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Humboldt-Universität zu Berlin - Geschichte des Mittelalters in vergleichender Perspektive. Schwerpunkt: Früh- und Hochmittelalter

Lehre

Wintersemester 2019/20

Prof. Dr. Barbara Schlieben

Der Anfang vom Ende? Zukunft prophezeien und planen im Frühmittelalter

Bachelorseminar

Mo., 14-16 Uhr, FRS 191, R. 5061

Aspekte von Zeit und Zeitlichkeit gehören zu den klassischen Themen der historischen Forschung. Zeit ist eine Setzung und als solche ein Phänomen der Auslegung, das sozial und kulturell konstruiert wird und über das sich daher trefflich streiten lässt. Ziel des Seminars ist es, die klassische Gegenüberstellung von moderner Prognose vs. mittelalterlicher Prophetie zu hinterfragen, unterschiedliche Modi des Zukunftswissens im Mittelalter zu differenzieren und auf diese Weise vielschichtige Zugänge zu mittelalterlichen ,Zukünften‘ zu erarbeiten.

 

Forschungskolloquium (gemeinsam mit Prof. Dr. Johannes Helmrath)

Mo. 16–18 Uhr, FRS 191, R. 4031

Das Kolloquium dient der Diskussion aktueller Forschungsprojekte aus dem Bereich der mittelalterlichen Geschichte; zudem werden Neuerscheinungen besprochen. Fortgeschrittene Bachelorstudierende sind ebenso willkommen wie Masterkandidaten und Doktoranden. Anmeldung ist nicht erforderlich.

Programm

Am 16.12. fällt das Kolloquium aus.

Dr. des. Philipp Winterhager

Abseits der Städte. Agrarische Gesellschaften in Mittelalter und Moderne.

Einführungskurs

Di. 10-14 Uhr, DOR 24, R. 1.404

Seit Mai 2007, so ergaben Daten der UN, lebt die Mehrheit der Weltbevölkerung in Städten. Heutige Gesellschaften sind großenteils an urbanen Lebensweisen orientiert. Das ist historisch ein Sonderfall: Bis ins 20. Jahrhundert waren auch in Europa die meisten Gesellschaften ländlich geprägt. Was aber bedeutete das Leben auf dem Land in Moderne und Vormoderne? Wie lebten Menschen in Gesellschaften, die wesentlich von Grundbesitz, Landwirtschaft und dörflichen Gemeinschaften geprägt waren? Diesen Fragen  wollen wir in unseren Seminaren nachgehen.

Anhand der genannten Themen werden wir uns im Einführungskurs zudem mit den Grundlagen und Arbeitstechniken der Geschichtswissenschaft beschäftigen: Was macht Geschichte zur Wissenschaft? Wie formuliere ich eine Fragestellung für meine Hausarbeit? Wie finde ich wissenschaftliche Literatur? Wie interpretiere ich historische Quellen? Wie überzeuge ich mit meiner mündlichen Präsentation? Wie verfasse ich eine schriftliche Arbeit?

Erwartet werden regelmäßige Anwesenheit, Lesebereitschaft und die Übernahme eines Referats. Im Semester wird eine kurze Hausarbeit angefertigt, die die Grundlage der abschließenden mündlichen Prüfung bildet.

 

Der Investiturstreit

Epochenseminar

Di. 12-14 Uhr, DOR 24, R. 1.404

Die Auseinandersetzung vor allem König Heinrichs IV. mit Papst Gregor VII. im späten 11. Jahrhundert ist ein wichtiger Teil des heutigen Mittelalterbildes: Der „Gang nach Canossa“ ist sprichwörtlich geworden, der Investiturstreit gehört zu den Pflichtthemen des schulischen Geschichtsunterrichts. Warum? Stand er im 19. Jahrhundert für einen zugespitzten Konflikt zwischen ‚deutschen‘ Königen und römischen Päpsten, zwischen weltlicher Macht und kirchlichem Führungsanspruch, lässt sich der Streit um die Rolle des Königs bei der Besetzung kirchlicher ‚Spitzenposten‘ heute breiter einordnen: Als Teil einer ganz Europa betreffenden, umfassenden Reformdiskussion über ‚weltliche‘ Einflüsse auf die Kirche, als Neuerfindung des Papsttums, als Beispiel hochmittelalterlicher Konfliktführung, als mediales Ereignis.

Im Seminar wollen wir uns den Hintergründen und den Kommunikationsformen des Konflikts widmen. Zugleich werden die Teilnehmer_innen grundlegende Arbeitstechniken der Mittelalterlichen Geschichte kennenlernen. Das Seminar soll auf die Hausarbeit als eigene Forschungsarbeit vorbereiten. Erwartet werden regelmäßige Teilnahme, die Bearbeitung von Lektüreaufgaben sowie, statt eines Referats, die Vorstellung eines Forschungsaufsatzes in Kleingruppen. Die Anmeldung über Agnes ist obligatorisch.

 

Dr. Christian Jaser

Das Mittelalter: weiß, männlich, christlich? Eine Bestandsaufnahme

Epochenseminar

Mo. 12-14 Uhr, DOR 24, R. 1.404

Die Vereinnahmung des Mittelalters für (identitäts)politische Zwecke kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Bereits im 19. Jahrhundert konstruierte die sich etablierende Geschichtswissenschaft mit Verve „genealogisch homogene Nationalmittelalter“ (Valentin Groebner), um nationalen Sehnsüchten und Stimmungslagen historische Legitimation und Tiefe zu verschaffen. Unter anderen Vorzeichen läuft die „Wunschmaschine“ Mittelalter auch derzeit wieder auf Hochtouren: Rechtspopulistische und rechtsextremistische Kreise berufen sich in den USA wie auch in Europa auf ein „weißes, männliches und christliches Mittelalter“. Der Umgang mit dieser neuerlichen Instrumentalisierung hat in der US-amerikanischen Mediävistik zu hitzigen Auseinandersetzungen in den sozialen Medien geführt, die nicht zuletzt Fragen nach der innerfachlichen Diversität aufwarfen. Diesen aktuellen Herausforderungen der Mittelalterforschung wird das Seminar auf zwei Ebenen nachgehen: Erstens werden die Kontexte, Akteure und Inhalte der laufenden Debatte analysiert, zweitens gilt es, die behauptete Homogenität des Mittelalters mit Blick auf Hautfarbe, Geschlecht und Religion einer fachwissenschaftlichen Prüfung zu unterziehen. Begleitend zum Seminar werden dabei – entlang des gängigen Arbeitsprozesses von der Anfangrecherche bis zur fertigen Hausarbeit – Basiskompetenzen wie wissenschaftliches Lesen, Diskutieren und Schreiben eingeübt und im Rahmen einer Schreibwerkstatt am Semesterende erprobt. Die Lektürefähigkeit englischsprachiger Texte ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Seminarteilnahme.

 
Paläographie und Schriftkultur des Mittelalters

Bachelorseminar

Di. 10-12 Uhr, FRS 191, R. 4026

Von mittelalterlichen Handschriften geht seit jeher eine besondere Faszination aus. Die Haptik des Pergaments, das Farbenspiel der Buchmalerei und die Aura von Hand geschriebener Buchstaben schlagen den Betrachter unvermittelt in den Bann. Das Seminar wird in Form von paläographischen Leseübungen den wesentlichen Etappen mittelalterlicher Schriftgeschichte von der Antike bis zur Renaissance nachgehen. Zugleich geht es immer auch um die Kulturgeschichte des Schreibens, um die historischen Kontexte und materiellen Voraussetzungen der Schriftproduktion: Beschreibstoffe und Schreibwerkzeuge, bildungs- und allgemeinhistorische Rahmenbedingungen, Trägerinstitutionen und Akteure der Schriftentwicklung, Mechanismen des Kulturtransfers. Neben der Vermittlung paläographischer Techniken gilt es im Laufe der Seminararbeit, das kulturgeschichtliche Potenzial einer Erforschung materialer Textkulturen auszuloten.

 

Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters - neue Forschungsperspektiven

Masterseminar

Mi. 12-14 Uhr, DOR 24, R. 1.402

Die Wirtschaftsgeschichte des europäischen Mittelalters ist derzeit wieder en vogue. Nachdem dieses traditionelle Teilfach der Geschichts- und Wirtschaftswissenschaften in den vergangenen Jahrzehnten eher ein Nischendasein fristete, steigt spätestens seit der Welfinanzkrise von 2008 das allgemeinhistorische Interesse an wirtschaftlichen Prozessen und Akteuren sowie deren Handlungs- und Wahrnehmungsmuster spürbar an. Das Seminar wird zunächst der Geschichte ökonomiehistorischer Forschung in Deutschland und Europa in ihren wesentlichen Etappen nachgehen – von den Anfängen einer Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Kontext der Nationalökonomie über die Annales-Bewegung bis zur New Economic History –, bevor die Neuansätze der jüngeren Forschung anhand ausgewählter programmatischer Beiträge und Monographien ausgewertet und diskutiert werden. Im Fluchtpunkt steht dabei die Frage, wie und mit welchem Gewinn der Brückenschlag zwischen der Wirtschaftshistorie und der derzeit dominanten Kulturgeschichte gelingen kann.

 
Köln und Aachen im Mittelalter

Übung (gemeinsam mit Prof. Dr. Johannes Helmrath)

Di. 14-16 Uhr, FRS 191, R. 4031

Köln und Aachen zählten zu den bedeutendsten Städten und zugleich Symbolorten des mittelalterlichen Reichs und boten noch im 19. Jahrhundert zahlreiche Anknüpfungspunkte für die aufkommende Mittelalterbegeisterung. Davon geben noch heute nicht nur die Sakralbauten des Kölner Doms und der Aachener Marienkirche Zeugnis ab, sondern auch Bezeichnungen wie „Heiliges Köln“ oder „Neues Rom“. Neben einem Überblick über die wesentlichen politik-, verfassungs-, sozial- und kirchengeschichtlichen Entwicklungen beider Städte wird der Kurs einzelne Aspekte vertiefend in den Blick nehmen: städtische Topographien, kirchliche Infrastrukturen, kommunale Repräsentationsformen, bürgerliche Emanzipationsbewegungen, Gewerbe und Handel, jüdisches Leben, städtische Historiographien. Die Übung dient auch als Vorbereitung für eine Exkursion nach Köln und Aachen (30. März bis 5. April 2020). Der Besuch ist aber auch unabhängig von der Exkursion möglich.

 

Monja Schünemann, M.A.

Der Medicus. Mittelalterliche Medizin von Aderlass bis Teriak (500-1500)

Epochenseminar

Fr. 10-12 Uhr, DOR 24, R. 1.405

Die Rezeption der mittelalterlichen Medizin schwankt zwischen Faszination und Schauder. Ihre medizinischen Handlungen, wie der Aderlass, werden oft als sinnlose Foltermethoden rezipiert. Zeitgleich erfreuen sich Filme wie „Der Medicus“ großer Popularität und auch Rowlings „Harry Potter“ kommt nicht ohne die Rezeption mittelalterlicher Rezepte aus, Dinkelkekse a la „Hildegard von Bingen“ haben Konjunktur. Die Pestwelle des 14. Jahrhunderts ist noch immer in Redewendungen wie „hassen wie die Pest“ und „jemandem die Pest an den Hals wünschen“ wirkmächtig und tief in unserem kollektiven Gedächtnis verankert.

Doch mittelalterliche Medizin war viel mehr, als lediglich die Behandlung von Krankheiten. Hinter ihr verbirgt sich gleichsam eine philosophische, holistische Weltsicht. Der Mensch als kleine Welt, der als Abbild der großen Welt immer auch die Auswirkungen seines Fehlhandelns zu spüren bekam, war als Individuum Teil seines eigenen Schicksals. Auf der Basis paganer Autoren schufen islamische und christliche Ärzte dabei durch jeweilige Rezeption und Übersetzung als Wissenschaftsgemeinschaft den gemeinsamen Weg, um Menschen zu heilen. Globalisierung, #Fridaysforfuture, Avernalikör und Psychosomatik – ist mittelalterliche Medizin und Weltsicht tatsächlich so weit von uns entfernt, wie wir glauben?

Ziel des Seminars ist es, anhand von verschiedenen Quellen die Entwicklung der Medizin von 500-1500 nachzuvollziehen, ihre Wirkweise und Philosophie zu verstehen, und die Teilnehmer zu befähigen, mit diesem hochkomplexen Thema souverän umgehen zu können. Das Einüben von Quelleninterpretationen steht klar im Vordergrund. Dabei widmen wir uns Enzyklopädien, Bildern, Briefen, Chroniken, Rezepten, Lehrbüchern der Medizin, den populären Akteuren der Medizingeschichte und ihren Ideen.

Voraussetzungen: Neugierde und Lesefreudigkeit