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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Geschichtswissenschaften

London 2011

Bericht über meinen Studienaufenthalt am University College London

 

Vom 26.09.2011 bis zum 16.12.2011 habe ich im Rahmen des Erasmus-Programms des Instituts für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin am University College London studiert.

Positive Erfahrung habe ich in folgenden Hinsichten gemacht: Die Seminare und Vorlesungen waren für mich interessant. Für mein Studium nehme ich insbesondere Begeisterung für ideengeschichtliche Ansätze, für Politische Philosophie und die Geschichte der USA mit. Ebenso war das Umfeld in London anregend: Im British Museum konnte ich die Weltgeschichte auf eine Weise erlaufen, die meine Neugierde für fremde Kulturen und Prägungen wesentlich gestärkt hat. In den studentischen Societies oder der London School of Economics konnte ich verschiedene Gäste, vor allem aus der in London beheimaten Wirtschafts- und Finanzwelt, kennen lernen. Das im Vergleich zu Berlin verschiedene Umfeld wartete einfach mit anderen Eindrücken auf.

Im Vergleich zur Berliner Situation war zu berücksichtigen, dass die Kommunikationssituation eine durchweg andere war: Von in Berlin auszugehendem Vorwissen kann man auf grundsätzlich allen Kommunikationsthemen natürlich nicht ausgehen. Was einem selbst wichtig ist, kennen die andern nicht. Man ist also entweder ständig am Erklären und Zuhören, oder aber man hat das Gefühl, als Fremder nicht dazu zugehören. Umgekehrt weiß man selbst als Ausländer sehr wenig im anderen Land. Die kulturell geprägten Erwartungen im Umgang mit anderen Menschen sind einem nicht bekannt. Was ist höflich? Was ist normal? Was ist ein bewusster Bruch des Erwarteten? Alles ist anders. Selbst die Gestaltung und der Inhalt der Gottesdienste. Aus dieser Erfahrung nehme ich mit, dass ich selbst in Berlin ausländische Studierende dabei unterstützen möchte, das Fremde zu Vertrautem werden zu lassen.

Mitgenommen habe ich außerdem die Beobachtung, dass in Großbritannien über die europäische Idee bzw. die Europäische Union anders in den Medien gesprochen wird als in Deutschland: In Großbritannien wird Europa eher als wirtschaftliche Gemeinschaft angesehen, der das Land angehört, solange sie dem eigenen Vorteil dient. Der Gedanke einer gewollten politischen Einigung Europas auf der Basis gegenseitiger, auch kultureller Verständigung ist wenig verbreitet. Auch in anderen Bereichen wird die Diskussion in den Zeitungen oder bei öffentlichen Veranstaltungen bemerkenswert anders geführt: Über die Atomkraft wird beispielsweise kaum kritisch diskutiert, vielmehr als Lösung für Energieprobleme weithin anerkannt. In der Öffentlichkeit geführte politische Debatten variieren somit stark zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten der EU. Gleichzeitig sind die Debatten in den anderen Ländern der EU zum gleichen Thema oftmals unbekannt – in Großbritannien wird meiner Beobachtung nach beispielsweise häufig Frankreich oder die USA als Vergleichsländer herangezogen, seltener jedoch andere Länder Europas. Auch die Debattenkultur scheint mir grundlegend verschieden zu sein: Als ungewöhnlich und beeindruckend habe ich etwa die Kultur der Debating-Clubs empfunden, in denen prinzipiell alles argumentativ in Frage gestellt werden kann, so etwa die Frage, ob bisher öffentlich geführte Universitäten privatwirtschaftlich geführt werden sollten. Offen bleibt, inwieweit im Debating-Club wirklich das bessere Argument oder nicht eher die bessere Rhetorik zählt.

Ich habe den Erasmus-Aufenthalt als Gelegenheit genutzt, andere Ansätze im Studium, aber auch andere Gepflogenheiten aller Art mit Neugierde aufzunehmen. Unterschätzt habe ich, dass die Übertragung der Art und Weise, wie ich in Berlin studiere, auf die Londoner Situation nur bedingt gelingt. Dazwischen steht etwa die Sprachbarriere, die sich in Form des wissenschaftlichen Englisch oder der verschiedenen Dialekte und umgangssprachlichen Ausdrücke des Englischen aufbaut, das die anderen Studenten sprechen. Ebenso war zu beachten, dass bei einem Auslandsaufenthalt sämtliche Lebensgewohnheiten nicht mehr umgesetzt werden können, insbesondere was Freunde und Familie angeht. Auf die Zusammensetzung der Wohngemeinschaften, in die die Uni die Erasmus-Studenten einteilt, hat man keinen Einfluss, so dass vielleicht eher anzudenken ist, auf eigene Verantwortung eine Wohngelegenheit zu suchen, was aber durch den Wohnungsmangel in London erschwert werden würde.

Anderen Erasmus-Studenten würde ich dazu raten, sich nicht zu sehr mit der Bewerbung und Organisation ihres Aufenthalts zu befassen, sondern vielmehr mit der Lebenssituation, die einen dort erwartet. Wer gerade in Berlin Fuß gefasst hat, sollte sich einen erneuten Reset-Vorgang gründlich überlegen. Daher bietet es sich vielleicht an, zunächst für einen Term in London zu bleiben, um danach ggf. den Aufenthalt  zu verlängern.

Es war insgesamt gesehen eine lehrreiche Zeit.