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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Geschichtswissenschaften

Visby 2010/11

Bericht Jennifer Hoffmann, Högskolan på Gotland, Schweden, WS 2010/2011

 

Ich studiere an der Humboldt-Universität zu Berlin Skandinavistik im Hauptfach und Geschichte im Zweitfach. Seit Beginn meines Studiums stand für mich fest, dass ich ein Semester in Schweden studieren möchte. Da ich meinen Schwerpunkt auf die skandinavische bzw. schwedische Mediävistik gelegt habe, war meine Freude umso größer, als die HU die Högskolan Gotland als Austauschpartner 2010 neu hinzubekommen hatte. Visby ist mit seiner Geschichte und der alljährlichen Mittelalterwoche und seiner romantischen Altstadt eine Hochburg für diese Epoche.

 

Visby

Ich bin bereits Mitte August in Visby angekommen. Im Sommer gibt es von Berlin aus Direktflieger in die Hauptstadt der zweitgrößten Ostseeinsel, jedoch sind die Tickets rar. Eine zweite Möglichkeit  bietet eine Fähre von Stockholm nach Visby. Für mich ging es somit am Morgen von Berlin zunächst nach Stockholm und von dort aus mit zwei Bussen zum Hafen nach Nynäshamn. Die Fähre setzte mit 4 Stunden Fahrzeit nach Visby über.

Der erste Blick auf die abendliche Stadt bei der Ankunft war überwältigend.

 

Die Stadt selber ist Terassenförmig auf den Klippen der Westküste erbaut und bietet ein herrliches Panorama wenn man vom Meer auf sie schaut. Das heißt aber auch, dass die Innenstadt sehr steil gelegen ist. Man geht immer bergauf- und bergab, bzw. treppauf- und treppab. Die Altstadt ist von der mittelalterlichen Stadtmauer umgeben, die auch UNESCO-Welterbe und Wahrzeichen Gotlands ist. Man benötigt etwa eine Stunde um die Stadtmauer zu umwandern. Die Neustadt wurde nicht direkt an die Altstadt gebaut, sondern in gebührendem Abstand zur Stadtmauer errichtet. Streckenweise säumt eine grüne Hügel- und Burggrabenlandschaft die Stadtmauer.

 

Studium und Universität

Gleich, nachdem ich erfahren hatte, dass ich einen Erasmus-Platz auf Gotland bekommen hatte, habe ich mich mit dem Kursprogramm auseinandergesetzt. Leider waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht alle Kurse des Herbst- bzw. Wintersemesters im Internet bekannt gegeben. Allerdings bin ich bereits in den freigegebenen Kursen fündig geworden und habe mich sofort mit der Erasmus-Koordinatorin in Visby in Verbindung gesetzt. Von Anfang an war sie sehr hilfreich und hat alles Weitere was die Kurse betraf für mich erledigt.

 

Die  Högskolan Gotland hat etwa 6000 Studenten, größtenteils gehören diese den Fachrichtungen Spieledesign, Wirtschaft und Ökonomie, aber auch der Archäologie an. Das Geschichtsinstitut wird zur Zeit ausgebaut und erweitert. Ab dem Wintersemester 2011 soll man Kurse zu allen Epochen studieren können.

Bis auf einen kunstgeschichtlichen Kurs habe ich lediglich Kurse der Archäologie besucht, da ich in Berlin nicht die Chance dazu gehabt hätte.

 

Bis auf einen meiner Kurse, der aufgrund mangelnder Teilnehmerzahl nicht stattfinden konnte, ist meine Kurswahl vollkommen aufgegangen. Über den nicht stattfindenden Kurs wurde ich sehr schnell von der Erasmuskoordinatorin informiert und ich konnte mir einen anderen Kurs suchen.

Das es jedoch immer so glatt läuft, ist nicht gesagt. Einige meiner Kommilitonen hatten Probleme ihre gewünschten Kurse zu belegen und mussten im letzten Moment die Kurse wechseln und alles aufs Neue mit ihrer Heimatuni abklären.

 

Ich habe mich von Anfang an für schwedische Kurse entschieden, da meine Hauptsprache in der Skandinavistik Schwedisch ist. Ich habe jedoch von Kommilitonen erfahren, dass sobald ein nicht-schwedisch  sprechender Student in einem Kurs ist, die Unterrichtssprache ins Englische wechselt. Ich war froh, dass es in meinen Kursen keine weiteren Nichtschweden gab und ich so die Möglichkeit bekam mein Schwedisch zu verbessern.

Allgemein kann man aber sagen, dass so gut wie alle Englisch sprechen und ausländischen Studenten entgegenkommen. Problematisch wird es in diesem Fall nur, wenn man sein Schwedisch verbessern möchte.

 

Die Semesterwochenstundenanzahl liegt generell in Schweden nicht so hoch wie in Deutschland. Man hat pro Woche nicht viele Kurse an der Uni. Man sollte sich aber nicht täuschen lassen, denn der Anteil an Selbststudium, Lesepensum und Gruppenarbeit bzw. Projektarbeit ist sehr viel höher als z.B. in Berlin.  Es wird insgesamt sehr viel mehr Selbstdisziplin erwartet. Der Unterricht, den man gemeinsam „in der Klasse“ hat, ist dafür sehr abwechslungsreich und interessant gestaltet. Meine Vorlesungen waren von wechselnden Dozenten und Professoren geprägt, die einen sehr guten Einblick in ihr jeweiliges Fachgebiet (es wird sehr interdisziplinär gearbeitet) boten. Die Kursdozenten trugen ihr Weiteres dazu bei, in dem sie eine sehr entspannte Athmosphäre durch kleine Gruppen, interessante Disskussionen und sehr gute Betreuung boten.

 

Studentenvereinigung

Gleich am ersten Tag des Semsters rief die Studentenvereinigung Rindi zum Lammning auf. Einer mehrtägigen Veranstaltung aller Neustudenten und damit auch der Erasmusstudenten. Je nachdem welcher Fachrichtung man angehörte, wurde man einer Gruppe zugeteilt, welche von einem Studenten höheren Semesters angeleitet wurde. Lammning bedeutet soviel wie „Lämmer zusammen treiben“; der Student höheren Semesters ist sozusagen der Hirte. Neben Infos zur Uni und dem Studienalltag lernte man hier vorallem die Studienkommilitonen kennen und wurde mit Spielen und Info-Veranstaltungn willkommen geheißen.

Wenn man der Studentenvereinigung Rindi beitrat hatte man ebenfalls die Möglichkeit bei sehr vielen Läden der Stadt (Computer-, Fahrrad- und Bücherläden, Frisöre, Fitness-Studio, Einkaufsläden und bestimmte Bekleiungsgeschäfte, Fähre, Bahn, Fluggesellschaft) Rabatt zu erhalten. Mit dem Mitgliedsausweis war es auch möglich in einigen Restaurants und Cafes günstiger zu essen.

 

Freizeit

Zur Freizeit muss ich sagen, dass ich gerne und viel Sport mache. Gotland ist in diesem Fall ein reines Paradies, die Insel wird auch Insel des Sports genannt. Von 47 möglichen Sportarten, die man in Vereinen in Schweden machen kann, gibt es 42 Sportarten auf der Insel. Sehr viele Vereine bieten Probier-Tage an und das habe ich natürlich genutzt und einige Sportarten ausprobiert, die mich schon immer interessiert haben. Zum Schluss bin ich aber in einem Fitness-Studio in der Nähe meiner Wohnung hängen geblieben und habe in einem Verein mit Thai Boxen begonnen.

 

Die Erasmuskoordinatoren der Högskolan waren sehr engagiert und haben sich ebenfalls einiges einfallen lassen. Von Fussballturnieren über Erkundungstouren über die gesamte Insel oder Langlaufskitouren bis zu Jazz-, Kultur- und Filmabenden oder sonstigen kleineren gemeinschaftlichen Unternehmungen war immer irgendetwas los.

 

Wohnen

An der Högskolan på Gotland gibt es die sogenannte Boendegaranti. Jedem Studierenden wird ein Wohnplatz garantiert. Man sollte sich also keine Sorgen um die Unterbringung machen. Selbst für einige meiner Kommilitonen, die erst sehr kurzfristig zu ihrem Erasmus-Aufentalt aufgebrochen waren, konnte innerhalb der ersten Woche eine Unterbringung organisiert werden. Trotz Boendegaranti habe ich mich aber selber rechtzeitig auf die Suche gemacht, da ich möglichst wenig zahlen wollte, trotzdem aber zentral wohnen und vor allem meine eigene Wohnung haben wollte – da ich es auch so aus Berlin gewohnt war.

Gleich bei dem ersten Studentenwohnheim, bei dem ich mich im März auf eine 1-Raum-Wohnung beworben hatte, hat es auch geklappt. Die Bilder im Internet fand ich sehr schön und auch die Beschreibung hörte sich sehr gut an. Das Studentenwohnheim hatte insgesamt 4 Häuser direkt vor den Mauern der Altstadt. Die Häuser hatten jeweils zwischen 20 und 30 1-Raum-Wohnungen mit Küche und Bad. Große Aufenthaltsräume mit Fernsehern und Gemeinschaftsküchen gab es ebenfalls in jedem Haus, wo sich ab und an die Studentenschaft zum gemeinsamen kochen, feiern oder zu Viedeoabenden traf. Außerdem gab es eine gutausgestattete Waschküche sowie eine Sauna.

Auch im Studentenwohnheim war ich die einzige Erasmus-Studentin und konnte dort ebenfalls sehr viel Schwedisch sprechen.

An- und Abreise, aber auch kleinere Probleme im Alltag ließen sich sehr gut mit dem Vermieter regeln und ich kann Studentbostäder i Visby nur weiterempfehlen.

 

Finanziell

Ich hätte meinen Aufenthalt sehr gerne verlängert und noch ein Semester drangehangen, doch leider ist das Studium bzw. Leben in Schweden finanziell eher kostspielig. Rein finanziell sollte der Aufenthalt gut geplant sein und man sollte sich auf versteckte Kosten, wie Ausrüstung der Wohnung, Bankgebühren, usw. gefasst machen. Wenn man die Möglichkeit hat, ein schwedisches Konto zu eröffnen, sollte man dies tun. Die Erasmus-Koordinatoren der Högskolan sind dabei auch sehr behilflich.

 

 

Wie gesagt, hätte ich mein Semester gerne verlängert. Die Erfahrungen, die ich in Schweden gemacht habe, das Unileben und alle Menschen die ich dort kennengelernt habe möchte ich nicht missen und ein wenig Fernweh nach Gotland werde ich wohl immer haben.