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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Geschichtswissenschaften

Leicester 2011

Erfahrungsbericht Leicester SS 2011

 

Das Sommersemester 2011 habe ich an der University of Leicester verbracht. Im Sommersemester nach Leicester zu gehen hat Vor- und Nachteile. Zu den Vorteilen gehört, dass sich prinzipiell nicht so viele Bachelor-Studenten auf einen Erasmus-Platz im Sommersemester bewerben. Dies gilt nicht nur für die HU, sondern europaweit. Dies hat zur Folge, dass es im zweiten Semester deutlich weniger Erasmus-Studenten gibt – was man als Vor- aber auch als Nachteil auslegen kann. Ich habe es deshalb als angenehm empfunden, da wir in meinem Wohnheimblock nur sechs Studenten anstatt der üblichen zehn waren und man somit mehr Platz im Kühlschrank und mehr Zeit im Bad hatte. Darüber hinaus waren drei meiner Mitbewohner schon im ersten Semester dort und konnten einem wichtige Hinweise geben. Auch hatten sie im ersten Semester schon alle notwendigen Küchenutensilien gekauft, weshalb wir Neulinge keine großen Anschaffungen machen mussten. Ein Nachteil im Sommersemester ist jedoch, dass das Semester in Leicester schon Ende Januar losgeht, während in Deutschland das Wintersemester noch läuft. Aus diesem Grund musste ich neben meinen universitären Verpflichtungen vor Ort auch noch eine Hauptseminarsarbeit und andere kleinere Arbeiten für die HU fertig stellen.

Wie schon erwähnt, habe ich im Wohnheim (Mary Gee) gewohnt, dass zwar das günstigste Wohnheim, aber im Vergleich zum Wohnen in Berlin immer noch sehr teuer ist. Hier leben zum Großteil Erasmus-Studenten, aber ich hatte auch zwei englische Mitbewohner. Wer jedoch länger als ein Semester in Leicester studieren möchte, dem würde ich empfehlen, eine private Unterkunft zu suchen, da diese nicht nur günstiger, sondern wahrscheinlich auch näher zum Campus ist.

Um in Kontakt mit anderen Studenten – ob nun englische oder internationale – zu treten, sollte man an der Einführungswoche teilnehmen. Auch sehr beliebt sind die zahlreichen – zum Teil von studentischen Gesellschaften organisierten – Pub Crawls. Leicester bietet verschiedenste Pubs und Clubs, wobei die meisten Studenten sich am Ende doch in der auf dem Campus gelegenen Disco wiedertreffen. Ich bin darüber hinaus einmal die Woche zu einem Deutsch-Stammtisch in einem Pub gegangen, der von englischen Studenten, die Deutsch studieren und selber auch schon Erasmus in Deutschland gemacht haben, organisiert wurde. Dies war immer eine nette Gelegenheit neben anderen Deutschen, auch englische Studenten kennenzulernen und einen Tandem-Partner zu finden.

Ansonsten kann man von Leicester aus Tagesausflüge z.B. nach London, Oxford, Cambridge, York, Nottingham, Lincoln, Bath und Birmingham machen. Je nachdem wie weit man im Voraus bucht, kann man sehr günstige Bus- und Zugtickets erwerben. Auch organisiert die International Student Organisation günstige Tages- und Mehrtagesausflüge z.B. ins Lake District oder nach Schottland. Leicester selber hat als Stadt nämlich nur wenig zu bieten, weshalb es auch mit Grund in meinem Reiseführer für Nord- und Mittelengland nicht erwähnt wird.

 

Im Rahmen des Bologna-Prozesses wurde in Deutschland bei der Umstellung auf Bachelor und Master oft auf das englische System als Vorbild verwiesen. Nach meinem Aufenthalt in Leicester kann ich zumindest für den Bereich der Geschichtswissenschaften sagen: Gott sei Dank hat sich die HU nicht weitgehend daran orientiert. Wird auch in Deutschland schon beklagt, dass das Studium sehr verschult sei, so ist dieser Grad gegenüber Leicester noch gering. Neben dem obligatorischen Lesen von Texten als Seminarvorbereitung wurden hier jedoch auch Hausaufgaben aufgegeben. Sehr schockiert hat mich, dass hier in einem Geschichtsstudium eigentlich nicht mit Quellen gearbeitet wird. In einem Seminar zu Ludwig XV wurde das Seminar ausschließlich auf Sekundärliteratur aufgebaut und noch nicht einmal Hinweise auf Primärtexte gegeben. In einem Seminar zur Stadtgeschichte Norwichs wurden zwar manchmal ein paar Auszüge aus dem Major’s Record von Norwich benutzt. In diesem Rahmen wurden aber immer wieder erst einmal die berühmten „W-Fragen“ besprochen und keine tiefergehende Interpretation und Einordnung vorgenommen – und das in einem Seminar für Studenten im zweiten Jahr! Insgesamt hat der ERASMUS-Aufenthalt in Leicester keinen fachlichen und akademischen Gewinn für mich gebracht. Das Studium ist hier hauptsächlich auf die reine Ereignisgeschichte bezogen. Auch konnte ich mir meine Veranstaltungen nicht nach Interesse aussuchen, da bei einem Aufenthalt im zweiten Semester nur noch wenige Seminare mit offenen Plätzen zur Verfügung stehen, da die englischen Studenten zu Beginn des ersten Semesters ihre Kurse für das zweite Semester wählen. Von meinen fünf im Vorfeld ausgesuchten Kursen habe ich keinen bekommen, sondern konnte mir auch sechs noch nicht vollen Kursen zwei aussuchen. Gewöhnungsbedürftig sind auch die zwei Essays, die während des Semesters in jedem Seminar geschrieben werden müssen. Die Essays sollen ca. 2000 Wörter lang sein, wobei man mit Punktabzug rechnen muss, sobald man 200 Wörter mehr oder auch weniger hat. Die vorgegebenen Essayfragen thematisch sehr enggestellt und nur auf die Ereignisgeschichte bezogen und ausschließlich mit Hilfe von Sekundärliteratur zu beantworten.

Ich habe durch meinen Aufenthalt die Qualität der deutschen geisteswissenschaftlichen Ausbildung schätzen gelernt, da diese einen akademischen Anspruch hat und sogar Hilfswissenschaften vermittelt. Und dafür ist sie im Vergleich zu den englischen Studiengebühren auch noch sehr günstig. Insgesamt hatte ich eine interessante Zeit in Leicester. Ich habe Freundschaften zu Studenten aus anderen Ländern geschlossen, mein Englisch verbessert und auch die britische Lebensweise näher kennengelernt. Allein das Studium an sich an der University of Leicester trübt das Bild.