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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Geschichtswissenschaften

Brüssel 2003/04

ERASMUS-Studienaufenthalt 2003/04 an der Universität Libre de Bruxelles (ULB)

Franziska Kuschel


Vorwegnehmen möchte ich, dass ich einen Studienaufenthalt an der ULB in Brüssel allen nur wärmstens empfehlen kann. Ich habe ein, dem deutschen völlig verschiedenes, Studiensystem kennengelernt, meine Sprachkenntnisse erheblich verbessert, viele europäische Bekanntschaften geknüpft und Stück für Stück eine manchmal zu unrecht verschrieene Stadt, Brüssel, lieben gelernt. Im Studienjahr 2003/04 zog es rund 600 Studenten (einschließlich frankophone kanadische Austauschstudenten) an die ULB.


Das Studienjahr beginnt an der ULB bereits Mitte September. Das erste Semester (unser Wintersemester) endet daher auch schon Ende Dezember. Im Januar folgt die Prüfungssession. Das zweite Semester beginnt Anfang Februar und endet Ende Mai, gefolgt von einem weiteren Prüfungsmonat im Juni. Eine Anreise empfiehlt sich daher, sofern man nicht vorher noch einen Intensivsprachkurs machen möchte, Anfang September.
 
Wichtig ist mir zu erwähnen, dass ich bereits in der Vorbereitungsphase sehr gute Unterstützung von der Gastuniversität erhielt (Ansprechpartner, Informationen und Anmeldeformulare für ein Zimmer im Studentenwohnheim, Sprachkurs, studentische Aktivitäten). Notwendig ist, sich einen provisorischen Studienplan zu erstellen, welcher dann vor Ort noch einmal völlig umgestellt werden kann. Das Vorlesungsverzeichnis wiederholt sich in groben Zügen jedes Jahr, so dass man sich einen Eindruck von den Studienangeboten bereits vorher verschaffen kann (www.ulb.ac.be/prog/index.html).
 
Als Unterkunft kann ich ein Studentenwohnheimszimmer aus eigener Erfahrung sehr weiterempfehlen, da sich hier viele Kontakte auch zu belgischen Studenten ergeben. Die Studentenwohnheime sind mit 180-240 € die mit Abstand preiswerteste Unterkunft. Entgegen der offiziellen Hausordnung ist es auch möglich, Besuch aus der Heimat bei sich übernachten zu lassen. Allerdings ist es notwendig, sich frühzeitig für ein Zimmer zu bewerben, da diese sehr gefragt sind. Für alle anderen hält die Universität eine Liste mit privaten Vermietern bereit. Selbstverständlich besteht auch die Möglichkeit, die ersten Wochen in einer Jugendherberge zu wohnen und vor Ort zu suchen. Hierbei empfehle ich aber, sich ein Zimmer in Uni-Nähe zu suchen. Die Uni ist auf drei Campus verteilt, der Campus du Solbosch, der Campus de la Plaine und der Campus d’Anderlecht (Erasme). Das Historische Institut befindet sich ausschließlich auf dem Campus du Solbosch im Stadtteil Ixelles.
 
Auch nach der Ankunft gibt es eine gute Betreuung. Einerseits gibt es die offizielle Einführungsveranstaltung für Erasmus-Studenten, bei der Formalitäten, wie Studentenausweis und Versicherungen, geklärt werden und man nützliche Unterlagen, wie z.B. den unieigenen Kalender mit allen wichtigen Adressen und Terminen, erhält. Hier möchte ich den Tipp geben, immer genügend Passfotos dabei zu haben, da diese überall notwendig sind. Andererseits bietet die studentische Organisation Express (http://dev.ulb.ac.be/~niroig/cgi/fr/incoming.php) eine Einführungswoche an. Aber auch während des Semesters gibt es regelmäßig Angebote zu Treffen und Ausflügen. Dazu später mehr.
 
Vorher einige Informationen zum Studium: die Unterrichtssprache ist französisch. Das Studiensystem unterscheidet sich grundlegend von unserem und ist sehr verschult, d.h. es findet fast ausschließlich Frontalunterricht statt und der Student schreibt von der ersten bis zur letzten Minute mit. Zu vielen Kursen gibt es einen „syllabus“ (Reader), die im unieigenen Buchladen zu kaufen sind. Jeder Kurs endet mit einer Klausur oder mündlichen Prüfung am Ende des Semesters. Das hier übliche System mit Referat und Hausarbeit ist dort unbekannt. Wer also unbedingt einen hier anerkannten Leistungsnachweis im Ausland erbringen möchte, muss das individuell mit einem Professor klären. Meine Erfahrung ist aber, dass die Professoren sehr um die Erasmus-Studenten bemüht sind.
Die Uni bietet einen kostenlosen Sprachkurs für Erasmus-Studenten mit mittlerem Sprachniveau an. Dieses Niveau wird durch einen Einstufungstest festgestellt. Allerdings sollte man sich parallel um einen alternativen Sprachkurs bemühen, da man mit normalen Französisch-Kenntnissen nicht mehr ein mittleres Niveau erreicht. Der Test für einen Kurs (für all die, die zu gut oder zu schlecht waren) findet durchaus auch vor dem „Erasmus-Test“ statt. Des Weiteren gibt es auch private Anbieter von Sprachkursen, die teils aber erheblich teurer sind als die uniinternen Kurse.
Für alle, die es interessiert: die ULB hat ein vielfältiges Sportangebot, das man mit einer einzigen preiswerten Sportkarte nutzen kann.
 
Neben dem Studieren gibt es in Brüssel an der ULB ein einzigartiges Studentenleben. Am auffälligsten sind die so genannten „Cercles“, eine Art Studentenverbindung der einzelnen Fakultäten, aber auch politischer Hochschulgruppen, die auf eine lange Tradition blicken. Jedes Jahr treten rund 1/3 der Studienanfänger den Cercles bei. Für alle ausländischen Studenten waren die Aufnahmeriten (Taufen), die bis Mitte November dauern, etwas befremdlich anzuschauen. Ein Muss ist aber der Besuch einer „TD“ (thé dansant), der fast täglich stattfindenden Studentenparty, wofür die Uni eigens einen Raum zur Verfügung stellt. Die „bières volantes“ (fliegende Biere) sind das Markenzeichen dieser „Tanzabende“, d.h. dass die mit Bier gefüllten Plastikbecher, bevor sie ganz ausgetrunken sind, über die Schulter in die Menge fliegen. Einen Höhepunkt finden die „Feierlichkeiten“ zum Saint-Verhaegen, am 20. November, mit dem Studentenumzug durch die Brüsseler Innenstadt. An diesem Tag wird jedes Jahr die Universitätsgründung 1834 durch Théodore Verhaegen, „heilig“ aufgrund seiner antiklerikalen Haltung und Gegnerschaft der Einmischung der Kirche in Sachen der Lehre, gefeiert.
Natürlich gibt es auch spezielle Veranstaltungen für Erasmus-Studenten, wo man aber vergleichsweise wenige „einheimische“ Studenten trifft. Hier möchte ich die wöchentlichen Treffen im „Carpe Diem“, einer Kneipe in Uni-Nähe, kulturelle Angebote, wie einen Besuch in einer Chocolaterie, Theaterbesuchen und Ausfügen ans Meer und nach Brügge hervorheben. Ansonsten gibt es in Ixelles viele zu empfehlende Ausgehmöglichkeiten (schaut unbedingt im Tavernier und im Atelier, wo es über 200 belgische Biersorten gibt, vorbei).
 
Zum Schluss möchte ich noch letzte Tipps für das tägliche Leben geben: die Mehrzahl der Brüsseler ist sehr aufgeschlossen und hilfsbereit und auch mit geringen Französisch-Kenntnissen kann man sich gut zurechtfinden, da fast alle auch Englisch sprechen oder aufgrund der offiziellen Zweitsprache in Brüssel, Niederländisch, auch Deutsch verstehen. Auf sein Gepäck und Handtaschen sollte man aber dennoch unbedingt Acht geben. Die Einrichtung eines Bankkontos für ein Semester ist nicht unbedingt nötig. Preiswert durch ganz Belgien reist man mit dem GoPass (10 Fahrten für 40 EUR). Unbedingt probiert werden müssen die belgischen gaufres (Waffeln), Pralinen, das belgische Bier und frites.
Direkt in Brüssel wird ein Hoch-Französisch gesprochen, im Unterschied zu Frankreich nur durch einige „belgicisme“ ergänzt. Beispiele dafür sind: un kot= une chambre d’étudiant; 70= septante; 90= nonante; à tantôt= à plus tard.
 
Franziska Kuschel