Preis für gute Lehre WiSe 2024/25
Der Preis für gute Lehre der FSI Geschichte ging im Wintersemester 2024/25 an zwei Lehrveranstaltungen: Es wurden Caroline Schmidt für ihr montags abgehaltenes Tutorium und Arndt Wille für sein Proseminar ausgezeichnet. Die Übergabe des Preises fand im Rahmen der Semesterauftaktveranstaltung des IfG am 23. April 2025 statt. Hier beschrieben die beiden Dozierenden ihre prämierten Lehrveranstaltungen folgendermaßen:
Caroline Schmidt: Tutorium (Mo 16–18 Uhr) (TU)
Text folgt
Arndt Wille: Juden im frühneuzeitlichen Europa (PS)
Das Proseminar – die Idee für die Lehrveranstaltung stammt noch von Tobias Graf, dem ich für seine Unterstützung herzlich danken möchte – stand unter dem Titel „Juden im frühneuzeitlichen Europa“. Es handelte sich also um einen Vogelflug von mehr als 300 Jahren Geschichte von Curaçao bis nach Warschau, von Istanbul bis Amsterdam, von den erzwungenen Konversionen und Vertreibungen der iberischen Juden und Jüdinnen aus dem entstehenden Spanien im Jahr 1492 bis zur jüdischen Aufklärung, der Haskala, im Berlin des 18. Jahrhunderts. Und gleichzeitig musste der Spagat gelingen zwischen einem Seminaraufbau, der den vormodernen Antisemitismus und seine Komplexitäten in den Blick nimmt und trotzdem versucht, Salo W. Barons Mahnung gerecht zu werden, Jewish history nicht auf eine „Geschichte der Tränen“ zu reduzieren.
Im Übrigen würde ich sagen, dass ich nichts grundlegend ANDERES oder völlig NEUES gemacht habe in diesem Proseminar. Wir haben hauptsächlich Forschungsliteratur gelesen, uns mit propädeutischen Fragen beschäftigt und erste Zugänge zu Quellen der Frühen Neuzeit gelegt. Dennoch möchte ich auf einige Dinge hinweisen, die mir besonders wichtig waren und zum Gelingen des Proseminars möglicherweise beigetragen haben.
1. Lernatmosphäre & Fehlerkultur: Was mir für den Beginn der Lehrveranstaltung besonders wichtig erschien, war die ganze Gruppe zum Sprechen zu bewegen – und zwar so viele Teilnehmer:innen wie möglich. Das gelingt einem nie ganz, aber es geht doch wesentlich weitgehender, als ich anfänglich erwartet hatte. Um das zu erreichen, habe ich versucht, den Studierenden klar zu machen, dass eine gewisse Art der Fehlervermeidung, die darauf beruht, lieber gar nichts zu sagen, um sich nicht zu blamieren, nicht die beste Lernmethode ist. Die ersten Seminareinheiten waren deshalb auch immer eine Arbeit gegen Schamdynamiken. Scham stört Lernprozesse. Und in der Folge ging es gerade darum, gemachte Fehler und Fehleinschätzungen zu nutzen, um etwas zu verstehen und Fehler als produktiv wahrzunehmen. Was ich gelernt habe: An angstfreieren Räumen muss man arbeiten, sie entstehen nicht durch die reine Behauptung.
2. Bildquellen: In der seit langem visueller werdenden Medienkultur der Gegenwart erscheint es mir notwendig, auch immer wieder den Umgang mit Bildquellen zu erproben – und zwar auch als Lehrinstrument. Bildquellen, so kommt es mir zumindest vor, bieten gerade für Studierende mit etwas weniger Studienerfahrung nicht unbedingt einen leichteren, dafür aber niedrigschwelligeren Zugang als Texte: „Jeder sieht etwas“. Darüber kann man sprechen. Anschließend ist es dann möglich, genau dieses Sehen von ETWAS (quellen)kritisch zu problematisieren. Verweist eine Bildquelle wirklich auf eine gewesene Wirklichkeit? Ist es wichtig, beispielsweise Maler:in und kunstgeschichtliche Kontexte zu kennen? Hat das Bild möglicherweise eine politische oder anderweitige Agenda? Bis hin zu: Ist das Sehen beziehungsweise Betrachten selbst eigentlich etwas unveränderlich Gegebenes? Oder unterliegt es einem historischen Wandel?
3. Alterität: Wichtig erschien mir ferner, den Studierenden Zugänge zur Frühen Neuzeit zu erschließen und sie damit vertraut zu machen, wie komplex und „anders“, als man es vielleicht erwartet hätte, frühneuzeitliche Menschen gedacht, gehandelt und miteinander ihre Konflikte ausgetragen haben. Das Seminarthema bot die Gelegenheit, diese Themen auf eine sehr besondere Weise zu untersuchen. Eine grundlegende Erfahrung war dafür auch die regelmäßige Auseinandersetzung mit Originalquellen in ihrer „Andersheit“, also den ganz besonderen Sprach-, Bild- und Objektwelten der Frühen Neuzeit. Hier kann nicht nur etwas gewusst und gelernt, sondern buchstäblich auch erfahren werden, was die eigene Weltwahrnehmung und diverse Deutungshorizonte verändert – vielleicht eines der größten Potentiale der Auseinandersetzung mit der Vormoderne.
Abschließend: An einer guten Lernatmosphäre kann man als Lehrperson immer arbeiten. Ich habe den Eindruck, dass es hier für mich immer noch sehr viel zu lernen gibt. Für eine besondere Kursatmosphäre braucht es aber immer auch eine gewisse Gruppendynamik, die nicht zuletzt auf der Neugier, dem Engagement und dem Mut der Kursteilnehmer:innen beruht. Dies war hier auf eine für mich sehr bereichernde Art und Weise der Fall. Deshalb möchte ich am Ende den Studierenden dieses (für mich besonderen) Proseminars danken; denn letztendlich macht man „die“ Lehre natürlich nie allein.