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Humboldt-Universität zu Berlin - Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte

Forschung

Lehrstuhl

 

Promovierende

 

 

 

"To climb into other peoples' heads". Thomas Kuhn, die Wissenschaftsgeschichte und das Interview

Anke te Heesen

Interviews haben Konjunktur. Und zaghaft wird das Format des veröffentlichten Dialogs von der medienhistorischen Forschung aufgenommen, beschränkt sich dabei aber vor allem auf das journalistische Interview. Doch ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt schnell, dass das journalistische Interview zwar der Vorstellungshintergrund für das Forschungsinterview gewesen sein mag, seine Analyse aber bei weitem nicht die Aspekte eines forschenden Insistierens zu erklären vermag.

Diese zu schreibende Geschichte des Forschungsinterviews wird exemplarisch anhand des von der National Science Foundation (USA) geförderten Projekts Sources for History of Quantum Physics behandelt. In dreijähriger Laufzeit (1961-1964) sollte hier die Vielfalt der noch existierenden schriftlichen Dokumente und lebenden Erinnerungen zu den großen physikalischen Entwicklungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesammelt und gesichert werden. Mit der Leitung des Projekts wurde der Wissenschaftsphilosoph Thomas S. Kuhn beauftrag, der bald mit den Assistenten John Heilbronn und Paul Forman die erste Oral History-Quellensammlung der Wissenschaftsgeschichte anlegte. Dieses heute unter dem Titel Archives for the History of Quantum Physics bekannte Projekt hat seit seinem Entstehen Mitte der 1960er Jahre zahlreiche physikgeschichtliche Arbeiten nach sich gezogen und ist als einzigartige Quellensammlung bekannt geworden; historiographisch ist es noch nicht untersucht worden. Dabei verdeutlichen die über 100 von den drei Männern gesammelten Interviews vor allem eins: Ohne Psychoanalyse und Verhörtechniken wäre dieses Projekt undenkbar gewesen.

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Der Ausstellungskatalog als geisteswissenschaftliche Monographie

Anke te Heesen

Die 1970er Jahre sind für die Geschichte des neuer- en Ausstellungswesens richtungsweisend: Nicht nur die Anzahl der abgehaltenden Ausstellungen vermehrt sich rapide, auch ihre Themen werden vielfältiger und neue Formen der Präsentation halten Einzug in die Räume.

In dieser Sattelzeit des Ausstellungswesens kommt es erstmals zu solchen Schauen, die historische und künstlerische Zugänge vereinen und miteinander verschränken. Es sind solche „thematischen Ausstellungen“ (H. Szeemann), die nicht nur die nächsten Jahrzehnte das Präsentationsgeschehen bestimmen werden, sondern vor allem ein neues Format hervorbringen: Der Katalog steigt nach und nach in den Rang einer geisteswissenschaftlichen Monographie auf.

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Handbuchwissenschaft - Alterung, Tempo und Zeitlichkeit in der Geschichte der Lebenswissenschaften des 20. Jahrhunderts

Mathias Grote

Die Geschichte der modernen Naturwissenschaften hat sich vornehmlich mit der Frage befasst, wie neues Wissen etabliert wird – sei es auf revolutionäre oder auf evolutionäre Weise, durch technische Innovationen oder kognitive, gesellschaftliche und ökonomische Faktoren. Dabei fällt oft aus dem Blick, dass sowohl in der Forschung wie auch in der breiteren Zirkulation von Wissen stets verschiedene Zeitschichten koexistiert haben – sei es in Form alter und neuer Instrumente, Aufzeichnungsverfahren oder materieller Objekte – dass die Produktion von neuem Wissen durch die Fortdauer und Kontinuität von bereits Bestehendem ebenso bedingt ist wie durch Innovationen und dass der Erhalt und die Pflege von Wissensbeständen in vielen Fällen von grundlegender Relevanz für die Wissenschaften gewesen sind.

Das wissenschaftliche Handbuch stellt seit dem 19. Jahrhundert ein Medium zur Speicherung und Verbreitung des gesicherten Kernbestandes des Wissens eines Fachs dar. Da viele Handbücher wiederholt aufgelegt wurden und sich wie ein roter Faden durch die Entwicklung ihrer jeweiligen Fächer verfolgen lassen, stellen dieses Medium einen geeigneten Untersuchungsgegenstand dar, um der Frage nachzugehen, wie die Wissenschaftler der Problematik stetig expandierender und sich wandelnder Wissensbestände begegneten. In diesem Zusammenhang ist mithin weniger die praxeologische Bedeutung des Handbuches von Relevanz denn seine enzyklopädische Funktion als ein mosaikartig geordneter Kanon von Wissen, der allerdings - und das wusste bereits Ludwik Fleck – aufgrund der raschen Entwicklung des Wissens fast notwendig zum Zeitpunkt des Erscheinens bereits veraltet war. Anhand von Beispielen aus den biologischen Wissenschaften, genauer aus der die Lebewesen ordnenden Systematik oder Taxonomie, verfolgt dieses Projekt die Genese des wissenschaftlichen Handbuches seit dem späten 19. Jahrhundert im Spannungsfeld von Akteuren (wiss. Herausgeber, Verlage, Nutzer) und Formaten, seine Konjunktur im 20. Jahrhundert sowie schließlich die beginnende Reorganisation im Zeitalter der Datenbanken.

Der Blick auf Handbücher, wie auch auf die zwischen Naturgeschichte und Experimental-wissenschaften verortete Systematik, so die These, könnte innovations- und neuheitszentrierte Narrative der Wissenschaftsentwicklung hinterfragen und damit Konzepte wie Neuheit, Kontinuität, Dauer und das Altern von Wissen kritisch reflektieren.

Abbildungen: Handbuchwissen. Bände von Emil Abderhaldens „Handbuch der biologischen Arbeitsmethoden,” 1920-1939.

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Von Membranen zu "molekularen Maschinen" – Eine andere Geschichte der molekularen Lebenswissenschaften, ca. 1970 – 1990

(Buch unter Vertrag, The University of Chicago Press)

Mathias Grote 

Das historische Bild der molekularen Lebens-wissenschaften der jüngsten Vergangenheit ist stark durch die Genetik geprägt – Stichworte lauten DNA, Biotechnologien oder Genomik. Dabei fällt aus dem Blick, dass sich in dieser Phase auch andere Forschungs-programme wie die Membranbiologie entwickelt haben.

Wenn etwa Zellen, Organe und Körper in Forschung und Biomedizin seit den neunziger Jahren zunehmend als ein Ensemble von „Protein-Maschinen“ begriffen werden, verweist dies auf die vorangehende Entwicklung eines Forschungsprogramms am Schnittpunkt von Biochemie/Biophysik (Bioenergetik, Membranforschung) und (Neuro-)Physiologie. Als ein Resultat dieser Forschung stellen die durch „molekulare Maschinen“ ausgeführten, mechanistisch verstandenen Lebensprozesse weit mehr als wirk- und bildmächtige Metaphern dar – in der Apotheke kann ein unter Sodbrennen leidender Patient des frühen 21. Jahrhunderts Inhibitoren sogenannter „Protonenpumpen“ erhalten: In diesem Fall stellen molekulare Maschinen also ein Ziel pharmakologischer Interventionen dar. Die Optogenetik, ein sich rapide entwickelndes Feld an der Schnittstelle von Molekulargenetik und Neurowissenschaften, verpflanzt lichtsensitive „Pumpen“ und „Kanäle“ in die Membranen von Neuronen, um Schnittstellen zwischen Nervensystemen und digitalen Technologien herzustellen. Wenn man molekulare Maschinen blockieren oder verpflanzen kann – so ließe sich mit dem Wissenschaftsphilosophen Ian Hacking sagen - dann sind sie auf eine näher zu bestimmende Weise real geworden.

Im Rahmen dieses Projektes wird die Geschichte der Forschung zu Membranen und molekularen Maschinen am Beispiel der Rhodopsine nachgezeichnet; diese bilden u.a. die lichtsensitiven Rezeptorproteine der Retina und anderer Membranen. Die Rhodopsinforschung entwickelte sich im Untersuchungszeitraum rapide, etwa in San Francisco, München und Cambridge - der Biophysiker Richard Henderson etwa teilte für seine elektronenmikroskopischen Untersuchungen an diese Proteinen den Chemie-Nobelpreis 2017. Rhodopsine wurden nicht nur zum Modell einer molekularen „Pumpe“, tatsächlich setzt die gegenwärtige Optogenetik sie als lichtsensitive „Schalter“ ein, um etwa das Verhalten von Versuchstieren zu kontrollieren. Die in diesem Buch vorgenommene wissenschaftshistorische Analyse nimmt insbesondere die sich im Zuge des Experimentierens verändernde Materialität von Membranen und Proteinen in den Blick, um die angerissene Frage nach dem epistemischen Status, der „Realität“ molekularer Maschinen zu beantworten. Die Arbeit an diesem Projekt wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert.

Abbildung: Illustration der Zelle als eines Ensembles molekularer Maschinen. David S. Goodsell, The Machinery of Life, DOI 10.1007/978-0-387-84925-6_4, Springer Science & Business Media, LLC 2009, Fig. 4.1. Mit freundlicher Genehmigung.

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Learning from Alzheimer's Disease. A history of biomedical models of mental illness (gefördert durch "The Branco Weiss Fellowship - Society in Science")

Lara Keuck, Alfred Freeborn, Christof Sendhardt

Die Anfang der 1980er Jahre begonnene „Jagd“ nach der einen genetischen Mutation, die allen Formen der Alzheimer-Krankheit zugrunde läge, endete ein Jahrzehnt später mit der Schlussfolgerung, dass die Krankheit sowohl genotypisch wie auch phänotypisch ausgesprochen vielfältig sei. Dies hinderte jedoch den amerikanischen Leiter des Humangenomprojekts, Francis Collins, nicht daran, dieses Beispiel aufzugreifen und eine vermeintliche Geschichte des Scheiterns in einer vielbeachteten Rede zur “Zukunft der Medizin” radikal umzudeuten. Für Collins war der Misserfolg eine Entdeckung - und zwar die der genetischen Beteiligung an komplexen Krankheitsursachen und -verläufen. Die Alzheimer-Krankheit wurde damit als ein Modell für die Möglichkeiten (und nicht die Grenzen) von genetischen Studien an multifaktoriellen „Volkskrankheiten“ präsentiert.

Tatsächlich ist sich ein Großteil der heutigen Wissenschaftlerinnen und forschenden Ärzte dahingehend einig, dass trotz bislang ausbleibender therapeutischer Erfolge die vielen Forschungsvorhaben der letzten drei Jahrzehnte entscheidend zu einem besseren Verständnis der Alzheimer-Krankheit beigetragen haben. Zwar konnten Heilsversprechen nicht eingelöst werden, aber man habe dennoch - oder gerade deswegen - viel gelernt. Narrative des Lernens mögen Forschungsförderungsrhetorik sein, doch spiegeln sie auch ein Verständnis von wissenschaftlichem Wissen wieder, das stärker auf die Graustufen zwischen Wissen und (noch-)nicht-Wissen als auf unmittelbare „magic bullets“ abzielt. Vor diesem Hintergrund versucht das Forschungsprojekt „Learning from Alzheimer’s disease“ anhand zeithistorisch einzuordnender Geschichten des Lernens den Bedeutungsverschiebungen und -vervielfältigungen der Krankheit nachzuspüren.

Collins Verweis auf die Alzheimer-Krankheit als Beispiel für „Volkskrankheiten“ wirft noch weitere Fragen hinsichtlich der Epistemologie des Exemplarischen auf. Wie wurde die Alzheimer-Krankheit zu einem paradigmatischen Fall, an dem stellvertretend die Möglichkeiten und Grenzen von biomedizinischen Erklärungen und psychiatrischen Klassifikationen diskutiert wurden? Vor dem Hintergrund der Heterogenität dessen, was als Alzheimer-Krankheit im langen 20. Jahrhundert verstanden wurde und verstanden wird sowie der Vielfalt der disziplinären Zugriffe auf die Krankheit stellt sich in doppelter Hinsicht die Frage nach dem Exemplarischen: Inwiefern und auf welche Weisen wurde die Beispielhaftigkeit der Alzheimer-Krankheit in den jeweils eigenen Bezugskontexten der diversen (wissenschaftlichen) Gemeinschaften in Frage gestellt, übernommen oder neu konstituiert? Und auf welche konkreten „Exemplare“ - Einzelfälle und Patientenpopulationen, Tiermodelle und andere „Forschungsgegenstände“ - haben sich die entsprechenden Konzepte der Alzheimer-Krankheit gestützt? Wie wurde dabei mit früheren Exemplifizierungen in späteren Beschreibungen verfahren?

Sowohl bei Geschichten des Lernens als auch bei der (Re-)Konstitution von Exemplaren tritt die „Rückschau“ als wissenschaftliche Praktik hervor: Frühere Forschungen werden re-evaluiert, neue Hypothesen und Experimentalsysteme werden in eine Traditionslinie oder umgekehrt in Opposition zu älteren Beschreibungen gestellt. Für die Alzheimer-Krankheit waren Praktiken der Retrospektion zudem über den Großteil des 20. Jahrhunderts eine zentrale Voraussetzung, um diese Krankheit überhaupt als Differentialdiagnose zu positionieren und deren Ätiologie als „organische Hirnerkrankung“ näher zu bestimmen. Zu nennen sind hier insbesondere post mortem Untersuchungen, um daraus Rückschlüsse über die pathologischen Vorgänge im Gehirn der Patienten zu ziehen. Praktiken der Retrospektion sind mit besonderen Ökonomien der Zeitlichkeit verbunden (die der Prognose und Prädiktion gegenübergestellt werden können). Rezente Überprüfungen und Neubewertungen des „Materials“ aus alten Krankenakten und histologischen Schnitten, retrospektive Diagnosen lang verstorbener Familienmitglieder für humangenetische Untersuchungen sowie die gebräuchliche Praktik, Angehörige über vergangene Verhaltens- und Persönlichkeitsveränderungen von Patienten zu befragen, zeigen, dass Praktiken der Retrospektion auch in heutigen Zugriffen auf die Krankheit bzw. auf Patientinnen eine wichtige Rolle zukommt. Hier stellt sich zum einen die Frage, wie sich diese (und andere) sehr unterschiedlichen Praktiken der Retrospektion zueinander verhalten. Zum anderen ist zu fragen, wie sich der Stellenwert von Rückschau zu Vorschau (Prognose und Prädiktion) im Laufe des Untersuchungszeitraums verändert hat und woran sich dies zeigt.

Die Geschichte der Alzheimer-Krankheit im langen 20. Jahrhundert wird somit für das Projekt selbst zu einem Beispiel, anhand dessen der Umgang mit und die Umgestaltung von Vergangenem und Vergangenheit in den biomedizinischen Wissenschaften erhellt werden soll. Die methodologische Selbstreflexion bildet einen integralen Teil des Projekts und bindet es zugleich in allgemeinere Debatten der Geschichte und Philosophie der Wissenschaften und Medizin ein. Genauso wie stets zu fragen ist, welche Konsequenzen aus einer jeweiligen biomedizinischen Forschungsstrategie für die im engeren und weiteren Sinne betroffenen Menschen (und Tiere) erwachsen sind, stellt sich auch für die Metawissenschaften die Frage, inwiefern die sogenannten Lebens- und Humanwissenschaften (mit all den Problemen, die diese Begrifflichkeiten mit sich bringen) spezifische Formen der wissenschaftshistorischen und -philosophischen Annäherung erfordern. 
 
Weitere Informationen auf unserer Projekthomepage
 

Abbildung: Histologische Präparate von 1906, wiederentdeckt 1998: Gehirnschnitte der als erster Alzheimer-Fall bekannt gewordenen, verstorbenen Patientin Auguste Deter, Abbildung ("Aus der Münchener Sammlung: Orginalpräparate der Patientin Auguste D., gefertigt von Dr. Alois Alzheimer") aus der Infobroschüre der Neurobiobank München, 2015, S. 19.

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Hands-on-History: Die Geschichte der Interaktivität und die Entwicklung des Wissenschaftsmuseums zum Vermittler und Medium der Wissensgesellschaft

Arne Schirrmacher

Die Geschichte der wissenschaftlich-technischen Moderne als der prägenden Kultur der westlichen Welt ist sowohl eine Erfahrungsgeschichte als auch eine Vermittlungsgeschichte – und damit vor allem eine Mediengeschichte. Statt auf Printmedien oder audiovisuelle Medien zu schauen, fokussiert das Projekt auf das Ausstellungsmedium mit seinen Qualitäten von Direktheit, Materialität und Interaktivität. Seit der Französischen Revolution wurde das Wissenschaftsmuseum immer wieder als "politische Maschine" in Gang gesetzt, um Wissenschaftsbilder zu generieren und Ingenieure zu rekrutieren. Interaktivität wurde der Köder, um den "technological citizen" zu fangen und zur Mitarbeit an gesellschaftlichen Herausforderungen zu verpflichten. Das interaktive Science Center weckte seit Ende der 1960er Jahre neue Begeisterung für die Phänomene der Wissenschaft, nahm es aber mit Geschichte und Nebenfolgen nicht so wichtig. Heute wiederum soll der Bürger im "partizipatorischen Museum" Zukunftspfade mit der Politik diskutieren und so mitlegitimieren.

 

Bei näherer Betrachtung zeigt sich schnell, dass der modische Begriff der Interaktivität alles andere als wohlbestimmt ist, er vielmehr viele, zum Teil widersprüchliche Bedeutungsschichten vereint. Im Zuge einer Hands-on History, die den Einsatz von Demonstrationsmodellen und interaktiven Darstellungsformen in Wissenschaftsmuseen, Ausstellungen und Science Centern für das 20. Jahrhundert betrachtet und ihre Mobilität institutionell wie geographisch verfolgt, soll auch eine Historisierung des Begriffs der Interaktivität vorgenommen werden. Auf diese Weise wird versucht, die Diskussion um die "politics of display" von Einzelobjekten oder -ausstellungen auf generelle Mechanismen zu erweitern sowie historische Entwicklungen der Verzahnung von Vermittlungsmedien der Wissenschaft auf der einen Seite und Politik bzw. Gesellschaft auf der anderen offenzulegen.

 

Abbildung: Zeichnung von Hugo Kükelhaus, Geräte zum Erleben von Naturgesetzen im Spiel konzipiert u.a. für die Weltausstellung 1967. Quelle: hugo-kuekelhaus.de

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Richten, Heilen, Strafen: Forensisch-psychiatrische Kultur und Politik in Berlin, 1887-1917

Eric J. Engstrom

Das Projekt untersucht das vielfältige Gefüge forensisch-psychiatrischer Instanzen in der preußischen Hauptstadt vor dem Ersten Weltkrieg. Im Mittelpunkt der Analyse stehen drei Kulturräume, in denen mit psychisch-auffällig gewordenen Menschen umgegangen wurde: der Gerichtssaal, das Krankenhaus und das Gefängnis. Das Projekt nimmt die überlappenden Zuständigkeiten, Kompetenzen und handlungssteuernde Prioritäten in und an den Schwellen dieser forensischen Kulturräume in den Blick. Dabei werden juristische Bestimmungen, administrative Praktiken, Fach- und Laiendiskurse, sowie forensisch-psychiatrische Subjekte untersucht. Insbesondere werden die politischen Auseinandersetzungen an den Nahtstellen dieses städtischen Ensembles forensisch-psychiatrischer Instanzen untersucht. Die forensische Politik wird als eine konflikt- und akteurszentrierte Dynamik verstanden, bei der es um die Mobilisierung rhetorischer Mittel, die rituelle Inszenierung symbolischer Handlungen, das Evozieren von Emotionen und Empathien, sowie um die Organisation kollektiver Loyalitäten geht. Diese Strategien forensischer Politik gilt es im Bezug auf die immer wieder vom neuen sich aufdrängenden Probleme im Umgang mit psychisch erkrankten Straftätern in Berlin zu untersuchen. Der Einfluss der Berliner Öffentlichkeit und die Rolle von Fürsorgeeinrichtungen für entlassene Patienten und Gefangene werden analysiert. Das Projekt zielt auf eine feinere Kartierung der Grenzen zwischen den forensischen Kulturräumen und untersucht sie unter Berücksichtigung des urbanen Umfeldes.

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Eine moderne Symbolsprache im "Jahrhundert des Auges" – Otto Neuraths "Internationale Bildersprache" und die Demokratisierung des Wissens im illustrierten Sachbuch

Silke Körber

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt untersucht den Zusammenhang zwischen der im Sinne einer „Demokratisierung des Wissens“ vorangetriebenen Entwicklung einer neuartigen Symbolsprache bzw. Methode zur „Humanisierung“ von wissenschaftlichen Informationen durch den Sozialwissenschaftler und Philosophen Otto Neurath (1882–1945) und der Genese des illustrierten Sachbuchs als Instrument der Wissensvermittlung im 20. Jahrhundert. Dazu soll die Bildpädagogik Neuraths im Kontext der vom Wiener Kreis propagierten „wissenschaftlichen Weltauffassung“ gedeutet werden, welche Neurath zufolge die Grundlage eines egalitären, modernen Gesellschaftsentwurfs bilden sollte. Dieses Ziel, später eher als integrativer Enzyklopädismus zu verstehen, verfolgte Neurath nicht nur wie bislang erforscht im Bereich der Museumspädagogik oder mit transnationalen wissenschaftlichen Kooperationen und Publikationen. Vielmehr kam es im Exil in Großbritannien zur Zusammenarbeit mit emigrierten jüdischen und links-intellektuellen Verlegern aus Wien und Berlin, die im Bemühen um inhaltliche Objektivität und Rationalität, visuell moderne, semantisch enge Bild-Text-Verbindungen v.a. als Sachbuchreihen entwickelten. Dafür wurden kreative Praktiken in Teams von Spezialisten sowie spezielle organisatorische und ökonomische Strukturen etabliert. Nach 1945 erreichte man im Zuge der Internationalisierung des Buchmarktes und unter dem Einsatz sukzessive verbesserter Produktionstechniken mit hochwertig visualisierten Themen einen Massenmarkt.

Abbildung: Otto and Marie Neurath Isotype Collection, University of Reading.

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Foto-Itinerare: Die Galleria Sangiorgi in Rom. Eine Fallstudie zu fotografischen Praktiken im Kunsthandel des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (Arbeitstitel)

Julia Bärnighausen

Das Dissertationsprojekt untersucht die Fotografien der Galleria Sangiorgi in Rom in der Photothek des Kunsthistorischen Instituts in Florenz – Max-Planck-Institut mit einem Schwerpunkt auf der Sektion "Kunstgewerbe". Aufgrund ihrer bemerkenswert komplexen Materialität und visuellen Aussagekraft eröffnen diese Fotografien ein transtemporales Netzwerk verschiedener Akteure, zu denen auch sie selbst als historisch geformte und mobile "Foto-Objekte" zählen.

Die Galleria Sangiorgi wurde 1892 von dem italienischen Unternehmer Giuseppe Sangiorgi (1850–1928) im Palazzo Borghese in Rom gegründet und avancierte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem der weltweit größten und erfolgreichsten Verkaufs- und Auktionshäuser. Heute ist sie unter Historikern und Kunsthistorikern jedoch nahezu in Vergessenheit geraten. Wie viele seiner Zeitgenossen führte auch Sangiorgi eine Werkstatt, in der die Antiquitäten aus seiner Sammlung zum Weiterverkauf reproduziert wurden. Als Ansichtsexemplare, Kommunikationsmittel und "Vorbilder" zirkulierten die Fotografien zwischen Sammlern, Kunsthändlern, Künstlern und Fotografen innerhalb und außerhalb der Galerie und ihren Vertretungen in New York, Paris und London. Auf teilweise noch unbekannten Wegen gelangten sie mit der Zeit in verschiedene Archive. So besitzen auch die Fondazione Zeri in Bologna und das Archivio Centrale dello Stato in Rom zahlreiche Fotografien und Zeichnungen der Galleria Sangiorgi, die im Rahmen des Projektes ebenfalls untersucht werden sollen. Das Florentiner Foto-Archiv bildet eine weitere von vielen (Wissens-) Schichten in der Sedimentation dieser Dokumente, die hier im Kontext einer kunsthistorischen Abbildungssammlung neue Bedeutungszuschreibungen erfahren haben. 

Die Arbeit wird unter anderem die Familien- und Unternehmensgeschichte rekonstruieren sowie Praktiken des Kunsthandels um 1900 in den Blick nehmen. Dazu werden Archive in Italien, Frankreich, den USA, England und Deutschland konsultiert sowie eine Reihe von Interviews geführt. Vor allem aber soll anhand dieser Fallstudie gezeigt werden, wie viel epistemologisches Potenzial Fotografien besitzen, wenn sie nicht nur als Bilder verstanden, sondern auch als materielle und "dreidimensionale" Objekte mit einer eigenen Biografie ernst genommen werden.

Abbildung: Spiegel (1. H. 18. Jh.), Albuminpapier montiert, nicht identifizierter Fotograf (Galleria Sangiorgi, Rom), um 1900, 26 x 13,7 cm (Karton), Inv. Nr. 615786, Abt. „Kunstgewerbe“ der Photothek, Kunsthistorisches Institut in Florenz – Max-Planck-Institut.

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Der aktiv(iert)e Patient. Selbsttechniken und Wissenspraktiken in der Diabetestherapie zwischen 1900 und 1960

Oliver Falk

Dem Diabetes mellitus wurde in jüngerer Zeit nur wenig medizinhistorische Aufmerksamkeit zuteil. Eingebettet in ein historisches Standardnarrativ, das, beginnend mit Erkenntnissen systematischer physiologischer Forschung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts (Claude Bernhard), über die Entwicklung der Ernährungsphysiologie und Kalorimetrie (Max Rubner/ Friedrich Umber u.a.)  bis hin zur Entwicklung des Insulins durch Frederick Banting, Charles Best und James Collip 1921, eine reine Fortschrittsgeschichte nachzeichnet, erscheint die Geschichte des Diabetes und dessen Therapie weitestgehend erzählt.

Das Dissertationsprojekt von Oliver Falk beabsichtigt diesen historiographischen Standard aufzubrechen und strebt dabei einen anderen Ansatz der Beschreibung und historischen Analyse an. So soll angesichts der Bandbreite von experimenteller und klinischer Forschung, ärztlicher Standardtherapieversuche, aufkommender Selbstbehandlungsansätze bei Patienten bis hin zu neu eingerichteten Vor- und Fürsorgeeinrichtungen für Diabetiker nicht allein nach dem Wandel der Diabetestherapie in der ersten Hälfte des 20. Jh. gefragt werden. Darüber hinaus sollen vor allem vor dem Hintergrund von Selbstbehandlungsroutinen die Patienten selbst als eigenständige Akteure (und epistemische Größe) in den Blick genommen, deren Anteil an der Generierung neuen therapeutischen Wissens analysiert und somit der Frage nach den epistemischen Effekte angewendeter Selbsttechniken nachgegangen werden.

Dabei spielt die Betrachtung der materialen Kultur des Diabetes und dessen Therapie eine zentrale Rolle. Der Fokus richtet sich dabei nicht allein auf Labor-Manuals, Tagebücher, Briefe, Patientenakten oder administrativer Aufschreibe-Systematiken im institutionellen Rahmen der Behandlung. Im Mittelpunkt stehen ebenso unzählige, unter dem Schlagwort der Diätetik herausgegebenen Leitfäden, die immer wieder auf die Bedeutung der Partizipation der Patienten für eine erfolgreiche Therapie verweisen.

Dass die Begründung der Partizipation dabei nicht ausschließlich über rein medizinische Notwendigkeiten der Behandlung erfolgt(e), sondern immer auch an zeitgenössische Präventions-, Ernährungs- und allgemeine Gesundheitsdiskurse anschloss, stellt einen weiteren Anknüpfungspunkt der Untersuchung dar. Ziel ist es, nicht nur die Geschichte der Diabetestherapie um eine Perspektive jenseits gängiger medizinhistorischer Narrative zu erweitern, sondern das Spannungsfeld zwischen Prävention und Therapie im Rahmen der am Anfang des 20. Jahrhunderts aufkommenden Zivilisationskrankheiten und den damit verbundenen Selbstpraktiken und Eigenverantwortungen der Patienten insgesamt in den Blick zu nehmen.

Abbildung: Titelbild „Wir Zuckerkranken“ Hg. v. Deutschen Diabetiker Bund. Heft 1, 1931.

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Registering Nature: writing practices in the collection and commerce of natural history objects in Berlin, ca. 1770-1850.

Anne MacKinney

The dissertation investigates within the context of early nineteenth-century natural history collections various forms of the list (inventories, specimen lists, catalogs, etc.) and the ways in which these documents mediated interactions between diverse people, things and institutions. The Berlin Zoological Museum, from its establishment in 1810 and through its first four decades of expansion under the director Martin Hinrich Lichtenstein, is the institutional and temporal focus of the project; still, the forms and functions of lists in the Berlin museum will be compared to those in Berlin’s earlier, eighteenth-century natural history cabinets as well as in other European natural history collections of the nineteenth century. The project studies how the act of writing lists of natural objects helped traveling naturalists and collection keepers define their roles—albeit in very different ways—within an increasingly complex, heterogeneous community of natural historical practitioners. Furthermore, it follows the paths of lists that moved between collections, the Prussian state bureaucracy and a consumer market for natural historical objects. Both the ways in which lists helped define the values (monetary, scientific or cultural) of the objects they referenced and the ways in which lists shaped the relationship between the scientific-academic community, the state and the public in early nineteenth-century Berlin are central questions addressed in the dissertation.

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Insekten als globale Ware: Taiwan als Sammelort im frühen 20. Jahrhundert

Kerstin Pannhorst

Das Dissertationsprojekt nimmt Praktiken des Sammeln, Weiterverarbeitens und Verkaufens von Insekten in Taiwan im frühen 20. Jahrhundert in den Fokus, insbesondere die Verschränkungen zwischen entomologischer Forschung und Kunstgewerbe. In den als „Feld“ konzipierten Bergen Zentraltaiwans konkurrierten unterschiedliche Akteure um die Ressource Insekten: Sie sammelten für taxonomische und biogeographische Beschreibungen, für Forschung zu ökonomisch relevanten Insektenarten, oder aber für den Kunstgewerbemarkt. Die Arbeit untersucht, inwiefern sich wissenschaftliche und (kunst)handwerkliche Praktiken gegenseitig stabilisierten und zu einer Massenproduktion von Insektenobjekten und Insektenwissen führten.

Im frühen 20. Jahrhundert strebte Hans Sauter, ein deutscher Entomologe und Sammelunternehmer in Taiwan, gemeinsam mit dem ersten Direktor des Deutschen Entomologischen Museums in Dahlem eine „Massenfabrikation“ von Insektenwissen an. Zehntausende sorgsam verpackte Insekten wurden auf globalen Handelsrouten von der japanischen Kolonie Taiwan nach Europa verschifft mit dem Ziel der sukzessiven Publikation einer „vollständigen Fauna Formosas“. Im selben Zeitraum sandte Yasushi Nawa, ein japanischer Entomologe und Unternehmer, dutzende Insektensammler auf die Insel. Die Tiere dienten zum einen der Forschung zu landwirtschaftlichen Schädlingen und Nutztieren, zum anderen der Herstellung kunstgewerblicher Gegenstände, wie Papierfächer oder Postkarten, die mithilfe echter Schmetterlingsflügel verziert wurden. Diese verkaufte Nawa über Anzeigen in entomologischen Publikationen oder in Warenhäusern in Japan, Nordamerika und Europa. Floh, Käfer oder Schmetterling dienten als Rohstoff, der geborgen, gehandelt und zu Artefakten weiterverarbeitet wurde – zum „authentischen“ Stellvertreter der Natur zum Zwecke der Forschung oder zur ästhetischen Ware. Das Projekt folgt den Insekten aus dem Feld ins Naturkundemuseum oder aber ins Warenhaus und blickt auf die Verschränkung der jeweiligen hochspezialisierten Praktiken und auf die Ökonomien hinter der globalen Zirkulation dieser fragilen Materialien.

Abbildung: Verpackungsmaterial für Lepidoptera, von Hans Sauter Anfang des 20. Jahrhunderts aus Taiwan gesandt. Museum für Naturkunde Berlin, Sammlung Lepidoptera und Trichoptera. Foto Kerstin Pannhorst.

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The midlife crisis, gender, and social science in the United States, 1970–90

Susanne Schmidt

My doctoral project historicizes the “midlife crisis,” which became popular in the United States and, indeed, internationally in the 1970s and ’80s. I explore the interest in midlife crisis, its uses and applications, and the social and political sources, functions, and effects of conflicts over its nature and legitimacy. I show that the concept has historical roots in debates about gender and work. Thus, the midlife crisis turns from an anthropological constant or excuse and fabrication into a historically, culturally, and socially specific concept for negotiating changing gender relations and life patterns.

Abbildung: The rise and fall of professional men’s wages and home time across the life cycle. Image from Gary S. Becker and Gilbert Ghez, The allocation of time and goods over the life cycleNew York: National Bureau of Economic Research, 1975.

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Veröffentlichungspolitik und Entscheidungsbefugnisse: Der Verlagsberater Paul Rosbaud und die wissenschaftlichen Verlage Julius Springer, Pergamon Press und Wiley Interscience, 1927-1963

Alrun Schmidtke

Das Promotionsvorhaben untersucht das Spannungsfeld zwischen Naturwissenschaft und Buchmarkt historisch und leistet damit einen originären Beitrag zu gegenwärtigen wissenschaftshistorischen Debatten zum Verhältnis von Wissenschaft und Ökonomie. Im Zentrum der Untersuchung steht die Figur des Verlagsberaters im wissenschaftlichen Buchhandel in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Der freiberufliche Berater zeichnete sich durch eine dezidiert externe Position aus, die dazu geeignet war, die betreffende Person als neutralen Mediator zwischen Verlegern und Wissenschaftlern inszenieren zu können und damit unternehmerische Interessen mit neuen Mitteln durchzusetzen. Anhand erst kürzlich zugänglich gewordener Archivbestände wird untersucht, wie sich die flexible Positionierung des Beraters auf die Praktiken der wissenschaftlichen Publizistik ausgewirkt hat. Ausgehend von einer Untersuchung des Verlags Julius Springer und seiner Berater in der Vorkriegszeit wird der Fokus auf die Beratungskarriere des Chemikers Paul Rosbaud gelegt. Zunächst mehr als zehn Jahre als wissenschaftlicher Berater für den Springer-Verlag tätig, lebte er nach 1945 in London und war dann im angloamerikanischen naturwissenschaftlichen Verlagsbuchhandel, unter anderem für Pergamon Press, North-Holland, Oxford University Press und Wiley Interscience, aktiv.

Abbildung: Schutzumschlag von „Book Publishing as a career“ von Philip Unwin, London: Hamish Hamilton 1965.

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Material, Werkzeug, Infrastruktur

Kris Decker, Dissertationsprojekt

Historische Aufzeichnungen würde man nicht sofort zu den Materialien zählen, die zur Erforschung der Geschichte des Klimas verwendet werden. Und doch gibt es in den Klimawissenschaften einen Forschungsbereich, in dem die Auswertung schriftgebundener Materialien zum Alltag gehört: die Historische Klimatologie. Auf der Grundlage von Wettertagebüchern, Ernteaufzeichnungen, Stadtchroniken, Schiffslogbüchern und weiterem Schriftgut werden Daten gewonnen, die für die Rekonstruktion klimatischer Veränderungen des vergangenen Jahrtausends benutzt werden können.

Wie arbeiten die Klimaforscher_innen mit diesen schriftgebundenen Materialien? Das ist Gegenstand meines Projekts. Aufbauend auf Interviews, Konferenzbesuchen und Literaturarbeit beschäftige ich mich mit den grundlegenden Bedingungen der Entstehung klimatologischer Erkenntnisse. Zu diesen Bedingungen gehören insbesondere der Aufbau und die Instandhaltung einer Computer-Infrastruktur, der Entwurf und die Anpassung von Auswertungswerkzeugen, sowie die Beschaffung und Verfügbarmachung der Forschungsmaterialien selber – Arbeiten, die von vielfältigen praktischen Herausforderungen durchdrungen und in heisse Diskussionen über das geeigneteste Material für Klimarekonstruktionen eingebunden sind. Historisches Schriftgut steht dabei Seite an Seite mit anderen Forschungsmaterialien wie Eiskernen und Baumringen, welche aus den Archiven der Natur zu kommen scheinen, während das Schriftgut Resultat menschlicher Beobachtungen ist, was die verschiedenen Wertigkeiten einzelner Forschungsmaterialien zum Thema werden lässt.

Wenn es schliesslich darum geht, die Historische Klimatologie als eigenständige materielle Kultur zu begreifen, sollten auch die Tiefen unterhalb der gegenwärtigen Umrisse dieser Kultur nicht unbeachtet bleiben: Wie Material, Werkzeug und Infrastruktur über die Zeit hinweg weitergegeben und verändert werden, ist folgenreich dafür, wie heute geforscht wird – so eine These.

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Botanics in the Making (1500–1700): Communication and Construction of the Botanical Science in Early Modern Europe

Julia Heideklang

Das Dissertationsthema verbindet die Erforschung kleiner Formen mit der Betrachtung botanischer Wissenschaftstexte der Frühen Neuzeit (1500–1700). Zwischen diesen literarischen Produkten und der Selbstpositionierung des jeweiligen Autors innerhalb der literarischen Tradition aber auch der zeitgenössischen Wissenschaftsgemeinschaft besteht eine starke Wechselwirkung. Die Wissenschaftstexte, hier mit dem Fokus auf ihren verschiedenen Paratexten, sind in ihren Inhalten und ihrer Form stark durch den zeitgenössischen Diskurs bedingt. Zugleich aber gestalten sie ihrerseits den Diskurs mit. Es ist davon auszugehen, dass dabei den Paratexten eine herausragende Bedeutung zukommt, nämlich, dass sie als epistemologische Katalysatoren den Emanzipationsprozess der botanischen Wissenschaft in der frühen Neuzeit beeinflusst und gesteuert haben. Für das Forschungsprojekt sollen exemplarisch ausgewählte botanische Werke, insbesondere die Historiae und Kreutterbücher, hinsichtlich ihrer Paratexte untersucht und im historischen Kontext verortet werden. Der Fokus liegt dabei vor allem auf den Titelseiten, Vorreden bzw. Widmungsreden und Widmungsgedichten in ihrem jeweiligen Werkkontext und unter Einbeziehung von nachfolgenden Auflagen und Übersetzungen. Ziel ist es aufzuzeigen, durch welche Kommunikationsstrategien und gestalterischen Elemente der jeweilige Autor Einfluss auf die Rezeption seiner botanischen Schrift durch den intendierten Leser nimmt. Darüber hinaus wird danach gefragt, wie dadurch das Selbstverständnis botanischer Wissenschaft konstruiert und einer Leserschaft innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft zugänglich gemacht wird.

Abbildung: Titelseite aus Andrea Cesalpino, De plantis libri XVI, Florentiae: Apud Georgium Marescottum 1583. (Digitalisat der Zentralbibliothek Zürich: NB 721; http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-37940).

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Schauraum Hygieneausstellung – Dresden 1911 in wissensgeschichtlicher Perspektive

Christine Brecht

Obwohl ihre Anfänge in den 1870er Jahren liegen, wurden Hygieneausstellungen bislang vor allem im Kontext wohlfahrtsstaatlicher Gesundheitsaufklärung des frühen 20. Jahrhunderts verortet. Dass es sich bei diesen Präsentationen von Instrumenten und Objekten moderner Naturwissenschaft, Medizin und Technik nicht nur um Publikumsschauen, sondern auch um Fachausstellungen handelte, kam dabei kaum in den Blick. Am Beispiel der internationalen Hygieneausstellung, die 1911 in Dresden stattfand, unternimmt das Promotionsvorhaben den Versuch, historische Bedingtheiten und Bedeutungen beider Ausstellungsprinzipien auszuloten. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach den Akteuren und Praktiken des Ausstellens: Wie war das Zeigen und Sehen in den verschiedenen Abteilungen, aus denen sich die Welthygieneschau von 1911 zusammensetzte, organisiert? Welche alten und neuen, kommerziellen oder musealen Präsentationsformen kamen zum Tragen? Aus welchen disziplinären, institutionellen, nationalen und kolonialen Zusammenhängen stammten die ausgestellten Wissenschaftsobjekte? In welcher Weise waren Wissenschaftler, etwa Bakteriologen, Nahrungsmittelchemiker oder Gewerbehygieniker, beteiligt, sei es als Aussteller, Kuratoren, Berichterstatter oder Besucher? Neben schriftlichen Überlieferungen werden Fotografien, Pläne, Skizzen und andere Bildmaterialien herangezogen, um Dresden 1911 neu zu vermessen und in die Geschichte expositorischer Wissenspräsentation einzuschreiben.

Abbildung: Laborinszenierung in Halle 56 „Nahrungs- und Genussmittel“ der Internationalen Hygieneausstellung Dresden 1911. Deutsches Hygiene-Museum Dresden, Sammlung, DHMD 2001/196.60.

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Werbung für den Westen. Die Ausstellungen der US Exhibition Section in Deutschland, 1945-1960

Jonas Kühne

Das Promotionsvorhaben untersucht das amerikanische Ausstellungsprogramm in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Zentrum stehen die Ausstellungen der US Exhibition Section zwischen 1945 und 1960, die trotz ihrer Verschiedenartigkeit einem gemeinsamen Zweck dienten. Sie sollten das deutschen Publikums im Sinne einer Orientierung hin zu einer Konsumgesellschaft aktivieren und machten gleichzeitig vor dem Hintergrund des frühen Kalten Krieges Werbung für eine Einbindung der Bundesrepublik in die westliche, transatlantische Wertegemeinschaft.

Die Studie verfolgt drei Schwerpunkte. Erstens gerät mit der US Exhibition Section eine transnationale Organisation in den Blick, die zunächst weder einen musealen Sammlungs- und Präsentationsauftrag hatte, noch in der darstellenden oder bildenden Kunst verortet werden kann. Dieser Teil untersucht die in ihr wirkenden transatlantischen Akteursnetzwerke sowie die Produktionsbedingungen, unter denen die Ausstellungen geplant und hergestellt wurden.

Daran anschließend werden zweitens sechs exemplarische Ausstellungsensembles auf gestalterischer, inhaltlicher und rezeptiver Ebene untersucht: das Wanderausstellungsprogramm in den Amerikahäusern (1947-49), die Marshallplan-Ausstellungen (1950-52), die Ausstellungen „ATOM“ (1954), „Kleider machen Leute“ (1955) und „Unbegrenzter Raum“ (1956) in Berlin sowie der Messestand zur US-Landwirtschaft auf der IKOFA in München (1958).

Die expositorischen Analysen sollen drittens folgende Fragen beantworten: Wie wurden die Ausstellungen von den politischen Rahmenbedingungen des Kalten Krieges geprägt und vor dieser Folie von der west- und ostdeutschen Öffentlichkeit wahrgenommen? Welche ausstellungshistorischen Einflüsse von vor 1945 spiegeln sich in den zu untersuchenden Expositionen wider? Wie wurden diese adaptiert und weiterentwickelt? Wie prägten die Ausstellungen die weitere Entwicklung von expositorischen Arbeiten in der Bundesrepublik?

Abbildung: Mitarbeiter*innen der US Exhibition Section mit Modellen zu einer Ausstellung über Landwirtschaft, ca. 1947/48, Nürnberg. Nachlass Claus-Peter Groß, Fotografische Sammlung Kunstbibliothek, SMB.

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