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Humboldt-Universität zu Berlin - Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte

Forschung

→ Anke te Heesen

→ Mathias Grote

→ Lara Keuck (geb. Kutschenko), Alfred Cheesman, Christof Sendhardt: Learning from Alzheimer's Disease (Projektwebseite)

Arne Schirrmacher

Eric Engstrom

→ Mario Schulze

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→ Silke Körber

→ Julia Bärnighausen

 

 

"To climb into other peoples' heads". Thomas Kuhn, die Wissenschaftsgeschichte und das Interview.

Anke te Heesen

Interviews haben Konjunktur. Und zaghaft wird das Format des veröffentlichten Dialogs von der medienhistorischen Forschung aufgenommen, beschränkt sich dabei aber vor allem auf das journalistische Interview. Doch ein Blick in die Wissenschaft

sgeschichte zeigt schnell, dass das journalistische Interview zwar der Vorstellungshintergrund für das Forschungsinterview gewesen sein mag, seine Analyse aber bei weitem nicht die Aspekte eines forschenden Insistierens zu erklären vermag.

Diese zu schreibende Geschichte des Forschungsinterviews wird exemplarisch anhand des von der National Science Foundation (USA) geförderten Projekts Sources for History of Quantum Physics behandelt. In dreijähriger Laufzeit (1961-1964) sollte hier die Vielfalt der noch existierenden schriftlichen Dokumente und lebenden Erinnerungen zu den großen physikalischen Entwicklungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesammelt und gesichert werden. Mit der Leitung des Projekts wurde der Wissenschaftsphilosoph Thomas S. Kuhn beauftrag, der bald mit den Assistenten John Heilbronn und Paul Forman die erste Oral History-Quellensammlung der Wissenschaftsgeschichte anlegte. Dieses heute unter dem Titel Archives for the History of Quantum Physics bekannte Projekt hat seit seinem Entstehen Mitte der 1960er Jahre zahlreiche physikgeschichtliche Arbeiten nach sich gezogen und ist als einzigartige Quellensammlung bekannt geworden; historiographisch ist es noch nicht untersucht worden. Dabei verdeutlichen die über 100 von den drei Männern gesammelten Interviews vor allem eins: Ohne Psychoanalyse und Verhörtechniken wäre dieses Projekt undenkbar gewesen.

 

Der Ausstellungskatalog als geisteswissenschaftliche Monographie

Anke te Heesen

Die 1970er Jahre sind für die Geschichte des neuer- en Ausstellungswesens richtungsweisend: Nicht nur die Anzahl der abgehaltenden Ausstellungen vermehrt sich rapide, auch ihre Themen werden vielfältiger und neue Formen der Präsentation halten Einzug in die Räume.

In dieser Sattelzeit des Ausstellungswesens kommt es erstmals zu solchen Schauen, die historische und künstlerische Zugänge vereinen und miteinander verschränken. Es sind solche „thematischen Ausstellungen“ (H. Szeemann), die nicht nur die nächsten Jahrzehnte das Präsentationsgeschehen bestimmen werden, sondern vor allem ein neues Format hervorbringen:

Der Katalog steigt nach und nach in den Rang einer geisteswissenschaftlichen Monographie auf.

 

 

 

Handbuchwissenschaft - Alterung, Tempo und Zeitlichkeit in der Geschichte der Lebenswissenschaften des 20. Jahrhunderts

Mathias Grote 

Die Geschichte der modernen Naturwissenschaften hat sich vornehmlich mit der Frage befasst, wie neues Wissen etabliert wird – sei es auf revolutionäre oder auf evolutionäre Weise, durch technische Innovationen oder kognitive, gesellschaftliche und ökonomische Faktoren. Dabei fällt oft aus dem Blick, dass sowohl in der Forschung wie auch in der breiteren Zirkulation von Wissen stets verschiedene Zeitschichten koexistiert haben – sei es in Form alter und neuer Instrumente, Aufzeichnungsverfahren oder materieller Objekte – dass die Produktion von neuem Wissen durch die Fortdauer und Kontinuität von bereits Bestehendem ebenso bedingt ist wie durch Innovationen und dass der Erhalt und die Pflege von Wissensbeständen in vielen Fällen von grundlegender Relevanz für die Wissenschaften gewesen sind.

Das wissenschaftliche Handbuch stellt seit dem 19. Jahrhundert ein Medium zur Speicherung und Verbreitung des gesicherten Kernbestandes des Wissens eines Fachs dar. Da viele Handbücher wiederholt aufgelegt wurden und sich wie ein roter Faden durch die Entwicklung ihrer jeweiligen Fächer verfolgen lassen, stellen dieses Medium einen geeigneten Untersuchungsgegenstand dar, um der Frage nachzugehen, wie die Wissenschaftler der Problematik stetig expandierender und sich wandelnder Wissensbestände begegneten. In diesem Zusammenhang ist mithin weniger die praxeologische Bedeutung des Handbuches von Relevanz denn seine enzyklopädische Funktion als ein mosaikartig geordneter Kanon von Wissen, der allerdings - und das wusste bereits Ludwik Fleck – aufgrund der raschen Entwicklung des Wissens fast notwendig zum Zeitpunkt des Erscheinens bereits veraltet war. Anhand von Beispielen aus den biologischen Wissenschaften, genauer aus der die Lebewesen ordnenden Systematik oder Taxonomie, verfolgt dieses Projekt die Genese des wissenschaftlichen Handbuches seit dem späten 19. Jahrhundert im Spannungsfeld von Akteuren (wiss. Herausgeber, Verlage, Nutzer) und Formaten, seine Konjunktur im 20. Jahrhundert sowie schließlich die beginnende Reorganisation im Zeitalter der Datenbanken.

Der Blick auf Handbücher, wie auch auf die zwischen Naturgeschichte und Experimental-wissenschaften verortete Systematik, so die These, könnte innovations- und neuheitszentrierte Narrative der Wissenschaftsentwicklung hinterfragen und damit Konzepte wie Neuheit, Kontinuität, Dauer und das Altern von Wissen kritisch reflektieren.

 

Membranen und "molekulare Maschinen" – Eine andere Geschichte der molekularen Lebenswissenschaften, ca. 1970 – 1990

Mathias Grote 

Das historische Bild der molekularen Lebens- wissenschaften der jüngsten Vergangenheit ist stark durch die Genetik geprägt – Stichworte lauten DNA, Biotechnologien oder Genomik. Dabei fällt aus dem Blick, dass sich in dieser Phase auch andere Forschungs- programme entwickelt haben.
Wenn etwa Zellen, Organe und Körper in Forschung und Biomedizin seit den neunziger Jahren zunehmend als ein Ensemble von „Protein-Maschinen“ (etwa B. Alberts, The cell as a collection of protein machines, 1998) begriffen werden, verweist dies auf die vorangehende Entwicklung eines Forschungsprogramms am Schnittpunkt von Biochemie/Biophysik (Bioenergetik, Membranforschung) und (Neuro-)Physiologie. Als ein Resultat dieser Forschung stellen die durch „molekulare Maschinen“ ausgeführten, mechanistisch verstandenen Lebensprozesse weit mehr als eine wirk- und bildmächtige Metapher dar – in der Apotheke etwa kann ein unter Sodbrennen leidender Patient des frühen 21. Jahrhunderts Inhibitoren von „Protonenpumpen“, aktiven molekularen Bestandteilen unserer Magenschleimhaut, erhalten. Und die Optogenetik, ein sich rapide entwickelndes Feld an der Schnittstelle von Molekulargenetik und Neuro- wissenschaften, verpflanzt lichtsensitive „Pumpen“ und „Kanäle“ in die Membranen von Neuronen um Schnittstellen zwischen Neuronen und digitalen Technologien herzustellen. Wenn man sie blockieren oder verpflanzen kann – so ließe sich mit Ian Hacking sagen - dann sollten sie auf eine zu bestimmende Weise real geworden sein.

Im Rahmen dieses Projektes wird die Geschichte der Forschung zu Membranen und molekularen Maschinen am Beispiel der Rhodopsine nachgezeichnet; diese bilden u.a. die lichtsensitiven Rezeptorproteine der Retina. Die Rhodopsinforschung entwickelte sich im Untersuchungszeitraum rapide, etwa in San Francisco, München und Cambridge. Rhodopsine wurden nicht nur zum Modell einer molekularen „Pumpe“, tatsächlich setzt die gegenwärtige Optogenetik sie als lichtsensitive „Schalter“ ein, um etwa das Verhalten von Versuchstieren zu kontrollieren. Die wissenschaftshistorische Analyse nimmt insbesondere die sich im Zuge des Experimentierens verändernde Materialität von Membranen und Proteinen in den Blick, um die oben angerissene Frage nach dem epistemischen Status molekularer Maschinen zu beantworten. Die Arbeit an diesem durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft  geförderten Projekt befindet sich im Schlussstadium (siehe Publikationsliste).

 

Learning from Alzheimer's Disease. A history of biomedical models of mental illness (gefördert im Rahmen des "Society in Science - The Branco Weiss Fellowship")

Lara Keuck, Alfred Cheesman, Christof Sendhardt

Die Anfang der 1980er Jahre begonnene „Jagd“ nach der einen genetischen Mutation, die allen Formen der Alzheimer-Krankheit zugrunde läge, endete ein Jahrzehnt später mit der Schlussfolgerung, dass die Krankheit sowohl genotypisch wie auch phänotypisch ausgesprochen vielfältig sei. Dies hinderte jedoch den amerikanischen Leiter des Humangenomprojekts, Francis Collins, nicht daran, dieses Beispiel aufzugreifen und eine vermeintliche Geschichte des Scheiterns in einer vielbeachteten Rede zur “Zukunft der Medizin” radikal umzudeuten. Für Collins war der Misserfolg eine Entdeckung - und zwar die der genetischen Beteiligung an komplexen Krankheitsursachen und -verläufen. Die Alzheimer-Krankheit wurde damit als ein Modell für die Möglichkeiten (und nicht die Grenzen) von genetischen Studien an multifaktoriellen „Volkskrankheiten“ präsentiert.

Tatsächlich ist sich ein Großteil der heutigen Wissenschaftlerinnen und forschenden Ärzte dahingehend einig, dass trotz bislang ausbleibender therapeutischer Erfolge die vielen Forschungsvorhaben der letzten drei Jahrzehnte entscheidend zu einem besseren Verständnis der Alzheimer-Krankheit beigetragen haben. Zwar konnten Heilsversprechen nicht eingelöst werden, aber man habe dennoch - oder gerade deswegen - viel gelernt. Narrative des Lernens mögen Forschungsförderungsrhetorik sein, doch spiegeln sie auch ein Verständnis von wissenschaftlichem Wissen wieder, das stärker auf die Graustufen zwischen Wissen und (noch-)nicht-Wissen als auf unmittelbare „magic bullets“ abzielt. Vor diesem Hintergrund versucht das Forschungsprojekt „Learning from Alzheimer’s disease“ anhand zeithistorisch einzuordnender Geschichten des Lernens den Bedeutungsverschiebungen und -vervielfältigungen der Krankheit nachzuspüren. 

 

Collins Verweis auf die Alzheimer-Krankheit als Beispiel für „Volkskrankheiten“ wirft noch weitere Fragen hinsichtlich der Epistemologie des Exemplarischen auf. Wie wurde die Alzheimer-Krankheit zu einem paradigmatischen Fall, an dem stellvertretend die Möglichkeiten und Grenzen von biomedizinischen Erklärungen und psychiatrischen Klassifikationen diskutiert wurden? Vor dem Hintergrund der Heterogenität dessen, was als Alzheimer-Krankheit im langen 20. Jahrhundert verstanden wurde und verstanden wird sowie der Vielfalt der disziplinären Zugriffe auf die Krankheit stellt sich in doppelter Hinsicht die Frage nach dem Exemplarischen: Inwiefern und auf welche Weisen wurde die Beispielhaftigkeit der Alzheimer-Krankheit in den jeweils eigenen Bezugskontexten der diversen (wissenschaftlichen) Gemeinschaften in Frage gestellt, übernommen oder neu konstituiert? Und auf welche konkreten „Exemplare“ - Einzelfälle und Patientenpopulationen, Tiermodelle und andere „Forschungsgegenstände“ - haben sich die entsprechenden Konzepte der Alzheimer-Krankheit gestützt? Wie wurde dabei mit früheren Exemplifizierungen in späteren Beschreibungen verfahren?

 

Sowohl bei Geschichten des Lernens als auch bei der (Re-)Konstitution von Exemplaren tritt die „Rückschau“ als wissenschaftliche Praktik hervor: Frühere Forschungen werden re-evaluiert, neue Hypothesen und Experimentalsysteme werden in eine Traditionslinie oder umgekehrt in Opposition zu älteren Beschreibungen gestellt. Für die Alzheimer-Krankheit waren Praktiken der Retrospektion zudem über den Großteil des 20. Jahrhunderts eine zentrale Voraussetzung, um diese Krankheit überhaupt als Differentialdiagnose zu positionieren und deren Ätiologie als „organische Hirnerkrankung“ näher zu bestimmen. Zu nennen sind hier insbesondere post mortem Untersuchungen, um daraus Rückschlüsse über die pathologischen Vorgänge im Gehirn der Patienten zu ziehen. Praktiken der Retrospektion sind mit besonderen Ökonomien der Zeitlichkeit verbunden (die der Prognose und Prädiktion gegenübergestellt werden können). Rezente Überprüfungen und Neubewertungen des „Materials“ aus alten Krankenakten und histologischen Schnitten, retrospektive Diagnosen lang verstorbener Familienmitglieder für humangenetische Untersuchungen sowie die gebräuchliche Praktik, Angehörige über vergangene Verhaltens- und Persönlichkeitsveränderungen von Patienten zu befragen, zeigen, dass Praktiken der Retrospektion auch in heutigen Zugriffen auf die Krankheit bzw. auf Patientinnen eine wichtige Rolle zukommt. Hier stellt sich zum einen die Frage, wie sich diese (und andere) sehr unterschiedlichen Praktiken der Retrospektion zueinander verhalten. Zum anderen ist zu fragen, wie sich der Stellenwert von Rückschau zu Vorschau (Prognose und Prädiktion) im Laufe des Untersuchungszeitraums verändert hat und woran sich dies zeigt.

 

Die Geschichte der Alzheimer-Krankheit im langen 20. Jahrhundert wird somit für das Projekt selbst zu einem Beispiel, anhand dessen der Umgang mit und die Umgestaltung von Vergangenem und Vergangenheit in den biomedizinischen Wissenschaften erhellt werden soll. Die methodologische Selbstreflexion bildet einen integralen Teil des Projekts und bindet es zugleich in allgemeinere Debatten der Geschichte und Philosophie der Wissenschaften und Medizin ein. Genauso wie stets zu fragen ist, welche Konsequenzen aus einer jeweiligen biomedizinischen Forschungsstrategie für die im engeren und weiteren Sinne betroffenen Menschen (und Tiere) erwachsen sind, stellt sich auch für die Metawissenschaften die Frage, inwiefern die sogenannten Lebens- und Humanwissenschaften (mit all den Problemen, die diese Begrifflichkeiten mit sich bringen) spezifische Formen der wissenschaftshistorischen und -philosophischen Annäherung erfordern. 
 
 

Bildinformation: Histologische Präparate von 1906, wiederentdeckt 1998: Gehirnschnitte der als erster Alzheimer-Fall bekannt gewordenen, verstorbenen Patientin Auguste Deter, Abbildung ("Aus der Münchener Sammlung: Orginalpräparate der Patientin Auguste D., gefertigt von Dr. Alois Alzheimer") aus der Infobroschüre der Neurobiobank München, 2015, S. 19.

 

Hands-on-History: Die Geschichte der Interaktivität und die Entwicklung des Wissenschaftsmuseums zum Vermittler und Medium der Wissensgesellschaft

Arne Schirrmacher

Die Geschichte der wissenschaftlich-technischen Moderne als der prägenden Kultur der westlichen Welt ist sowohl eine Erfahrungsgeschichte als auch eine Vermittlungsgeschichte – und damit vor allem eine Mediengeschichte. Statt auf Printmedien oder audiovisuelle Medien zu schauen, fokussiert das Projekt auf das Ausstellungsmedium mit seinen Qualitäten von Direktheit, Materialität und Interaktivität. Seit der Französischen Revolution wurde das Wissenschaftsmuseum immer wieder als "politische Maschine" in Gang gesetzt, um Wissenschaftsbilder zu generieren und Ingenieure zu rekrutieren. Interaktivität wurde der Köder, um den "technological citizen" zu fangen und zur Mitarbeit an gesellschaftlichen Herausforderungen zu verpflichten. Das interaktive Science Center weckte seit Ende der 1960er Jahre neue Begeisterung für die Phänomene der Wissenschaft, nahm es aber mit Geschichte und Nebenfolgen nicht so wichtig. Heute wiederum soll der Bürger im "partizipatorischen Museum" Zukunftspfade mit der Politik diskutieren und so mitlegitimieren.

 

Bei näherer Betrachtung zeigt sich schnell, dass der modische Begriff der Interaktivität alles andere als wohlbestimmt ist, er vielmehr viele, zum Teil widersprüchliche Bedeutungsschichten vereint. Im Zuge einer Hands-on History, die den Einsatz von Demonstrationsmodellen und interaktiven Darstellungsformen in Wissenschaftsmuseen, Ausstellungen und Science Centern für das 20. Jahrhundert betrachtet und ihre Mobilität institutionell wie geographisch verfolgt, soll auch eine Historisierung des Begriffs der Interaktivität vorgenommen werden. Auf diese Weise wird versucht, die Diskussion um die "politics of display" von Einzelobjekten oder -ausstellungen auf generelle Mechanismen zu erweitern sowie historische Entwicklungen der Verzahnung von Vermittlungsmedien der Wissenschaft auf der einen Seite und Politik bzw. Gesellschaft auf der anderen offenzulegen.

Bildinformation: Zeichnung von Hugo Kükelhaus, Geräte zum Erleben von Naturgesetzen im Spiel konzipiert u.a. für die Weltausstellung 1967. Quelle: hugo-kuekelhaus.de

 

Richten, Heilen, Strafen: Forensisch-psychiatrische Kultur und Politik in Berlin, 1887-1917

Eric J. Engstrom

Das Projekt untersucht das vielfältige Gefüge forensisch-psychiatrischer Instanzen in der preußischen Hauptstadt vor dem Ersten Weltkrieg. Im Mittelpunkt der Analyse stehen drei Kulturräume, in denen mit psychisch-auffällig gewordenen Menschen umgegangen wurde: der Gerichtssaal, das Krankenhaus und das Gefängnis. Das Projekt nimmt die überlappenden Zuständigkeiten, Kompetenzen und handlungssteuernde Prioritäten in und an den Schwellen dieser forensischen Kulturräume in den Blick. Dabei werden juristische Bestimmungen, administrative Praktiken, Fach- und Laiendiskurse, sowie forensisch-psychiatrische Subjekte untersucht. Insbesondere werden die politischen Auseinandersetzungen an den Nahtstellen dieses städtischen Ensembles forensisch-psychiatrischer Instanzen untersucht. Die forensische Politik wird als eine konflikt- und akteurszentrierte Dynamik verstanden, bei der es um die Mobilisierung rhetorischer Mittel, die rituelle Inszenierung symbolischer Handlungen, das Evozieren von Emotionen und Empathien, sowie um die Organisation kollektiver Loyalitäten geht. Diese Strategien forensischer Politik gilt es im Bezug auf die immer wieder vom neuen sich aufdrängenden Probleme im Umgang mit psychisch erkrankten Straftätern in Berlin zu untersuchen. Der Einfluss der Berliner Öffentlichkeit und die Rolle von Fürsorgeeinrichtungen für entlassene Patienten und Gefangene werden analysiert. Das Projekt zielt auf eine feinere Kartierung der Grenzen zwischen den forensischen Kulturräumen und untersucht sie unter Berücksichtigung des urbanen Umfeldes.

 

Blockbuster-Objekte – Museale Objektmobilität. Ausstellungsboom und internationale Exponatbewegungen in den Siebziger Jahren

Mario Schulze

Die 1970er Jahre waren eine Zeit des fundamentalen Wandels im Ausstellungs- und Museumswesen. In allen westlichen Ländern setzte ein Ausstellungs- und Museumsboom ein und ließ sowohl die Ausstellungs- als auch die Besuchszahlen explodieren. Zudem kam es zu einer Ausweitung der Sammlungs- und Expositionsbemühungen auf immer weitere Teile der kulturellen Umwelt. Einher ging mit beiden Prozessen die Notwendigkeit, Objekte in enormer Anzahl und über bemerkenswerte Strecken zu bewegen.

Um diesen Zusammenhängen zwischen internationalen Objektströmen und Ausstellungsmanie nachzugehen, bietet es sich an, die Wanderausstellung "Treasures of Tutnankhamun" herauszugreifen, die erstmals 1972 im British Museum aufgebaut und in der Folge immer wieder als erste internationale Blockbuster-Ausstellung bezeichnet wurde. Die Tutanchamun-Ausstellung markiert einen Schnittpunkt, an dem sich die Kanonisierung von Kunstschätzen, die zunehmende Kommodifizierung von Kultur, die Konstruktionen des Exotischen sowie rassistische Repräsentationspolitiken trafen. Ihr herausragender Erfolg und ihre über zehn Jahre währende Wanderung ermöglichen es, den logistischen, diplomatischen, kulturtheoretischen und rechtlichen Aufwand zu rekonstruieren, der mit der Mobilisierung von Schätzen und Menschenmassen verbunden war. Anhand ihrer Objektpolitiken ließe sich die Genese eines neuen Typus von Ausstellungen verfolgen, der die Problematisierungs- und Umgangsweisen mit Museumsobjekten neu formierte und unter anderem die Begriffe Aura, Authentizität sowie ästhetische Erfahrung neu besetzte.

 

Schaustücke der Literatur? Eine ethnografische Studie zur Sammlungs- und Ausstellungspraxis von Nachlassobjekten im Deutschen Literaturarchiv Marbach und dem Jünger-Haus Wilflingen

Felictas Günther (geb. Hartmann)

Das Dissertationsprojekt liefert aus kulturwissenschaftlicher Perspektive einen Beitrag zur Systematisierung der literarischen Ausstellungs- und Sammlungspraxis in Form einer diachron angelegten Fallstudie, deren Untersuchungsfeld das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA) mit seinen angeschlossenen Museen (Schillernationalmuseum und Literaturmuseum der Moderne) sowie das von Marbach aus kuratierte Jünger-Haus in Wilflingen bildet. In einer Kombination aus historischer und gegenwartsbezogener Ethnografie steht die Analyse des Umgangs mit gegenständlichen Nachlassobjekten von Dichtern und Autoren im Zentrum des Projekts. Den Untersuchungsgegenstand bilden ausgewählte Markerobjekte aus dem Nachlass Schillers, Mörikes und Ernst Jüngers, deren Objektbiografie von den historischen Wurzeln der Institution bis heute rekonstruiert wird. Analysiert und interpretiert werden die Migrationswege dieser Objekte vom Wohninterieur des Dichters/Autors über verschiedene Stadien der Aufbewahrung und Archivierung bis zu ihrer Einbindung in unterschiedliche literaturmuseale Ausstellungsformate anhand historischer Bild- und Textquellen (historische Ethnografie) sowie einer im Zeitraum von 2009 bis 2012 betriebenen Feldforschung beim Prozess der Neukonzeption des Jünger-Hauses in Wilflingen (Gegenwartsethnografie). Das Projekt wirft einen praxeologisch orientierten Blick auf archivarische Selektionskriterien und museale Präsentationsweisen von Nachlassobjekten und verknüpft diese empirischen Untersuchungen mit der theoretischen Auseinandersetzung mit zentralen literaturwissenschaftlichen Konzepten (Literatur-, Autor- und Werkbegriff) und der Bedeutungszuweisung, die diese Objekte in verschiedenen literaturmusealen Ausstellungskonzepten (Dichterhaus/ Literaturmuseum/ Literaturausstellung) erfahren. Über die Analyse und Interpretation des Umgangs von Akteuren (Autoren/ Nachlassverwalter/ Archivare und Kuratoren) mit Objekten einer Kategorie, die nicht zum schriftlichen Nachlass eines Autors zählen (so genannte „Erinnerungsstücke“ an und von Autoren), erweisen sich diese literaturwissenschaftlichen Konzepte im Umgang mit den Markerobjekten als aushandlungsfähig, was exemplarisch am Fallbeispiel Marbach in der Arbeit aufgezeigt wird.

 

"Gesammelte Ordnungen" - Sammelalben als Kulturtechnik (1862-1953)

Judith Blume

Die Dissertation widmet sich dem Medium Sammelbild, also jenen „Luxuspapierprodukten“, die seit den 1870er Jahren in vielen europäischen Ländern von zahlreichen Firmen als Gratisbeigabe, herausgegeben wurden, um Kunden an ein Markenprodukt zu binden. Erstmalig stellt die Untersuchung nicht die einzelnen Bilder bzw. Bildserien in den Mittelpunkt der Untersuchung, sondern das Sammel-Album als Aufbewahrungsort und Ordnungszusammenhang der Bilder. Ziel ist dabei auch das Sammelbildalbum als Format zu kontextualisieren und zu anderen Formen des Sammelns von populären Bildern in Bezug zu setzen. Meine These ist, dass mit den Sammelbildalben ein Umgang mit Massen von mobilem Bild-Material trainiert wurde und dabei Sehweisen eingeübt und selbstverständlich wurden, die in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen eine Rolle spielten. In der Wissensproduktion und -vermittlung ebenso wie in der Konsum- oder Populärkultur. Insofern deute ich das Sammelalbum als eine Kulturtechnik. Als Teil der materiellen Kultur beziehe ich Alben und die mit ihm verbundenen Praktiken in einer Art Wechselspiel aufeinander: Alben entstehen aus regelgeleiteten Praktiken und produzieren eben solche. Die Arbeit schließt damit an Perspektiven der Alltags-, Sammlungs- und Wissensgeschichte sowie der historischen Konsum- und Populärkulturforschung an.

 

Eine moderne Symbolsprache im "Jahrhundert des Auges" – Otto Neuraths "Internationale Bildersprache" und die Demokratisierung des Wissens im illustrierten Sachbuch

Silke Körber

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt untersucht den Zusammenhang zwischen der im Sinne einer „Demokratisierung des Wissens“ vorangetriebenen Entwicklung einer neuartigen Symbolsprache bzw. Methode zur „Humanisierung“ von wissenschaftlichen Informationen durch den Sozialwissenschaftler und Philosophen Otto Neurath (1882–1945) und der Genese des illustrierten Sachbuchs als Instrument der Wissensvermittlung im 20. Jahrhundert. Dazu soll die Bildpädagogik Neuraths im Kontext der vom Wiener Kreis propagierten „wissenschaftlichen Weltauffassung“ gedeutet werden, welche Neurath zufolge die Grundlage eines egalitären, modernen Gesellschaftsentwurfs bilden sollte. Dieses Ziel, später eher als integrativer Enzyklopädismus zu verstehen, verfolgte Neurath nicht nur wie bislang erforscht im Bereich der Museumspädagogik oder mit transnationalen wissenschaftlichen Kooperationen und Publikationen. Vielmehr kam es im Exil in Großbritannien zur Zusammenarbeit mit emigrierten jüdischen und links-intellektuellen Verlegern aus Wien und Berlin, die im Bemühen um inhaltliche Objektivität und Rationalität, visuell moderne, semantisch enge Bild-Text-Verbindungen v.a. als Sachbuchreihen entwickelten. Dafür wurden kreative Praktiken in Teams von Spezialisten sowie spezielle organisatorische und ökonomische Strukturen etabliert. Nach 1945 erreichte man im Zuge der Internationalisierung des Buchmarktes und unter dem Einsatz sukzessive verbesserter Produktionstechniken mit hochwertig visualisierten Themen einen Massenmarkt.

Bildinformation: Otto and Marie Neurath Isotype Collection, University of Reading 

 

Foto-Itinerare: Die Galleria Sangiorgi in Rom. Eine Fallstudie zu fotografischen Praktiken im Kunsthandel des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (Arbeitstitel)

Julia Bärnighausen

Das Dissertationsprojekt untersucht die Fotografien der Galleria Sangiorgi in Rom in der Photothek des Kunsthistorischen Instituts in Florenz – Max-Planck-Institut mit einem Schwerpunkt auf der Sektion "Kunstgewerbe". Aufgrund ihrer bemerkenswert komplexen Materialität und visuellen Aussagekraft eröffnen diese Fotografien ein transtemporales Netzwerk verschiedener Akteure, zu denen auch sie selbst als historisch geformte und mobile "Foto-Objekte" zählen.

Die Galleria Sangiorgi wurde 1892 von dem italienischen Unternehmer Giuseppe Sangiorgi (1850–1928) im Palazzo Borghese in Rom gegründet und avancierte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem der weltweit größten und erfolgreichsten Verkaufs- und Auktionshäuser. Heute ist sie unter Historikern und Kunsthistorikern jedoch nahezu in Vergessenheit geraten. Wie viele seiner Zeitgenossen führte auch Sangiorgi eine Werkstatt, in der die Antiquitäten aus seiner Sammlung zum Weiterverkauf reproduziert wurden. Als Ansichtsexemplare, Kommunikationsmittel und "Vorbilder" zirkulierten die Fotografien zwischen Sammlern, Kunsthändlern, Künstlern und Fotografen innerhalb und außerhalb der Galerie und ihren Vertretungen in New York, Paris und London. Auf teilweise noch unbekannten Wegen gelangten sie mit der Zeit in verschiedene Archive. So besitzen auch die Fondazione Zeri in Bologna und das Archivio Centrale dello Stato in Rom zahlreiche Fotografien und Zeichnungen der Galleria Sangiorgi, die im Rahmen des Projektes ebenfalls untersucht werden sollen. Das Florentiner Foto-Archiv bildet eine weitere von vielen (Wissens-) Schichten in der Sedimentation dieser Dokumente, die hier im Kontext einer kunsthistorischen Abbildungssammlung neue Bedeutungszuschreibungen erfahren haben. 

Die Arbeit wird unter anderem die Familien- und Unternehmensgeschichte rekonstruieren sowie Praktiken des Kunsthandels um 1900 in den Blick nehmen. Dazu werden Archive in Italien, Frankreich, den USA, England und Deutschland konsultiert sowie eine Reihe von Interviews geführt. Vor allem aber soll anhand dieser Fallstudie gezeigt werden, wie viel epistemologisches Potenzial Fotografien besitzen, wenn sie nicht nur als Bilder verstanden, sondern auch als materielle und "dreidimensionale" Objekte mit einer eigenen Biografie ernst genommen werden.

Bildinformation: Spiegel (1. H. 18. Jh.), Albuminpapier montiert, nicht identifizierter Fotograf (Galleria Sangiorgi, Rom), um 1900, 26 x 13,7 cm (Karton), Inv. Nr. 615786, Abt. „Kunstgewerbe“ der Photothek, Kunsthistorisches Institut in Florenz – Max-Planck-Institut.