspätungen ja auch lachen. Die Erasmus-Organisation von Bologna veranstaltet auch regelmäßig Fahrten in umliegende Städte, oft mit Wein- oder Käseverkostung.
Das Nachtleben von Bologna ist auch super, es gibt viele Discos und Bars, vor allem um die Via Zamboni und in der Via del Pratello. Leider ist Ausgehen, wie fast alles, sehr teuer; für ein Bier muss man mindestens drei Euro rechnen, oft zahlt man auch „coperta“, wenn man nichts isst. Privatpartys sind zahlreich und lustig, man lernt sehr schnell sehr viele sehr nette Leute kennen. Ohne Stereotypen bedienen zu wollen, muss ich wirklich sagen, dass viele Klischees über Italiener stimmen: immer in Feierlaune, stets für einen „caffè“ oder einen „vino“ zu haben, äußerst nett und offen. Was in Deutschland oft anzüglich wirken würde, gehört hier zur allgemeinen Freundlichkeit.

6. Finanzielles
Wie bereits angesprochen, ist Bologna sehr teuer, vor allem wenn man Berlin gewohnt ist. Für die Miete muss man auf jeden Fall 300€ rechnen, Essen und Trinken kosten ca. 50% mehr als bei uns, Ausgehen und Kino sind sehr teuer und die Gasrechnung im Winter kann einen zur Verzweiflung treiben. Es gibt auch eine Mensa, was sich aber kaum lohnt - ich glaube, das Essen kostet dort ungefähr 4€. Ich brauchte in Bologna ca. 300€ mehr als in Berlin, allerdings auch, weil ich viel gereist bin. Das Sokrates-Stipendium hat mir da wirklich viel geholfen.
Wenn man zur Questura geht und sich eine Aufenthaltsgenehmigung holt, kann man allerdings auch arbeiten, als Kellner für ca. 6€ die Stunde, oder - wenn man Glück hat - in der Messe für ca. 80€ am Tag. In der Gastronomie stehen die Chancen gut, einen Job zu bekommen.

7. Fazit
Auch wenn ich jetzt pleite bin, auch wenn ich über den akademischen Nutzen so meine Zweifel habe: Ich würde es auf jeden Fall wieder machen, wenn ich könnte, nicht nur wegen der sich rapide verbessernden Sprachkenntnisse, den neuen Erfahrungen, den vielen neuen Freunden und dem Abenteuer, sondern auch wegen dem „Erwachsenwerden“. Die Weltsicht verändert sich im Ausland, ich habe versucht, die vielen guten Eigenschaften meiner Freunde zu übernehmen: Gelassenheit, Offenherzigkeit, Gastfreundschaft, Lebensfreude, Herzlichkeit. Wer nach Italien geht, kann sich davon selbst überzeugen und wird mich verstehen, wenn ich sage, dass diese Monate in Bologna die beste Zeit meines Lebens waren.

Eva Wittenberg