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Humboldt-Universität zu Berlin - Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts

Laufende Projekte

 

zu den abgeschlossenen Projekten

 

 


 

Malte Zierenberg

Agenten des Sichtbaren. Bildagenturen und transatlantische Ordnungen des Visuellen im 19. und 20. Jahrhundert ► mehr


Felizitas Schaub

Stadtnomaden. Migration und städtische Kulturen in Berlin und Prag (1867-1914) ► mehr


Maria Neumann

Religion in der geteilten Stadt. Religiöse Vergesellschaftung und Kalter Krieg in Berlin (1945-1990) ► mehr


Sebastian Seibert

Sprechen und Töten. Nationalistische Bewegungen, politische Gewalt und Zivilgesellschaft in Nordirland und dem spanischen Baskenland seit den siebziger Jahren ► mehr



Paul Benedikt Glatz

Amerikanische Deserteure und internationaler Vietnamprotest ► mehr


Laura Nippel

Die Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Nationalversammlung 1848/49 ► mehr


Gil Shohat

London, die Linke und Dekolonisierung in Großbritannien, ca. 1930er-1960er Jahre ► mehr


Felicia Kompio

Revolution der Straße. Frühe urbane Massenpolitisierung in den 1820er und 1830er Jahren als europäisches Phänomen ► mehr


Albrecht Wiesener

Bielefeld und Halle an der Saale. Zwei politische Stadtgeschichten in Nachkriegsdeutschland 1945-1990 ► mehr


Ivo Komljen

Morale, Welfare, Recreation and Entertainment in the United States Military During the Cold War

 

 


Köln im Kaiserreich (1871-1918)

Prof. Dr. Thomas Mergel

 

Als Band 10 der auf 13 Bände angelegten Geschichte der Stadt Köln befaßt sich dieser Band mit der stürmischen Entwicklung einer Stadt, die zur Zeit der Reichsgründung noch auf den Raum innerhalb ihrer mittelalterlichen Mauern beschränkt war und mehr in vergangenen Zeiten als in der Gegenwart lebte. Am Ende des Kaiserreichs hatte die Stadt ihre Bevölkerungszahl vervierfacht, ihre Fläche war um das Vierzigfache gestiegen; damit war Köln nach Berlin die zweitgrößte deutsche Stadt. Das Buch fragt vor allem danach, wie Verwaltung und Politik  diesen Aufbruch „managten“ und wie der Wandel von der verschlafenen „German Home Town“ zur modernen Metropole sich im Alltagsleben auswirkte. In diesem Zusammenhang spürt das Projekt der Frage nach, wie die Zugehörigkeit zur neuen deutschen Nation und die erste Welle der Globalisierung, die in den 1880er Jahren auch Köln erreichte, in der lokalen Gesellschaft verarbeitet wurde. Denn vieles von dem, was wir heute als stolze kölnische Lokalkultur kennen, wie etwa der Karneval, hat sein heutiges Gesicht erst um die Wende zum 20. Jahrhundert erhalten. Der moderne Lokalmythos Köln, so die Hypothese, ist ein Stück weit auch ein Ergebnis des Wandels der Stadt seit dem späten 19. Jahrhundert und insofern etwas sehr Modernes – auch wenn es immer als Inbegriff von Tradition verkauft wird.

http://www.historische-gesellschaft-koeln.de/

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Agenten des Sichtbaren. Bildagenturen und transatlantische Ordnungen des Visuellen im 19. und 20. Jahrhundert

Dr. Malte Zierenberg

 

Seit der zweiten Medienrevolution im 19. Jahrhundert verwandelte sich die visuelle Welt. Die massenhafte Reproduktion der Fotografie schuf neue Wahrnehmungsformen und -bedingungen. Zugleich etablierten sich bis dahin unbekannte, moderne Formen der Bildbewirtschaftung. Welche Rolle spielten Bildagenturen und Stock-Photography-Anbieter aus Westeuropa und den USA als Protagonisten dieser Entwicklung bei der Bebilderung der Welt im 20. Jahrhundert? Danach fragt das Habilitations-Projekt „Agenten des Sichtbaren“. Es rückt ökonomische, politische und kulturelle Logiken des Umgangs mit fotografischen Produkten in Westeuropa und den USA in den Mittelpunkt und es erschließt Neuland, indem es, erstens, strukturelle und institutionelle Aspekte einer Visual History der neuesten Geschichte thematisiert und sich mit den Bildagenturen einer der wichtigsten Medien-Institutionen des 20. Jahrhunderts zuwendet. Dabei rücken, zweitens, Aspekte einer transatlantischen Geschichte in den Fokus, nach denen sowohl auf der Ebene institutioneller wie auch bildsemantischer Verflechtung gefragt wird. In den Blick gerät dabei die Genese einer transatlantischen bildinformierten Öffentlichkeit. Innovativ ist das Projekt zudem, drittens, auf einer methodisch-theoretischen Ebene: Es verbindet die Analyse der „commodity chains“ der Bilder mit der Analyse ausgewählter Bild-Topoi der westlichen Welt. Was die moderne Bildpraxis der Agenturen unter anderem auszeichnete, war eine Form mitlaufender visueller Geschichtsschreibung, die ihre Umsetzung sowohl in der Präsentation als auch in der Archivierung der Bilder fand. Am Beispiel der Organisation visuellen Materials über „historische Ereignisse“ untersucht das Projekt diesen Prozess als spezifischen Medialisierungseffekt des 20. Jahrhunderts und fragt zugleich nach den politischen Kontexten, nach politisch-juristischen Rahmungsversuchen der modernen Bildbewirtschaftung.

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Stadtnomaden. Migration und städtische Kulturen in Berlin und Prag (1867-1914)

Felizitas Schaub Lic. phil.

 

Verstärkte Migrationsbewegungen als Folge, aber auch als Voraussetzung von Urbanisierung und Industrialisierung waren in hohem Masse Teil der Transformationsprozesse, die Stadträume an der Wende zum 20. Jahrhundert prägten. Das Dissertationsprojekt fokussiert auf die hohe Mobilität von Migrantinnen und Migranten, um danach zu fragen, welche vornehmlich kulturhistorische Bedeutung der konstanten Zu- und Abwanderung in den städtischen Gesellschaften Prags und Berlins zukommt. Dabei stehen nicht nur transnationale Wanderungsbewegungen zur Debatte. Die damaligen Migrationsbewegungen zeichneten sich vor allem auch als zirkuläre Wanderungsprozesse in regionalen und überregionalen Zusammenhängen aus.

Dieses Phänomen wirft, jenseits quantitativer Erhebungen, Fragen nach Wahrnehmungen und Praktiken, Wertungen und Ordnungen solcher dynamischer Lebenswelten auf. Welche Strategien etablieren sich im Umgang mit der damit einhergehenden Bewegung und Unbeständigkeit, die angesichts der fluktuierenden Bevölkerung konstitutiver Teil der städtischen Gesellschaften waren? Wie wird versucht, gemeinschaftliche Stabilität zu errichten und individuelle Kontinuitäten zu schaffen resp. zu erhalten angesichts des Moments der Flüchtigkeit, das durch die Zu- und Abwanderung die Städte prägte? Welche Bevölkerungssegmente und Stadtgebiete waren besonders betroffen und sind Unterschiede im Umgang damit zu finden? Diese Fragen werden in dem Dissertationsprojekt anhand einer Topographie von Orten, in und an denen die hohe Mobilität der Bevölkerung verhandelt wurde, für die Städte Prag und Berlin diskutiert. Als „Orte“ kommen nicht nur Arbeiterviertel in Frage, wo die Bewegung in der Bevölkerung statistisch am deutlichsten zu fassen ist, sondern auch staatliche, religiöse, politische, wirtschaftliche oder soziale Institutionen, anhand derer Stabilisierungsmomente in Prozessen der Vergemeinschaftung aufgezeigt werden können in einer Ära ausgeprägter Mobilität.

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Sprechen und Töten. Nationalistische Bewegungen, politische Gewalt und Zivilgesellschaft in Nordirland und dem spanischen Baskenland seit den siebziger Jahren

Sebastian Seibert M.A.

 

Das Dissertationsprojekt interessiert sich für die öffentliche Auseinandersetzung mit politisch motivierter Gewalt in zwei westeuropäischen Gesellschaften, die seit Jahrzehnten maßgeblich von starken nationalistischen Bewegungen und terroristischer Gewalt bestimmt sind. Es rückt die sprachliche Eingebundenheit politischer Gewalt und damit das Verhältnis von Gewalthandeln und Gewaltkommunikation in den Blick. Dabei fragt es sowohl nach Gründen für die Persistenz der Gewalt als auch danach, wie in diesem Spannungsfeld Normen für eine anvisierte zukünftige Gesellschaft verhandelt werden. Dies geschieht vor allem anhand der Auseinandersetzung mit der angewandten und angedrohten Gewalt. Das Projekt konzentriert sich deshalb besonders auf die Begründung, Wahrnehmung und Kritik der Gewalt in öffentlichen Debatten, aber auch innerhalb der Bewegungen selbst.

Bild: Plakat baskischer Nationalisten, das das Vorgehen des Staates als undemokratisch anprangert

 

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Religion in der geteilten Stadt. Christliche Vergesellschaftung und Kalter Krieg in Berlin (1945-1990)

Maria Neumann M.A.

 

Berlin war zwischen 1945 und 1990 der symbolische Ort einer in zwei Blöcke geteilten Welt. Nicht jede Verbindung wurde dabei aber unterbrochen. Manche Kommunikationsformen blieben über den Eisernen Vorhang hinweg – jedenfalls rudimentär – erhalten. Christliche Gemeinschaften etwa hatten den Anspruch, ihre kirchliche Einheit über staatliche Grenzen aufrechtzuerhalten und zu verteidigen. Trotzdem stellten sie nicht erst 1990 konfessionsübergreifend fest, dass – mit den Worten von Kurt Scharf – „die Kirchen im Westen und Osten […] völlig verschiedene Sprachen sprechen...“[1] Mit Blick auf die Stadt Berlin frage ich in meinem Promotionsprojekt deshalb, wie religiöse Vergesellschaftung unter den Bedingungen der Trennung funktionierte und in welcher Weise Organisationen und Praxen unterschiedlicher kirchlicher Ebenen und Milieus in der Lage waren, die Mauer zu überwinden. Die Fragestellung richtet sich also auf die gegenseitige Beobachtung, geteilte Kommunikation und wechselseitige Beeinflussung der beiden deutschen Gesellschaften. Dabei werden christliche Gemeinschaften vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs aber nicht als isolierte Institutionen betrachtet, sondern nach ihrem Potential für eine grenzübergreifende Verflechtungsgeschichte des geteilten Berlins gefragt. Basierend auf Archivalien, kirchlichen Printmedien, Ego-Dokumenten und Zeitzeugeninterviews zielt die Darstellung somit darauf ab, christliche Gemeinschaften in der DDR und in der Bundesrepublik beziehungsweise in Ost- und West-Berlin nicht einfach bloß als „Selbige“ oder „die Anderen“ zu fassen, sondern auf der Grundlage ihres gemeinsamen Erfahrungshorizontes Verflechtungen herauszuarbeiten, die nicht nur auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten hindeuten, sondern den Wandel von Einstellungen und Werten als mögliche Wechselwirkungen beschreiben.

 

[1] Zitat: Bischof Kurt Scharf, in: Seidel 1989, S. 136.

 

 

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Amerikanische Deserteure und internationaler Vietnamprotest

Paul Benedikt Glatz

► english version

 

Dieses Projekt untersucht die Rolle US-amerikanischer Deserteure innerhalb der Vietnamgeneration sowie ihre Bedeutung für die amerikanische und internationale Protestbewegung gegen den Krieg in Indochina. Während unerlaubt abwesende US-Soldaten in den USA meist im Untergrund blieben um Strafverfolgung zu entgehen, wurden sie 1967 erstmals in Europa sichtbar, als sie in Frankreich und Schweden ein Aufenthaltsrecht erhielten. Debatten über Desertion, Kriegsdienstverweigerung und Bürgerpflicht richteten sich bald besonders auf die amerikanischen Deserteure im europäischen Exil. Das Interesse der internationalen und amerikanischen Medien, die Konfrontation mit einer großen Bandbreite von Zuschreibungen, sowie die Ermutigung und Erwartungen von Kriegsgegnern, denen die jungen Amerikaner als wichtige Zeugen des Militärsystems und der Kriegspraxis in Vietnam galten, weckten oder verstärkten das Bedürfnis vieler Deserteure ihr Handeln zu erklären. Im Zentrum der Untersuchung stehen Strategien der Deserteure zum Umgang mit ihrer komplexen Lage, etwa die Formulierung und Publikation von Stellungnahmen, Organisierung von Exilgruppen und Wahl von Sprechern, Aktionen zur Verbesserung ihres Aufenthaltsstatus oder zur Mobilisierung von Protest in den US-Streitkräften, Allianzen mit europäischen und amerikanischen Unterstützern, sowie individuelle Wege im oder aus dem Exil. Die Studie integriert die Geschichte der rund 1000 amerikanischen Deserteure, die zwischen 1967 und 1973 in Frankreich und Schweden Asyl suchten, in die größeren Zusammenhänge der amerikanischen Vietnamgeneration, der europäischen Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg und der Debatte um Amnestie für Kriegsdienstverweigerer in den USA in den 1970er Jahren.

 

American Deserters and International Protest against the Vietnam War 

This dissertation studies American deserters as part of the Vietnam generation as well as their role in the American and European antiwar movements. AWOL U.S. servicemen appeared for the first time in Europe in 1967, when they were granted residence permits in France and Sweden. While in the United States military absentees usually stayed underground to evade prosecution, in exile and in the context of international protest they came into the public eye. As a result, debates on desertion, war resistance, and civil duty focused on the deserters in Europe before the matter became imminent in North America. The interest of the international and American media, the confrontation with a wide range of images and stereotypes, and the encouragement and expectations of war opponents, who welcomed the young Americans as witnesses of the American military system and the war in Vietnam, led many deserters to publicly explain and justify their action. Thus, my focus is on the exiles' strategies to cope with their difficult position, both individual and collective, for example the organization of exile groups and selection of representatives, the formulation and publication of declarations, actions to improve their status in exile and to mobilize dissent inside the military, and alliances with European and American supporters. The study integrates the story of the around 1000 American deserters who between 1967 and 1973 sought sanctuary in France and Sweden into the larger history of the American Vietnam generation, European antiwar protest, and the debate on amnesty in the United States during the 1970s.

 

 

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Die Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Nationalversammlung 1848/49

Laura Nippel

 

Die Revolution von 1848/49 war nicht nur ein politisches, sondern auch ein mediales Ereignis ersten Ranges: Zahlreiche neue Zeitungen wurden gegründet, die Auflagen explodierten, die Formate diversifizierten sich schlagartig, die Politisierung der Bevölkerung erweiterte den Rezipientenkreis. So wurde auch die Deutsche Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, das erste deutsche Parlament auf nationaler Ebene, zum Medienereignis.

Durch die Untersuchung der Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Nationalversammlung will das Projekt die politische Kommunikation des Parlaments mit den Wählern beleuchten. Das Parlament als Ganzes, die Fraktionen und die Abgeordneten traten als eigenständige Informationsproduzenten auch in Konkurrenz zur Tagespresse auf. Sie etablierten eine neue Form der politischen Öffentlichkeitsarbeit. Die Veröffentlichungen dieser Akteure sollen auf ihre Inhalte, Häufigkeit, Distributionswege, Rezeption, Motive und Ziele untersucht werden. Die öffentliche Aushandlung der politischen Rollen war Teil des Demokratisierungsprozesses während der Revolutionen 1848/49. Eine politische Kulturgeschichte der Öffentlichkeitsarbeit kann die Konstituierung der Nationalversammlung als demokratisches – und somit einer „Öffentlichkeit“ verpflichteten – Parlament im Selbstverständnis seiner Akteure erhellen und leistet somit einen Beitrag zur Rolle von Medien und Kommunikation in der historischen Entwicklung einer solchen politischen Öffentlichkeit.

 

 

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London, die Linke und Dekolonisierung in Großbritannien, ca. 1930er-1960er Jahre

 

Gil Shohat

 

Beim Auseinanderbrechen des britischen Empire handelte es sich um einen vielschichtigen Prozess, welcher sich nicht nur in den Sphären der „großen Politik“ in Großbritannien und den Kolonien abspielte. Die Entwicklungen der Dekolonisierung, die sich vor allem nach dem Ende des zweiten Weltkrieges verstärkten, wurden auch in den intellektuellen Zirkeln und Universitäten der „Metropole“ diskutiert, verhandelt und infrage gestellt.

Vor allem nach dem Ende des Ersten Weltkriegs waren London sowie mit Abstrichen Oxford, Cambridge und Manchester Zentren des (radikal) linken sowie antikolonialen Aktivismus, da sie Anlaufstellen sowohl für britische linke Studierende als auch für eine ganze Reihe junger Menschen aus den Kolonien waren. Einige von ihnen wurden später zu Führungsfiguren in den Unabhängigkeitsbewegungen, so zum Beispiel die ersten Präsidenten des unabhängigen Ghana und Kenya, Kwame Nkrumah und Jomo Kenyatta. Über welche Netzwerke und Beziehungen kamen Akteure in der britischen Linken mit antikolonialen AktivistInnen in Kontakt? Wie entwickelten sich Positionen innerhalb der britischen Linken in Reaktion zu diesen Interaktionen? Ergaben sich aus diesen Netzwerken politische Verbindungen die über die formelle Dekolonisation des Empires hinaus reichten? Diese und weitere Fragen sollen im Zentrum des Dissertationsprojekts stehen.

Die Orte der Interaktion sowohl innerhalb als auch zwischen diesen beiden Milieus, z.B. Cafés, Kneipen, Parteizentralen oder Wohnungen der Beteiligten, waren dabei Räume der Kommunikation und Debatte und sollen im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen, während der zeitliche Fokus von der späten Zwischenkriegszeit bis zum Höhepunkt der formellen Dekolonisation des Empire in den 1960er Jahren reichen soll.

Die Verbindungen zwischen britischen (radikalen) Linken und antikolonialen Intellektuellen wurden, da die Akteure aus beiden Milieus als gefährlich für die innere Sicherheit wahrgenommen wurden, akribisch unter anderem vom britischen Geheimdienst MI5 observiert. Neben „internen“ Dokumenten wie Autobiographien der beteiligten Akteure sowie Pamphlete, Zeitschriftenartikel oder Sitzungsprotokollen einzelner linker Gruppierungen und Strömungen bilden diese in den letzten Jahren stetig freigegebenen Geheimdienstdokumente eine gute Grundlage, um den Verflechtungen  und Netzwerken zwischen britischen Linken und Intellektuellen aus den Kolonien nachzuspüren und einen Blick auf den Alltag dieser Akteure in der „Metropole“ des untergehenden Empire zu gewinnen.

 

 

 

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Revolution der Straße. Frühe urbane Massenpolitisierung in den 1820er und 1830er Jahren als europäisches Phänomen

 

Felicia Kompio

 

Die europäischen Gesellschaften des frühen 19. Jahrhunderts waren in Bewegung. Sowohl die sozio-ökonomische, als auch die politische Ordnung wurden von Revolutionären und Reformern infrage gestellt. Neben den politischen Ideen, die mit der Französischen Revolution ihre Machbarkeit gezeigt hatten und in ganz Europa intensiv diskutiert wurden, waren es gerade auch neue Praktiken und Formen der politischen Partizipation, die die Menschen ausprobierten, lernten und entwickelten. Da sich gleichzeitig der Akteurskreis erweiterte bzw. sich sein Zuschnitt veränderte, haben wir es mit einer Zeit zu tun, in der politische Praktiken offen für Interpretation waren und sich erst herausbildete, was Manfred Gailus für die europäischen Revolutionen 1848/49 als “Straßenpolitik” bezeichnet hat. Das Projekt fragt nach diesen neuen Formen der Partizipation im frühen 19. Jahrhundert und untersucht sie vor dem Hintergrund der Erfahrung von 1789 und der Straßenpolitik von 1848 als Inkubationsphase politischer Praktiken in europäischen Städten an den drei Beispielen Bristol, Brüssel und Leipzig.

 

 

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Bielefeld und Halle an der Saale. Zwei politische Stadtgeschichten in Nachkriegsdeutschland 1945-1990

 
Albrecht Wiesener

 

Das Thema des Forschungsprojektes ist die Frage nach dem Stellenwert von Stadtentwicklungen für den Wandel der städtischen Öffentlichkeiten und das Selbstverständnis der politischen und sozialen Eliten in Deutschland nach 1945. In einen offen gehaltenen Vergleich werden die lokalpolitischen Kommunikations- und Handlungszusammenhänge in den beiden untersuchten Städten Bielefeld und Halle/Saale rekonstruiert und der zeitliche Wandel der kommunalen Stadtentwicklungspolitik näher bestimmt.

Neubau, Rekonstruktion und Umbau der vorhandenen Stadt waren in der Bundesrepublik wie in der DDR zentrale Handlungs- und Kommunikationsfelder von Kommunalpolitikern, Stadtverwaltungen, Experten und Bewohnern. Die unterschiedlichen Phasen der Stadtentwicklung und der Wandel städtebaulicher Leitbilder in Deutschland nach 1945 werden im Projekt im Hinblick auf die mit ihnen verbundenen Konsens- und Konfliktpotentiale im lokalen Raum untersucht. Dabei geht das Forschungsprojekt von der These aus, daß die Arenen städtischer Öffentlichkeiten in beiden deutschen Gesellschaften nach 1945 von vielfältigen Bestrebungen gekennzeichnet waren, einen Konsens zwischen dem Selbstverständnis der politischen und sozialen Eliten und den Erwartungshaltungen der Stadtbewohner zumindest in symbolischer Hinsicht zu verdeutlichen. So repräsentierte sich in der baulich-materiellen Gestaltung des Stadtraums und den dadurch hervorgerufenen Veränderungen der städtischen Lebenswelten stets auch das jeweilige „Bild von Gesellschaft“[1]. Dieses stand in seinen Ansprüchen, Verheißungen und Zumutungen zur Disposition und ließ den veränderlichen Stadtraum zum Bedeutungsträger politischer und sozialer Erwartungshaltungen werden. Unter Berücksichtigung der systemspezifischen Bedingungen für die Ausprägung städtischer Öffentlichkeiten in der Bundesrepublik und in der DDR, die über die Publizität der jeweiligen lokalen Meinungsbildungen zu Fragen der Stadtentwicklung vorentschieden, soll diese These anhand von Fallstudien zu einzelnen Stadtentwicklungsprojekten in Bielefeld und Halle/Saale überprüft werden.

 

[1] Vgl. zum ‚Bild der Gesellschaft’ im Stadtraum: Paul-Henri Chombart de Lauwe: Aneignung, Eigentum, Enteignung. Sozialpsychologie der  Raumaneignung und Prozesse gesellschaftlicher Veränderung. In: Arch+ 34/1977, S. 2—6.

 

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