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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Geschichtswissenschaften

Rom 2000/01

Erfahrungsbericht des Sokrates-Auslandsstudiums 2000/2001 an der Universität „La Sapienza“ Roma


Kerstin Beier, Erfurt, den 02. September 2001

1. Ankunft, Wohnungssuche, Einschreibung an der Universität
2. Die Studienmonate bis zu den Weihnachtsferien, der Erasmus-Sprachkurs
3. Weihnachts- und Neujahrspause, Mensa
4. Die Studienmonate bis Ende Mai - Wohnungsweschsel, Verlängerung des Sokrates-Aufenthaltes im März
5. Juni und Juli - Italien kennenlernen

1. Ankunft, Wohnungssuche, Einschreibung an der Universität

In der letzten Woche des Septembers 2000 kam ich per Flugzeug in Rom an und war gezwungen mich die ersten Tage in der römischen Jugendherberge einzumieten. Die Wohnungssuche startete vom ersten Tag an und verband sich sehr gut mit der Erkundung der Stadt. Denn so lernte ich Orte, Menschen und Umgangsweisen des neuen Landes mit allem Ernst von Beginn an kennen. Der Service für eine Zimmervermittlung des CTS (Centro Turistico Studentesco), den das römische Erasmus-Büro über Internet anbietet, erwies sich mir mangels passender Angebote als wenig hilfreich, außer zur anfänglichen Panik-Beruhigung. So daß ich mir meine von Deutschland gezahlten Vermittlungsgebühren zurückerstatten lies und über die Aushänge an der Universität weiter suchte. Der psychologische Druck und meine noch unzureichenden Sprachkenntnisse der italienischen Sprache machten mir offengestanden Probleme. Doch gab es einige sogar auf Erasmus-Studenten zielende Zimmerangebote in englischer Sprache, und ich hatte schon nach einer Woche Glück.
Meine neue Wohnung, die ich mit einem Philosophie-Studenten und dessen Finnischer Freundin teilte, lag weit im Süden der Stadt in einem jener römischen Neubauten der siebziger Jahre, von dem mich der Weg zur Uni zu Stoßzeiten eine Stunde kostete. Trotzdem bezahlte man auch dort noch 450,- DM Monatsmiete. Ein regelgerechter Mietvertrag oder Untermietvertrag ist bei möblierten Zimmern in Rom nicht üblich. Alles läuft auf Absprache und Barzahlung.
Zu dieser Monatsmiete kam an Festkosten das Monatsticket der Verkehrsbetriebe von Rom (ATAC) für umgerechnet 30,-DM für Studenten. Die beiden Metro-Linien der Stadt A und B verkehren häufig, sind zuverlässig und deshalb auch gern genutzt d.h. zwischen 8 - 10 und wieder zwischen 17 - 19 Uhr sehr voll. Straßenbahnen und Busse sind ebenso bequem aber weniger schnell und zuverlässig, weil sie all zu oft im römischen Verkehrsstau feststecken. Am besten geht man in Rom alles was möglich ist zu Fuß.

Mein erster Weg führte mich natürlich zu meiner neuen Universität, „La Sapienza“, die eine von drei Universitäten der Stadt ist, die größte von Europa, die älteste und erste von Rom und jene die unmittelbar neben dem Hauptbahnhof Termini ein sehr großes Gelände einnimmt. Sie liegt zentral, und auch auf dem Campus selbst sind alle Fakultäten durch überall sichtbare Wegweiser und Pläne leicht zu finden. So fiel mir der Weg einige Tage nach meiner Ankunft zur Erasmus-Koordinatorin der Geschichtswissenschaften Frau Prof. Giulia Barone nicht schwer. Sie empfing mich sehr freundlich und erklärte mir geduldig meine ersten Wege zur Einschreibung, sogar in deutscher Sprache. Für sie als Mittelalter-Dozentin erregten nur meine Absichten als Studentin der Klassischen Archäologie in einem anderen „dipartimento“ zu studieren ihren offensichtlichen Mißmut.
Mein Archäologie-Institut, das „Dipartimento di scienze storiche archeologiche e antropologiche dell’antichità“, befand sich im gleichen Gebäude, jenem der Fakultät der Geisteswissenschaften - der sog. „Facoltà di Lettere & Filosofia“- im Erdgeschoß und den Kellerräumen. Die Schönheit und Größe dieses Instituts ist im Gegensatz zum Winckelmann-Institut der Humboldt-Universität Berlin unbeschreiblich. Trotzdem möchte ich es versuchen:
Im Erdgeschoß befinden sich die Arbeitsräume der Professoren, ihrer Mitarbeiter, das Sekretariat und die Bibliothek der beiden Fachbereiche Klassische Archäologie und Etruskologie. Im Untergeschoß befinden sich dann die Hörsäle der Archäologen, welche mit Gipsabgüssen der wichtigsten Skulpturen geschmückt sind, die in den Räumen thematisch angeordnet sind und den Hörsälen ihren Namen geben. So gibt es z.B. die Aula des Parthenon, die Aula von Olympia, die Kleine Archäologische Aula usw. Der größte und schönste Hörsaal, wohl auch der gesamten Geisteswissenschaft und für zahlreiche wissenschaftliche Kolloquien genutzt, ist das „Odeion“, was in der Tat die Form eines Griechischen Theaters hat. Zwischen den Hörsälen in den großen, hallenähnlichen Fluren befindet sich das Gipsabguß-Museum Antiker Skulptur der Universität. Dort läßt sich die gelehrte Antike Kunstgeschichte sofort an den bekanntesten Beispielen verfolgen und sich in mitten von ihnen an zahlreichen Tischen zwischen einer Vorlesung und der nächsten studieren. Noch ein Stockwerk darunter befindet sich die Ausstellung der etruskischen Universitätssammlung. Beide Sammlungen sind als öffentliche Museen der Stadt auch allen anderen Stadtbesuchern offen, aber leider trotz aktueller Ausstellungen meiner Meinung nach zu wenig besucht.Was jedoch wiederum besser für die Ruhe und so die Studienatmosphäre ist, die nach all dem nur als räumlich hervorragend bezeichnet werden kann.

Im Erasmus-Anmeldungsbüro der Fakultät, der „presidenza“, erhielt ich umgehend meinen Studienausweis und die nächsten Hinweise zum Erhalt einer Mensa-Benutzer-Karte und des Italienisch-Einstufungstests für Austauschstudenten.
Die Erlaubnis die staatlich gestützte Studentenverpflegung zu nutzen erfordert in Italien zuvor die Anfertigung eines „codice fiscale“ ,eines Fiskal-Codes, in einem der örtlichen Finanzämter. Das erfolgt in der Regel reibungslos, da die Angestellten bei dem Wort “Erasmus“ aus meinem Mund keine 5 Minuten zur Anfertigung brauchten. Erasmus-Studenten werden in Rom in die niedrigste Fiskal- oder Steuerklasse eingestuft, das heißt sie haben die wenigsten Zuzahlungen zum Mensa-Essen der Universität. Übrigens benötigt man diesen „codice fiscale“, also deine persönliche Finanznummer, ebenfalls bei der Abschließung eines italienischen Kartenvertrages für ein Mobil-Telefon.
Der Test zur Einstufung der italienischen Sprachkenntnisse wurde zentral für alle Erasmus-Studenten der La Sapienza am 2. Oktober 2000 in mehreren Hörsälen durchgeführt. Er war für alle gleich und steigerte sich im Schwierigkeitsgrad mit seiner Länge. Nach drei Tagen wurden in einem kurzen, persönlichen Gespräch noch die mündlichen Ausdrucksmöglichkeiten überprüft, und nach ca. einer Woche hingen die Listen aller Kurse und ihrer Teilnehmer aus. Von „A“ wie Anfänger reichten sie bis „C“. Die Kurse selbst begannen dann Ende Oktober, so auch mein B-Kurs, in dem ich mich sehr wohl und gut eingestuft fühlte.

2. Die Studienmonate bis zu den Weihnachtsferien, ASE, der Erasmus-Sprachkurs

An dieser Stelle möchte ich kurz über die studentische Erasmus-Organisation ASE ( Associazione Studenti Erasmus) meiner römischen Universität erzählen :

ASE - Erasmus Student Network Rome
Via del Castro Laurenziano 9/c
00161 Roma / Italia
esn-roma@usa.net
http://www.uniroma.it/esn

Sie wurde gegründet und besteht noch heute aus Studenten der La Sapienza Roma, die sich nach ihrem Erasmus-Aufenthalt im Ausland zusammengefunden haben mit dem Ziel, den ausländischen Erasmus-Studenten ihrer Universität zu helfen und ihnen das Rom-Jahr zu verschönern. Man kann bei ihnen einen Mitgliedsausweis machen lassen und mit diesem an allen angebotenen Unternehmungen der Organisation teilnehmen. Sie helfen Dir bei der Wohnungssuche, bei Ämterproblemen, organisieren Reisen z. B. nach Neapel, Sizilien, Florenz, oder zum Skifahren in die Berge. Das wohl beliebteste sind ihre legendären Erasmus-Parties, die mindestens einmal in der Woche in wechselnden Disco-Pubs von Rom stattfinden. Ihre Mitglieder sind multilingual und können sehr schnell zu Freunden werden. Sie zu verfehlen ist fast unmöglich, da sie sich schon beim Sprach-Einstufungstest mit Einladungen und einem freundlichen Lächeln bekannt machen.

Der Erasmus-Sprachkurs fand zweimal die Woche zwei Zeitstunden lang statt und war auf sieben Wochen konzipiert. Neben der Möglichkeit sich untereinander kennenzulernen, bot er vor allem jede Menge Grammatik- und Hörübungen und ab und zu einen Video-Film in der neuen Sprache. Leider konnte man in der Kürze der Zeit nicht die gesamte italienische Grammatik behandeln, was mir sehr leid getan hat, weil ich sie als sehr wichtig empfand, denn Hörübungen und Vokabelvermittlung bekam von da an jeder täglich auf der Straße zur Genüge. Trotzdem denke ich, daß der Kurs sehr nützlich war, auch weil sich mit ihm eine erste Regelmäßigkeit und Freundschaften verknüpften.

Mitte November begann nun endlich auch das Studium an meinem Institut, nachdem die Natur- und Wirtschaftswissenschaftler schon seit Oktober studierten! Ich wählte nach einem Blick in den „Guida per gli studenti“ ähnlich unserem kommentierten Vorlesungsverzeichnis, 4 Veranstaltungen für mich. Die Unterschiede zu unserem Studiensystem waren sogleich offensichtlich. Nicht nur, daß sie keine Semester sondern in ihren Akademischen Jahren lernen, auch ihre Veranstaltungstypen und deren Dauer unterscheiden sich erheblich von den unseren. So gibt es z.B. keine Doppelstunden sondern jede Lehreinheit ist generell 45 min lang und beginnt immer viertel nach einer vollen Stunde.
Eine Vorlesung in unserem Sinne wird dort also immer zu je 45 min, dann aber 3 mal pro Woche, gehalten. Diese Zeiteinteilung war mir persönlich sehr angenehm, denn 45 oder gegebenenfalls auch 55 min voll konzentriert zu sein, ist weniger ein Problem als 90 min lang. Eine Vorlesung behandelt ein Schwerpunktthema, zu dem die Mitarbeiter des Professors in verschiedene Richtungen vertiefende „moduli didattici“, unsere Übungen, anbieten. Diese sind in der Regel 2-3 Stück und einmal pro Woche, in ihnen werden auch eigene Beiträge der Studenten verlangt. Auch dieses System gefiel mir recht gut, da man sich bequemer in ein Thema vertiefen konnte, was man bei uns durch die nicht immer vorhandene Abstimmung zwischen Vorlesungen und Seminaren selten tun kann. Die Veranstaltungen stehen eigentlich jedem zur freien Auswahl, aber es gibt genaue Vorschriften, bis zu welchem Studienjahr man welches Schwerpunktthema behandelt haben sollte. Nach dem Besuch einer Vorlesung in der Ur- und Frühgeschichte, meinem zweiten Hauptfach, die ich wieder verwarf, blieben mir folgende 4 Vorlesungen mit den angegebenen Übungen am Institut der Klassischen Archäologie:

• Etruscologia e archeologia italica „ Le civiltà della Puglia preromana“, Prof. Giovanni Colonna
• Metodologia e techniche della ricerca archeologica „Il Colle Oppio nell’ antichità“, Prof. Clementina Panella, dazu die Übung: „Storia della metodologia di scavo“, Dott. Lucilla Anselmino
• Storia dell’ Archeologia „Lo studio della scultura antica tra il tardo Settecento ed i primi decenni del XIX secolo“, Prof. Maria Grazia Picozzi
• Archeologia e storia dell’arte greca e romana III „ Roma: I Fori Imperiali“, Prof. Stefano Tortorella, dazu die Übung: „Intruduzione storica ai principali metodi nello studio dell’archeologia“, Dott. Marcello Barbanera

In den Vorlesungen hatte ich zu Beginn natürlich gewaltige Verständnisprobleme, die sich nach meiner hartnäckigen Geduld erst am Ende des Studienjahres wirklich legten. Zum Glück gab es sehr viele hilfsbereite Kommilitonen, die mir auch das Verhalten in der Bibliothek erklärten, in der z. B. alle Bücher in Glasschränken abgeschlossen sind, und man nur gegen die Abgabe eines Studienausweises ein Buch ausgehändigt bekommt. Sehr geärgert habe ich mich über die Öffnungszeiten der Archäologie-Bibliothek. Sie war generell an Werktagen nur von 8 -15 Uhr geöffnet.
Am 22. Dezember war die letzte Vorlesung des alten Jahres 2000, und alles fuhr nach Hause in die Weihnachtsferien. Die Uni war tot und die Mensa geschlossen.

3. Weihnachts- und Neujahrspause, Mensa

Ich hatte das große Glück und das Angebot, Weihnachten in einer italienischen Familie zu verbringen. So blieb ich in Rom und fuhr am Heilig’ Abend zu jener Familie nach Latina (einer Reißbrett-Stadt von Mussolini zwischen Neapel und Rom), begrüßte eine Woche später das neue Jahr in Roms Straßen und durchstreifte in der übrigen Zeit die archäologischen Museen der Stadt und die leeren Flure der Universität auf der Suche nach einem offenen Computerpool. Die Computersituation an der Fakultät „Lettere e Filosofia“ ist beiläufig sehr schlecht, mit Voranmeldung darf man einen der PCs, die in diversen Bibliotheken stehen, eine Stunde pro Tag benutzen.
So lernte ich in der Ferienzeit, die noch bis zum 10. Januar dauerte, durch Zufall im Computerpool am Institut für Statistik Herrn Prof. Giacomo Patrizi kennen. Nach einigen Plaudereien über meine Erfahrungen in Rom lud er mich einige Wochen später zusammen mit dem niederländischen Erasmus-Studenten seines Instituts zu einem Abendessen ein, an dem auch zwei deutsche Statistik-Dozenten, einer von ihnen von der Humboldt-Universität zu Berlin, anwesend waren. Auch das Sokrates-Programm war bei diesem „cena“ ein Gesprächsthema.
Üblicherweise aß ich jedoch in der Mensa und möchte wegen ihrer großen Bedeutung für alle Erasmus-Studenten ein paar Worte mehr über sie verlieren:
Die La Sapienza besitzt 3 große Mensen, von denen sich 2 unmittelbar am Campus befinden. Die dritte ist Teil der „Facoltà di Ingeneria“, welche nahe dem Kolosseum gelegen ist. Am Campus liegen jene der Geisteswissenschaften und der „Economia“, der Wirtschaftswissenschaften, die beide nach einem ähnlichen System funktionieren. Man durchquert mit der aufladbaren Chipkarte eine Schranke, die streng von Carabinieris bewacht wird, während dieser Durchquerung wird der Betrag Deinem „codice fiscale“ entsprechend abgezogen. Dieser Geldbetrag ist immer der gleiche und für Erasmus-Studenten der niedrigste, nämlich umgerechnet 3,10 DM. Für diesen hat man ein Punktekonto von 5 Punkten gutgeschrieben, für die man sich am Buffet bedienen darf. Ein „primo piatto“ - also z. B. eine Pasta-Speise - ist ein Punkt, ein „secondo“ wie z. B. Fleisch oder Fisch sind 2 Punkte, ein Stück Kuchen ein Punkt, usw. ... Betritt man dann den gigantischen Speisesaal kann man sich am Anfang noch dazu Brot, Olivenöl und Wasser holen, soviel man möchte. Fazit, für ungefähr 3 DM bekam man ein komplettes Menü!
Die Mensa war von 11 Uhr bis 21 Uhr geöffnet und das auch am Wochenende. Daß die Mensa in Rom jedoch nicht nur ein Ort zum Speisen ist, sondern auch einer der Unterhaltung und Freizeitgestaltung, machen folgende Aspekte deutlich. Beim Verlassen des Speisesaals passierte man zahlreiche Spielautomaten und die obligatorische Kaffee-Bar am Ende, vor der zwei Fernseher auch zur Mittagszeit alle in ihren Bann zogen (vornehmlich durch Zeichentrickfilme und Soap-Operas). Samstagabend wenn die wichtigen Fußballspiele der italienischen Liga beginnen, sind nicht nur diese Fernsehplätze besetzt, auch die gesamte Mensa ist voller Fans, für die eine kleine Kinoleinwand zur Spielübertragung herabgelassen wird. In Italien sind Live-Übertragungen übrigens wie bei uns nur im bezahlten Fernsehen zu sehen. Im lauten italienischen Geschrei ist an Essen natürlich nicht mehr zu denken, eher an Rauchen. Die Luft ist canabisgeschwängert.

4. Die Studienmonate bis Ende Mai - Wohnungswechsel, Verlängerung des Sokrates-Aufenthaltes

Die Vorlesungszeit begann nach den Weihnachtsferien an meinem Institut sofort wieder, während die Naturwissenschaften noch Winterpause bis zum Februar machten, für sie war das die erste von zwei Prüfungszeiten im Akademischen Jahr. Bei den Geisteswissenschaftlern liefen die Lehrveranstaltungen jedoch bis Ende Mai durch, und die Prüfungszeit begann danach. Ich wunderte mich etwas darüber, daß sich jede Fakultät ihre eigenen Studienzeiten gestalten konnte.
Nach meinem erhaltenen Sokratesplatz über 6 Monate, hätte ich meine Vorlesungen im März abbrechen und nach Berlin zurückfahren müssen. Dies schien mir ganz unmöglich aufgrund all der Unabgeschlossenheit und dem Nicht-Kennenlernen eines ganzen italienischen Studienjahres und dieser interessanten Stadt in allen Jahreszeiten. Noch dazu hatte ich zum Februar mein Zimmer gewechselt in ein näher an der Universität gelegenes Wohnviertel und fühlte mich dort mit wechselnden Mitbewohnerinnen aus allen Nationen der Erde, die monatliche Sprachkurse in Rom besuchten, sehr wohl.
So beschloß ich die Verlängerung meines Sokrates-Aufenthaltes.
Zu meiner großen Freude geschah dies recht unkompliziert dank des Berliner Geschichtsinstitutes und der Zustimmung von Professorin Barone. Die erneut etwas mißmutig war, diesmal wegen meiner angeblichen Sprachmängel im Italienischen, obwohl sie wieder nur mit mir deutsch redete. Das Auslandsbafögamt machte gewisse Schwierigkeiten, die mich aber nicht zwangen, deshalb nach Berlin zu reisen.

Im April und Mai waren die Wetterbedingungen schon so hervorragend, daß einige Dozenten begannen ihren Vorlesungsstoff durch Exkursionen zu den archäologischen Resten der Stadt zu vertiefen. Professorin Picozzi arbeitete in ihrer Vorlesung zur Geschichte der Archäologie generell oft mit den Skulpturen des Institutsmuseums und der anderer Museen der Stadt, nun begann Professorin Panella ebenfalls ihre Vorlesung zum Hügel Oppio mit Besuchen von Resten der Römischen Stadtmauer am Platz „Piazza Fantini“ und der „Aula delle Sette Sale“, dem „Wasserhäuschen“ der Trajansthermen, zu ergänzen. Auch Professor Tortorella führte am 23. Mai durch die Kaiserforen. Begleitet und unterstützt wurden sie dabei immer von Verantwortlichen der jeweiligen archäologischen Stätten und der „soprintendenza culturale“ der Stadt Rom, die gelegentlich auch in Lehrveranstaltungen an der Uni zu speziellen Problemen sprachen. Die Zusammenarbeit war auffällig gut und eingespielt. Sehr positiv aufgefallen ist mir dabei auch der überaus hohe Frauenanteil an Führungspositionen im Bereich der Archäologie, sei es an der Universität oder in der Stadtverwaltung Roms.

Der Mai war in Italien sonst ausgesprochen politisch bestimmt. Am ersten Mai versammelten sich über 80 000 Menschen zu einem Rock- Konzert vor der Kirche San Giovanni, auf der kein politisches Wort gesagt werden durfte, und 2 Wochen später siegte bekanntlich das Bündnis Silvio Berlusconis in den Parlamentswahlen. An der Universität plante man eine Reform der Fachbereiche, die mit einer Erhöhung der Studiengebühren und Umverteilung der Stipendien einher gehen sollte, was heftige Streikaktionen, Blockaden der Hörsäle, Diskussionsrunden und Demonstrationszüge der Studenten bis in die Innenstadt hervorrief. Ändern konnten sie am Ende wenig gegen die neuen Strukturen, von denen die Dozenten der Archäologie stets erklärten, sie wären sehr fortschrittlich und deshalb gut, neuartige Abschlüsse wie z.B. der „master“ nun endlich möglich. Wegen der Geldfrage hatten sie sehr viel Verständnis für die Streikteilnehmer, unterstützten diese aber nicht konkret durch eine geänderte Unterrichtsplanung. Am Ende war mein Eindruck, daß die italienischen Studenten trotz allem politisch interessierter und motivierter als die deutschen sind, dazu noch hartnäckig und kreativ. Die Idee des Kommunismus ist auf seine italienische Weise bei vielen Jugendlichen an der Universität sehr populär und präsent, was mich überraschte, da man andererseits an vielen Wänden der Stadt extrem rechte Parolen, teilweise sogar in deutsch, lesen konnte.

5. Juni, Juli - Italien kennenlernen

Ende Mai endeten alle Lehrveranstaltungen und die Prüfungszeit begann. Nach meiner Entscheidung keine Prüfung zu machen, widmete ich meine Zeit dem Studium der Geschichte und Pläne von Orten, die ich in Italien noch bereisen wollte. Ich hielt mich, auch wegen der moderateren Öffnungszeiten, oft in der Bibliothek des Deutschen Archäologischen Institutes auf, für die ich glücklicherweise eine Benutzererlaubnis hatte. Sie ist die am besten ausgestattete des Landes und bietet zudem den Kontakt zum gesamten Institut, das zahlreiche Gastvorträge und Vorträge zu laufenden Forschungen des Hauses anbietet, die ich während meines gesamten Sokrates-Aufenthaltes rege nutzte. Ich erinnere mich mit Begeisterung z. B. an ein öffentliches Streitgespräch zwischen Tonio Hölscher und Paul Zanker über den „Umgang mit Vergangenheit in der Antike“, den Vortrag von Marcello Barbanera „Modelli teorici nello studio dell’arte romana in Italia: l’influenza di Ranuccio Bianchi Bandinelli“, den er im Zuge einer von ihm gestalteten aktuellen Ausstellung im Institutsmuseum über das Leben Bianchi Bandinellis hielt. Unvergessen bleibt mir auch der 2-tägige Internationale Konvent zu den Tendenzen und Vorausblicken der Antiken Kunstgeschichte in der letzten Generation („Storia dell’arte antica nell’ultima generazione: tendenze e prospettive“).

Der Juni verschaffte Rom auch einen „kulturellen“ Höhepunkt, den ich so nie für möglich gehalten hätte. Der erste Fußball-Club der Stadt AS Roma gewann den „scudetto“, d.h. die italienische Meisterschaft. Für zwei Wochen fuhren gelb-rot geschmückte Autos und Fußball-Fankörper der „Giallo-Rossi“ laut hupend durch Roms Straßen und feierten dort alle Nächte durch. Nach einer Woche gab es ein Dankes-Konzert für die Mannschaft im Circus Maximus mit 1 Mio. Fans als Zuschauer, die auch vor den Ruinen des Palatins keinen Halt auf der Suche nach den besten Plätzen machten. Oft hat es mich traurig gemacht zu sehen, wie wenig archäologisches Kulturgut in Rom geschützt wird. Im November fielen nach den heftigen Regenfällen Teile der Aurelianischen Stadtmauer ein und im Frühjahr durch Erdrutsche Teile der Domus Aurea, des Goldenen Hauses des Nero. Wobei natürlich der Fremdenverkehr den größten Teil zur Zerstörung beiträgt.

Nichtsdestoweniger stürzte auch ich mich die letzten Monate in den archäologischen Tourismus. Meine Reisen führten mich an den Golf von Neapel, d.h. nach Herkulaneum, Pompeji, Neapel und auf den Vesuv, dann auf den Spuren der Etrusker nach Perugia, Assisi und Cerveteri, schließlich noch nach Florenz, Lucca und Pisa. In Pisa besuchte ich übrigens eine weitere Berliner Erasmus-Studentin der Archäologie. Rom und Ostia hatte ich zuvor schon ausgiebig studiert und bestaunt.

Im Juli trat ich meine Rückreise nach Deutschland an. An der Universität und in der gesamten Stadt begann nun die endgültige Sommerpause. Die Temperaturen waren außerhalb der klimatisierten Häuser in, denen sich alle aufhielten, schwer zu ertragen. Mich veranlaßte außerdem eine Anstellung auf einer deutschen Ausgrabung zur pünktlichen Rückkehr.

Fazit:

Die Monate in Rom haben mich in zwei Punkten sehr bereichert:

1) im Bereich des Studiums
Ich hatte die Möglichkeit die Vor- und Nachteile eines anderen Studiensystems am eigenen Leib zu erfahren, es mit unserem zu vergleichen, und das selbe mit den räumlichen Rahmenbedingungen zu tun. Die Inhalte der Lehrveranstaltungen und die mit ihnen verbundenen sowie meine persönlichen Exkursionen, haben mich weitergebildet und mir vor allem einen persönlichen Kontakt zur Materie und den Quellen des Archäologie-Studiums in Berlin verschafft, der mir sowohl neues Wissen als auch einen gehörigen Ansporn für die Weiterführung und Beendung meines Studiums an der Humboldt-Universität gab. In einer neuen Sprache zu lernen war extrem schwierig, aber das jetzige Wissen um sie eröffnet mir neue Möglichkeiten in meinen Studien.

2) im persönlichen Bereich
Die wichtigste Erfahrung war für mich an einem ganz anderen Ort ein neues eigenes Lebensumfeld aufzubauen, mit dem anfänglichen psychologischen Druck fertig zu werden, die wichtigsten Schritte wie z. B. die Wohnungssuche allein meistern zu müssen. Die Bereitschaft - oft auch die notwendige - neue Freunde, neue Gewohnheiten, neue Medien in mein Leben zu lassen, immer weiter offen zu sein und neugierig, sich nicht zu verschließen und in Sehnsucht nach der alten Welt zu verfallen, war nicht immer gleich stark aber da. Das neue Land mit all den Verhaltens- und Denkunterschieden seiner Bewohner barg sehr viele Gefahren in sich. Leicht war ich zu Anfang geneigt, im Zuge der Europäisierung Unterschiede nicht wahrnehmen zu wollen. Aber der Teufel steckte oft im Detail und zwang mich dazu. Die italienische Gesellschaft habe ich als eine sehr lebendige, aber ebenso ambivalente erfahren. Oft hat es mich überrascht wie z.B. die Idee des Katholizismus im täglichen Leben praktiziert wurde. In mitten der Jugendlichen fast aller europäischen Länder war es außerdem recht interessant zu sehen, was gemeinsam und was gegensätzlich ist, wie sehr jeder von seiner Kultur geprägt war, und wie oft der Konsens nur im amerikanischen lag. Die ständig vergleichenden Augen, die besonders in der ersten Zeit und der letzten vor der Heimreise sehr aufmerksam waren, konnte ich nie schließen. In meinem Kopf verglich ich oft Rom mit Berlin, Italien mit Deutschland. So habe ich von Rom aus einen ganz neuen Blickwinkel auf Deutschland erhalten, genauso wie ich jetzt zurück in der BRD wiederum einen neuen auf Italien habe.

Ich bin glücklich und dankbar zugleich, daß mir das Sokrates-Programm, die Möglichkeit erleichtert hat, all die neuen Dinge, von denen ich oben einige erwähnt habe, kennenzulernen und die nicht nur das Studium betreffenden Perspektiven und neuen Blickwinkel für mich zu entdecken. Mit seiner Hilfe habe ich mich enorm weiterentwickelt und kann es jedem, der sich darauf einlassen möchte, nur weiter empfehlen!