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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Geschichtswissenschaften

Neuerscheinungen

ACHTUNG: Diese Seite befindet sich derzeit im Aufbau. Die Angaben werden noch vervollständigt. Hinweise zu fehlenden Einträgen nehmen wir unter websuppo [ätt] hu-berlin.de gern entgegen.

 

2017 | 2016

 

2017

Michael Wildt

Volk, Volksgemeinschaft, AfD

Hamburger Edition

Hamburg 2017

ISBN 978-3-86854-309-4 

»Wir sind das Volk!« Das ist ein mächtiger und anspruchsvoller Satz, vor allem in einer Demokratie, in der das Volk herrscht. »Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus« heißt es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.
Doch: Wer ist das Volk? Die wahlberechtigten Staatsbürgerinnen und Staatsbürger? Die Demonstranten gegen die Diktatur in Leipzig im Oktober 1989? Die orangefarbenen Massen auf dem Maidan in Kiew, die 2013/14 erfolgreich die Neuwahl des Präsidenten erzwangen? In der langen Geschichte des Volkes wurde stets darum gestritten, wer zu ihm gehörte und wer nicht. Frauen zum Beispiel erhielten in den meisten Staaten erst im 20. Jahrhundert das Wahlrecht. Und was geschieht, wie Sebastian Haffner1933 fragte, wenn das Volk die Demokratie nicht mehr will? Die historisch-politische Intervention von Michael Wildt lotet die Ambivalenzen und Abgründe des politischen Konzepts des Volkes aus sowie die rassistisch-antisemitische Radikalisierung in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Auf dieser Grundlage hinterfragt er die populistischen Äußerungen der AfD, die sich lauthals auf das Volk beruft. Auch hier geht es um verschiedene Volkskonzepte. Die kulturell definierte Ausgrenzung von Minderheiten bei der AfD birgt die Gefahr radikaler Exklusion aus dem »Volk«. Jedoch auch das Beharren darauf, dass Volk demos und nicht ethnos sei, gelangt über die tückische Imagination eines einheitlichen Volkes nicht hinaus. Wäre es nicht stattdessen vielmehr an der Zeit, Hannah Arendts Gedanken aufzugreifen und nicht das Volk, sondern den Menschen und sein Recht, Rechte zu haben, in den Mittelpunkt unseres demokratischen Denkens zu stellen?

 

Sören Brandes und Malte Zierenberg (Hrsg.)

Praktiken des Kapitalismus

Mittelweg 36 Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung

Jahrgang 26, Heft 1

Hamburg 2017

Mehr Kapitalismus, so scheint es, war nie. Die im Zuge der Finanzkrise entfachten Debatten um die Zukunftsfähigkeit des Kapitalismus haben auch das Interesse an seiner Vergangenheit neuerlich belebt. Dabei ist die Frage, was die kapitalistische Welt im Innersten zusammenhält, heute umstrittener denn je. Angesichts der Vielzahl seiner historischen Ausprägungen fragt es sich, ob es "den" Kapitalismus überhaupt gibt.
Sören Brandes und Malte Zierenberg plädieren daher einleitend für eine konsequente Historisierung des Kapitalismus, die ihren Gegenstand als Teil einer komplexen und veränderlichen sozialen Wirklichkeit rekonstruiert. In Doing Capitalism werben sie dafür, den Kapitalismus praxeologisch als alltäglich erzeugte ökonomisch-soziale Ordnung zu verstehen. [Inhaltsverzeichnis]

 

Gabriele Metzler und Dirk Schumann (Hrsg.)

Geschlechter(un)Ordnung und Politik in der Weimarer Republik

Dietz Verlag

Bonn 2017

ISBN 978-3-8012-4236-7

Weltkrieg und Revolution konnten die Geschlechterordnung in der Weimarer Republik nicht erschüttern, sondern führten zu vielen kleineren Machtverschiebungen, etwa in den Medien oder im Sport. Daraus entstand eine Unübersichtlichkeit der Geschlechter- und Rollenbilder, die sich darauf auswirkte, wie Forderungen nach »männlicher« Führung und weibliche Partizipationsansprüche in zeitgenössischen Diskursen und Körperpraktiken ausgehandelt wurden.
Welche Wirkungen Erster Weltkrieg und Revolution auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern in der Weimarer Republik hatten, ist in der Forschung umstritten. Noch weniger geklärt ist die Beziehung zwischen Geschlechterordnung und politischer Ordnung. Die Beiträge dieses Bandes sind einem weiten, kulturhistorisch inspirierten Politikbegriff verpflichtet. Sie untersuchen, wie die grundlegende Unsicherheit der Geschlechterordnung auf die Sprache und Praxis des Politischen einwirkte und die neuen Partizipationsansprüche über die Behauptung oder Veränderung »hegemonialer Männlichkeit« entstanden. [Inhaltsverzeichnis]

 

Martin Sabrow und Peter Ulrich Weiß (Hrsg.)

Das 20. Jahrhundert vermessen. Signaturen eines vergangenen Zeitalters

Wallstein Verlag

Göttingen 2017

ISBN 978-3-8353-1878-6

Das 20. Jahrhundert trägt schon jetzt eine Vielzahl schillernder Titel, die seinen weltgeschichtlichen Platz bestimmen sollen: das Katastrophenjahrhundert, das Zeitalter der Extreme, das Jahrhundert der Ideologien, das Amerikanische Jahrhundert. Doch wie plausibel sind solche Etikettierungen im Licht aktueller Forschungen? Gemeinsames Ziel der hier versammelten Beiträge ist es, das je nach Perspektive »kurze« oder »lange« 20. Jahrhundert als eine von Kontinuitäten und Zäsuren durchzogene, aber doch unter gemeinsamen Blickwinkeln erfassbare Epoche zu begreifen.

 

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2016

Claudia Tiersch (Hrsg.)

Die athenische Demokratie im 4. Jahrhundert. Zwischen Modernisierung und Tradition

Franz Steiner Verlag

Stuttgart 2016

ISBN 978-3-515-11069-3

Die athenische Demokratie des 4. Jahrhunderts v. Chr. steht seit einiger Zeit verstärkt im Fokus der Forschung. Trotz ungünstiger äußerer Umstände, mehrerer militärischer Niederlagen und einer schwindenden außenpolitischen Bedeutung gelang den Athenern nicht nur die Bewältigung dieser politischen Krisen, sondern auch der daraus resultierenden Finanzprobleme. Hierbei werden Problemlösungskapazitäten und institutionelle Regularien erkennbar, die die athenische Demokratie zu einer der politisch innovativsten Ordnungen der Geschichte machen. Doch um welche Lösungsstrategien handelt es sich? Auf welchen Feldern werden Innovationen bzw. Dynamiken erkennbar? Wie wurden diese kategorial bewältigt? Die Autoren des Bandes zeigen, dass traditionale Argumente in manchen Bereichen durchaus weiterhin von Bedeutung waren. Entscheidend ist jedoch, dass die demokratischen Freiräume Athens im 4. Jahrhundert v. Chr. zu einem innovativen Schub sowie zur Ausdifferenzierung von Politikstilen genutzt wurden, die erklären, warum sich sowohl die wirtschaftliche Dynamik als auch die politische Stabilität und das Institutionenvertrauen in dieser Epoche nachhaltig erhöhte. [Inhaltsverzeichnis]

 

Rüdiger Hohls und Hartmut Kaelble (Hrsg.)

Geschichte der europäischen Integration bis 1989

Franz Steiner Verlag

Stuttgart 2016

ISBN 978-3-515-11303-8

Die europäische Integrationsgeschichte ist vielfältiger geworden und hat ihre normative Prägung verloren. Diese Entwicklung spiegelt sich in der Auswahl von Essays und Quellen für diesen Band wider, in dem klassische wie neue Themen behandelt werden. Durch die Kombination von historischer Quelle und einleitendem Essay erhalten die Leser einen Einblick in den jeweiligen historischen Kontext, die Handlungsoptionen sowie die Motive der beteiligten Akteure. Die Texte bieten zahlreiche Anregungen für Lehre und Studium. Die Gliederung folgt den Epochen der Integrationsgeschichte im 20. Jahrhundert: Auf die Anläufe der Zwischenkriegszeit bis zur Montanunion von 1951 folgt eine Konsolidierung der europäischen Integration bis zum Gipfel von Den Haag 1969. Die letzte Phase reicht von der Krise der 1970er-Jahre bis zur Rückkehr der Dynamik in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre. Den inhaltlichen Schlusspunkt dieses Bandes markiert der Fall der Berliner Mauer: Ein Ereignis, das den Integrationsprozess grundlegend veränderte. [Inhaltsverzeichnis]

 

Jan Hansen

Abschied vom Kalten Krieg? Die Sozialdemokraten und der Nachrüstungsstreit (1977-1987)

De Gruyter Oldenbourg

Berlin, Boston 2016

ISBN 978-3-11-044930-3

Die Kontroverse um den NATO-Doppelbeschluss und die Nachrüstung erschütterte die westdeutsche Gesellschaft in den 1980er Jahren. Besonders schwer traf sie die Sozialdemokraten, die gespalten waren zwischen der Politik ihres Kanzlers Helmut Schmidt und der Friedensbewegung. Jan Hansen untersucht diesen Nachrüstungsstreit auf breiter Quellenbasis. Er zeigt, dass Teile der SPD den Kalten Krieg für anachronistisch hielten, lange bevor er tatsächlich an sein Ende kam. Auf den Prüfstand gelangte dabei nicht nur der ideologische Gegensatz zwischen den Supermächten, sondern auch der sozialdemokratische Politikbegriff. Der Konflikt veränderte die SPD und führte dazu, dass sich die Partei stärker als zuvor gesamtgesellschaftlichen Transformationen anpasste. [Inhaltsverzeichnis]

 

Laura Busse, Wilfried Enderle, Rüdiger Hohls, Gregor Horstkemper, Thomas Meyer, Jens Prellwitz und Annette Schuhmann (Hrsg.)

Clio Guide. Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften

Historisches Forum, Bd. 19 (Clio-online)

Berlin 2016

ISBN 978-3-86004-318-9

Im Online-Handbuch Clio-Guide geht es um etwas Einfaches und Elementares: Um die aktuelle Kartierung des Feldes der digitalen Fachinformation der Geschichtswissenschaft. Der Begriff der Fachinformation wird dabei bewusst breit verstanden, so dass auch institutionelle Infrastrukturen und digitale Werkzeuge mit darunter subsumiert werden. Unabhängig davon, wie man Fachinformation im Detail definiert, ist ihre Existenz ein Faktum, das professionelle HistorikerInnen zunächst einmal zur Kenntnis nehmen und vor allem kennen müssen. Zur Erlangung dieser Kenntnisse will die vorliegende Online-Publikation „Clio-Guide - Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften“ einen Beitrag leisten. Es verfolgt mithin primär ein praktisches Ziel: Eine bewusst positivistisch und faktenorientierte Einführung zum Stand der digitalen Fachinformation und eine Übersicht über die wichtigsten Hilfsmittel und Instrumente zu geben. Damit wendet es sich sowohl an Studierende und Lehrende, die sich die Grundlagen geschichtswissenschaftlicher Fachinformation erarbeiten bzw. diese vermitteln wollen, als auch an forschende Historiker, die eine Einführung in den Stand der Fachinformation in für sie neue Forschungsgebiete benötigen. [Inhaltsverzeichnis]

 

Annette Vowinckel

Agenten der Bilder. Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert

Wallstein Verlag

Göttingen 2016

ISBN 978-3-8353-1926-4

Fotografiegeschichte wird oft als Geschichte der Bilder geschrieben. Wer aber fotografiert unter welchen Bedingungen und für wen? Wer wählt Fotografien zur Publikation aus (und verwirft oder zensiert andere), und wer nutzt sie zu welchem Zweck? Annette Vowinckel beschreibt die an der Bildproduktion beteiligten Berufsgruppen der Fotojournalisten und Bildredakteure als »Agenten der Bilder«. Sie zeigt, wie im vergangenen Jahrhundert Fotografien im öffentlichen Raum als Argumente eingesetzt wurden, welche unterschiedlichen Verwendungen Fotografie in der freien Presse, in staatlichen Organisationen, in Armeen und im politischen Diskurs fanden. Dabei hinterfragt sie auch, welche Rolle ethische und editorische Entscheidungen spielten. Anhand konkreter Beispiele - wie etwa Fotografien von Politikern oder aus dem Vietnamkrieg - erläutert die Historikerin, wie sich deren Verwendung über Landes-, Sprach- und Systemgrenzen hinweg auf die Formation visueller Öffentlichkeiten im 20. Jahrhundert auswirkte. [Inhaltsverzeichnis]

 

Stefan Troebst und Michael Wildt (Hrsg.)

Zwangsmigration im Europa der Moderne. Nationale Ursachen und transnationale Wirkungen

Leipziger Universitätsverlag

Leipzig 2016

ISBN 978-3-96023-016-8

[Inhaltsverzeichnis]

 

 

 

 

 

Christiane Eisenberg

(übersetzt von Deborah Cohen)

The Rise of Market Society in England, 1066-1800

Berghahn Books

Oxford 2016

ISBN 978-1-78533-217-3

Focusing on England, this study reconstructs the centuries-long process of commercialization that gave birth to the modern market society. It shows how certain types of markets (e.g. those for real estate, labor, capital, and culture) came into being, and how the social relations mediated by markets were formed. The book deals with the creation of institutions like the Bank of England, the Stock Exchange, and Lloyd's of London, as well as the way the English dealt with the uncertainty and the risks involved in market transactions. Christiane Eisenberg shows that the creation of a market society and modern capitalism in England occurred under circumstances that were utterly different from those on the European continent. In addition, she demonstrates that as a process, the commercialization of business, society, and culture in England did not lead directly to an industrial society, as has previously been suggested, but rather to a service economy. [Inhaltsverzeichnis]

 

Geert Keil, Lara Keuck und Rico Hauswald (Hrsg.)

Vagueness in Psychiatry

Oxford University Press

Oxford 2016

ISBN 9780198722373

This book addresses the problem of indeterminacy in psychiatry and its social, moral and legal implications. It represents the first systematic effort to draw various lines of inquiry together, including the debates about the principles of psychiatric classification, categorical versus dimensional approaches, prodromal phases and sub-threshold disorders, and the problem of over-diagnosis in psychiatry.Vagueness in Psychiatry relates these debates to philosophical research on vagueness and demarcation problems, helping readers navigate through the various discussions surrounding the problem of blurred boundaries in the classification and diagnosis of mental illness.

 

Sina Fabian

Boom in der Krise. Konsum, Tourismus, Autofahren in Westdeutschland und Großbritannien 1970-1990

Wallstein Verlag

Göttingen 2016

ISBN 978-3-8353-1920-2

Über das Verhältnis von Konsum und Individualität
Konsum, Tourismus, Autofahren - sind die 1970er Jahre mit diesen Schlagworten adäquat beschrieben, oder handelt es sich nicht vielmehr um ein Jahrzehnt der Krisen? Einerseits war der Alltag der westdeutschen und britischen Bevölkerung durch eine kontinuierliche Ausweitung der Konsummöglichkeiten geprägt. Andererseits kommen die Folgen des Ölschocks im Bild der leeren Autobahnen zum Ausdruck. Sina Fabian greift beide Erzählweisen auf und diskutiert die 1970er Jahre im Spannungsverhältnis von Krise und Boom. Sie untersucht den Einfluss von Ölpreis- und Wirtschaftskrisen auf den Tourismus und die PKW-Nutzung als zwei teuren Konsumgütern, die in beiden Ländern gerade während des Untersuchungszeitraums an Bedeutung gewannen. Ebenso fragt sie, inwieweit sich der steigende Konsum tatsächlich als Ausdruck fortschreitender Individualisierung begreifen lässt? Stellen Pauschalreisen und Fließbandprodukte die Individualisierungsthese nicht weit eher in Frage? Anhand unterschiedlicher Quellen, die von statistischen Erhebungen bis hin zu Tagebüchern und Reiseberichten aus der Bevölkerung reichen, relativiert die Autorin herkömmliche Lesarten der inzwischen vielfach historisierten 1970er Jahre. [Inhaltsverzeichnis]

 

Lars Behrisch

Die Berechnung der Glückseligkeit. Statistik und Politik in Deutschland und Frankreich im Späten Ancien Régime

Beihefte der Francia, Bd. 78 (Deutsches Historisches Institut Paris)

Thorbecke Verlag

Ostfildern 2016

ISBN 978-3-7995-7469-3

Wir leben in einem Zeitalter der Statistik – unsere Welt erschließt sich in Zahlen. Seit wann ist das so? Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts begannen die Regierungen insbesondere der deutschen Territorien und Frankreichs, alle möglichen Bereiche des öffentlichen Lebens zu beziffern und zu berechnen, um nachhaltiger in die Entwicklung der Staaten eingreifen, ja die irdische »Glückseligkeit« ihrer Untertanen herbeiführen zu können. Zugleich begann Statistik die allgemeine Wahrnehmung zu verändern, indem sie den Blick immer mehr auf funktionale Zusammenhänge und materielle Effizienz richtete. Die Erforschung der Wurzeln statistischer Welterkenntnis trägt folglich auch dazu bei, die Wahrnehmungslogiken unserer modernen Welt besser zu verstehen und zu hinterfragen. [Inhaltsverzeichnis]

 

Sören Flachowsky, Rüdiger Hachtmann und Florian Schmaltz (Hrsg.)

Ressourcenmobilisierung. Wissenschaftspolitik und Forschungspraxis im NS-Herrschaftssystem

Wallstein Verlag

Göttingen 2016

ISBN 978-3-8353-1877-9

Formen und Dimensionen der Mobilisierung und des Verfalls wissenschaftlicher Ressourcen im Nationalsozialismus
In welchen Dimensionen wurden zwischen 1933 und 1945 Ressourcen für die Forschung mobilisiert? Diese zentrale Frage des Verhältnisses von Wissenschaften und Politik im Nationalsozialismus wird für ein breites Spektrum an wissenschaftlichen Einzeldisziplinen thematisiert. Den zeitlichen Schwerpunkt bildet dabei der Zweite Weltkrieg. Konzeptionell wird eine Erweiterung und Differenzierung des Ressourcenbegriffs angestrebt.
Die räumliche Dimension der Ressourcenmobilisierung im europaweiten nationalsozialistischen Herrschaftsbereich markiert noch immer ein bedeutendes Desiderat der wissenschaftshistorischen Forschung. Im Fokus der Aufsätze steht der von Deutschland forcierte Transfer in die und aus den annektierten Ländern und besetzten Gebieten. Wie »effizient« waren Ressourcenaneignung und -raub im okkupierten bzw. verbündeten Europa für die NS-Diktatur? Welche Unterschiede lassen sich je nach europäischer Region ausmachen? Wie vernetzten sich dabei die gesellschaftlichen Teilsysteme Wissenschaft, Staat, Militär und Wirtschaft? [Inhaltsverzeichnis]

 

Martin Sabrow

Erich Honecker. Das Leben davor 1912-1945

C.H. Beck

München 2016

ISBN 978-3-406-69809-5

Nichts verkörpert die DDR so sehr wie das maskenhafte Gesicht Erich Honeckers und dessen kommunistische Musterbiographie, die ihm der Parteiapparat maßschneiderte. Martin Sabrow zeigt auf der Grundlage zahlreicher unbekannter Quellen, welche überraschenden Brüche und Nebenwege das Leben des saarländischen Jungkommunisten prägten. Erich Honecker (1912 – 1994) war von frühester Kindheit an fest im kommunistischen Milieu des Saarlands verwurzelt, und doch war er als Teenager auch offen für neue Orientierung. Er fuhr nach Pommern, um Bauer zu werden, kehrte für eine Dachdeckerlehre in die Heimat zurück, studierte an der Parteihochschule in Moskau und ging 1933 in den Widerstand. Erstmals werden diese Stationen detailliert nachgezeichnet, und sie eröffnen überraschende Ausblicke, etwa auf Honeckers enges Verhältnis zu Herbert Wehner oder seine Beteiligung an einem Terroranschlag. 1935 musste der Jungfunktionär untertauchen. Was machte er monatelang in Paris? Wie kam es zu seinem konspirativen Einsatz in Berlin und wie zu seiner Verhaftung? Von Rätseln umrankt war bisher auch, wie es Honecker gelang, wenige Wochen vor Kriegsende zu fliehen und bald darauf unbehelligt ins Gefängnis zurückzukehren. Die bahnbrechende Jugendbiographie des Revolutionärs und Überlebenskünstlers endet im Mai 1945, als Honecker eher zufällig Zugang zu Ulbricht fand und der Kaderabteilung seinen kommunistischen Lebenslauf einreichte, über den fortan die Partei wachte.

 

Stefan Wiese

Pogrome im Zarenreich. Dynamiken kollektiver Gewalt

Hamburger Edition

Hamburg 2016

ISBN 978-3-86854-304-9

Russland war das Land der Pogrome, so sah es zumindest die europäische Öffentlichkeit um 1900. Deshalb bürgerte sich auch in den meisten Sprachen das russische Wort »Pogrom« für diese Form von meist antijüdischer Gewalt ein. Aber was machte die Pogrome aus? Wer waren die Akteure? Geschahen sie spontan oder organisiert? Und warum war ihre Zahl gerade im Russischen Reich so hoch?
Antworten findet Stefan Wiese in den Handlungen aller Beteiligten, also der Täter, der Opfer, der Zuschauer und der Vertreter der Staatsmacht. Jede Gruppe verfügte über spezifische Ressourcen und verfolgte eigene Ziele, jede Gruppe beobachtete die übrigen und handelte dementsprechend. Aus dieser Dynamik ergaben sich Situationen, die Gewalt ermöglichten oder verhinderten. Laut Stefan Wiese waren bei Pogromen gegen Juden Strategien und Ressourcen der Akteure wichtiger als das Erbe des Antisemitismus, wie der Vergleich mit der Pogromgewalt gegen Armenier, Deutsche und die Intelligenzija bestätigt.
Stefan Wiese zeigt, was Pogrome sind, wie sie beginnen, vollzogen werden und wie sie enden. Er kontextualisiert die Pogrome neu, betont die Kontingenz von Raum und Gelegenheit und untersucht das Verhalten der staatlichen Organe. Mit seinem Buch über eine spezifische Form kollektiver Gewalt in den letzten Jahrzehnten des Russischen Reiches liegt eine analytische Phänomenologie des Pogroms vor. Die Untersuchung erweitert die Perspektive des Nachdenkens über Pogrome und Massengewalt, auch über das Zarenreich hinaus.

 

Rainer Orth

"Der Amtssitz der Opposition"? Politik und Staatsumbaupläne im Büro des Stellvertreters des Reichskanzlers in den Jahren 1933–1934

Böhlau Verlag

Wien, Köln, Weimar 2016

ISBN 978-3-412-50555-4

Bereits zehn Jahre vor dem gescheiterten Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944, im Sommer 1934, gab es einen Versuch von Kräften innerhalb des Regierungsapparates des Deutschen Reiches, das nationalsozialistische Regime gewaltsam zu stürzen. Ihr organisatorisches Zentrum hatten diese Pläne in der Dienststelle von Franz von Papen, dem konservativen Vizekanzler und gescheiterten „Beaufsichtiger“ Adolf Hitlers während der ersten eineinhalb Jahre seiner Regierungszeit.
Den Kern dieser Verschwörung, von der Papen selbst nichts wusste, bildeten der Münchener Schriftsteller Edgar Jung (Papens Redenschreiber), der Nachrichtendienstler Herbert von Bose (Papens Pressechef), Boses rechte Hand Wilhelm Freiherr von Ketteler, sowie der schlesische Gutsbesitzer Fritz Günther von Tschirschky (Papens Adjutant). Zusammen mit einigen Gleichgesinnten bauten diese das Ministerium Papens hinter dem Rücken ihres Chefs bis zum Frühjahr 1934 zu einer getarnten oppositionellen Zelle aus, die systematisch auf die Beseitigung der Regierung, deren hochgestellte Mitarbeiter sie offiziell waren, hinarbeitete.
Die vorliegende Studie rekonstruiert und erzählt die Geschichte der Reichsvizekanzlei als einer obersten Reichsbehörde, der Oppositionsgruppe, die von diesem Standort aus operierte, sowie des von dieser Oppositionsgruppe vorbereiteten Umsturzversuches, der schließlich – unmittelbar vor seiner Umsetzung – im Schatten der Mordwelle vom 30. Juni 1934 von der Gestapo auf blutige Weise vereitelt wurde.

 

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