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Humboldt-Universität zu Berlin - Neueste und Zeitgeschichte

Dr. Tilmann Siebeneichner - Forschungsprojekt

Der Griff nach den Sternen im Zeichen der Krise.

West-Europas Einstieg in die bemannte Raumfahrt, 1972-1987

 

Mit der Beteiligung am US-amerikanischen Post Apollo Programm vollzog die European Space Agency (ESA) seit 1972 den Einstieg in die bemannte Raumfahrt. Obwohl Westeuropas Beitrag, ein wiederverwendbares und vielseitig nutzbares Labor namens Spacelab, durchaus umstritten war, wurde es insbesondere in der Bundesrepublik als „Schlüsseltechnologie“ der Zukunft gepriesen und galt zugleich als wichtiges Instrument europäischer Integration.  Das Forschungsprojekt fragt danach, wie und warum in einer Zeit der wirtschaftlichen Krise und großer sozialpolitischer Herausforderungen ein so ressourcenaufwändiges und mit erheblichen finanziellen und technologischen Risiken einhergehendes Projekt wie das Weltraumlabor durchgesetzt und realisiert werden konnte.

Konkret geht es darum, die Entstehungsgeschichte und Nutzung des Weltraumlabors sowie die damit verbundenen gesellschaftlichen und politischen Aushandlungsprozesse zu ergründen, und zwar in nationaler, transnationaler und transglobaler Perspektive. Warum machte sich unter den Mitgliedsstaaten der ESA insbesondere die Bundesrepublik für den Einstieg in die bemannte Raumfahrt stark? Welche Interessen verbanden sich in Westeuropa mit der Beteiligung am Post Apollo-Programm und welche Folgen hatte sie für die transatlantischen Beziehungen wie für den europäischen Einigungsprozess? Und wie beeinflusste das Weltraumlabor Raumfahrtpolitik in Zeiten beschränkter Ressourcen und zugespitzter Konfrontation? Auf vielfältige Nutzungsmöglichkeiten ausgelegt, avancierte das Spacelab von einem vielversprechenden Instrument des Fortschritts und der Völkerverständigung zu einem wichtigen Werkzeug der Strategic Defense Initiative bzw. einer eigenständigen europäischen Infrastruktur im Weltraum. Seine Entwicklung und Inbetriebnahme zeigt somit, dass Raumfahrttechnologie auf der einen Seite stets als Projektionsfläche verschiedener und durchaus divergierender wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Kalküle fungierte. Auf der anderen Seite macht es deutlich, in welchem Maße die „Eroberung des Weltraums“ von übergeordneten politischen Prozessen, wie der erneuten Verschärfung des Kalten Krieges seit dem Ende der 1970er Jahre und der Verschlechterung der transatlantischen Beziehungen beeinflusst wurde, und fragt nach der Bedeutung des Weltraums in Zeiten der Krise.

Das Forschungsprojekt verknüpft auf diese Weise verschiedene, häufig unverbundene Forschungsfelder: die Geschichte der Raumfahrt und die Verwandlung des Weltraums von einem utopischen Sehnsuchtsort zu einer Zone des Konflikts und der Konfrontation, die Bedeutung technologischer Großprojekte zur Bewältigung politischer und ökonomischer Krisen sowie die Geschichte der europäischen Integration und der transatlantischen Allianz im Zeichen einer sich erneut verschärfenden Blockkonfrontation. Das Spacelab markiert nicht nur eine bedeutsame Zäsur innerhalb der westeuropäischen Raumfahrt, indem es für den Wandel von rein wissenschaftlich zu stärker politisch ausgerichteten Zielen steht. Seine Geschichte verspricht zudem Aufschluss darüber, in welchem Maße die Bewältigung der politischen und ökonomischen Herausforderungen der Zeit an die Entwicklung und Inbetriebnahme spezifischer „Schlüsseltechnologien“ rückgebunden war und erlaubt damit zugleich, Fragen aufzugreifen, die auf die Bedeutung für die allgemeinere Geschichte der 1970er Jahre als Schlüsseljahrzehnt der Zeitgeschichte zielen.