Humboldt-Universität zu Berlin - Lehrstuhl für Europäische Geschichte der Frühen Neuzeit

Arndt Wille, M.A.

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Name
Arndt Wille M.A.
Status
Doktorand/in
E-Mail
willearn (at) hu-berlin.de

DISSERTATIONSVORHABEN

Entsetzliche Leiber, entsetzliche Lüste. Über Gestalt und Funktion phantasmatischer Körperbilder in antijüdischen und Hexereidiskursen des langen 16. Jahrhunderts (1470–1630)

Das Projekt fragt nach Gestalt, Funktion und Zusammenhang bestimmter diskursiver und (fast gänzlich) fiktionaler Zuschreibungselemente der christlichen Dominanzgesellschaft im deutschsprachigen Raum, die in analoger Weise frühneuzeitliche Juden:Jüdinnen und als Hexen diffamierte Menschen herabwerteten und dämonisierten. Diese wurden nämlich – um nur die gängigsten Überschneidungen zu nennen – regelmäßig mit Blasphemie, Teufelsbund, (symbolischen) Haut- und Körperanomalien, antichristlichen Verschwörungen, Schadenszauberei, rituellem Kindsmord oder sogar Kannibalismus in Zusammenhang gebracht. Trotz der starken Analogien zwischen den einzelnen Gruppen existiert bisher wenig vergleichende Forschungsarbeit zu den dämonisierenden Fantasiekomplexen, die die inhaltlichen und funktionalen Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede systematisch aufbereiten würde. An dieser Stelle setzt das Dissertationsprojekt an. Die genannten Fantasiekomplexe werden dabei nicht als unerhebliche oder unerklärliche Nebenprodukte gesellschaftlicher Konflikt- und Krisenphänomene begriffen, sondern wirkten – so die leitende These des Projekts – an der Formierung von „Realität“ mit, indem sie zur Kontingenzreduktion und Handlungsorientierung beitrugen, brüchige Identitäten sowie Ordnungsvorstellungen stabilisierten und damit tief in die Mechanik gesellschaftlicher Veränderungsprozesse eingebettet waren. Das lange 16. Jahrhundert bietet dabei die Möglichkeit, Einsatz, Wirkung und Wandlung teils jahrhundertealter Zuschreibungen in den Zusammenhang gesellschaftlicher Transformationsprozesse (Buchdruck, Bevölkerungswachstum, Staatsbildungsprozesse, Reformation etc.) zu stellen. Im Zentrum der Zuschreibungsprozesse stehen, so eine Ausgangsbeobachtung, einerseits Vorstellungen des (durch Verzauberung, Vergiftung, Aussaugung, Erkrankung, Zerstückelung oder Schändung) „gefährdeten“ Körpers von Christen und Christinnen. Andererseits wurde der Leib des „unheimlichen Anderen“ als Schauplatz eines „unerträglichen Genießens“ in Form von tabuisierten (und womöglich projizierten) Verhaltens- und Gefühlsformen wahrgenommen. Körper wurden dabei als Zeichenträger inszeniert, an denen Reinheitsgrade sowie Verworfenheitszeichen abgelesen werden konnten. Das Projekt fragt damit einerseits nach der Konstruktionsweise der imaginären und fiktiven „Anderen“ durch Christen:Christinnen, um andererseits die für die „realen“ Untersuchungsgruppen entstehenden Konsequenzen in den Blick zu nehmen. Dabei kombiniert das Projekt breitere diskursanalytische Perspektiven mit close readings und detaillierten Fallbeispielen. Im Ergebnis soll mithilfe eines multiperspektivischen theoretischen Zugangs (u.a. Kulturanthropologie, Soziologie, Sozialpsychologie, Emotionsgeschichte) ein komplexeres und präziseres Bild frühneuzeitlicher Othering-Prozesse erreicht werden.