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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Geschichtswissenschaften

Uppsala 2005/06

Bericht Manuela Doss, Universität Uppsala, Schweden, WS 2005/2006

 
Als Studentin der Humboldt-Universität zu Berlin studiere ich im Hauptfach Skandinavistik sowie in den Nebenfächern Anglistik und Europäische Ethnologie (Magister). Die Wahl der Universität im Ausland ergab sich eigentlich ganz von selbst – da ich den Schwerpunkt meines Studiums auf die schwedische Sprache gelegt hatte, kam für mich nur eine schwedische Uni in Frage. Freunde und Bekannte hatten ausführlich vom studentischen Leben an der traditionsreichen Universität Uppsala (immerhin die älteste Skandinaviens) berichtet. Aus fachlicher Sicht stellte das dortige Department für Kulturanthropologie für mich einen großen Anreiz dar. Dieses Institut arbeitet eng mit dem “Department for Peace and Conflict Studies” zusammen, das in seiner Art und Größe einzigartig ist und die größte Datenbank Europas über weltweite Konflikte und Friedensarbeit auf akademischem Niveau unterhält. Auch durch das zweimonatige Praktikum, das ich im Anschluss an mein Studiensemester am Institut absolvieren konnte, hat sich meine Wahl als richtig erwiesen.
 
Leider stand an der Uni Uppsala in keinem meiner drei Studienfächer ein Platz über das Sokrates/ Erasmus-Programm zur Verfügung, so dass ich einen Umweg über die Geschichtswissenschaften nehmen musste. Jährlich werden nämlich am Institut für Geschichtswissenschaften der HU zwei Plätze für Uppsala bereitgehalten, die zu meinem Glück 2005 nicht in Anspruch genommen wurden. Das bedeutete in meinem Fall ein wenig mehr Absprache und “paperwork” im Vorfeld meines Auslandaufenthalts, aber alles verlief zufriedenstellend. Da ich also letztlich als “Quereinsteigerin” nach Uppsala gekommen war, musste ich vor Ort auch einige Veranstaltungen in der Geschichte besuchen, was sich aber als nicht weiter problematisch erwies, da ich diese sehr gut in meinen Studieninhalt integrieren konnte.
 
Zur Wahl der Kurse kann ich euch nur sagen, dass ihr euch am Anfang nicht zu sehr unter Druck setzen solltet, schon alles ausgetüftelt zu haben. Dies wird zwar im Vornherein erwünscht, ist aber eigentlich nicht möglich, da die Vorlesungsverzeichnisse zur Zeit der Anmeldung des Erasmusplatzes nicht aktuell sind und ihr eine ausführliche Betreuung durch die Koordinatoren im jeweiligen Fachbereich an der Gastuniversität erhaltet. Dazu gibt es einige Informationsveranstaltungen und Sprechstundentermine, über die ihr auch zuvor informiert werdet. In Uppsala wird das Semester noch einmal in vier Abschnitte unterteilt, in denen man meist nur einen Kurs besucht. Das bedeutet, dass man nur zwei- bis dreimal in der Woche wirklich zur Uni geht, aber einen großen Teil der Zeit auf das Selbststudium verwenden muß. Für uns deutsche Studenten war das wirklich eine große Umstellung, da hier oft ein großes Lesepensum erwartet wird und man eigentlich sofort, durch die Vierteilung des Semesters, mit dem Schreiben der Hausarbeit beginnen muss. Die Kurse am Institut für Geschichtswissenschaften werden auf Englisch gehalten und stehen nur den Austauschstudenten offen. Ich kann euch nur raten, auch in anderen Instituten nach Kursen, die euch vielleicht interessieren, zu schauen, da die Anforderungen, selbst für mich als “Laie” in der Geschichte, eher niedrig gehalten waren. Leider ist es sehr kompliziert, einen Kurs im höheren Niveau zu ergattern, da man entweder gut Schwedisch sprechen oder an einem Kurs auf Masterniveau teilnehmen muss. Doch diese Plätze sind rar gesät und können nur über individuelle Absprache vor Ort ergattert werden. Aus diesem Grund habe ich zudem den Kurs “Culture in Armed Conflicts” am Institut für Kulturanthropologie besucht, der über das ganze Semester ging, also alle vier Teilabschnitte. Dieser Kurs hat sich nicht nur aufgrund seiner Intensität und des Erkenntnisgewinns gelohnt. Hinzu kommt, dass dieser Themenbereich am Institut für Europäische Ethnologie an der HU Berlin nur selten behandelt wird, so dass ich die Veranstaltung als einzigartige Möglichkeit begreifen konnte. Da der Teilnehmerkreis nicht auf Austauschstudenten beschränkt war, kam man auch gut mit schwedischen Studenten in Kontakt.
 
Neben dem hohen Anteil des Selbststudiums und dem großen Lesepensum steht auch die Arbeit und Analyse in kleinen Arbeitsgruppen sowie Vorträge von Gastdozenten im Fokus der Lehre. Diese Erfahrung empfand ich als sehr bereichernd. Ein Manko gibt es für uns deutsche Austauschstudenten natürlich auch, denn wenn man einmal die Wahl für einen Kurs getroffen hat, muss man diesen auch zuende führen. Der Grund: Die schwedischen Dozenten werden danach bezahlt, dass sie die Studenten zum Examen führen; ein “Reinschnuppern” in verschiedene Kurse wird deshalb nicht gern gesehen. Doch auch das ist eigentlich kein so großes Problem, da die Kurse durch die Vierteilung des Semesters meist nur fünf bis sechs Wochen gehen, so dass man bei einer Fehlentscheidung nicht zuviel Zeit verliert.
 
Vor Beginn und auch während des Semesters werden Intensivsprachkurse angeboten. Diese sind zu empfehlen, wenn man sich mit den Einheimischen unterhalten und auch mal in der Landessprache ein Bier bestellen möchte. Da ich Skandinavistik studiere, brauchte ich an keinem Sprachkurs mehr teilzunehmen. Ich hätte meine Sprachkenntnisse allerdings gern noch einmal vertieft, doch die Plätze für die Sprachkurse sind rar – deshalb unbedingt rechtzeitig dafür anmelden.
 
Uppsala ist auch als Stadt sehr zu empfehlen. Die viertgrößte Stadt in Schweden ist reich an Geschichte und sehr traditionell. Die gemütliche Altstadt lädt zu langen Kaffeezeiten ein, die Domkirche (die größte Skandinaviens) thront im Zentrum der Stadt, es gibt viele Museen, u.a. im Schloss. Stockholm liegt direkt vor der Tür und ist mit dem Zug oder dem Bus in einer knappen Stunde erreichbar, und das alte Uppsala (“Gamla Uppsala”) erzählt von den Wikingern und ermöglicht lange Spaziergänge in der schwedischen Natur.
 
Wie oben schon angedeutet, verläuft das Studentenleben sehr speziell. Uppsala und Lund sind die einzigen Studentenstädte, wo die außeruniversitären Aktivitäten über die sogenannten “Nationen” geregelt werden. Es gibt 13 Nationen, das sind Studentenverbindungen, die verschiedene Teilgebiete Schwedens repräsentieren. Sie waren früher dafür da, damit die Studenten Kommilitonen aus ihrer Region treffen konnten. Heutzutage müssen die Studenten natürlich nicht mehr in die Göteborgnation eintreten, wenn sie zum Beispiel aus Göteborg kommen, doch ein Eintritt ist auf jeden Fall Pflicht – auch für Austauschstudenten, da man z.B. eine Mitgliedschaft vorweisen muß, wenn man Prüfungen absolvieren möchte. Keinesfalls können die Verbindungen mit den deutschen Verbindungen verglichen werden, denn hier geht es nur um gemeinsamen Spaß und freizeitliche Aktivitäten. Jede Nation besitzt Pubs, Bibliotheken, veranstaltet Tanzabende und Dinner, organisiert Ausflüge; es gibt dort Sport- und Fotoclubs, Theatergruppen und Chöre usw. Auch wenn die Mitgliedschaft erstmal einen Zwang darstellt, kann man später eigentlich ganz zufrieden sein, denn ein billigeres Bier wird man außerhalb der Nationen kaum finden. Außerdem werden in regelmäßigen Abständen festliche Bälle (sogenannte “Gasques”) veranstaltet, die sehr traditionell in ihrer Kleidervorschrift und ihrem Programm sind. Zusätzlich kann man natürlich auch als Austauschstudent in einer Nation arbeiten, doch in Anbetracht der Vergütung geht es eher um den Spaß als um das Geldverdienen. Nebenjobs sind außerhalb der Nationen eigentlich gar nicht zu finden, da man selbst für das Abwaschen in einer Küche eine Ausbildung vorweisen muss. Die Unterstützung der Austauschstudenten wird auch über die Nationen gefördert. Sie bieten verschiedene Trips innerhalb Schwedens an und versuchen vor allem in der Einführungswoche mit verschiedenen Infoveranstaltungen, Picknicks, Grillabenden und “Pubcrawls” den neuen Studenten den Start zu erleichtern. In welcher Nation ihr Mitglied werdet, ist eigentlich egal, da man durch die Mitgliedschaft in einer Zutritt zu allen anderen hat.
 
In Uppsala gibt es mehrere studentische Wohngebiete. Ich habe ein Zimmer in “Flogsta” gehabt, das am Rande der Stadt liegt. In den siebenstöckigen Hochhäusern dort lebt man insgesamt zu zwölft auf einem Korridor, jeder hat ein eigenes Zimmer mit Bad und teilt sich mit den anderen Küche und Wohnzimmer. Meist leben hier zwei Austauschstudenten mit zehn Schweden zusammen, was den Kontakt zu ihnen natürlich vereinfacht. In anderen Wohngebieten sind die Austauschstudenten eher unter sich, was jeder nach seinem Interesse als positiv oder negativ bewertet. Ein kleiner Tipp – lasst euch nicht abschrecken von der Zurückhaltung der Schweden, man braucht ein paar Anläufe, um auch mal ein Gespräch mit ihnen zu führen. Wenn das Eis erst mal gebrochen ist, kann es dann auch ganz nett werden. Flogsta ist bekannt für seine Partys – je nach Prüfungsperiode könnte man eigentlich jeden Abend feiern gehen. Ich selbst habe auf einem sehr ruhigen und ordentlichen Flur gelebt, was es mir ermöglicht hat, auch mal ein paar ruhige Stunden zu verbringen. Was die Ordentlichkeit betrifft, da seid auf alles gefasst – ich habe auch schon Küchen gesehen, wo man die Farbe des Bodens nicht mehr erkennen konnte. Geschirr- und Kochutensilien standen in meinem Flur für alle gemeinsam bereit. Doch es gibt auch Korridore, wo alles streng getrennt gehalten wird. Für diesen Fall müßte man sich dann z.B. bei Ikea versorgen. Vorsicht vor dem Vermieter “Studentstaden”! Diese Zimmervermittlung ist leider nicht der Uni unterstellt, kann also Mieten auch mal eben erhöhen und versucht natürlich, aus jeder Sache den eigenen Vorteil zu ziehen. Deshalb bei Beginn den Mietvertrag ganz genau lesen und die vorhandenen Schäden im Zimmer unverzüglich melden, denn die Erfahrung hat gezeigt, dass diese auch bei Austauschstudenten später in Rechnung gestellt wurden. Bei der Zimmerabnahme am Ende solltet ihr unbedingt dabei sein und wenn möglich die Email über die berichteten Schäden bereit halten. Außerdem solltet ihr euch um eigenes Bettzeug kümmern – auch wenn es vorher heißt, dass es reicht, nur die Bettwäsche mitzubringen, kann man nicht davon ausgehen, dass wirklich welches vorhanden ist. Flogsta liegt übrigens ca. 15 Minuten mit dem Rad vom Stadtzentrum entfernt. Ein Fahrrad ist empfehlenswert, da die öffentlichen Verkehrsmittel sehr teuer sind und man auf den gut ausgebauten Radwegen auch bei Schnee vorankommt. Ich habe mein eigenes Fahrrad mitgebracht, was ich im Nachhinein vermutlich nicht mehr tun würde, denn die Schäden durch den Transport im Flugzeug waren doch zu groß. Aber es gibt zahlreiche Fahrradhändler, die gebrauchte Räder anbieten, man kann aber auch die Aushänge in den einzelnen Wohnheimen beobachten.
 
Der Winter in Uppsala ist lang und beginnt früh. Deshalb ist es ratsam, von Anfang an warme Sachen und wintertaugliches Schuhwerk mitzunehmen. Obwohl die Temperaturen deutlich niedriger liegen als in Deutschland, ist es angenehmer, weil der Winter meist sehr trocken ist. Auch die Lichtverhältnisse waren gut zu ertragen, obwohl die gegen zwei Uhr nachmittags einsetzende Dämmerung eine neue Erfahrung für mich war. Die Müdigkeit, die sich gegen acht Uhr abends einstellt, kann auch schnell bekämpft werden. Durch das reichhaltige Angebot an Freizeitaktivitäten kam eine depressive Grundstimmung gar nicht erst auf.
 
Generell ist die Betreuung der Erasmusstudenten vor Ort sehr gut; auch bei größeren Problemen. Ich konnte meinen Mietvertrag für die Dauer des Praktikums problemlos verlängern, und bei einem Unfall mit anschließendem Krankenhausaufenthalt halfen mir die Erasmus-Koordinatoren durch den Versicherungs- und Kostenwirrwarr. Finanziell gesehen war der Aufenthalt in Schweden sehr kostspielig: So sollte man nicht nur die höheren Preise für Lebensmittel einkalkulieren; auch die Gebühren für die Nation und die Miete lagen deutlich höher als im aktuellen Studienführer beschrieben.
 
Alles in allem hat sich das halbe Jahr für mich sehr gelohnt. Ich konnte meine Sprachkenntnisse im täglichen Umgang mit den Schweden vertiefen, habe interessante Kurse besucht, erfolgreich ein Praktikum abgeschlossen und natürlich viel gefeiert, und dabei Menschen aus unterschiedlichen Nationen kennengelernt und neue Freunde gewonnen.