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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Geschichtswissenschaften

Uppsala 2006/07

Maike Zazie Matern, Studienjahr 2006/2007
Das erste was mir zu meinem Semester in Uppsala einfällt ist „Idylle“. Während ich diesen Bericht geschrieben habe, habe ich immer wieder im Moos hinter dem Studentenwohnheim Lilla Sunnersta gesessen. Der Wind rauschte durch die Bäume. Vögel sangen. Sonst war alles still. Der absolute Kontrast wenn man aus einer Millionenstadt wie Berlin kommt.
 
Mit Idylle hörte das Semester also auf und so fing es im Winter auch an: Ich kam Mitte Januar an und wenige Tage nach meiner Ankunft begann es zu schneien und hörte eine ganze Weile nicht mehr auf. Die Stadt versank im tiefen Schnee, was etwa zwei Monate so blieb. Die kalte Luft schnitt mir in die Stirn. Ein Winter, wie man ihn sich in Berlin nur andauernd wünscht und der nie eintrifft. Obwohl die Menschen hier ja der Meinung waren, das sei gar kein richtiger Winter gewesen. In jedem Fall lud es zu langen Spaziergängen ein, zum Langlaufskifahren und Schlittschuhlaufen.
 
Schon Uppsala selbst ist, obwohl die viertgrößte Stadt Schwedens, eine sehr kleine und gemütliche Universitätsstadt in der Nähe Stockholms, die mich sehr an meine erste Studienheimat Tübingen erinnert. Die schönen alten Häuser und die engen Straßen, der Fluss, an dessen Ufer wir häufig in der Sonne saßen und die vielen Parks im Stadtinneren machen auch die Stadt zur Idylle.
Ich habe mich hier schon sehr wohl gefühlt, aber mit der Zeit wurde es mir hier doch zu klein. Weitgehend alles dreht sich um Universität und Studentenleben und der Rest kommt dafür sehr kurz.

Zentral sind die so genannten sehr traditionellen Nationen. Jeder Student muss einer solchen Nation beitreten. Dort finden neben feinen großen Feierlichkeiten wie Reccegasque oder Vårbal, auch Parties und Freizeitaktivitäten wie Chor, Theater- oder Fotogruppe statt. Es gibt eine Nationskneipe, in der man - wenn auch für sehr wenig Geld, vor allem für den Spaß - jobben kann und wo es meist am Wochenende eine Fika gibt, d.h. man trifft sich mit Freunden zu Kaffee u.ä. und Kuchen. Die Nationsräumlichkeiten bieten überdies meist die Möglichkeit sich zum Lernen oder Anderem zu treffen. Ich bin bei der Kalmar Nation gelandet, „den lilla nationen med det stora hjärtat“, wie sie sich auf ihrer Internetseite ankündigt. Dass diese eine der kleineren Nationen ist, war von Vorteil, da es dort recht persönlich zuging und man dadurch leichter Leute kennen lernen konnte.
 
Ein paar wenige Freizeitalternativen zu den Nationen gibt es dennoch: Z.B. im Hugos, einem kleinen kunterbunten alternativen Cafe in der Svartbäcksgatan habe ich wohl so etwas wie ein zweites Zuhause gefunden: Neben kleinen Kuchen, Kaffee und Tee, bekommt man ebenso ein sehr leckeres hausgemachtes, recht multikulturelles „Lunch“. Im Regina Theater in der Trädgårdsgatan gab es ab und zu kleine schöne Konzerte. Ausflüge nach Stockholm sind leider nicht immer eine Alternative, da jede Hin- und Rückfahrt zusammen ca. 130 Kronen kostet und der letzte Zug zurück um kurz nach zwölf abfährt.
 
Ein Fahrrad ist ein absolutes Muss in Uppsala. Damit lassen sich sowohl die Wege in die Stadt und nach Hause zurücklegen, als auch Ausflüge in die Umgebung unternehmen. Gebrauchte Fahrräder bekommt man ab 400 Kronen und kann sie letztlich auch wieder gut verkaufen. Wer in Lilla Sunnersta wohnt fährt im Übrigen am besten einfach immer am Fluss entlang, was zwar länger ist als über den Dag Hammarskjölds Väg, aber viel schöner. Das Wohnheim liegt sechs Kilometer außerhalb zwischen den Stadtteilen Sunnersta und Gottsunda, direkt an Wald und Feld, was meinen Eindruck von Idylle noch verstärkt hat.

Ich hatte die Wahl gehabt zwischen sechs verschiedenen Wohnheimen: Vier allein für Erasmusstudenten, der Hochhaussiedlung Flogsta und Lilla Sunnersta, einem kleinen vor zwei Jahren neu errichteten Wohnheimkomplex aus roten zweigeschossigen Holzhäusern. Die Unterkünfte alleine für Erasmusstudenten kamen für mich nicht in Frage, weil ich keine Lust hatte, im Erasmusklientel zu verbleiben, dem alternativen Mallorcaurlaub, wo man jeden kennen lernen kann, bloß keine Schweden. Flogsta schied ebenfalls aus, weil ich mir nicht vorstellen konnte in einer reinen Hochhaussiedlung zu leben und mir außerdem nicht mit zehn Leuten Küche und Bad teilen wollte. Für Lilla Sunnersta hatte ich mich schließlich entschieden, weil ich es schön fand für eine begrenzte Zeit noch mal draußen in Naturnähe zu wohnen. Von hieraus konnten längere Waldspaziergänge bis zum Mälaren gemacht werden. Im Sommer wurde abends auf dem Hof oder einem kleinen Grillplatz in der Nähe am Wald gegrillt. Gleichzeitig vor- und nachteilig ist die Tatsache, dass in Lilla Sunnersta jeder sein eigenes kleines Appartement mit Dusche und Kochnische hat. Das ist einerseits sehr angenehm, bringt aber mit sich, dass es im gesamten Wohnheim doch sehr anonym zuging. Man behält sich die Möglichkeit vor, in der Küche auf nette oder auch unliebsame Kontakte zu stoßen. Lilla Sunnersta ist damit eine recht klare Wahl, aber irgendwann auch eine eher einsame. Ich hatte nur Glück, dass ich eine meiner schließlich besten Freundinnen hier gleich am ersten Tag kennen gelernt habe.
 
Was natürlich noch besonders wichtig wäre, sind meine Erfahrungen an der Uni: Ich studiere Literaturwissenschaft und Skandinavistik. Zu dem Kursangebot an der Geschichte kann ich dazu demnach nichts sagen, da ich nur Kurse an der Literaturwissenschaft besucht habe. Außer Semesterwochenstunden konnte ich mir leider nichts anrechnen lassen, da ich schon fast am Ende meines Studiums angekommen bin und die Kurse, die ich hier besucht habe, nicht an das Niveau der mir noch verbleibenden Hauptseminarscheine heranreichen. Selbst in einem Fortgeschrittenenkurs wurde als Leistungsnachweis nur eine ca. siebenseitige Hausarbeit verlangt. Für einen Übungsschein sollte das allerdings ausreichen. Das Studium hier bot für mich vor allem die Möglichkeit meinen Umgang mit dem Schwedischen noch weiter zu verbessern sowie einen sehr guten Überblick über die schwedische Literatur und damit neue Ideen für meine Prüfungsthemen zu bekommen.
 
Im Übrigen kann ich nur empfehlen sich in Schweden nicht allein auf Englischkenntnisse zu verlassen. Es kursiert ja das Gerücht, in Schweden käme man alleine damit durch. Ich bin mit meinem Schwedisch allerdings auf vielmehr Offenheit gestoßen. Es gibt außerdem eine Reihe von Situationen, in denen nur Schwedisch gesprochen wird und die ohne das nicht zu bewältigen sind. Auch meine schwedischen Freundschaften hätten anders nicht funktioniert, weil in der Gruppe nur Schwedisch gesprochen wurde. Was die Kurse an der Uni anbelangt, so gibt es zwar eine ganze Reihe Kurse auf Englisch, doch eine Freundin hat mir erzählt, dass ihre Kurse allein wegen zwei Erasmusstudentinnen auf Englisch abgehalten würden. Und soviel Höflichkeit, denke ich, kann man nicht erwarten.
 
Zusammenfassend war diese Zeit für mich sehr wichtig und bereichernd: Ich habe sehr enge und liebe Kontakte geknüpft und meine Sprachkenntnisse sehr stark verbessert. Für mein Skandinavistikstudium war es außerdem wohl unabkömmlich, schon jetzt eine Weile hier verbracht zu haben. Ansonsten kann ich persönlich vielleicht eher eine größere Stadt wie Göteborg empfehlen, aber das ist ja dennoch immer eine subjektivere Angelegenheit.