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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Geschichtswissenschaften

Rom 2002/03

Erfahrungsbericht Rom 2002/2003

Als ich am 2. September 2002 das Flugzeug Richtung Rom bestieg, hatte ich eine Mischung aus freudiger Neugier und auch etwas Unbehagen im Gepäck. Zwar kannte ich Rom schon vor meinem Studienaufenthalt recht gut, hatte ich doch 2000 an einem 3wöchigen Sprachkurs teilgenommen und auf zwei Exkursionen im Jahr 1999 sowie im März 2002 schon viel von der Stadt kennenlernen können. Diese Ortskenntnis half mir anfangs sehr, mich in der Stadt schnell zurecht zu finden – denn wenngleich der centro storico insgesamt recht übersichtlich ist, so wird die Stadt doch schnell groß, sobald man die ausgetretenen Touristenpfade verlässt...
Zu meinem Glück konnte ich das wohl größte Problem für ausländische Studierende, die Wohnungssuche, schon von Deutschland aus lösen: über eine Bekannte kam ich in Kontakt mit einer italienischen Philosophiestudentin, die eine WG gründen wollte. So suchte eine Orts- und Sprachkundige für mich und eine weitere „Erasmus-Deutsche“, die ich bereits aus Berlin kannte, eine Wohnung. Dadurch hatten wir hatten in Italien seltene Glück, in einer WG, wie ich sie auch aus Deutschland kenne, wohnen zu können, denn die meisten ItalienerInnen leben während des Studiums noch bei ihren Eltern.
Für viele andere Erasmus-Studierende lief das nicht so einfach. Die meisten zogen mindestens einmal um, oft wohnten sie in Wohnungen in schlechtem Zustand, hatten Ärger mit ihren Vermietern, die oft mit in der selben Wohnung oder im Haus leben. Die Kombination in unserer WG war für mich perfekt. Da Agnese, die Italienerin, nicht Deutsch kann, mussten wir vom ersten Tag an Italienisch sprechen. Doch wenn das Heimweh mich dann doch mal packte, oder ich jemanden zum „quatschen“ brauchte, konnte ich auch Deutsch reden.
Da ich nun schon das Thema „Sprache“ streife, will ich dazu auch gleich zu Beginn ein paar Zeilen schreiben: Vor meinem Studienaufenthalt in Rom habe ich besagten Sprachkurs in Rom besucht, der zwar mittlerweile schon Jahre zurücklag, aber die beste Vorbereitung für das Jahr in Rom überhaupt war. In den Universitätskursen am Sprachenzentrum der HU konnte ich zwar meine theoretischen Kenntnisse der Sprache vertiefen - und sicherlich waren die insgesamt 4 Semester, in denen ich Kurse belegte, natürlich auch hilfreich und wichtig - doch entscheidend ist zunächst, dass man sich traut, ohne groß nachzudenken drauflos zu sprechen – etwas, das man in den überlaufenen Uni-Kursen nur schwer lernen kann. Von Anfang an hatte ich sehr viel weniger Verständnisprobleme, als ich befürchtet hatte. Natürlich verstand (und verstehe) ich nicht alles, aber die wirklich wichtigen Dinge begreift man von Anfang an. Wenn das Gegenüber einigermaßen geduldig ist, dann sind auch scheinbar schwierige Sachverhalte kein Problem. Natürlich hat es einige Zeit gedauert, bis ich selbst beim Sprechen genug Mut hatte, mich auch mal ungefragt in ein Gespräch mit einzubringen. Wirkliche Sprachsicherheit, also das Gefühl, alles, was ich sagen will auch so ausdrücken zu können, wie ich es meine, habe ich natürlich erst in den letzten Monaten verspürt.
Während der Wintermonate war genau dies für mich oft sehr schwierig: ich musste immer wieder feststellen, wie schnell ich an die Grenzen meiner Ausdrucksfähigkeiten stieß. Wichtig war, dass ich sehr schnell anfing, Bücher auf Italienisch zu lesen. Zunächst las ich zwei, drei Bücher, die ich bereits kannte, dadurch kam ich schnell voran und ließ mich nicht entmutigen, denn es kann einfach sehr deprimierend sein, schwierige Texte zu lesen... Danach habe ich neben den italienischen Texten, die ich für die Uni las immer noch einen Krimi oder Comics gelesen. Man mag über den Bildungswert dieser Bücher streiten, doch sicherlich sind sie sprachlich eine gute Schule – spannend und unterhaltsam, sozusagen nur „nebenbei“ noch auf Italienisch. Außerdem hörte ich viel Musik mit italienischen Texten. Die Verbindung zwischen Melodie und Text vereinfacht für mich stets das Textverständnis, schnell versuche ich mitzusingen und lerne und verstehe dadurch den Inhalt besser.
Unmittelbar nach meiner Ankunft meldete ich mich in der Universität bei der etwas unorganisierten, aber sehr freundlichen Dame im Erasmusbüro an. Sie stellte mir sofort meinen Erasmus-Ausweis aus und teilte mir mit, dass an einem der folgende Tage eine Einstufungsklausur für die Sprachkurse stattfinden sollte. Die schrieb ich auch mit – „leider“ war ich zu gut, denn im September gab es nur Kurse für wirklich absolute Anfänger.
So füllte ich meine ersten Wochen in Rom mit „touristischem“ Programm, diesmal nur endlich ohne Zeitdruck und mit viel Ruhe. Durch meinen Studentenausweis kam ich kostenlos in alle staatlichen Museen. Dies ermöglichte mir, viele Museen mehrfach zu besuchen, immer nur so viel anzuschauen, wie ich auch wirklich aufnehmen konnte. Für meine Fächerkombination – Latein und Geschichte – gibt es sicherlich keine interessantere Stadt als Rom. Schon ohne all die spannenden Sammlungen und Museen ist diese Stadt so eine Art „Freilicht-Universität“, überall gibt es Dinge aus allen Epochen der europäischen Geschichte zu entdecken. Diese Erkundungen auf tagelangen Spaziergängen durch die Stadt mit einem Reise-, Kirchen- oder Archäologieführer und meiner Kamera unter dem Arm gehören für mich zu den wichtigsten und wertvollsten Erlebnissen meines Aufenthaltes in Rom.
Anfang Oktober war die nächste Italienisch-Einstufungsklausur angesetzt. Diesmal bekam ich auch einen Kurs, der Mitte Oktober begann. Da ich an dem Kurs, dem ich zugeteilt worden war, aus zeitlichen Gründen (er überschnitt sich mit anderen Kursen) nicht teilnehmen konnte, tauschte ich meinen Sprachkurs. Dies war, wie sich herausstellte, leider keine so gute Idee, denn ich kam in einen Kurs, in dem ich ziemlich unterfordert war – wir begannen nochmal mit den einfachsten Dingen in der Grammatik. Nun gut, es war eine intensive Wiederholung, und natürlich war es dennoch sinnvoll. Leider darf man nur an einem Kurs teilnehmen. Ich habe versucht, noch einen weiteren im zweiten Semester zu belegen, aber es gab zu wenige Plätze. Ich würde es gut finden, wenn das Erasmusprogramm auch einen ganzjähriger obligatorischen Sprachkurs enthielte.
Der Semesterbeginn verlief erwartungsgemäß sehr chaotisch. An den italienischen Unis wurde in den letzten Jahren eine umfangreiche Studienreform durchgeführt. Dadurch existieren zurzeit mehrere Prüfungsordnungen aber auch Studienjahraufteilungen parallel zueinander. (Früher studierte man (wenn ich das richtig verstanden habe, aber auch die ItalienerInnen sehen da nicht mehr richtig durch...) tendenziell auf ein Jahr bezogen, dies war manchmal noch unterteilt in Trimester, obwohl es wohl auch damals schon Semesterveranstaltungen gab, jetzt sollen es vor allem Semester-Kurse sein, mit denen man seiner laurea, dem Uni-Abschluß, vergleichbar mit unserem Magister oder Diplom, näher kommt.)
Vorlesungsverzeichnisse gibt es nicht, sondern man sucht sich seine Veranstaltungen an den Schwarzen Brettern der jeweiligen dipartimenti zusammen. Da ich meinen Erasmusplatz über das Fach Geschichte bekommen habe, war ich an der Facoltà di lettere e filosofia immatrikuliert, das ein Gebäude direkt neben der aula magna auf dem Campus der Universität La sapienza einnimmt. Innerhalb dieser Fakultät gibt es eine Vielzahl kleinerer und größerer dipartimenti, vergleichbar mit unseren Instituten, nur dass sie oft schon sehr viel stärker spezialisiert sind. So gibt es für alle Geschichtsbereiche, angefangen bei der römischen Antike bis hin zur Neuzeit, einzelne Institute. Vor allem im Bereich der Altertumswissenschaften im weitesten Sinne (also auch inklusive der Fächer, die in der deutschen Geschichtswissenschaft so nett mit dem Titel „Hilfswissenschaft“ abgespeist werden) ist das Angebot sehr weit gefächert. Viele dieser Fächer haben an deutschen Universitäten in den seltensten Fällen eigene Lehrstühle.
Auf langen, oft etwas orientierungslosen Wanderungen durch das Fakultätsgebäude suchte ich mir einen Stundenplan zusammen, was nicht nur dadurch schwierig ist, dass man eben an den Aushängen jeweils einzeln nachschauen muss. Ein weiteres Problem besteht nämlich darin, dass die Kurse dort meist mehrere Sitzungen in der Woche haben. Es begann also ein fröhliches Zeitrechenspiel. Viele Kurse konnte ich nicht belegen, weil sie sich zeitlich nicht kombinieren ließen.
Der Vorteil dieses Systems ist, dass man viel intensiver an einem Thema arbeiten kann, wenn man sich mehrmals wöchentlich (2-3 mal) damit auseinandersetzen muss. Sehr angenehm war, dass eigentlich alle in der Uni stets hilfsbereit und freundlich zu mir waren – von Studierenden, die mir durch die Zeitschichten der Aushänge halfen (denn die Schwarzen Bretter müssen natürlich nicht aktuell sein, z.T. informieren sie verwirrte Suchende auch noch über Veranstaltungen aus dem Akademischen Jahr 1999/2000...) über geduldige SekretärInnen bis hin zu den DozentInnen und ProfessorInnen, die meist, sobald sie merkten, dass ich Deutsche bin, geduldig all meine Fragen beantworteten. Irgendjemand ist immer da, den man fragen kann.
Ich entschied mich am Ende für eine Einführungsvorlesung in die Mittelalterliche Geschichte, einen Kurs über „Die Geschichte der Stadt“, einen philologischen Kurs zu einem spätantiken lateinischen Schriftsteller namens Iulius Valerius und einer Einführungsveranstaltung in die lateinische Epigraphik. Dazu kam noch der Sprachkurs. Im zweiten Semester belegte ich die Fortsetzung des Epigraphik-Kurses, einen Lektüre-Kurs, in dem eine Auswahl mittellateinischer Schultexte behandelt wurden, eine Veranstaltung in der römisch-antiken Geschichte, die sich mit Verfassungsfragen der römischen Republik befasste, sowie im Dipartimento di studi storico-religiosi einen Kurs mit dem Titel „Die Christen und die Musik“.
Die Kurse werden nicht wie bei uns nach Semesterwochen gezählt, sondern es gibt ein bestimmtes Stundenpensum, das ein Kurs haben muss, üblicherweise sind es 32 Stunden à 45 Minuten. Die DozentInnen handeln dann mit ihren KursteilnehmerInnen die Details aus – wenn also wegen Krankheit oder aufgrund von Feiertagen Sitzungen ausfallen, dann können die einfach am Ende angehängt werden. Dadurch gibt es auch nicht wie bei uns so klar getrennte Vorlesungs- und vorlesungsfreie Zeiträume. Noch etwas komplizierter wird es dadurch, dass viele Veranstaltungen zweigeteilt sind. Im Herbst beginnt ein Einführungskurs, gegen Mitte November ist der dann mit 32 Stunden beendet, und anschließend beginnt der Vertiefungskurs (z.B. nach der Einführung in die Geschichte des Mittelalters hätte ich den Vertiefungskurs zur „Geschichte der Frau im Mitteralter“ besuchen können), der nochmals 32 Stunden umfasst, dieser zweite Kurs endet dann so etwa Ende Januar. Da das Sommersemester auch in Rom etwas kürzer ist, finden von März-Mai meist dann nur noch einfache Kurse, ohne anschließende Vertiefungssitzungen statt. Doch auch das ist nur ein Richtwert, im Zweifelsfall entscheidet das anscheinend jedeR DozentIn selbst...
Wie ist nun „das Studieren“ in Rom? Ich war offen gestanden größtenteils sehr enttäuscht. Im Vergleich zur deutschen Universität spielt die Beteiligung der Studierenden an den Kursen eine geringe Rolle. Die meisten Veranstaltungen werden im Frontalstil gehalten, egal, um welche Materie es sich handelt, oder wie viele Studierende in einem Kurs sitzen. Meine italienischen KommilitonInnen waren Weltmeister im Mitschreiben. Nie zuvor sah ich ganze Kurse wörtlich die Vorträge ihrer DozentInnen mitschreiben. Nur sehr selten sagte auch mal einE StudierendeR irgendetwas im Laufe einer Sitzung. Auch wenn es sich in einem Kurs um ein seminario und nicht einen corso handelt, gibt es so gut wie nie Literaturlisten oder in Latein Texte, die zur Vorbereitung auf eine Sitzung gelesen werden sollen.
Stattdessen leben die italienischen Studierenden auf die jedem Kurs folgenden esami zu. Das ist die mündliche Prüfung, mit der ein Kurs abgeschlossen wird. Erst nach dem Bestehen dieser Prüfung gilt der Kurs als bestanden, vergleichbar mit unseren Scheinen, die wir erst nach Vorlage einer Hausarbeit bekommen.
Für ein esame bereitet man sich vor, indem man eine von den DozentInnen vorgegebene Literaturliste, in der Regel 2-3 Handbücher und gegebenenfalls noch die dazugehörigen Quellen, liest und möglichst auswendig lernt. Nach 30 Minuten, in denen dieses Wissen dann abgefragt wird, verschwindet es wohl meist wieder aus dem Gedächtnis, um Platz zu machen für den nächsten auswendig zu lernenden Stoff in weiteren esami.
Hausarbeiten werden wenn, dann nur freiwillig geschrieben und haben keinerlei Bedeutung für die Noten oder die laurea. Dadurch haben viele StudentInnen sehr große Probleme, wenn sie am Ende ihres Studiums ihre tesi, die Abschlußarbeit, die wissenschaftlichen Standards entsprechen soll und einen mit den deutschen Examens- oder Magisterarbeiten vergleichbaren Umfang hat, schreiben müssen.
Sehr viel besser sind die corsi di laurea specialistica, Kurse, die auf die laurea vorbereiten, und in denen sogar auch mal kleinere Referate gehalten werden. Aber natürlich habe ich das im ersten Semester noch nicht durchschaut und erst im zweiten Halbjahr vornehmlich diese Kurse belegt.
Zu meinem großen Glück habe ich dennoch insgesamt mit der Wahl meiner Seminare nicht völlig falsch gelegen. Die Einführungsvorlesung zu mittelalterlichen Geschichte war zwar fachlich wirklich nicht sehr aufschlussreich für mich. Doch war es spannend, Geschichte mal aus einer anderen Sicht, nämlich südlich der Alpen, zu betrachten. Spannend, wie sehr der nationale Ausgangspunkt die Schwerpunkte verschiebt. Der Kurs zur Geschichte der Stadt war nicht nur deshalb hervorragend, weil mich das Thema interessierte und die Dozentin sehr gut war, sondern weil er mir einen der Höhepunkte des Jahres verschaffte. Am Ende der Sitzungen fuhren wir nämlich mit dem Seminar für 2 Tage nach Siena, um unser theoretisch erworbenes Wissen praktisch in dieser wunderbaren Stadt anzuwenden.
Ich habe während meines Aufenthaltes in Rom keine Prüfung abgelegt. Zwar wären mir esami mit großer Wahrscheinlichkeit als Hauptseminarscheine in Deutschland anerkannt worden. Doch da mir in Deutschland nur noch 6 Scheine fehlen, die allerdings alle direkt vorbereitend für meine Examensprüfung in hoffentlich 2 Jahren sein werden, wollte ich diese Scheine lieber bei meinen künftigen PrüferInnen in Berlin ablegen. Doch ich hoffe, dass mir die von mir belegten Veranstaltungen dennoch zumindest als Vorlesungs- und Übungsscheine anerkannt werden.
Sehr wichtig war für mich vor allem der Lehrstuhl für lateinische Epigraphik. Im Sommersemester 2002 habe ich in Berlin einen Kurs zu Epigraphik belegt, der vom Leiter des Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL) der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Herrn Dr. Schmidt gehalten wurde. Da ich Interesse an einem Praktikum in Rom hatte, fragte ich ihn, ob er mir eventuell Kontakte verschaffen könnte, oder ob er vielleicht seine Kollegen in Rom sogar direkt fragen könnte. So sprach er Prof. Panciera an der La sapienza an. Der schlug vor, dass ich doch für den CIL und Herrn Schmidt in Rom Recherchen machen könnte.
So arbeitete ich während des gesamten Jahres, durchschnittlich 4-5 Stunden wöchentlich im Büro von Prof. Panciera. Meine Aufgabe bestand darin, alle bisher dokumentierten stadtrömischen Inschriften durchzusehen und alle, die in Versform verfasst sind, herauszusuchen. Für mich war diese Arbeit ein absoluter Glücksgriff. Nicht nur, weil es interessant und spannend war, über einen längeren Zeitraum an einer solchen Aufgabe zu arbeiten, sondern auch, weil ich dadurch eine feste Anlaufstelle innerhalb der Uni hatte. Prof. Panciera kannte mich namentlich, fragte öfter, wie es mir geht und ob ich Hilfe bei meinen Recherchen bräuchte, ein Luxus in dieser Uni. Denn der Kontakt zwischen Studierenden und Lehrenden ist an der La sapienza noch loser, als an deutschen Universitäten. Daneben lernte ich die MitarbeiterInnen und studentische Hilfskräfte kennen, zu einigen entstanden sogar auch private Kontakte. Außerdem gab es eine Reihe von sehr interessanten Vorträgen, die im Laufe des Jahres vom epigraphischen Institut organisiert wurden, die für mich sehr aufschlussreich waren – ohne einen direkten Kontakt hätte ich wohl oft nicht einmal von ihnen gewusst.
Doch wenngleich natürlich das Studieren der Hauptgrund meiner Anwesenheit in der Ewigen Stadt war, so war der „Rest“ für mich selbstverständlich ebenfalls wichtig. Musik spielte in meinem Leben schon immer eine große Rolle, und so wollte ich natürlich auch in Rom diese nicht missen. Durch den Tipp einer Freundin, die im vorherigen Jahr in Rom studiert hatte, fand ich einen Chor, in dem ich während der 10 Monate mitsang. Zweimal wöchentlich waren die Proben. Der Chor besteht aus sehr verschiedenen Leuten: etwa 70% sind ItalienerInnen, alle anderen kommen aus den unterschiedlichsten Ländern. Besonders das Weihnachtskonzert, bei dem wir die „Missa di Gloria“ von Puccini aufführten und der Ostergottesdienst, in dem wir die „Missa brevis“ von Mozart zu Gehör brachten, sowie die „Carmina Burana“ Carl Orffs im März waren Höhepunkte unserer Chorarbeit. In den letzten Monaten sang ich darüber hinaus noch in einem anderen Chor unserer Chorleiters, der in seinem Repertoire ausschließlich italienische Madrigale hat, mit. Auch mit der Querflöte boten sich am Ende des Jahres Möglichkeiten mit anderen zu musizieren. So stellte sich heraus, dass ein HiWi Pancieras sehr gut Klavier und Cembalo spielt – und so trafen wir uns wöchentlich zu Hausmusiknachmittagen.
Doch auch zum „passiven“ Genießen von Musik bietet Rom viele Möglichkeiten. Zahlreiche Konzerte in der Stadt sind kostenlos, vor allem in den Kirchen treten oft sehr gute MusikerInnen auf. Auch die Oper der Stadt ist einen Besuch wert. Ebenso wie auch die Theaterszene der Stadt zu Erkundungen einlädt. Sehr häufig, beinahe wöchentlich, ging ich auch ins Kino. Dies war für mich eine weitere gute Möglichkeit, meine Sprachkenntnisse anzuwenden und zu erweitern.
Die Fernsehkanäle habe ich – zum Glück oder leider? – nicht allzu intensiv studieren können, da wir in unserer WG keinen Fernseher hatten. Den Hauptteil meiner Informationen über Politik und Weltgeschehen bezog ich aus Zeitungen oder dem Internet. Gerade auf dem Hintergrund der jüngsten deutsch-italienischen politischen Spannungen und der italienischen Ratspräsidentschaft in der EU habe ich seit meiner Rückkehr viel über die derzeitige politische Lage Italiens nachgedacht. Erschreckend ist für mich die Einsicht, dass ich in Italien selbst tatsächlich sehr wenig von Berlusconis politischem Stil und seiner in meinen Augen völlig undemokratischen Regierungsweise mitbekommen habe. Dies, obwohl ich regierungsferne Zeitungen wie Il manifesto las und die meisten meiner italienischen Bekannten Berlusconi und der Mitte-rechts-Regierung sehr kritisch gegenüber stehen. Seit meiner Rückkehr wurde ich sehr oft gefragt, wie es denn sein kann, dass jemand wie er Ministerpräsident ist, und dass er ungehindert das Gesetz zu seinen Gunsten beugen kann. Ehrlich gesagt habe ich keine zufrieden stellende Antwort auf diese Frage. Viele ItalienerInnen haben zwar eine politische Meinung, und man diskutiert und streitet auch immer mal laut, doch ich habe niemanden getroffen, der sich wirklich auch aktiv für Politik einsetzen würde. Vielleicht ist dieses grundsätzlich vorhandene Desinteresse eine Ursache?
Sehr spannend war auch die Zeit vor und während des Angriffs der USA im Irak. Natürlich war auch ich auf der angeblich weltweit größten Friedensdemo in Rom, an der sich 2-3 Millionen Menschen beteiligten. Die Stimmung auf diesen Demos (eine war im Februar, eine im März) hat mich sehr beeindruckt: ganze Familien, vom Säugling über den Hund bis zur Oma liefen da mit, die Menschen waren wirklich in Friedensstimmung, überall hingen und flatterten die Regenbogen-Pace-Fahnen, die seit Beginn des Jahres schon in vielen Fenstern zu sehen waren. Doch auf der anderen Seite gehörte Italien zu den Ländern Europas, die Bush als erste ihre Sympathie bekundeten. Ich schüttelte immer wieder ungläubig den Kopf über die Ignoranz der Regierung, die sich ohne mit der Wimper zu zucken über den offensichtlichen Willen des Volkes hinwegsetzen konnte. Gerade in diesen Monaten wurde mir oft von ItalienerInnen gesagt, wie gut es sei, dass sich Deutschland so anders verhalte und dass sie lieber Deutsche wären.
Politik wird in Italien, noch sehr viel stärker als in Deutschland, polemisiert. Während der Wahlen für die Regionalregierung für Rom und das Latium konnte man Wahlplakate sehen, auf denen der rechte Parteienblock schlicht und ergreifend schrieb: „Contra la sinistra“, gefolgt vom Namen der Parteien (meist Forza Italia). Durch die massive Zersplitterung aller Parteien, vor allem der Linken aber auch der christdemokratischen Partei, ist es schwierig, klare programmatische Linien zu erkennen. Zahlreiche Einmann-Parteien (die lediglich aufgrund einer bekannten Persönlichkeit an ihrer Spitze bestehen können) und häufige Kurswechsel von Gruppierungen (so wurde in den vergangenen Jahren aus einer kleinen rechten Partei der Katholiken Süditaliens ein Mitglied des linken Parteienbündnisses) erforderten ein ständiges Mitverfolgen der politischen Ereignisse, wollte man den Überblick behalten. Vielleicht macht es genau dieses Durcheinander, und die in der Wahrnehmung der Menschen noch sehr präsenten terroristischen Attentate der vergangenen 40 Jahre (über die Ermordung Aldo Moros lief gerade im Frühjahr diesen Jahres ein Kinofilm an) möglich, dass sich nach wie vor scheinbar eine Mehrheit der ItalienerInnen vor allem nach Ruhe sorgt – und die scheint Berlusconi zu bringen.
Ich hoffe sehr, dass sich vielleicht durch Berlusconis Fehlverhalten, wofür sich schon einige meiner italienischen Bekannten bei mir „entschuldigt haben“ – ich solle bitten all meinen deutschen Verwandten und Freunden sagen, dass sie sich sehr für die Worte Berlusconis schämen! – und die Aufmerksamkeit der Europäischen Union, die gerade ihre Augen auf Italien richtet vielleicht doch die oppositionellen Kräfte im Land formieren können, um einen baldigen Regierungswechsel zu erreichen. Allerdings bin ich da leider nicht sehr optimistisch.

Auch wenn ich problemlos bereits diese 6 Seiten füllen konnte: Noch ist es viel zu früh, um wirklich ein Resümee über die 10 Monate in Italien zu formulieren. Die meisten Eindrücke und Erfahrungen werden noch viel Zeit brauchen, ehe sie ihre Wirkung voll entfalten können. Einige Dinge sind mir natürlich bereits jetzt, knapp 3 Wochen nach meiner Rückkehr bewusst.
Auf jeden Fall bereue ich es kein bisschen (und habe es auch im Laufe der vergangenen 10 Monate nie bereut oder bedauert!), dass ich mich zu diesem Jahr entschlossen habe - und ich würde auch jeder Zeit sofort wieder genau dieselbe Entscheidung treffen, stünde ich noch einmal davor.
Im Moment kann ich mir sogar wirklich gut vorstellen, nach dem Ende meines Studiums noch ein weiteres Jahr in Italien zu verbringen, vielleicht für eine Lehrassistenz? Auf jeden Fall habe ich noch lange nicht das Gefühl, Italien so gut kennen gelernt zu haben, dass diese Erfahrungen nicht mehr weiter vertieft werden könnten und müssten. Und richtig kennen lernt man ein Land eben nur, wenn man für längere Zeit in ihm lebt. Aber dennoch war es nicht immer leicht, im Gegenteil, oft war ich sehr erschöpft und auch ein bisschen verzweifelt, weil natürlich nicht alles glatt läuft, weil mir in den ersten Monaten persönlichere Kontakte gefehlt haben, weil der Alltag in diesem Land so anstrengend ist, weil mich die Uni unzufrieden gemacht hat.
Spannend war es, ein völlig anderes Universitätssystem kennen zu lernen und feststellen zu müssen, dass ich mit dem deutschen Studieren, zumindest in den Geisteswissenschaften, sehr zufrieden bin. Denn wenn wir schon über Praxisferne jammern - dann müssten die Italiener laut aufschreien. In Italien haben AkademikerInnen einen völlig anderen Stellenwert in der Gesellschaft – nämlich einen sehr viel schlechteren als in Deutschland, erst recht diejenigen, die ihren Abschluß an der Facoltà di lettere e filosofia gemacht haben. Fast alle Studierenden, die ein bisschen ambitionierter sind, schwärmen von Deutschland, würden sehr gerne hier studieren, weil der Ruf der deutschen Bildung (noch?) sehr gut ist.
Ein weiterer Punkt ist mir ebenfalls sehr wichtig geworden: auch als "linke Intellektuelle" muss ich nicht per se Deutschland-kritisch sein. Es gibt viele Gründe, warum Deutschland ein lebenswertes Land ist: in Sachen Umweltschutz hat sich schon eine Menge getan , sei es auch nur, dass es ein weit verbreitetes Bewusstsein dafür gibt, dass man Müll trennen kann und sollte oder dass Autofahren an und für sich nicht gut für die Umwelt ist. So sehr ich mich über viele Dinge in der deutschen Politik ärgern und aufregen kann: Deutschland ist, gerade nach all den weltpolitischen Dingen, die in den letzten Monaten passiert sind, ein Land, mit dem ich mich trotz aller Fehler im System und all des Chaos, das hier gerade herrscht, identifizieren kann. Ich bin nicht stolz geworden, Deutsche zu sein, aber ich habe gelernt, dass es keinerlei Grund gibt, mit irgendeiner Art von Unbehagen sagen zu müssen, woher ich komme. Aus diesen Gedanken heraus entstand während der Zeit in Italien auch der Wunsch, mich wieder politisch zu engagieren.
Spannend ist für mich auch die Erfahrung gewesen, mit viel freier Zeit umgehen zu müssen. Mein Leben vor diesem Jahr hatte eine gleichbleibende Komponente: viel zu viele Interessen, Ideen, Verpflichtungen für viel zu wenig Zeit. In Rom nun war es eher umgekehrt: ich selbst musste mir meine Zeit mit Dingen füllen, die Sachen flogen nicht wie sonst ganz von alleine auf mich zu, sondern wollten gesucht werden.
Das war für mich immer wieder schwierig. Ich brauche - glaube ich - einfach einige "direkte" Herausforderungen (Uni, Musikunterricht, …) um nicht das Gefühl zu haben, "unnutz" zu sein. Natürlich habe ich während meines Aufenthaltes in Rom unglaublich viel "geleistet" - aber das sind eher die unsichtbaren Dinge, keine Hausarbeit, kein Referat oder kein Schein.
Sehr viel Zeit brauchte ich für die „unwichtigen Dinge“: täglich verbrachte ich zwei bis vier Stunden in den öffentlichen Verkehrsmitteln, die stets überfüllt sind. Und schon Dinge wie der tägliche Einkauf konnten durch das italienische Temperament zu einem mehrstündigen Abenteuer werden...Doch natürlich sind es genau diese Erfahrungen, in denen ich tiefe Einblicke in dieses Land gewonnen habe, in denen ich den Leuten beim Diskutieren zuhören konnte, in denen ich mit wildfremden Menschen ins Gespräch kam, in denen ich die unterschiedlichen Lebensweisen zwischen Deutschland und Italien wirklich kennenlernen konnte.

Ich bin sehr froh und dankbar dafür, dass ich die Möglichkeit hatte, in Italien zu studieren und zu leben. Dafür möchte ich den Organisatoren des Erasmus/Sokrates-Austauschprogramms, aber auch der Studienstiftung des deutschen Volkes, die mich während meines Aufenthalts finanziell unterstützte, sehr herzlich danken.

Dorothea Weiß Wittenförden, im Juli 2003