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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Geschichtswissenschaften

Paris 1: 2001/02

Studienbericht für das akademische Jahr 2001/2002 an der Université de Paris 1 (Panthéon-Sorbonne)
unterstützt durch ein Sokrates-Stipendium des IfG an der Humboldt-Universität zu Berlin

Alexander Heinz

 

Ich fuhr aus verschiedenen Gründen zum Studium nach Frankreich: zum einen, um die Sprache, die ich zuvor in verschiedenen Sprachkursen mühevoll und theoretisch geübt und verbessert hatte, im Land mit dem wirklichen Leben zu konfrontieren, zum andern, um die Möglichkeit zu haben, meine Vorstellung von Europa um eine französische Perspektive zu erweitern. Drittens wollte ich die Gelegenheit wahrnehmen, eine Maîtrise-Arbeit zu schreiben. Ich hatte Herrn Professor Robert Frank, meinen französischen directeur de recherche, über seine Veröffentlichungen in Berlin kennen gelernt. Herr Frank beschäftigt sich mit der Geschichte der internationalen Beziehungen und Europa, kulturelle Aspekte haben einen besonderen Stellenwert in seiner Forschung. Selber war ich durch mein Studium in England, insbesondere durch den Besuch eines Seminars über das Verhältnis Großbritanniens zur europäischen Einigung, für diese Fragen sensibilisiert worden. An der Humboldt-Universität hatte ich sowohl geschichts- als auch politikwissenschaftliche Seminare zu diesem Themenkreis besucht.
Bereits Anfang September 2001 reiste ich zu einem Praktikum am Centre de Documentation Juive Contemporaine nach Paris. Das Pariser Dokumentationszentrum, das nach dem Zweiten Weltkrieg zur Dokumentierung des Holocaust gegründet worden war, ist eine weltweit anerkannte Stelle der Erforschung der Shoa und unterhält auch ein Mahnmal. In dieser Institution erlebte ich den 11. September 2001 in einem fensterlosen, nach außen durch Sicherheitsleute abgeriegelten Saal am Bildschirm. Neben hauptberuflich arbeitenden jungen Historikern lebt das Zentrum von der Hilfe freiwilliger jüdischer Pensionärinnen. Es war diese Generation, welche die nationalsozialistische Zeit noch am eigenen Leib erlebt hatte, die für die unfassbaren Ereignisse des vergangenen Herbstes instinktiv die Palästinenser verdächtigte und beängstigt rief, dies alles bedeute Krieg. Im Zentrum wuchs in den kommenden Tagen das Gefühl der Bedrohung von außen. Später an der Universität sollte ich dann hören, dass manche Studenten nicht die Palästinenser, wohl aber eine jüdische Verschwörung hinter den Terrorakten vermuteten. Und so hatte die Arbeit im Archiv ganz unmittelbare Beziehungen zur Gegenwart gewonnen. Meine Aufgaben am Zentrum bestanden neben der Erstellung eines Inventars der gesamten Zeitschrift Le Monde Juif (von Mitte der vierziger Jahre bis in die Gegenwart), aus vielen kleineren Dingen, die ich zum Teil mit diesen älteren Frauen erledigte. Die Begegnung mit ihnen war für mich das Wichtigste an diesem Praktikum. Neben sehr traurigen Momenten gab es auch viel zu lachen, so zum Beispiel beim Ausfüllen der deutschen Formulare für Entschädigungszahlungen. Das ist eine Dienstleistung des Zentrum für die jüdische Gemeinde. In den Anträgen werden die betagten Antragsteller sinnigerweise nach der Adresse ihrer Eltern gefragt: Friedhof.
Die Bewerbung an der Université de Paris 1 wurde durch ein Austauschabkommen der Humboldt-Universität mit der Pariser Universität erleichtert. Dadurch gelang es mir auch, ein kleines Sokrates-Stipendium über 50 Euro monatlich zu sichern. Diese Austauschplätze schließen aber nicht die Möglichkeit ein, einen Abschluss in Paris machen zu können. Aus diesem Grund war es notwendig, mich noch einmal direkt an der französischen Universität zu bewerben, um einen regulären Studienplatz zu bekommen. Bewerbungsfrist hierfür war im Mai 2001. Mein Anfang an der Universität wurde durch die Komplexität vor allem der administrativen Einschreibung, nicht so sehr der pädagogischen, erschwert. Erst zwei Wochen vor Vorlesungsbeginn erhielt ich – bereits in Frankreich – meine Zusage. Man muss leider sehr schnell die Erfahrung machen, dass es schwer ist, aus der Ferne über E-Mail oder Telephon die Dinge zu beschleunigen.
Nach einem Gespräch mit Herrn Frank fühlte ich mich bestärkt, die zuerst vorgesehenen deutsch-französischen Pfade für meine Abschlussarbeit zu verlassen und mich für ein britisch-europäisches Thema zu entscheiden. Franks Lehrstuhl hat ein großes Interesse an Arbeiten, die nicht binational oder auf Frankreich zentriert sind und durch meine Englandkenntnis lag eine dementsprechende Themenwahl nahe. Es bot sich an, die Europawahrnehmung der britischen Presse zum Zeitpunkt des Regierungswechsels von Thatcher auf Major zu untersuchen. Dieser Zeitpunkt nämlich stellt ein Krisenmoment britischer Identität dar: Auf dem Oktobergipfel von Rom wird 1990 unter strikter Ablehnung Margaret Thatchers der Weg hin zur europäischen Währungsunion eingeschlagen, mit der Wiedervereinigung begegnet Großbritannien auf dem Kontinent nicht nur einem noch größeren Machtzentrum, sondern verliert auch seine Verantwortung als Siegermacht, der Tunnelbau unter dem Ärmelkanal führt im November 1990 zur Verbindung der französischen mit der englischen Röhre. Großbritannien ist nun keine Insel mehr. Und die Sun schreibt:

Welcome back
THIS week the tunnels from Britain to France meet under the Channel.
For the first time in millions of years, the Europeans are no longer cut off from merry England.
Welcome back to civilisation.
(The Sun, October 30, 1990, p.6)

Dieses Textstück zeigt an einem plakativen Beispiel, um was es bei meiner Arbeit auch geht. Ich habe in der Zeitungsabteilung der British Library in London die nationale „seriöse“ als auch die Boulevardpresse gelesen und sie auf ihre Haltung und Argumentation Europa gegenüber (de facto der damaligen Europäischen Gemeinschaft) untersucht. Meine Analyse ist nur im ersten Teil eine streng politisch-argumentative. Der zweite Teil der Arbeit untersucht Texte mittels der Diskurstheorie. Der dritte Teil behandelt Stereotypen und Images von Politikern im europäischen Kontext. Mich selbst hat überrascht, inwieweit selbst die britische Qualitätspresse bei der Auslandsberichterstattung auf Stereotype zurückgreift, wie als national betrachtete Charaktereigenschaften auf Politiker übertragen werden; und solche Dinge schnell eine rationale Argumentation ersetzen können. Meine Arbeit stellt die These auf, dass ein europäisches Stereotyp (im Gegensatz zu den nationalen Stereotypen) 1990 nur rudimentär existierte, es sich vielmehr vor allem um Projektionen nationaler Stereotype auf die Europäische Gemeinschaft handelte. Ich forschte zum Thema vor allem an der Bibliothèque de Documentation Internationale Contemporaine in Nanterre, war aber auch häufiger im Zeitungsarchiv der British Library in London-Colindale und in der Hauptstelle an King’s Cross. Ohne den Eurostar-Zug durch den Ärmelkanaltunnel, zu dem 1990 der Durchbruch gelang, wäre dies kaum möglich gewesen.
Über das vergangene Jahr war ich in der Cité Internationale Universitaire de Paris untergebracht und wohnte im spanischen Haus. Hierzu ist eine spezielle Bewerbung notwendig, die bis Frühsommer des entsprechenden Jahres eingegangen sein sollte. Ich hatte an der Humboldt-Universität damit begonnen, Spanisch zu lernen. Gleich nach meiner Ankunft an der Universität in Paris bemühte ich mich darum, einen kostenfreien Spanischkurs besuchen zu können. Neben meinen Fortschritten im Spanischen, machte ich in einem einjährigen Kurs an der Sorbonne vor allem Erfahrungen betreffend des französischen Unterrichtssystems. Von den Disziplinarmaßnahmen fühlte ich mich (kaum nostalgisch) an meine Schulzeit erinnert. Ohnehin: Der Abstand zwischen Lehrenden und Belehrten war hier größer als an den deutschen Universitäten, die ich kenne; von England besser nicht zu reden. Gut fand ich das nicht.
An der Sorbonne besuchte ich unter anderem ein Seminar zur Geschichte der Presse, für das immer wieder Arbeiten zu erledigen waren. Der Leiter der Veranstaltung, Herr Eveno, ist nicht nur führender Medienhistoriker des Landes, sondern auch selbst immer wieder journalistisch tätig, was der Veranstaltung sehr nützte. Außerdem besuchte ich einen Kurs über Wirtschaftsgeschichte. Für mein Maîtrise-Seminar, das von Herrn Frank und Laurence Badel geleitet wurde, verfasste ich ein Referat, um meine Arbeit vorzustellen.
In praktischer Hinsicht hat sich das Thema meiner Arbeit bereits ausgezahlt, da ich mir ein Praktikum am Media Diversity Institute in London sichern konnte. Dieses Institut beschäftigt sich zum einen mit der Repräsentation von Minderheiten in den Medien (insbesondere in Südosteuropa), andererseits führt es Trainingsprogramme für Journalisten durch. Da sich das Institut seine Tätigkeit auch in Westeuropa ausweiten möchte, werde ich die Möglichkeit haben, für dieses Institut eine Analyse zur Frage von Homosexualität in den britischen Medien zu machen. Ein Thema, dem eine größere Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte.

Insgesamt bin ich sehr dankbar für das verstrichene Jahr, ich danke für das Stipendium und vor allem Jan Decker für seine Unterstützung und bin sehr gerne bereit, Studierenden, die sich in Zukunft für einen ähnlichen Weg interessieren, mit Rat zur Seite zu stehen. Ich werde wohl längerfristig am einfachsten unter meiner Heimatadresse zu erreichen sein. Meine bisherige Berliner Anschrift hatte ich vor meiner Fahrt nach Frankreich aufgeben müssen.

Alexander Heinz
Am Kirchhof 3
75180 Pforzheim
Tel.: 07231/71960