Humboldt-Universität zu Berlin - Geschichte des Mittelalters in vergleichender Perspektive. Schwerpunkt: Früh- und Hochmittelalter

Wintersemester 2022/23

Die Lehre findet in Präsenz statt!

 

Prof. Dr. Barbara Schlieben

Dr. Philipp Winterhager

 

Prof. Dr. Barbara Schlieben

 
Proseminar: Arbeiten und Wirtschaften im Frühmittelalter

Mo. 12-14 Uhr (FRS 191, R. 4026) - AGNES

Vorstellungen vom unbegrenzten Wirtschaftswachstum oder von der Möglichkeit des Einzelnen, alles erreichen zu können (Vorstellungen der klassischen Moderne) verlieren im Lichte sozialer Ungleichheit, prekärer Arbeitsverhältnisse und beständig knapper werdender Ressourcen zunehmend an Plausibilität. Der Blick ins Frühe Mittelalter soll dafür sensibilisieren, dass unterschiedliche Formen des Arbeitens nebeneinander bestehen können, mithin keine Praktik des Wirtschaftens alternativlos ist.
Im Seminar diskutieren wir genossenschaftliche Zusammenschlüsse, die Klosterwirtschaft oder die sogenannte Grundherrschaft, die jeweils großen Reichtum mit sich bringen konnten; zugleich aber auch vielfältige Abhän-gigkeiten schufen.
Ziel des Proseminars ist es, auf Grundlage der gemeinsamen Lektüre von Urkunden, von Chroniken und Wunderberichten ein vielfältiges Panorama unterschiedlicher Formen des Arbeitens und Wirtschaftens im Frühmittelalter zu erarbeiten. Zugleich sollen in schreibpraktischen Übungen die Kompetenzen wissenschaftlichen Arbeitens – Argumentieren, Konzipieren, Fragestellungen entwerfen – vertieft werden.

 
Bachelorseminar: Mensch-Tier-Beziehungen im Mittelalter

Mo. 14-16 Uhr (FRS 191, R. 4026) - AGNES

Unlängst fand im Kanton Basel eine Abstimmung darüber statt, ob Primaten Grundrechte erhalten sollen. Die Befürworter führten die Intelligenz, das Sozialverhalten, die Emotionen sowie die prinzipielle Ähnlichkeit der Tiere zu Menschen für ihr Anliegen ins Feld. Eben diese bestritten die Gegner, die befürchteten, dass damit die Grenze zwischen Mensch und Tier aufgegeben würde. Und überhaupt: Wo wären künftig Trennlinien zu ziehen? Schließlich seien auch Delphine intelligent. Das Vorhaben scheiterte, aber Diskussionen wie diese sind damit nicht aus der Welt. Sie sind ein Indiz dafür, wie Grenzen des Sozialen derzeit an mehreren Fronten gleichzeitig – und markant nicht zuletzt mit Blick auf Tiere – zu verschwimmen scheinen.
Vor dem Hintergrund solcher Diskussionen erscheint die klassische Moderne, in der ausschließlich Menschen als soziale Akteure gelten, zunehmend als Sonderfall, nicht als Normalfall, der für alle Gesellschaften und epochen-übergreifend vorausgesetzt werden darf. Die Frage jedenfalls, ob die typisch moderne, anthropozentrische Akteursdefinition an ihre Grenzen, wenn nicht gar an ihr Ende gelangt ist, wird derzeit allerorten und disziplinen- und epochenübergreifend diskutiert.
Für die Mediävistinnen und Mediävisten sind die Erfahrungen der Gegenwart weniger abseitig, als sie auf den ersten Blick scheinen mögen: In der Vormoderne führte man Prozesse gegen Tiere, man sprach mit ihnen, be-handelte sie besser als manchen Menschen, pflegte intensive Sozialbeziehungen aller Art mit ihnen. Aber man brauchte sie auch für die Arbeit, man nutze sie auf dem Feld und im Krieg, sperrte sie ein und verschenkte sie. Ihr Status – wahlweise als Akteur oder als Ding – chan-gierte mithin je nach Situation und Kontext permanent. Diese Vielschichtigkeit gemeinsam zu erarbeiten und zugleich die aktuellen Debatten der human-animal-studies im Besonderen und jene zur Akteursschaft im Allgemeinen einer kritischen Revision zu unterziehen, ist das Ziel des Seminars.

 

Masterseminar: Protektionismus im Mittelalter (gemeinsam mit Prof. Dr. Thomas Ertl, FU)

Do. 10-12 Uhr (Freie Universität: A 124 Übungsraum, Koserstr. 20) am 27.10., 03.11., 17.11.2022

Blocksitzung Fr./Sa., 10-18 Uhr am 10./11.02.2023  - AGNES

Seit der Finanzkrise von 2009 nehmen „protektionistische“ Diskurse und Praktiken weltweit zu – man denke an den Brexit oder die Sanktionen gegen Russland. In historischer Perspektive sind Phänomene des Protektionismus weniger überraschend als sie erscheinen mögen, ja sie sind sogar eher der Normal- als ein Sonderfall. Wir nehmen die aktuelle Situation zum Anlass, um Strate-gien des Protektionismus (Zölle, Einfuhrbeschränkungen, Ausfuhrverbote, Embargos usw.) für Güter, Dienstleistungen, Fachwissen und Technologien an Fallbeispielen des mittelalterlichen Jahrtausends zu diskutieren.
Dabei geht es uns auch darum, die traditionell enge ökonomische Perspektive auf Schutzmaßnahmen zu weiten und danach zu fragen, ob und wie politische, kulturelle und soziale Diskurse und Praktiken, welche die wirtschaftlichen Forderungen und Strategien umkreisen, diese verteidigen oder kritisieren.
Das Seminar, das als Kooperation zwischen HU und FU durchgeführt wird, ist als Tagung konzipiert. Die ersten drei Sitzungen zu Beginn des Semesters dienen der Erarbeitung des Tagungskonzepts sowie eines Katalogs von analyseleitenden Fragen, die Tagung selbst der Diskussion von Fallbeispielen und der kritischen Evaluation des gemeinsam erarbeiteten Konzepts.

 

Forschungskolloquium zur mittelalterlichen Geschichte (gemeinsam mit Prof. Dr. Dorothea Weltecke)

Mo. 18-20 Uhr (FRS 191, R. 4026) - AGNES

Im Kolloquium werden aktuelle Forschungsprojekte zur mittelalterlichen Geschichte präsentiert und diskutiert. Die Veranstaltung richtet sich an fortgeschrittene Bachelorstudierende, Masterstudierende und Doktoranden. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Diese Veranstaltung ist für alle, die eine Qualifikationsarbeit schreiben möchten, von BA bis Habil., verpflichtend – alle anderen sind herzlich eingeladen, auch zu einzelnen Terminen. Im Semester finden Vortragsveranstaltungen statt, darunter Termine in Zusammenarbeit mit Dr. Jörg Feuchter und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wis-senschaften sowie mit Thomas Ertl und Stefan Esders von der Freien Universität. Das Programm wird rechtzeitig bekanntgegeben. Am 15.-16. Dezember findet eine Blockveranstaltung statt, bei der Qualifikationsarbeiten mit Werkstattberichten vorgestellt werden.

Programm

 

Dr. Philipp Winterhager

 

Übung: Archaische Gesellschaften? Ethnologische Theorien in der Mittelalterforschung

Mo. 16-18 Uhr (FRS 191, R. 5009) - AGNES

Seit einigen Jahrzehnten genießen ethnologische Theorien und Vorbilder einen hohen Stellenwert in der Mediävistik. Die Ethnologie ist besonders in den 1980er/90er Jahren zu einer Leitwissenschaft avanciert, wenn es darum geht, das Mittelalter als von der Moderne verschieden zu verstehen.
In der Übung werden wir uns vier Themenfelder ansehen, auf denen ethnologische Argumente und Texte die Mediävistik besonders geprägt haben: Verwandtschaft, Gabentausch, Oralität und rituelles Handeln. Zu jedem dieser Felder werden wir ethnologische und mittelalterhistorische Forschungsarbeiten lesen und unsere Diskussionsergebnisse an Quellen überprüfen.
Die Übung richtet sich an alle, die sich für mittelalterliche Gesellschaften, Methodendiskussionen und die Geschichte des Fachs interessieren. Voraussetzung zum erfolgreichen Abschluss der Übung sind die regelmäßige Teilnahme und vorbereitende Lektüre, Bereitschaft zur Diskussion und zu Gruppenarbeiten.

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