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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Geschichtswissenschaften

Leiden 2000/01

Ein Auslandssemester in Leiden 2000/2001

Wieso in die Niederlande ?

„Warum denn nicht Italien?“ lautete die Standardreaktion auf meine Ankündigung, ein Semester beim westlichen Nachbarn, in den Niederlanden, zu studieren. Offenbar wird von einer Kunstgeschichtsstudentin nach wie vor erwartet, daß sie eine dem 18. Jahrhundert nachempfundene „Grand Tour“ absolviert und die führt nun mal nach Florenz und Rom, vielleicht nach Paris oder – für die wetterfesten - nach London. Aber Holland?

Vielleicht gerade deswegen Holland. Abgesehen davon weiß ich nicht, was ich mit meinem Interesse an der holländischen Kunst des 17. Jahrhunderts in italienischen Renaissance-Zentren soll. Das Kunstgeschichtliche Seminar bietet keinen Austausch mit niederländischen Universitäten an (warum eigentlich nicht?), also bewerbe ich mich fachfremd bei den Historikern auf den von den dortigen Studenten offenbar nicht besonders begeistert aufgenommenen Platz in Leiden. Standardreaktion hierauf: Ist der Name Programm?

Leiden

Leiden ist klein, sauber und mit seinen 17.-Jahrhundert- Häusern, -Mühlen und -Grachten äußerst pittoresk. Erst recht für jemanden, der normalerweise in Berlin wohnt. Wer länger als 10 Minuten zur Uni radfahren muß, wohnt „weit draußen“. Dank der 1575 gegründeten renommierten Universität und der guten Anbindung an Amsterdam und Den Haag (wie auch zu allen anderen wichtigeren Städten der niederländischen Hauptprovinz Holland) ist das (kulturelle) Angebot für die 100 000 Einwohner und die rund 16 000 Studenten erstaunlich groß. Leiden selbst trumpft auf mit mehreren Theatern, Kinos und Konzerthallen, 12 Museen und unzähligen Cafés und Restaurants und – sehr wichtig, da jedesmal ein Ereignis – dem mittwochs und samstags am Nieuwe Rijn stattfindenden Markt. Großer bzw. kurzer Vorteil ist sicherlich auch die nur knapp 8 km lange Strecke bis nach Katwijk, das heißt bis zur Nordsee.

Zu Höchstform läuft die Stadt während der Feierlichkeiten um den 3. Oktober auf, dem städtischen Feiertag zur Erinnerung an die Aufhebung der spanischen Belagerung Leidens durch Wilhelm von Oranien im Jahr 1574. Das Weißbrot-und-Hering-Frühstück, das Wilhelm den hungernden Bewohnern Leidens am Morgen nach der Befreiung auftischte, wird bis heute am Jahrestag mit Begeisterung gegessen. Dazu gekommen ist ein knapp dreitägiger Ausnahmezustand, währenddessen in Leiden eine gigantische Kirmes stattfindet und man an jeder Ecke auf Open-Air-Bühnen mit Musik und Bierausschank trifft.

Erwähnt werden muß in diesem Zusammenhang auch die wirklich lebhafte Jazzszene Leidens, die sich jeden Abend bei live-Musik im Cafe „The Duke“ tummelt und einmal jährlich im Januar die Leidener Jazzwoche organisiert, in der man fast rund um die Uhr für wenig Geld wirklich gute Bands anhören kann.

Leute

Als ausländischer Student rennt man in den Niederlanden offene Türen ein und begegnet in erster Linie Niederländern, die so sind, wie es der Ruf prophezeit: sehr tolerant, hilfsbereit, trinkfest und passionierte Käseesser. Die Vorbehalte gegenüber Deutschen, vor denen man mich gewarnt hatte und die zum Entsetzen der niederländischen Presse besonders bei heutigen Jugendlichen zu finden sein sollen, sind mir nie begegnet. Sprachprobleme gibt es für Deutsche kaum, da Niederländisch dem Deutschen doch sehr verwandt ist. Darüber hinaus hat man aber (leider) auch kaum Gelegenheit, es zu sprechen, da die hilfsbereiten Einheimischen meistens in fließendes Englisch oder Deutsch überwechseln, wenn sie merken, daß man kein niederländischer Muttersprachler ist.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist der bei Studenten sehr verbreitete Hang dazu, sich in Gruppen zu organisieren. Eine gewisse Abgeschlossenheit des Bekanntenkreises ist vorprogrammiert. Die sogenannten verenigingen sind zwar im Ursprung den deutschen Burschenschaften verwandt, scheinen mittlerweile aber einen eher zivilen Charakter ausgeprägt zu haben und sind insgesamt wesentlich unbelasteter und üblicher als die deutschen Vereinigungen. Einige von ihnen, wie zum Beispiel der Leidener Traditionsverein Minerva, sind für Ausländer nur bedingt zugänglich und haben neben wöchentlichen Umtrunkabenden und angeschlossenen Chören und Orchestern auch eine Eröffnungshymne, Inkorporationsverfahren, Kleiderordnungen (für männliche Mitglieder, Frauen sind noch nicht lange genug zugelassen, um in dieser Hinsicht schon reglementiert worden zu sein) und ziemlichen Einfluß auf dem lokalen Wohnungsmarkt. Andere Studentenvereine wie Catena geben sich – offenbar in bewußter Opposition – leger bis links und nehmen auch Ausländer auf.

Offenbar ist man sich über diese leichte Anfälligkeit für Schubladenmentalität im Klaren, jedenfalls bietet das ErasmusStudentNetwork internationalen Studenten eine wirklich ausgiebige Einführungswoche und über das Semester verteilt viele Veranstaltungen und Termine an, um den sozialen Einstieg zu erleichtern. Leider wird man bei solchen Ereignissen wie der Kutterfahrt über die Kanäle um Leiden wiederum ziemlich erfolgreich zum Mitglied der Gruppe „International Students“ abgestempelt. Möchte man tatsächlich mit Niederländern zu tun haben, sollte man sich möglichst nicht nur auf die mittwöchlichen Treffen des ESN im Café Einstein verlassen, sondern sich selbst um Kontakte kümmern . Möglichkeiten bieten sich über Sportvereine, das Sportzentrum der Uni, die Kurse des LAK-Theaters (im Unigebäude am Cleveringaplaats) und verschiedene Chöre und Orchester, die sich in den zu Beginn des Semesters verteilten Broschüren vorstellen.

Unterkunft

Definitiv das heikelste Kapitel meiner Hollanderfahrungen. Erst einmal etwas wirklich Gutes: die Universität Leiden kümmert sich in Zusammenarbeit mit dem SLS (Stichting Leidse Studentenhuisvesting) um Unterkunft für ausländische Studenten, ein Service, der bei der ziemlich katastrophalen Wohnungssituation in Leiden mehr als entgegenkommend ist (nämlich absolut notwendig). In einem Formular hat man Gelegenheit, die Mietkostenhöhe, die man zu tragen bereit ist, etwas einzuschränken und einige kurz vorgestellte Wohnheime oder Wohnmöglichkeiten zu einer persönlichen Hitliste zu arrangieren. Favorit - und zwar zu Recht - ist bei den meisten die Mitwohnzentrale R.o.o.F.S., die einem günstige Zimmer in fast rein niederländischen StudentenWGs vermittelt. Der Bedarf wird bei weitem nicht vom Angebot gedeckt und die meisten Auslandsstudenten mußten ziemlich ernüchtert feststellen, daß ihre Wunschliste eher weniger als mehr Einfluß auf die Zuteilung des Zimmers gehabt hatte (ich landete in dem auf den vorletzten Platz gesetzten Wohnheim).

Erst zwei Wochen vor der Abfahrt nach Leiden (nervenaufreibend spät also) kam eine e-mail mit einem Angebot für einen Platz im Wohnheim, das höchst kurzfristig angenommen werden mußte, damit der Platz nicht an andere vergeben wurde. Das leichte Unbehagen, das sich einstellte, als man ohne irgendwelche Unterlagen in Leiden eintraf und darauf vertrauen mußte, daß alles geklappt hatte, verlor sich spätestens, als man im International Office auf andere Studenten traf, die nicht einmal jetzt, nach ihrer Ankunft, wußten, wo bzw. ob sie untergebracht werden würden. Einige Leute zogen in den nächsten Wochen immer wieder um, je nachdem, wo gerade eine zweiwöchige Zwischenmiete möglich wurde. Unter den hübschen Leidener Brückchen mußte keiner schlafen.

Die Wohnheime des SLS, in denen man als Austauschstudent vorwiegend untergebracht wird, unterscheiden sich in Qualität und Preis erheblich. Teuer (zumal für Berliner Verhältnisse) sind sie alle. Im Wohnheim in der Herengracht, einem wunderschönen alten Gebäude in gutem Zustand, zahlt man bis zu knapp 1100 Gulden Miete für einen nicht allzu großen Raum. Duschen, Toiletten und Küche teilt man sich mit anderen. Billigere Varianten sind die Wohnheime Stationsplein 242 und Boerhaavekwartier, in denen ein 18 qm großes Zimmer 560 Gulden im Monat kostet. Sollte man die Wahl haben, sollte man sich unbedingt für Stationsplein entscheiden. Die Monate im Container (Boerhaavekwartier) habe ich nur wegen des äußerst glücklichen Umstands durchgehalten, daß jeder einzelne meiner 14 Mitbewohner in meiner Hälfte des Ganges ein wahrer Glücksgriff war und diese fröhliche GroßWG einen die hauchdünnen Wände (jedes Wort des Nachbarn zu hören), die zu kleine und zu dreckige Küche, den eigentlich unhaltbaren Zustand der Sanitäranlagen, die zwei Münztelefone im Eingangsbereich (die zu hundertprozentiger Steigerung der Mobiltelefonbesitzerquote führen) und immer wieder auftretende Strom-, Heizungs- und Heißwasserausfälle vergessen ließ. Um nicht falsch verstanden zu werden: Boerhaave läßt sich ertragen. Der Containerbau befindet sich im Grünen auf dem Gelände des medizinischen Campus, die Zimmer sind groß und das Waschen kostenfrei, die Umgangssprache ist Englisch, berühmtberüchtigt sind die Boerhaave Parties im großen Aufenthaltsraum. Sollte man nach Holland gegangen sein, um ohne große Sprachschwierigkeiten, dafür aber mit Heineken und populären Kräutern aus den Amsterdamer Coffeeshops ein halbes Jahr zu feiern, wird es einem sogar noch besser gefallen. Sonst empfiehlt es sich, sich um ein Zimmer im Stationsplein zu reißen. Hier hat man dann wenigstens Wände, bei denen man nicht gleich im Nebenzimmer ankommt, wenn man eine Reißzwecke anbringt. Generell gilt: je früher man sich um das Zimmer kümmert, desto größer ist die Chance, etwas wirklich Schönes für erheblich weniger Geld zu bekommen. Manche R.O.O.F.-Zimmer sind wahre Paläste, sind billiger und ermöglichen einem außerdem auch, sein Niederländisch zu verbessern.

Uni

Die Anforderungen an niederländischen Universitäten sind nicht größer oder geringer als an den deutschen Unis, sondern einfach sehr anders.

Das Universitätssystem arbeitet mit Studiengebühren und einer offenbar gut funktionierenden Ausbildungsförderung vom Staat. Für den Austauschstudenten heißt das erst einmal nichts (die Studiengebühren muß man nicht tragen), man merkt den Unterschied aber spätestens dann, wenn man in einer Vorlesung mit 30 Zuhörern sitzt, die dank des kleinen Kreises fast zum Seminar wird, und kein Seminar mit mehr als 20 Teilnehmern findet. Die größte Vorlesung, an der ich teilnahm, war eine Veranstaltung der Geschichtsfakultät zur holländischen Geschichte, zu der sich jedesmal rund 80 Hörer einfanden. Das Klima ist äußerst entspannt, Dozenten kennen ihre Studenten zumindest vom Sehen und viele umständliche Behördengänge, die gerade am Ende des Semesters nötig gewesen wären, um verschiedene Bestätigungen und Zeugnisse zusammen zu sammeln, erübrigten sich, weil man sich direkt an die Lehrenden wenden konnte und sich auf ihre Kooperation und Hilfsbereitschaft verlassen konnte.

Die Niederländer fangen sehr früh an zu studieren. Das Durchschnittsalter an den Unis ist deutlich niedriger als bei uns. Wenn man nach der Zwischenprüfung ins Ausland geht, wird einem meistens empfohlen werden, sich Kurse aus dem basis- oder stamdoctoraal (3. bis 5. Semester) auszusuchen. Für die Kurse aus der propedeuse, dem ersten, sehr verschulten, Studienjahr des niederländischen Studenten, ist man in der Regel überqualifiziert, mit den doctoraal II oder voortgezette doctoraal Kursen für das 6. bis 8. Semester kann man es probieren, muß aber sprachliche Überforderungen einkalkulieren, wenn man nicht ohnehin schon fließend Niederländisch spricht. Man kann zwischen hoorcolleges (Vorlesungen ) und werkcolleges (Seminaren) wählen. Da die Umrechnung der niederländischen studiepunten in deutsche Studienleistungen noch nicht überall standardisiert ist, läßt sich der Stundenplan relativ flexibel zusammenstellen und ist weniger an die studiepunten gebunden als daran, was man sich für das halbe Jahr vornimmt. In Absprache mit J. Touwen, dem sehr freundlichen und hilfsbereiten Erasmuskoordinator der Leidener Geschichtsfakultät war der Stundenplan ohne große Schwierigkeiten zusammengestellt und abgesegnet.
Studienleistungen werden in Holland eher durch Klausuren als durch Referate erbracht und Hausarbeiten sind wesentlich kürzer, als man es in Deutschland gewohnt ist. Es ist aber sehr leicht, mit Dozenten Sondervereinbarungen zu treffen und diese dann mit den Berliner Fakultäten so abzustimmen, daß einem am Ende Scheine anerkannt werden.

Grundsätzlich ist der Unterricht (jedenfalls in Studiengängen wie Geschichte und Kunstgeschichte) an den niederländischen Unis stärker verschult ist als bei uns. Auch nach der propedeuse (die alle mit einem guten, wenn auch naturgemäß leicht kanonisierten Grundwissen ausstattet) werden die Studenten sehr an die Hand genommen. Das ist zwar ein bißchen gewöhnungsbedürftig, erleichtert aber das Zurechtfinden erheblich.

Noch ein paar ganz praktische Tips zur Reduzierung der Lebenshaltungskosten

Es gibt einige sehr gute Möglichkeiten, sich das insgesamt etwas teurere Leben in Holland zu verbilligen. So hat der Super-de-Boer Supermarkt vor dem Bahnhof in Leiden zwar tolle Öffnungszeiten und eine verlockend einfach zu erreichende Lage, allerdings empfehlen sich zum vernünftigen Einkauf dann doch Märkte wie Digros (übrigens auch sehr lange geöffnet) und Aldi. Außerdem immer wieder schön und günstig die bereits erwähnten Wochenmärkte.

Für Museumsgänger bietet sich die Jahreskarte der niederländischen Museen an. Als unter 24jähriger hat man für die 30 Gulden teure Karte ein Jahr lang freien Eintritt in sämtliche Museen des Landes. Das lohnt sich unter Umständen sogar schon für Besucher. Für etwa 100 Gulden gibt es eine spezielle Bahnkarte, mit der man ab neun Uhr morgens alle Strecken in den Niederlanden zum um 40% ermäßigten Preis befahren kann.

Um den Kauf eines Fahrrads kommt man kaum herum. Zu Semesterbeginn nutzen einige Händler (2nd Hand - Fahrräder) die große Nachfrage und stocken die Preise auf. Man sollte dann besser bei den etwas versteckter liegenden 2nd Hand-Läden fragen oder mit dem Kauf ein paar Wochen warten. Sicherlich am günstigsten sind die Angebote, die man von Junkies an den Straßen rund um den Bahnhof bekommt, allerdings ist die Herkunft dieser Räder kaum legal und reklamieren kann man auch nicht, wenn plötzlich die Nabe bricht.
Wenn man dann erst einmal ein Fahrrad hat, sollte man ein gutes Schloß kaufen, um sicherzugehen, daß man es auch behält. „Zu teuer“ gibt es bei Schlössern eigentlich nicht, wenn man weiß, daß einem nicht unbedeutenden Anteil der Auslandsstudenten alljährlich in den ersten drei Wochen ihres Aufenthalts bis zu vier Fahrräder abhanden kommen. Ideal ist ein Ringschloß und eine Kettenschloß, mit dem man (wichtig!) das Fahrrad an etwas möglichst Niet- und Nagelfestes anschließt.

Wort zum Sonntag

Und Leiden lohnt sich doch! Die Niederlande sind nicht nur wegen Vla, Stroopwaffeln und Hering ein anderes Land. Zugegeben, der Kulturschock dürfte größer sein, wenn man nach Korea geht, aber die häufig geäußerte Vermutung, daß Holland für einen Deutschen ja eigentlich gar kein Ausland sei, ist ungefähr genauso richtig wie die Behauptung, Italien und Spanien seien dasselbe.
Mein Niederländisch ist jetzt passiv fließend und aktiv stockend, dafür hat sich mein Englisch verbessert und ich kann in vielen schönen Sprachen schimpfen.
Falls das nicht deutlich war: es ist schön da, wirklich. Und vielleicht frieren in Eurem Winter in Leiden ja mal die Grachten zu und Ihr könnt Eislaufen gehen.

Noch Fragen? E-mails werden gerne beantwortet: h0444mdz@rz.hu-berlin.de

A. Paterok, Kunstgeschichte, im WS 00/01 in Leiden, NL