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Humboldt-Universität zu Berlin - Südosteuropäische Geschichte

Ruža Fotiadis

Traditionelle Freunde und orthodoxe Brüder“ –
das griechisch-serbische Beziehungsparadigma

Im politischen, medialen und wissenschaftlichen Diskurs in Griechenland und Serbien wurde und wird die Vorstellung einer besonderen historischen Verbundenheit beider Völker verbreitet. Als Bedingungsfaktoren dieser „griechisch-serbischen Freundschaft“ werden unter anderem der gemeinsame orthodoxe Glaube und Waffenbrüderschaften in verschiedenen Kriegen ausgemacht. Insbesondere während der Jugoslawienkriege der 1990er Jahre zeigte sich die Berufung auf die „traditionell guten Beziehungen“ in der beidseitigen Medienberichterstattung und Solidaritätsaktionen.

Auf der Grundlage einer breiten Quellenbasis soll die „griechisch-serbische Freundschaft“ auf ihren ideologischen Gehalt, ihr Identifikationsangebot und ihre Wirkungsmacht untersucht werden. Ein zeitlicher Schwerpunkt wird dabei auf die Transformationsphase nach dem Ende des Kalten Krieges gelegt, in der es sowohl in der serbischen als auch in der griechischen Öffentlichkeit zu vielfältigen Brüchen, Umdeutungen und Neuorientierungen kam. Inhaltlich werden das rhetorische Emotionalisierungs- und das politische Mobilisierungspotential des Freundschaftsdiskurses in den Fokus genommen. In diesem Rahmen sollen über die Diskursanalyse hinaus die Ideen, Akteure und Netzwerke in ihren sozialen und kulturellen Kontexten verortet werden, um die Entstehungsumstände, Dynamiken und Beeinflussungen aufzuzeigen. Dabei gilt es, insbesondere die Reibungen und Frakturen, die sich aus dem Wechselspiel zwischen der postulierten Freundschaft und der tatsächlichen Alltagspraxis ergeben, zu analysieren.

Folglich eröffnen sich durch eine kritische Untersuchung der „traditionell guten Beziehungen“ am griechisch-serbischen Beispiel weiterreichende Fragen nach Logiken von Freundschaft und Feindschaft, gruppenkonstituierenden Prozessen und medialen Emotionalisierungstechniken: Was heißt „historisch bedingte Verbundenheit“? Worauf fußt diese Annahme und wie wird sie vermittelt? Wer sind die Träger und was sind die Transmissionsriemen? Und wodurch entfaltet dieser Gedanke zwischennationaler Loyalität letztlich seine Plausibilität, Attraktivität und Breitenwirksamkeit innerhalb einer Gesellschaft?

 

Diese Dissertationsforschung ist Bestandteil der am GWZO in Leipzig verorteten Projektgruppe Post-Panslavismus: Slavizität, Slavische Idee und Antislavismus im 20. und 21. Jahrhundert und wird finanziert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).