Humboldt-Universität zu Berlin - Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte

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"To climb into other peoples' heads". Thomas Kuhn, die Wissenschaftsgeschichte und das Interview, Anke te Heesen

Interviews haben Konjunktur. Und zaghaft wird das Format des veröffentlichten Dialogs von der medienhistorischen Forschung aufgenommen, beschränkt sich dabei aber vor allem auf das journalistische Interview. Doch ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt schnell, dass das journalistische Interview zwar der Vorstellungshintergrund für das Forschungsinterview gewesen sein mag, seine Analyse aber bei weitem nicht die Aspekte eines forschenden Insistierens zu erklären vermag.

Diese zu schreibende Geschichte des Forschungsinterviews wird exemplarisch anhand des von der National Science Foundation (USA) geförderten Projekts Sources for History of Quantum Physics behandelt. In dreijähriger Laufzeit (1961-1964) sollte hier die Vielfalt der noch existierenden schriftlichen Dokumente und lebenden Erinnerungen zu den großen physikalischen Entwicklungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesammelt und gesichert werden. Mit der Leitung des Projekts wurde der Wissenschaftsphilosoph Thomas S. Kuhn beauftrag, der bald mit den Assistenten John Heilbronn und Paul Forman die erste Oral History-Quellensammlung der Wissenschaftsgeschichte anlegte. Dieses heute unter dem Titel Archives for the History of Quantum Physics bekannte Projekt hat seit seinem Entstehen Mitte der 1960er Jahre zahlreiche physikgeschichtliche Arbeiten nach sich gezogen und ist als einzigartige Quellensammlung bekannt geworden; historiographisch ist es noch nicht untersucht worden. Dabei verdeutlichen die über 100 von den drei Männern gesammelten Interviews vor allem eins: Ohne Psychoanalyse und Verhörtechniken wäre dieses Projekt undenkbar gewesen.

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Der Ausstellungskatalog als geisteswissenschaftliche Monographie, Anke te Heesen

te Heesen  Museumskatalog ProjektbildDie 1970er Jahre sind für die Geschichte des neueren Ausstellungswesens richtungsweisend: Nicht nur die Anzahl der abgehaltenden Ausstellungen vermehrt sich rapide, auch ihre Themen werden vielfältiger und neue Formen der Präsentation halten Einzug in die Räume.
In dieser Sattelzeit des Ausstellungswesens kommt es erstmals zu solchen Schauen, die historische und künstlerische Zugänge vereinen und miteinander verschränken. Es sind solche „thematischen Ausstellungen“ (H. Szeemann), die nicht nur die nächsten Jahrzehnte das Präsentationsgeschehen bestimmen werden, sondern vor allem ein neues Format hervorbringen: Der Katalog steigt nach und nach in den Rang einer geisteswissenschaftlichen Monographie auf.

 

Abbildung: Cover der "Kölner-Römer Illustrierten, Bd. I", herausgegeben vom Römisch-Germanischen Museum der Stadt Köln, 1974.

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Die Geschichte des Marshmallow-Tests. Psychologie, Bildung und race in den USA 1950–2000, Susanne Schmidt

GMEin Marshmallow jetzt – oder zwei, wenn Du warten kannst: Der Marshmallow-Test ist eine psychologische Versuchsanordnung, die die Fähigkeit zur Selbstkontrolle im Kindes- und Jugendalter misst. Der so genannte „Belohnungsaufschub“ gilt als Anzeichen einer nüchternen, rationalen Disposition, von Ausdauer und Motivation. Das geduldige Kind, so stellen Psychologen fest, erreiche bessere Schulnoten und einen höheren Bildungsabschluss, sei selbstsicherer, später erfolgreicher im Beruf und insgesamt glücklicher und gesünder.

Das Forschungsprojekt untersucht die Geschichte dieses wohl bekanntesten kognitionswissenschaftlichen Verfahrens. Es fragt nach den historischen Bedingungen, unter denen der Marshmallow-Test entwickelt wurde, und beleuchtet seine sozialen und politischen Implikationen und Effekte. Das Paradigma des Belohnungsaufschubs wird im Kontext der Geschichte von Bildung und race in den USA verortet, vom Beginn der Bürgerrechtsbewegung in den 1950er Jahren bis in das frühe 21. Jahrhundert. Indem das Projekt auf die politischen Dimensionen von Konzeptionen des Lernens und der Kognition verweist, leistet es einen wissenschaftshistorischen Beitrag zu Debatten über Bildung, Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe, die die Wissensgesellschaften des 21. Jahrhunderts prägen.

Abbildung: "The Marshmallow Test", The Globe and Mail (Youtube-Kanal), April 2011.

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Waren, Werte. Eine andere Geschichte der Mode, Susanne Schmidt

SchnittmusterDer Begriff der Mode bezieht sich nicht nur auf die zeitgemäße Art und Weise sich zu kleiden, sondern bezeichnet und bewertet auch die Verbreitung und den Wandel sozialer und ethischer Normen, kultureller Gewohnheiten und Verhaltensweisen, gar der politischen Einstellung und der wissenschaftlichen Theorie. Das Forschungsprojekt beleuchtet die Geschichte und Funktion dieses doppelten, weiten Modebegriffs, der zugleich auf eine materielle und eine konzeptuelle Ebene verweist. Mode erscheint so als ethisches, ökonomisches, politisches und epistemologisches Konzept.

Das Projekt widmet sich der Mode als Schlagwort der modernen Gesellschaftsdiagnostik, seiner Entstehung, seinen Vorläufern und seiner Ausprägung und Verwendung in ethischen und rechtswissenschaftlichen, volkskundlichen, ökonomischen, demoskopischen und publizistischen Zusammenhängen. Die Verbreitung der Massenkonfektion seit dem späten 19. Jahrhundert veränderte den Wert und Status von Kleidung grundlegend. Vor diesem Hintergrund kam seriell gefertigter Kleidung ein besonderer Stellenwert für das Wissen vom Menschen und den Formen seiner Sozialität zu. Gebrauchsgut und gesellschaftlicher Prozess zugleich, wurde Mode als ein Indikator verwendet, mittels dessen sich gesellschaftliche Zustände feststellen und Abläufe verfolgen und veranschaulichen ließen. Das ethische und juridische Interesse galt dabei insbesondere impliziten Normen und deren Wandelbarkeit. Als Inbegriff der Massenware waren Mode und Konfektion gängiger Bezugspunkt auch der Ökonomie, die neben der Produktion zunehmend die „Konsumtion“ zum Erkenntnisgegenstand erklärte und den Lebensstil als Wirtschaftsfaktor begriff. Für die Meinungsforschung und die Zeitungs- und spätere Kommunikationswissenschaft schließlich galt Mode als der „symbolische Körper“ einer sich zunehmend erweiternden Öffentlichkeit: „Kleidung“ verhüllte, schützte und wärmte, während „Mode“ den menschlichen Körper in Zeichen und Symbole verwandelte.

Abbildung: Schnittmuster-Sammlung (C) Dahin/Shutterstock.com.

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Enzyklopädien im kurzen 20. Jahrhundert, Mathias Grote

grote handbuch 2Feature-Story des gemeinsamen Publikationsprojektes "Learning by the Book - Handbooks and Manuals in the History of Science"

Die Geschichte der modernen Wissenschaften hat sich vornehmlich mit der Frage befasst, wie neues Wissen etabliert wird. Dagegen fällt oft aus dem Blick, dass auch Systematisierung und Erhalt von Wissen für eine produktive Wissenschaft von größter Relevanz gewesen sind, und dies insbesondere in Zeiten der Inflation von Wissen, der Kontroverse oder des Zweifels. Diese Funktion erfüllten Enzyklopädien, Handbücher und vergleichbare Nachschlagewerke. Während derartige „Enzyklopädismen“ der frühen Neuzeit historisch gut erforscht sind und die omnipräsente Internet-Enzyklopädie Wikipedia einiges an Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben, ist enzyklopädisches Wissen der modernen Wissenschaften vor dem Einzug des PC in Büro und Bibliothek bislang wenig erforscht. Dieses umfasst dezidiert philosophische und politische Projekten wie Otto Neuraths International Encyclopedia of Unified Sciences, aber auch großangelegten Handbuchreihen (z.B. Emil Abderhaldens Handbuch der biologischen Arbeitsmethoden, Bergey’s Manual of Determinative Bacteriology, Gmelins Handbuch der anorganischen Chemie) - die Relevanz einer solchen kanonisierenden „Handbuchwissenschaft“ für Forschung und Lehre fiel allerdings bereits einem wachsamem Beobachter dieser Wissenschaften wie dem polnischen Epistemologen und Bakteriologen Ludwik Fleck ins Auge. grote handbook 1Daran anschließend fragt dieses Projekt unter anderem, welche Akteure und Institutionen sich der Systematisierung der beständig wachsenden Wissensbestände widmeten, welche Formen des Buches und darüber hinaus Vorläufern von Datenbanken und Suchmaschinen lange vor dem Internet von Wissenschaftlern, Institutionen und Verlagen geschaffen wurden, um allgemeines oder extrem spezialisiertes Wissen vorzuhalten und zugänglich zu machen oder welche technischen und ökonomischen Faktoren die Entwicklung der Handbuchwissenschaft beeinflussten. Schließlich muss auch der Frage nachgegangen werden, inwiefern „Enzyklopädismen“ Projekte mit politischem Anspruch waren und bleiben. Nicht zuletzt im Lichte der dramatischen gegenwärtigen Veränderungen des wissenschaftlichen Schreibens, Veröffentlichens und Lesens – Stichworte lauten Paywall, Open Access, Großverlage und Preprint –ist dieser Problemkomplex von größtem Interesse für ein medial informierte, kritische Reflexion von Wissenschaft. Indem eine Analyse von Enyzklopädien und Handbüchern innovations- und neuheitszentrierte Narrative der Wissenschaftsentwicklung hinterfragt, soll sie auch dazu beitragen Begrifflichkeiten für epistemische Prozesse jenseits von Innovation und Neuheit zu konturieren.

Abbildungen: Handbuchwissen. Bände von Emil Abderhaldens Handbuch der biologischen Arbeitsmethoden, 1920-1939. Fotos: Mathias Grote.

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Aus dem Kleinen bauen sich die Welten” – Eine ökologische Geschichte von Mikroben und Menschen, Mathias Grote

Die SARS-COV2-Pandemie hat die schwierige Beziehung zwischen Menschen und Mikroben erneut dramatisch zugespitzt - Praktiken der Desinfektion und Abgrenzung sind alltäglich geworden und neuerdings wird wieder von einem „Krieg“ gegen die Mikroben gesprochen. Dieses oftmals medial vereinfachte Freund-Feind-Schema steht in Kontrast zu einer ökologischen Perspektive auf Mikroorganismen, welche Krankheit weniger als „Invasion“ durch feindliche Bakterien oder Viren versteht denn als multifaktoriell bestimmte Störung der Interaktion verschiedener Organismen. Mehr noch, im Lichte der Einsichten aus Ökologie und Genomforschung schien bis vor kurzem sogar die Auffassung einer produktiven Rolle von Mikroben für das planetarische Leben Fuß zu fassen, welche die Fülle, die Fähigkeiten und die Interaktionen dieser kleinen Lebendformen bestaunt – ein Stichwort für diese Perspektive ist das Mikrobiom. Grote Ehrenberg Infusionsthierchen Titel

Dieses Projekt entwirft eine Geschichte einer ökologischen Mikrobiologie, die nicht erst mit bekannten Figuren wie dem russisch-französischen Erforscher der Belebtheit von Boden und Wasser, Sergei N. Vinogradskii, oder der US-amerikanischen Symbiose-Forscherin Lynn Margulis einsetzte: Sogar vor Louis Pasteur und Robert Koch als Gründerfiguren der Mikrobiologie entwickelte der Berliner Naturforscher Christian Gottfried Ehrenberg (1793-1876), dessen Werk der Titel dieses Projektes entlehnt ist, eine wenig bekannte, ökologische Mikrobiologie avant la lettre. Ehrenberg, unter anderem ein Reisegefährte Alexander von Humboldts, und seine Forschung vermögen nicht nur einiges über die Geschichte der Wissenschaften des 19. Jahrhunderts zu erzählen, sondern sprechen auf erstaunliche Weise zu gegenwärtigen Fragen von Menschen, Mikroben und Planet.

Abbildung: Ehrenberg, C. G., Die Infusionsthierchen als vollkommene Organismen (Umschlag), Leipzig, Voss, 1838.

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Membranes to Molecular Machines. Active Matter and the Remaking of Life, Mathias Grote

(siehe Monographie)

Das historische Bild der molekularen Lebenswissenschaften der jüngsten Vergangenheit ist stark durch die Genetik geprägt – Stichworte lauten DNA, Biotechnologien oder Genomik. Dabei fällt aus dem Blick, dass sich in dieser Phase auch andere Forschungsprogramme wie die Membranbiologie entwickelt haben.Buchtitel

Wenn etwa Zellen, Organe und Körper in Forschung und Biomedizin seit den neunziger Jahren zunehmend als ein Ensemble von „Protein-Maschinen“ begriffen werden, verweist dies auf die vorangehende Entwicklung eines Forschungsprogramms am Schnittpunkt von Biochemie/Biophysik (Bioenergetik, Membranforschung) und (Neuro-)Physiologie. Als ein Resultat dieser Forschung stellen die durch „molekulare Maschinen“ ausgeführten, mechanistisch verstandenen Lebensprozesse weit mehr als wirk- und bildmächtige Metaphern dar – in der Apotheke kann ein unter Sodbrennen leidender Patient des frühen 21. Jahrhunderts Inhibitoren sogenannter „Protonenpumpen“ erhalten: In diesem Fall stellen molekulare Maschinen also ein Ziel pharmakologischer Interventionen dar. Die Optogenetik, ein sich rapide entwickelndes Feld an der Schnittstelle von Molekulargenetik und Neurowissenschaften, verpflanzt lichtsensitive „Pumpen“ und „Kanäle“ in die Membranen von Neuronen, um Schnittstellen zwischen Nervensystemen und digitalen Technologien herzustellen. Wenn man molekulare Maschinen blockieren oder verpflanzen kann – so ließe sich mit dem Wis-senschaftsphilosophen Ian Hacking sagen - dann sind sie auf eine näher zu bestimmende Weise real geworden.

Im Rahmen dieses Projektes wird die Geschichte der Forschung zu Membranen und molekularen Maschinen am Beispiel der Rhodopsine nachgezeichnet; diese bilden u.a. die lichtsensitiven Rezeptorproteine der Retina und anderer Membranen. Die Rhodopsinforschung entwickelte sich im Untersuchungszeitraum rapide, etwa in San Francisco, München und Cambridge - der Biophysiker Richard Henderson etwa, teilte für seine elektronenmikroskopischen Untersuchungen an diese Proteinen den Chemie-Nobelpreis 2017. Rhodopsine wurden nicht nur zum Modell einer molekularen „Pumpe“, tatsächlich setzt die gegenwärtige Optogenetik sie als lichtsensitive „Schalter“ ein, um etwa das Verhalten von Versuchstieren zu kontrollieren. Die in diesem Buch vorgenommene wissenschaftshistorische Analyse nimmt insbesondere die sich im Zuge des Experimentierens verändernde Materialität von Membranen und Proteinen in den Blick, um die angerissene Frage nach dem epistemischen Status, der „Realität“ molekularer Maschinen zu beantworten. Die Arbeit an diesem Projekt wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert.

Abbildung: Grote, M., Membranes to Molecular Machines. Active Matter and the Remaking of Life (Cover), University of Chicago Press, Chicago, 2019.

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Socialist Medicine: An Alternative Global Health History, Dora Vargha

The project pioneers a new history of global health that, for the first time, incorporates the socialist world - a constellation of countries in a fluctuating political, economic and military nexus distinct from the capitalist West. It identifies the particular health cultures produced by socialism (in all its variety) and explores the impact of socialist internationalism in co-producing global health in the 20th century. The proposed project pioneers a new history that will not only transform our knowledge of historical processes, but will further our understanding of ideas, practices and processes that current global health structures have been built on.

210908 Vargha SOCMEDGlobal health histories are framed mainly through American, colonial and liberal perspectives, even as some contributions of the socialist world, e.g. in smallpox eradication, have been acknowledged. The omission of socialist contexts, however,
distorts our understanding of what global health is. Many parts of the socialist world, like China or Czechoslovakia, provided different approaches to international and global health, e.g. in rural health or epidemic management. Although there was not one socialist template, diverse framings of socialist medicine played major roles in shaping and contesting global practices.

A systematic analysis of socialist medicine and international health through global case studies integrates missing expert networks, political agendas, public health models and diplomatic agreements in global health history. This work, in turn, allows us to rethink concepts such as socialism, medical aid, solidarity, development, socialist medical research and health
provision.

 

Abbildung: Budapest, 16. July 1958. To Shung Man North Korean paediatrician with Mária Hubai Hungarian nurse and a young patient at the I. Pediatric Clinic in Budapest. MTI Photo: Mária Lónyai. Under extended license agreement. 

 

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Hands-on-History: Die Geschichte der Interaktivität und die Entwicklung des Wissenschaftsmuseums zum Vermittler und Medium der Wissensgesellschaft, Arne Schirrmacher

Die Geschichte der wissenschaftlich-technischen Moderne als der prägenden Kultur der westlichen Welt ist sowohl eine Erfahrungsgeschichte als auch eine Vermittlungsgeschichte – und damit vor allem eine Mediengeschichte. Statt auf Printmedien oder audiovisuelle Medien zu schauen, fokussiert das Projekt auf das Ausstellungsmedium mit seinen Qualitäten von Direktheit, Materialität und Interaktivität. Seit der Französischen Revolution wurde das Wissenschaftsmuseum immer wieder als "politische Maschine" in Gang gesetzt, um Wissenschaftsbilder zu generieren und Ingenieure zu rekrutieren. Interaktivität wurde der Köder, um den "technological citizen" zu fangen und zur Mitarbeit an gesellschaftlichen Herausforderungen zu verpflichten. Das interaktive Science Center weckte seit Ende der 1960er Jahre neue Begeisterung für die Phänomene der Wissenschaft, nahm es aber mit Geschichte und Nebenfolgen nicht so wichtig. Heute wiederum soll der Bürger im "partizipatorischen Museum" Zukunftspfade mit der Politik diskutieren und so mitlegi-timieren.

 

Bei näherer Betrachtung zeigt sich schnell, dass der modische Begriff der Interaktivität alles andere als wohlbestimmt ist, er vielmehr viele, zum Teil widersprüchliche Bedeutungsschichten vereint. Im Zuge einer Hands-on History, die den Einsatz von Demonstrationsmodellen und interaktiven Darstellungsformen in Wissenschaftsmuseen, Ausstellungen und Science Centern für das 20. Jahrhundert betrachtet und ihre Mobilität institutionell wie geographisch verfolgt, soll auch eine Historisierung des Begriffs der Interaktivität vorgenommen werden. Auf diese Weise wird versucht, die Diskussion um die "politics of display" von Einzelobjekten oder -ausstellungen auf generelle Mechanismen zu erweitern sowie historische Entwicklungen der Verzahnung von Vermittlungsmedien der Wissenschaft auf der einen Seite und Politik bzw. Gesellschaft auf der anderen offenzulegen.

 

Abbildung: Zeichnung von Hugo Kükelhaus, Geräte zum Erleben von Naturgesetzen im Spiel konzipiert u.a. für die Weltausstellung 1967. Quelle: hugo-kuekelhaus.de

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Wissen im Entzug. Zur Emergenz und Funktionslogik der Dunkelziffer im 19. Jahrhundert, Sophie Ledebur

190219 Lebedur projektbildUnter Dunkelziffer versteht man ein der Statistik verborgenes, aber dennoch als real angenommenes Geschehen. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist sie zu einem zentralen sicherheitspolitischen Argument reüssiert. Als eine Figur des Verdachts vermag sie Ängste zu schüren, Spekulationen hervorzutreiben, Hochrechnungen zu produzieren und auch Forschung anzustoßen. Der Problematik des verborgenen und nicht registrierten Verbrechens widmet sich in Deutschland seit Anfang der 1970er Jahre die Dunkelfeldforschung. Insbesondere in den letzten beiden Jahrzehnten wurden Dunkelfeldstudien (Viktimisierungssurveys) Teil großangelegter Forschungsprogramme, die auf eine optimierte Prävention von Verbrechen zielen. Entgegen ihrer aktuellen Konjunktur liegt jedoch die Geschichte dieses „Wissens im Entzug“ weitgehend im Dunkeln.

Die Rede von einer zumeist ‚hohen Dunkelziffer’ partizipiert am Schauer der unauslotbaren Tiefe, wie zugleich am Versprechen, Lösungsangebote parat zu haben. Der epistemische Status dieser zwischen Wissen und Nichtwissen oszillierenden Figur ist unterbestimmt. Der Begriff ‚Dunkelziffer’ wurde 1908 geprägt. Die Sorge um eine Entkoppelung realer Vorkommnisse von ihrer faktischen Erfassbarkeit datiert jedoch zurück bis in das ausgehende 18. Jahrhundert. Erschlossen wird die Geschichte der Dunkelziffer avant la lettre anhand ausgewählter Schwerpunkte sowohl aus dem Bereich des Gesundheitswesens als auch der Kriminalpolitik. Zu fragen ist nach den historischen Bedingungen, die ein ungesichertes Wissen zu einem Gegenstand der Aufmerksamkeit avancieren und Interventionsfelder eröffnen ließen. Die zeitgenössische Suchbewegung, die sich auf gefahrenumwobene, in der Mitte des gesellschaftlichen Lebens vermutete Bereiche richtete, ist nicht abzulösen von den Techniken der Kartographierung unbekannter Territorien. Mit diesen Verfahren sollte eine neue Form von Sichtbarkeit des ‚Wesens’ sozialer Kollektive hergestellt werden. Der Fokus des Projektes richtet sich auf den Einsatz dieser Figur des Nicht/Wissens und den mit ihr in Gang gesetzten Forderungen und Maßnahmen. Dieses spannungsreiche Verhältnis erlaubt es gouvernementale Regierungspraktiken aus der Perspektive eines Nicht/Wissens zu beleuchten. Ziel des Forschungsvorhabens ist es einen Beitrag zu leisten zu einer Geschichte der Durchwaltung einer Bevölkerung unter dem Vorzeichen der Gefahr.

Abbildung:C.P.T. Schwencken: Aktenmäßige Nachrichten von dem Gauner- und Vagabunden-Gesindel, sowie von einzelnen professionirten Dieben, in den Ländern zwischen dem Rhein und der Elbe, nebst genauer Beschreibung ihrer Person. Cassel 1822, S. 645.

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Richten, Heilen, Strafen: psychiatrische Politik und forensische Kultur in Berlin, 1880-1914, Eric J. Engstrom

Klee IrrenhausDas Projekt untersucht das vielfältige Gefüge forensisch-psychiatrischer Instanzen in der preußischen Hauptstadt vor dem Ersten Weltkrieg. Im Mittelpunkt der Analyse stehen drei Kulturräume, in denen mit psychisch-auffällig gewordenen Menschen umgegangen wurde: der Gerichtssaal, das Krankenhaus und das Gefängnis. Das Projekt nimmt die überlappenden Zuständigkeiten, Kompetenzen und handlungssteuernde Prioritäten in und an den Schwellen dieser forensischen Kulturräume in den Blick. Dabei werden juristische Bestimmungen, administrative Praktiken, Fach- und Laiendiskurse, sowie forensisch-psychiatrische Subjekte untersucht. Insbesondere werden die politischen Auseinandersetzungen an den Nahtstellen dieses städtischen Ensembles forensisch-psychiatrischer Instanzen untersucht. Die forensische Politik wird als eine konflikt- und akteurszentrierte Dynamik verstanden, bei der es um die Mobilisierung rhetorischer Mittel, die rituelle Inszenierung symbolischer Handlungen, das Evozieren von Emotionen und Empathien, sowie um die Organisation kollektiver Loyalitäten geht. Diese Strategien forensischer Politik gilt es im Bezug auf die immer wieder vom neuen sich aufdrängenden Probleme im Umgang mit psychisch erkrankten Straftätern in Berlin zu untersuchen. Der Einfluss der Berliner Öffentlichkeit und die Rolle von Fürsorgeeinrichtungen für entlassene Patienten und Gefangene werden analysiert. Das Projekt zielt auf eine feinere Kartierung der Grenzen zwischen den forensischen Kulturräumen und untersucht sie unter Berücksichtigung des urbanen Umfeldes.

Picture Credit: SK Bern: Paul Klee, Catalogue Raisonné, vol. 2. Bern 2000. Abb. 1454.

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Visuelle Bürokratien – Eine Wissensgeschichte des Kunsthandels um 1900 (Arbeitstitel), Julia Bärnighausen

Julia Bärnighausen julia bärnhighausen foto homepage.jpg

Das Dissertationsprojekt untersucht die Fotografien der Galleria Sangiorgi in Rom in der Photothek des Kunsthistorischen Instituts in Florenz – Max-Planck-Institut mit einem Schwerpunkt auf der Sektion "Kunstgewerbe". Aufgrund ihrer bemerkenswert komplexen Materialität und visuellen Aussagekraft eröffnen diese Fotografien ein transtemporales Netzwerk verschiedener Akteure, zu denen auch sie selbst als historisch geformte und mobile "Foto-Objekte" zählen.

Die Galleria Sangiorgi wurde 1892 von dem italienischen Unternehmer Giuseppe Sangiorgi (1850–1928) im Palazzo Bor-ghese in Rom gegründet und avancierte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem der weltweit größten und erfolg-reichsten Verkaufs- und Auktionshäuser. Heute ist sie unter Historikern und Kunsthistorikern jedoch nahezu in Vergessenheit geraten. Wie viele seiner Zeitgenossen führte auch Sangiorgi eine Werkstatt, in der die Antiquitäten aus seiner Sammlung zum Weiterverkauf reproduziert wurden. Als Ansichtsexemplare, Kommunikationsmittel und "Vorbilder" zirkulierten die Fotografien zwischen Sammlern, Kunsthändlern, Künstlern und Fotografen innerhalb und außerhalb der Galerie und ihren Vertretungen in New York, Paris und London. Auf teilweise noch unbekannten Wegen gelangten sie mit der Zeit in verschiedene Archive. So besitzen auch die Fondazione Zeri in Bologna und das Archivio Centrale dello Stato in Rom zahlreiche Fotografien und Zeichnungen der Galleria Sangiorgi, die im Rahmen des Projektes ebenfalls untersucht werden sollen. Das Florentiner Foto-Archiv bildet eine weitere von vielen (Wissens-) Schichten in der Sedimentation dieser Dokumente, die hier im Kontext einer kunsthistorischen Abbildungssammlung neue Bedeutungszuschreibungen erfahren haben. 

Die Arbeit wird unter anderem die Familien- und Unternehmensgeschichte rekonstruieren sowie Praktiken des Kunsthandels um 1900 in den Blick nehmen. Dazu werden Archive in Italien, Frankreich, den USA, England und Deutschland konsultiert sowie eine Reihe von Interviews geführt. Vor allem aber soll anhand dieser Fallstudie gezeigt werden, wie viel epistemologisches Potenzial Fotografien besitzen, wenn sie nicht nur als Bilder verstanden, sondern auch als materielle und "dreidimensionale" Objekte mit einer eigenen Biografie ernst genommen werden.

Abbildung: Spiegel (1. H. 18. Jh.), Albuminpapier montiert, nicht identifizierter Fotograf (Galleria Sangiorgi, Rom), um 1900, 26 x 13,7 cm (Karton), Inv. Nr. 615786, Abt. „Kunstgewerbe“ der Photothek, Kunsthistorisches Institut in Florenz – Max-Planck-Institut.

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Schauraum Hygieneausstellung – Dresden 1911 in wissensgeschichtlicher Perspektive, Christine Brecht

Brecht ProjektbildObwohl ihre Anfänge in den 1870er Jahren liegen, wurden Hygieneausstellun-gen bislang vor allem im Kontext wohlfahrtsstaatlicher Gesundheitsaufklärung des frühen 20. Jahrhunderts verortet. Dass es sich bei diesen Präsentationen von Instrumenten und Objekten moderner Naturwissen-schaft, Medizin und Technik nicht nur um Publikumsschauen, sondern auch um Fachausstellungen handelte, kam dabei kaum in den Blick. Am Beispiel der internationalen Hygieneausstellung, die 1911 in Dresden stattfand, unternimmt das Promotionsvorhaben den Versuch, historische Bedingtheiten und Bedeutungen beider Ausstellungsprinzipien auszuloten. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach den Akteuren und Praktiken des Ausstellens: Wie war das Zeigen und Sehen in den verschiedenen Abteilungen, aus denen sich die Welthygieneschau von 1911 zusammensetzte, organisiert? Welche alten und neuen, kommerziellen oder musealen Präsentationsformen kamen zum Tragen? Aus welchen disziplinären, institutionellen, nationalen und kolonialen Zusammenhängen stammten die ausgestellten Wissenschafts-objekte? In welcher Weise waren Wissenschaftler, etwa Bakteriologen, Nahrungsmittelche-miker oder Gewerbehygieniker, beteiligt, sei es als Aussteller, Kuratoren, Berichterstatter oder Besucher? Neben schriftlichen Überlieferungen werden Fotografien, Pläne, Skizzen und andere Bildmaterialien herangezogen, um Dresden 1911 neu zu vermessen und in die Geschichte expositorischer Wissenspräsentation einzuschreiben.

Abbildung: Laborinszenierung in Halle 56 „Nahrungs- und Genussmittel“ der Internationalen Hygieneausstellung Dresden 1911. Deutsches Hygiene-Museum Dresden, Sammlung, DHMD 2001/196.60. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Hygiene-Museums Dresden.

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Botanics in the Making (1500–1700): Communication and Construction of the Botanical Science in Early Modern Europe, Julia Heideklang

Heideklang Projektbild

Das Dissertationsthema verbindet die Erforschung kleiner Formen mit der Betrachtung botanischer Wissenschafts-texte der Frühen Neuzeit (1500–1700). Zwischen diesen literarischen Produkten und der Selbstpositionierung des jeweiligen Autors innerhalb der literarischen Tradition aber auch der zeitgenössischen Wissenschaftsgemeinschaft besteht eine starke Wechselwirkung. Die Wissenschafts-texte, hier mit dem Fokus auf ihren verschiedenen Para-texten, sind in ihren Inhalten und ihrer Form stark durch den zeitgenössischen Diskurs bedingt. Zugleich aber gestalten sie ihrerseits den Diskurs mit. Es ist davon auszugehen, dass dabei den Paratexten eine heraus-ragende Bedeutung zukommt, nämlich, dass sie als epi-stemologische Katalysatoren den Emanzipationsprozess der botanischen Wissenschaft in der frühen Neuzeit beeinflusst und gesteuert haben. Für das Forschungs-projekt sollen exemplarisch ausgewählte botanische Wer-ke, insbesondere die Historiae und Kreutterbücher, hinsichtlich ihrer Paratexte untersucht und im historischen Kontext verortet werden. Der Fokus liegt dabei vor allem auf den Titelseiten, Vorreden bzw. Widmungsreden und Widmungsgedichten in ihrem jeweiligen Werkkontext und unter Einbeziehung von nachfolgenden Auflagen und Übersetzungen. Ziel ist es aufzuzeigen, durch welche Kommunikationsstrategien und gestalterischen Elemente der jeweilige Autor Einfluss auf die Rezeption seiner botanischen Schrift durch den intendierten Leser nimmt. Darüber hinaus wird danach gefragt, wie dadurch das Selbstverständnis botanischer Wissenschaft konstruiert und einer Leserschaft innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft zugänglich gemacht wird.

Abbildung: Titelseite aus Andrea Cesalpino, De plantis libri XVI, Florentiae: Apud Georgium Marescottum 1583. (Digitalisat der Zentralbibliothek Zürich: NB 721; http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-37940).

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Werbung für den Westen. Die Ausstellungen der US Exhibition Section in Deutschland, 1945-1960, Jonas Kühne

Das Promotionsvorhaben untersucht das amerikanische Ausstellungsprogramm in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Zentrum stehen die Ausstellungen der US Exhibition Section zwischen 1945 und 1960, die trotz ihrer Verschiedenartigkeit einem gemeinsamen Zweck dienten. Sie sollten das deutschen Publikums im Sinne einer Orientierung hin zu einer Konsumgesellschaft aktivieren und machten gleichzeitig vor dem Hintergrund des frühen Kalten Krieges Werbung für eine Einbindung der Bundesrepublik in die westliche, transatlantische Wertegemeinschaft.

Kühne ProjektbildDie Studie verfolgt drei Schwerpunk-te. Erstens gerät mit der US Exhibition Section eine transnationale Organisation in den Blick, die zunächst weder einen musealen Sammlungs- und Präsentationsauftrag hatte, noch in der darstellenden oder bildenden Kunst verortet werden kann. Dieser Teil untersucht die in ihr wirkenden transatlantischen Akteurs-netzwerke sowie die Produktions-bedingungen, unter denen die Aus-stellungen geplant und hergestellt wurden.

Daran anschließend werden zweitens sechs exemplarische Ausstellungsensembles auf gestalterischer, inhalt-licher und rezeptiver Ebene untersucht: das Wanderausstellungsprogramm in den Amerika-häusern (1947-49), die Marshallplan-Ausstellungen (1950-52), die Ausstellungen „ATOM“ (1954), „Kleider machen Leute“ (1955) und „Unbegrenzter Raum“ (1956) in Berlin sowie der Messestand zur US-Landwirtschaft auf der IKOFA in München (1958).

Die expositorischen Analysen sollen drittens folgende Fragen beantworten: Wie wurden die Ausstellungen von den politischen Rahmenbedingungen des Kalten Krieges geprägt und vor dieser Folie von der west- und ostdeutschen Öffentlichkeit wahrgenommen? Welche aus-stellungshistorischen Einflüsse von vor 1945 spiegeln sich in den zu untersuchenden Expo-sitionen wider? Wie wurden diese adaptiert und weiterentwickelt? Wie prägten die Aus-stellungen die weitere Entwicklung von expositorischen Arbeiten in der Bundesrepublik?

Abbildung: Mitarbeiter*innen der US Exhibition Section mit Modellen zu einer Ausstellung über Landwirtschaft, ca. 1947/48, Nürnberg. Nachlass Claus-Peter Groß, Fotografische Sammlung Kunstbibliothek, SMB.

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Insekten als globale Ware: Taiwan als Sammelort im frühen 20. Jahrhundert, Kerstin Pannhorst

Das Dissertationsprojekt nimmt Praktiken des Sammeln, Weiterverarbeitens und Verkaufens von Insekten in Taiwan im frühen 20. Jahrhundert in den Fokus, insbesondere die Verschränkungen zwischen entomologischer Forschung und Kunstgewerbe. In den als „Feld“ konzipierten Bergen Zentraltaiwans konkurrierten unterschiedliche Akteure um die Ressource Insekten: Sie sammelten für taxonomische und biogeographische Beschreibungen, für Forschung zu ökonomisch relevanten Insektenarten, oder aber für den Kunstgewerbemarkt. Die Arbeit untersucht, inwiefern sich wissenschaftliche und (kunst)handwerkliche Praktiken gegenseitig stabilisierten und zu einer Massenproduktion von Insektenobjekten und Insektenwissen führten.

Pannhorst_Projektbild.jpgIm frühen 20. Jahrhundert strebte Hans Sauter, ein deutscher Entomologe und Sammelunternehmer in Taiwan, gemeinsam mit dem ersten Direktor des Deutschen Entomologischen Museums in Dahlem eine „Massenfabrikation“ von Insektenwissen an. Zehntausende sorgsam verpackte Insekten wurden auf globalen Handelsrouten von der japanischen Kolonie Taiwan nach Europa verschifft mit dem Ziel der sukzessiven Publikation einer „vollständigen Fauna Formosas“. Im selben Zeitraum sandte Yasushi Nawa, ein japanischer Entomologe und Unternehmer, dutzende Insektensammler auf die Insel. Die Tiere dienten zum einen der Forschung zu landwirtschaftlichen Schädlingen und Nutztieren, zum anderen der Herstellung kunstgewerblicher Gegenstände, wie Papierfächer oder Postkarten, die mithilfe echter Schmetterlingsflügel verziert wurden. Diese verkaufte Nawa über Anzeigen in entomologischen Publikationen oder in Warenhäusern in Japan, Nordamerika und Europa. Floh, Käfer oder Schmetterling dienten als Rohstoff, der geborgen, gehandelt und zu Artefakten weiterverarbeitet wurde – zum „authentischen“ Stellvertreter der Natur zum Zwecke der Forschung oder zur ästhetischen Ware. Das Projekt folgt den Insekten aus dem Feld ins Naturkundemuseum oder aber ins Warenhaus und blickt auf die Verschränkung der jeweiligen hochspezialisierten Praktiken und auf die Ökonomien hinter der globalen Zirkulation dieser fragilen Materialien.

Abbildung: Verpackungsmaterial für Lepidoptera, von Hans Sauter Anfang des 20. Jahrhunderts aus Taiwan gesandt. Museum für Naturkunde Berlin, Sammlung Lepidoptera und Trichoptera. Foto: Kerstin Pannhorst.

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Sammelnd Geschichte schreiben.
Die Autographensammlung Darmstaedter und ihre Bedeutung als historiographische Materialsammlung, Julia Steinmetz

Das Dissertationsprojekt nimmt mit der Ludwig Darmstaedter‘schen Autographen-sammlung der Wissenschaft und Technik eine der umfangreichsten wissenschafts-historischen Materialsammlungen in den Blick. Als breit angelegtes Sammelprojekt um 1900 entstanden, speichert sie den innovativen Vorstoß, anhand der kleinen Form des Autographen die Erforschung der Wissenschafts- und Technikgeschichte voranzutreiben. Wie diese Arbeit zeigen möchte, übten Sammelpraxis und Medieninnovation, zeitgenössi-sche Diskurse um Bedeutung und Materialität historischer Dokumente nicht nur prägenden Einfluss auf diese Sammlung aus, sondern bestimmten ebenso den aus der Autographen-sammlung resultierenden Geschichtsentwurf. Das historiographische Konzept gründet somit auf einer Interdependenz von Medien und Geschichte, die anhand des reichhaltigen Sammlungsbestandes exemplarisch untersucht wird. Das Projekt leistet so einen Beitrag zur Geschichte der Wissenschafts- und Technikgeschichte, indem es die Materialien fo-kussiert, die deren Entstehung um 1900 ermöglichten.

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