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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Geschichtswissenschaften

Leicester 2002/03

Bericht: University of Leicester, Wintersemester 2002/03

Ulrike Huhn

Meine knapp vier Monate mit dem Erasmus-Programm in Leicester, einer mittelgroßen früheren Industriestadt in Mittelengland, habe ich vor allem als eine Erfahrung der universitären Rundumversorgung und damit als reichliches Kontrastprogramm zu Berlin in Erinnerung.
Natürlich hat das seine angenehmen Seiten: garantiertes Zimmer im Studentenwohnheim, Sprachkursangebote von der Universität, ermunternde Einführungsveranstaltungen (bis hin zur verbindlichen Gesundheitsuntersuchung für alle Studenten und kostenlosen Impfangeboten!), geregelter Seminarbetrieb, bei dem die Dozenten einem bei Fehlen e-mails hinterherschicken – man kann gar nicht verloren gehen.
Hatte ich diese Seite bereits vorher mit dem englischen Universitätssystem verbunden, erwiesen sich meine anderen Erwartungen von umwerfenden Studienbedingungen, motivierten Studenten und tollen Bibliotheken nur zum Teil als gerechtfertigt. Die Universitätsbibliothek hatte zwar jeden Tag bis 22 Uhr geöffnet (selbst am Sonntag bis 21Uhr) – aber die Bücher selbst waren oft unglaublich alt; in den Leselisten der Seminare wurde auf Bücher aus den 70er und 80er Jahren verwiesen. Dass man für die Seminare nicht bibliographieren muss, machte insofern Sinn, weil es eben nur diese eine Bibliothek gab und man für seine essays dann einfacher zu dem betreffenden Regal ging und nahm, was man finden konnte. Fernleihe ist möglich, für undergraduate-Studenten jedoch nur mit Einwilligung des Dozenten. Ziel des Bachelor-Abschlusses – und nur der ist in Leicester im Fach Geschichte (mit Ausnahme der Stadtgeschichte) möglich – ist ja auch keine wissenschaftliche Ausbildung, sondern nur ein beginnender selbständiger Umgang mit Studieninhalten. Die Berliner Erfahrung des Studierens als Herausforderung, an der man wachsen kann und muss, hat mir in England dann eigentlich auch gefehlt. In den undergraduate-Kursen der ersten drei Jahre soll ein nur ein bestimmter Wissensstand vermittelt werden, d.h. in jedem Jahr bieten die Dozenten nur wenig veränderte Vorlesungen und Seminare an, die den Anspruch entsprechend auf die Grundlagen runterfahren: man soll bestimmte Namen, Begriffe und Zusammenhänge mal gehört haben, aber das reicht dann auch. Insofern war ich ständig hin und hergerissen von meiner Begeisterung über die Studienbedingungen – Seminare mit max. 20 Studenten – und der meist gelangweilten Zurückhaltung meiner durchweg jüngeren Kommilitonen, die die Seminarthemen in der Regel als zu lernenden Schulstoff aufnahmen. Genossen habe ich die große Gelassenheit mit den zahlreichen Nicht-Muttersprachlern, die es mir leichter gemacht hat, mich an den Seminaren zu beteiligen – wenn ich auf der anderen Seite immer wieder mit meiner Motivation kämpfen musste. Die essays, die mir in Berlin voraussichtlich anerkannt werden, waren dagegen eine spannende Herausforderung und wurden im Gegensatz zu Referaten überraschend streng kommentiert.
Natürlich kann es kein Studiensystem geben, das allen Studies gleichermaßen gerecht wird. Ich habe in Leicester realisieren können, wie sehr ich an der Humboldt-Universität uni-sozialisiert bin, dass ich mich da trotz der häufigen Massenseminare auch recht wohl fühle und das hiesige freischwebende Studieren mit freier Zeiteinteilung auch seine durchaus vorteilhaften Seiten hat. Mit dieser Erkenntnis bin ich – zumal angesichts der recht kurzen Zeit in Leicester – dann auch sehr einverstanden.

Für weitere Nachfragen: ulrike.huhn@student.hu-berlin.de