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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Geschichtswissenschaften

Neuerscheinungen

Hinweise zu neuen Einträgen nehmen wir gern unter websuppo [at] hu-berlin.de entgegen.

 

20182017 | 2016

 

2018

 

Thomas Mergel

Köln im Kaiserreich, 1871-1918

Greven

Köln 2018

ISBN 9783774304543

Nie zuvor und nie danach ist Köln so schnell gewachsen wie in den 33 Jahren zwischen der Niederlegung der Stadtmauer 1881 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914. In dieser Zeit nahm die Einwohnerzahl um das Fünffache zu, die Fläche der Stadt um das Fünfzigfache. Köln wuchs so schnell, dass sich alle Maßstäbe verschoben, auch im Alltag der Menschen: Unter der Erde wurden Abwasserrohre verlegt, Gaslaternen erhellten die Nacht, Pferde verschwanden aus den Straßen und machten der Straßenbahn Platz, Kinos und Sportvereine wurden beliebt. Die rapide Urbanisierung schwemmte Hunderttausende Zuwanderer in die Stadt. Aus Bauerndörfern wurden Industriegebiete, ganz neue Viertel entstanden; die Fluktuation der Menschen war ungeheuer. Das warf die Frage auf, wer denn eigentlich Kölner sei und was "Köln" überhaupt bedeute. Eine der Thesen des Buches: Die Bewältigung des massiven Wandels bedurfte der Traditionen. Kirchliche Bindungen oder der Karneval waren wichtig, um die neuen Kölner zu integrieren. Dadurch wurden die Traditionen ihrerseits weitgehenden Wandlungen unterworfen. So erfand sich Köln als eine moderne Metropole, die dennoch Zugehörigkeit verbürgte.

 

Katharina Schembs

Der Arbeiter als Zukunftsträger der Nation. Bildpropaganda im faschistischen Italien und im peronistischen Argentinien in transnationaler Perspektive (1922–1955)

Böhlau Verlag

Köln 2018

ISBN 978-3-412-51285-9

In der Zwischenkriegszeit reformierten autoritäre Regime in Europa ihre Wirtschafts- und Arbeitsordnung. Der italienische Faschismus (1922–1945) nahm mit seinem System des Corporativismo eine Vorreiterrolle ein und diente vielen anderen Staaten als Vorbild. Als sich das korporativistische Modell in den 1930er und -40er Jahren auch in Lateinamerika verbreitete, orientierte sich der argentinische Präsident Juan Domingo Perón (1946–1955) maßgeblich am italienischen Präzedenzfall. In der staatlichen Bildpropaganda beider Länder spielte das wirtschaftliche Reformprogramm eine herausragende Rolle. Katharina Schembs vergleicht die identitätsstiftende Rolle dieser bislang kaum untersuchten Bildpropaganda, die um das Thema der Arbeit und die Figur des Arbeiters kreiste. Damit liefert sie einen wichtigen Beitrag zur transnationalen und vergleichenden Geschichte der Bildpropaganda sowie zur Verflechtungsgeschichte zwischen Italien und Argentinien.

 

Anke te Heesen, Dorothea Walzer (Hrsg.)

Das Interview. In: Sprache und Literatur 47

Wilhelm Fink

Paderborn 2018

ISSN 1438-1680

Sprache und Literatur erscheint seit 1994 im Wilhelm Fink Verlag und ist aus seit 1970 bestehenden Vorgängerpublikationen hervorgegangen. Der Anspruch, theoretische Reflexionen aus der Linguistik und der Literaturwissenschaft zu verbinden, ist ihr wie wenigen anderen Fachzeitschriften über die Jahre hinweg zentrales Anliegen geblieben. Neue inhaltliche Akzente haben die Herausgeber in jüngerer Zeit im Bereich kulturwissenschaftlicher und medientheoretischer Reflexionen gesetzt. Sprache und Literatur macht es sich zur Aufgabe, auf diesem Gebiet neue, bislang kaum beachtete Themen und Forschungszusammenhänge zu erschließen und zählt damit heute zu den auf diesem Gebiet innovativsten fachlichen Foren. Die Beiträge der halbjährlich erscheinenden Hefte gruppieren sich jeweils um einen thematischen Schwerpunkt und leisten auf diese Weise einen konzentrierten Beitrag zur aktuellen fachlichen Diskussion.  [Inhaltsverzeichnis]

 

Gerd Dietrich

Kulturgeschichte der DDR

Vandenhoeck & Ruprecht

Göttingen 2018

ISBN 978-3-525-30192-0

Die »Kulturgeschichte der DDR« stellt den Kulturgeschichten der Bundesrepublik ein Pendant für die Deutsche Demokratische Republik zur Seite. Die Zeit des Bestehens der SBZ/DDR wird dabei chronologisch in drei Perioden unterteilt, die die Besonderheiten des jeweiligen historischen Zeitraums hervorheben.

Band I thematisiert die »Übergangsgesellschaft« und »Mobilisierungsdiktatur« (1945–1957), Band II die »Bildungsgesellschaft« und »Erziehungsdiktatur« (1958–1976) und Band III die »Konsumgesellschaft« und »Fürsorgediktatur« (1977–1990). In jedem Band beleuchtet der Autor systematisch die spezifischen Entwicklungen der Alltags- und Populärkultur, der politischen Kultur sowie der hohen Kultur. Bzgl. der populären Kultur stehen vor allem die kulturellen Formen von Alltag und Freizeit sowie Unterhaltung, Vergnügen und Sport im Vordergrund. Dabei werden sowohl staatliche und private, moderne und traditionelle Aspekte der Volkskultur thematisiert. Hinsichtlich der politischen Kultur analysiert der Autor die subjektiven Dimensionen der Politik, einschließlich nationaler Symbole und Geschichtskultur, sowie die ideologischen Vorgaben der SED und die politischen Orientierungen und Mentalitäten der Ostdeutschen. Die hohe Kultur der DDR, Literatur und Künste, Architektur und Design, wird vor allem in ihrem Spannungsfeld aus Klassikmythos, sozialistischem Realismus und Alternativkultur, aus Affirmation und Kritik dargestellt. Ein Grundwiderspruch, auch in der Kultur- und Intelligenzpolitik der SED, den der Autor in diesem Zusammenhang herausarbeitet, bestand zwischen der hohen Anerkennung und Förderung von Kultur auf der einen und der ständigen Furcht vor einer Destabilisierung durch Kultur auf der anderen Seite. Auf diese Weise erörtert Gerd Dietrich detailliert die kulturelle Substanz der ostdeutschen Gesellschaft und zeichnet ein Bild des widerständigen Potentials ihrer Kultur, die sich zwischen Tradition, Innovation und Repression bewegte.

 

 

Martin Clemens Winter

Gewalt und Erinnerung im ländlichen Raum: Die deutsche Bevölkerung und die Todesmärsche

Metropol Verlag

Berlin 2018

ISBN 978-3-86331-416-3

Die Todesmärsche aus den Konzentrationslagern kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren das letzte nationalsozialistische Gesellschaftsverbrechen. Martin Clemens Winter stellt die Rolle der deutschen Bevölkerung bei den Räumungstransporten in den Mittelpunkt seiner Studie, die sich auf zahlreiche neu erschlossene Quellen aus internationalen Archiven stützt. Dabei untersucht er nicht nur den ländlichen Raum, die maßgeblichen Akteure und typische Situationen während der Todesmärsche, sondern auch die Nachgeschichte dieser Massenverbrechen vor der Haustür: die juristische Ahndung durch alliierte und deutsche Behörden, die Suche nach den Opfern sowie Formen der Erinnerung in der DDR und in der Bundesrepublik.

 

Johannes Helmrath, Thomas Woelki (Hrsg.)

Acta Cusana. Quellen zur Lebensgeschichte, Band II, Lieferung 4: 1455 Juni 1 - 1456 Mai 31

Meiner

Hamburg 2018

ISBN 978-3-7873-3344-8

Die Acta Cusana stellen alle Quellen zur Lebensgeschichte des Nikolaus von Kues in chronologischer Ordnung zusammen: Von ihm verfasste bzw. herausgegebene schriftliche Äußerungen aller Art (Briefe, Verfügungen, Urkunden, Notizen), desgleichen an ihn gerichtete oder über ihn berichtende Äußerungen von Zeitgenossen. Sie fügen sich zu einer biographischen Dokumentation zusammen, die sein wissenschaftliches Werk, das die Opera omnia darbieten, um die Quellen ergänzt, die ihn als herausragenden homo politicus seiner Zeit wie gleichzeitig auch wesentliche Aspekte dieser Zeit selbst erschließen. Je nach ihrer Bedeutung werden die einzelnen Dokumente im Volltext, in Gestalt umfangreicher Inhaltsangaben oder lediglich kurzer Hinweise vorgestellt. Konfrontiert mit einer erstaunlichen Überlieferungsfülle, streben die Acta Cusana bei der Erfassung der Quellen größtmögliche Vollständigkeit an. Das Unternehmen wird, abgesehen von sich zwangsläufig ergebenden Nachträgen, drei Bände in voraussichtlich 18 Lieferungen umfassen.

Das vierte Regierungsjahr des Nikolaus von Kues als Bischof von Brixen war das bislang erfolgreichste und vielversprechendste. Der mächtige Tiroler Landesfürst Herzog Sigismund von Tirol zeigte sich, unter dem Druck der heraufziehenden Gradner-Fehde, zu erheblichen Zugeständnissen an den Bischof bereit. Große Vertragswerke sollten das nachbarschaftliche Verhältnis entspannen und bestehende Differenzen ausräumen. Der Dauerkonflikt um das Benediktinerinnenkloster Sonnenburg schien sich zugunsten des Bischofs zu neigen. Die Reform des Brixner Klarissenklosters erlebte durch die Installierung reformierter Nonnen aus Nürnberg einen dauerhaften Erfolg, trotz verzweifelter Briefe der Dichtertochter Maria von Wolkenstein an ihre adligen Brüder. Eine konsequente wirtschaftliche Konsolidierung erlaubte dem Bischof sogar den Rückkauf des Landgerichts Taufers von Herzog Sigismund.

Die praktische Seite der Kirchenreform trat nun in vielen Facetten zu Tage, sei es im Briefwechsel mit den Mönchen von Tegernsee, der in dieser Phase von umfangreich aufgelisteten Zweifelsfragen zum monastischen Leben begleitet wurde, sei es durch umfassende Reforminitiativen des Cusanus in seiner Diözese. Weite Teile des kirchlichen Lebens, von der Pfarrorganisation über den Ritus der Eheschließung, die Festtage und Messbücher bis hin zur Kleidung der Chorherren wurden nun einer systematischen Reform unterzogen.

Europäische Dimension gewann das Engagement des Nikolaus von Kues für den Türkenkrieg. Seine geplante Legation nach England und ins Reich kam wegen der ablehnenden Haltung des englischen Königs Heinrich VI. nicht zustande. Cusanus bemühte sich dennoch nach Kräften um die effektive Erhebung des Kreuzzugszehnten.

Neue Konfliktlinien brachen schließlich hervor, als sich das Kloster Neustift und Teile des Domkapitels offen gegen den Kardinal stellten. Auch die zwiespältige Haltung des monatelang abwesenden Herzogs deutete auf die Turbulenzen der kommenden Regierungsjahre voraus.

Detailreicher und intimer konnte man eine spätmittelalterliche Bischofsherrschaft bisher nicht nachvollziehen. Die Bände der ‚Acta Cusana‘ zu den Brixner Jahren des Nikolaus von Kues erhalten immer mehr modellhafte Bedeutung.

 

Johannes Helmrath, Andrea Sieber (Hrsg.)

Maximilians Welt. Kaiser Maximilian I. im Spannungsfeld zwischen Innovation und Tradition

Vandenhoeck & Ruprecht

Göttingen 2018

ISBN 978-3-8471-0884-9

Kaiser Maximilian I. (1486/93–1519) regierte das Heilige Römische Reich über dreißig entscheidende Jahre, vom Kampf über das burgundische Erbe bis zur Reformation. Unter seiner Kriegs- und Heiratspolitik stieg das Haus Habsburg zur europäischen Großmacht auf. ‚Maximilians Welt‘ erscheint als eine Welt des Übergangs, zwischen Mittelalter und Neuzeit, Tradition und Innovation. Der Kaiserhof war ein faszinierendes Modernisierungszentrum, zog Gelehrte und Künstler an: Hier entstanden unter Einfluss von Rittertum und Renaissance subtile Werke der Gedächtniskultur wie der Roman ‚Weißkunig‘, das Ambraser Heldenbuch oder Dürers ‚Ehrenpforte‘. Der Band entfaltet ein facettenreiches Spektrum der Regierung Maximilians unter den Themen Hofkultur, Gedächtnis, Außenpolitik und Krieg sowie Innenpolitik und Verfassung. [Inhaltsverzeichnis]

 

Sabine Moller

Zeitgeschichte sehen. Die Aneignung von Vergangenheit durch Filme und ihre Zuschauer

Bertz & Fischer

Berlin 2018

ISBN 978-3-86505-330-5

Wie sehen wir Geschichte im Film? Wie machen wir Sinn aus dem, was uns in Filmen wie GOOD BYE LENIN! und SCHINDLERS LISTE als Zeugnis der Vergangenheit und kunstvoll gestaltete Geschichte entgegentritt?
Dass Filme das Geschichtsbewusstsein der Zuschauer prägen und – im Zeitalter der Massenmedien – die ›wahren Lehrmeister‹ der Geschichte sind, ist eine weithin geteilte Auffassung. Doch was so offensichtlich erscheint, erweist sich bei näherer Betrachtung als schwer kalkulierbarer Aneignungsprozess. Wenn wir Geschichte im Film sehen, blicken wir nicht auf eine abgeschlossene Vergangenheit. Vielmehr sehen, verstehen und fühlen wir Filme und begegnen ihren Deutungsangeboten mit eigenen lebensweltlichen Erfahrungen. Geschichte im Film wird vom Zuschauer gemacht.
Die Autorin führt auf innovative Weise Ansätze und Annahmen aus den Geschichts-, Film- und Sozialwissenschaften zusammen. Empirische Grundlage der Untersuchung sind umfangreiche Befragungen von Zuschauern in Deutschland und in den USA. Die Bandbreite der betrachteten Filme reicht von internationalen Kassenschlagern wie FORREST GUMP von Robert Zemeckis bis zu Arthouse-Produktionen wie AUFSCHUB von Harun Farocki. [Inhaltsverzeichnis]

 

Marcus Payk

Frieden durch Recht? Der Aufstieg des modernen Völkerrechts und der Friedensschluss nach dem Ersten Weltkrieg

De Gruyter Oldenbourg

München 2018

ISBN 978-3-11-058148-5

„Versailles" und die Verrechtlichung der internationalen Politik

Bei keinem anderen Frieden der neuzeitlichen Geschichte spielte die Berufung auf Recht und Gerechtigkeit eine so prominente Rolle wie nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Im Gegensatz zu bisherigen Darstellungen, die sich vornehmlich auf eine Demütigung Deutschlands durch das „Versailler Diktat" konzentrieren, bietet diese breit angelegte Neuinterpretation der gesamten Pariser Friedenskonferenz von 1919/20 ein differenziertes Bild. Marcus Payk kann anhand zahlreicher Beispiele nachweisen, welche politische Kraft, aber auch welche unkontrollierbare Eigenlogik völkerrechtlichen Argumenten und Akteuren während der Friedensverhandlungen zukam. Erst durch die Berücksichtigung der normativen Erwartungen der Vorkriegs- und Kriegszeit werden die Friedensabkommen mit Deutschland, Österreich, Ungarn, Bulgarien und dem Osmanischen Reich verständlich. Die Untersuchung ordnet den Friedensschluss damit in längerfristige Tendenzen einer Verrechtlichung der internationalen Politik ein und fordert zugleich dazu auf, über die Möglichkeiten und Grenzen des Völkerrechts nachzudenken. [Inhaltsverzeichnis]

 

Christopher Degelmann 

SQUALOR. Symbolisches Trauern in der Politischen Kommunikation der Römischen Republik und Frühen Kaiserzeit

Franz Steiner Verlag

Stuttgart 2018

ISBN 978-3-515-11784-5

Warum trauerten römische Senatoren ständig? Vielfach berichten antike Quellen davon, dass die Römer Trauergewänder anlegten, sich einen Bart wachsen ließen, bisweilen hemmungslos weinten und sich in Verzweiflung sogar die Kleider vom Leib rissen – typische Bestandteile römischer Trauerkultur, ohne dass ein Todesfall vorlag. Christopher Degelmann geht in seiner Studie diesem Phänomen nach, indem er einerseits aufzeigt, wie fest Zeichen und Gesten des Trauerns in der römischen Politik zwischen 200 v. und 69 n. Chr. verankert waren, auch wenn sie in ihrer Wahrnehmung und Bewertung immer ambivalent blieben. Andererseits untersucht Degelmann den gezielten Einsatz solcher Szenen durch antike Literaten und stellt die verschiedenen Ausdrucksformen von Trauer zusammen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Angehörige der Oberschicht einige Symbole des Trauerns mit einem breiten Spektrum anderer Elemente aus der römischen Lebenswelt kombinierten, um ihren Standpunkt in der politischen Auseinandersetzung zu festigen oder Gegner zu sabotieren. So entsteht ein neues Bild der politischen Kultur im alten Rom.

 

Wilfried Nippel 

Karl Marx

Beck

München 2018

ISBN 9783406714184 

Karl Marx hat als Politiker, Journalist und Wissenschaftler ein immenses Werk hinterlassen, das aber Zeitgenossen nur in kleinen Teilen bekannt war und überwiegend erst durch posthume Editionen erschlossen wurde. Begonnen hat dies Friedrich Engels, der zugleich auf vielfältige Weise seine Deutungshoheit über Leben und Werk von Marx etablierte – mit Nachwirkungen bis heute. Anlässlich des 200. Geburtstags von Marx legt Wilfried Nippel eine Darstellung vor, die sich auf dessen Wirkung in seiner Zeit konzentriert.

 

Henning Fischer

Überlebende als Akteurinnen. Die Frauen der Lagergemeinschaften Ravensbrück: Biografische Erfahrung und politisches Handeln, 1945 bis 1989

UVK Verlagsgesellschaft

Tübingen 2018

ISBN 978-3-86764-772-4

Das Buch beschreibt die Lebensgeschichten einer Gruppe von kommunistischen deutschen Überlebenden des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück bei Berlin. Diese gründeten unmittelbar nach ihrer Befreiung und dem Ende des Nationalsozialismus ihre Lagergemeinschaft als gemeinsamen sozialen und politischen Verband. Ausgehend von der biografischen Prägung der zentralen Protagonistinnen in der kommunistischen Bewegung der Weimarer Republik wie im Widerstand gegen den Nationalsozialismus zeichnet die Studie die Themenfelder, politischen Absichten, Erfolge und Niederlagen der Lagergemeinschaften in DDR und BRD bis in die 1990er Jahre nach. So werden die Überlebenden als Akteurinnen ihres eigenen Lebens und der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts sichtbar.

 

Franz Neumann

Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944. Aktualisierte Neuausgabe herausgegeben von Alfons Söllner und Michael Wildt

Europäische Verlagsanstalt

Hamburg 2018

ISBN 978-3-86393-048-6

In der jüdischen Eschatologie sind Behemoth und Leviathan die Namen zweier Ungeheuer. Behemoth beherrscht das Land, Leviathan die See; das eine ist männlichen, das andere weiblichen Geschlechts. Beide sind Ungeheuer des Chaos, die - der Sage nach - kurz vor dem Ende der Welt wieder auftauchen und eine Schreckensherrschaft errichten. Hobbes war es, der beiden Gestalten zur Popularität verhalf. Sein Leviathan ist die Analyse eines politischen Zwangsstaatsystems mit Resten von Gesetzen und individuellen Rechten, während in Behemoth ein Unstaat, ein Chaos, ein Zustand der Gesetzlosigkeit, des Aufruhrs und der Anarchie beschrieben wird. Franz Neumann und seine politischen Freunde waren 1942 im Exil der Meinung, dass der Nationalismus aus Deutschland einen solchen Unstaat gemacht hatte, in dem die Rechte der Menschen und ihre Würde verschlungen worden sind. Angesichts der aktuellen Bedrohung der Welt nannte Neumann seine Analyse des nationalsozialistischen Herrschaftssystems daher: Behemoth.

 

Patrick Neuhaus

Die Arno Breker-Ausstellung in der Orangerie Paris 1942. Auswärtige Kulturpolitik, Kunst und Kollaborationen im besetzten Frankreich

Neuhaus Verlag

Berlin 2018

ISBN 978-3-937294-08-7

Die Arno Breker-Ausstellung in der Orangerie des Tuileries zu Paris gilt heute der historischen und kunsthistorischen Forschung als das Symbol der Besatzungszeit der Jahre 1940–1944 und vor allem der Kollaboration. Am 15. Mai 1942, nach mehr als einem Jahr intensiver Vorbereitungen vor allem deutscher, aber auch französischer Stellen, war die Retrospektive durch die beiden französischen Regierungsmitglieder Abel Bonnard und Jacques Benoist-Méchin wie ein feierlicher Staatsakt eröffnet worden. Franzosen hatten ein Comité d’honneur der Ausstellung gebildet, Charles Despiau zeichnete für einen prachtvollen Begleitband verantwortlich und Jean Cocteau schrieb eine Würdigung. Die Rezeption in Deutschland, wie in Frankreich, war intensiv. Die vorliegende Arbeit stellt die erste wissenschaftliche Monographie zur Ausstellung dar. Sie schildert Idee und Umsetzung, Inszenierung und mediale Wirkung des Ausstellungsvorhabens und ordnet dieses in den kulturpolitischen Kontext deutscher Frankreichpolitik ein. Hierzu konnten neue biographische Verbindungen, vergessene Reden und Ansprachen dokumentiert sowie bildgeschichtliche Zusammenhänge aufgezeigt werden.

 

Sören Flachowsky

"Zeughaus für die Schwerter des Geistes" Die Deutsche Bücherei in Leipzig 1912-1945

Wallstein Verlag

Göttingen 2018

ISBN 978-3-8353-3196-9

Die Deutsche Bücherei wurde zum bibliographischen Zentrum Deutschlands, aber auch zu einem Dienstleister für die Zensurpolitik des NS-Regimes.

Die im Jahr 1912 gegründete Deutsche Bücherei - die heutige Deutsche Nationalbibliothek - stellte im Bibliothekswesen Deutschlands eine Besonderheit dar. Als einzige Institution sammelte sie das deutschsprachige Schrifttum des In- und Auslands vollständig. Daraus entwickelte sich die Deutsche Bücherei zum bibliographischen Zentrum Deutschlands.
Gerade diese Stellung weckte ab 1933 das Interesse zahlreicher NS-Schrifttumsbehörden. Sören Flachowsky zeigt erstmals, wie sich die Deutsche Bücherei dank der Förderung des Regimes zu einem effektiven Dienstleister für die literaturpolitischen Zensur- und Verbotsinstanzen des nationalsozialistischen Maßnahmenstaats entwickelte. Die Bibliothekare beteiligten sich nicht nur an der Indizierung und Beschlagnahmung unerwünschter Literatur, sondern förderten mit ihrer bibliographischen Zuarbeit die rassistisch grundierte Literaturpolitik der NS-Behörden.
Der Autor untersucht die Institution in ihren Wechselwirkungen zu Wissenschaft, Staat und Wirtschaft. Auf diese Weise entsteht eine weit über das bisherige Maß hinausgehende Darstellung der Geschichte der Deutschen Bücherei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

 

Jan Erik Schulte / Michael Wildt (Hrsg.)

Die SS nach 1945. Entschuldungsnarrative, populäre Mythen, europäische Erinnerungsdiskurse

Vandenhoeck & Ruprecht

Göttingen 2018

ISBN 978-3-8471-0820-7

1945 wurde die SS von den Alliierten verboten und aufgelöst. Damit endete aber nicht die Geschichte dieser verbrecherischen Organisation, die allein in der Waffen-SS bei Kriegsende 600.000 Mann in ihren Reihen zählte. Vielmehr war bereits zu diesem Zeitpunkt die Auseinandersetzung über die Bedeutung, Verantwortung und Wirkung der SS und ihrer Mitglieder in vollem Gange – eine Auseinandersetzung, die bis heute andauert. Kollektivschuldvorwürfe standen gegen die Versuche von SS-Gliederungen, sich im Nachhinein von der Gesamtorganisation zu distanzieren. Personelle Kontinuitäten überschatteten die Neugründung staatlicher Behörden wie zum Beispiel die Polizei. In Illustrierten und Spielfilmen lebte das Narrativ vom teuflischen SS-Offizier auf und verwandelte die SS medial in eine exklusive Geheimorganisation, die mit dem Gros der Bevölkerung angeblich nichts zu tun hatte. Die Beiträge dieses Bandes analysieren die Strafverfolgung der SS nach 1945, die personellen Seilschaften und politischen Kontinuitäten sowie die Versuche, die SS zu mythifizieren, aber ebenso die vielfältige Dimension einer nach wie vor virulenten Erinnerungskultur an die SS in Europa.

 

Frank Bösch, Thomas Hertfelder, Gabriele Metzler (Hrsg.)

Grenzen des Neoliberalismus

Zeithistorische Impulse. Wissenschaftliche Reihe der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus, Bd. 13 

Franz Steiner Verlag

Stuttgart 2018

ISBN 978-3-515-12085-2

Der Liberalismus veränderte sich im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts rasant: Neoliberale Positionen gewannen mit ihrer Forderung nach einem Rückzug des Staates und einer verstärkten Marktorientierung von Ökonomie und Gesellschaft an Gewicht. Doch in dieser marktliberalen Verengung ging der Wandel des Liberalismus nicht auf. Denn zur selben Zeit erlebte auch der Linksliberalismus gerade in Deutschland eine erstaunliche Konjunktur, die weit über den organisierten Liberalismus hinausging. Zudem kam es unter liberalen Innenministern zu einer Neubestimmung des Verhältnisses von Freiheit und Sicherheit im Zeichen einer neuen Politik der "Inneren Sicherheit", die auf terroristische Anschläge reagierte.

Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes stellen diese vielfältigen Wandlungsprozesse des Liberalismus erstmals im Zusammenhang dar. Warum erreichte der Neoliberalismus die Bundesrepublik erst spät und in moderater Form? Und wie interagierte er mit anderen liberalen Strömungen? Die Beiträge zeigen, dass der Neoliberalismus Teil eines generellen Wandels des Politischen war – und sie benennen die Grenzen, die seiner Durchsetzung in der Bundesrepublik gesetzt waren. [Inhaltsverzeichnis]

 

Laura Busse, Wilfried Enderle, Rüdiger Hohls, Thomas Meyer, Jens Prellwitz und Annette Schuhmann (Hrsg.)

Clio Guide. Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften - 2. erweiterte und aktualisierte Auflage

Historisches Forum, Bd. 23 (Clio-online)

Berlin 2018

ISBN 978-3-86004-335-6 / DOI 10.18452/19244

Das Online-Handbuch Clio-Guide kartiert das wachsende Feld der digitalen Fachinformation der Geschichtswissenschaften. Der Begriff der Fachinformation wird dabei bewusst breit verstanden, so dass auch institutionelle Infrastrukturen und digitale Werkzeuge mit darunter subsumiert werden. Die vorliegende Online-Publikation „Clio-Guide - Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften“, 2. erweiterte und aktualisierte Auflage, verfolgt ein praktisches Ziel: Dank der Mitwirkung von knapp 70 Autorinnen und Autoren stellt es eine umfassende faktenorientierte Einführung zum Stand der digitalen Fachinformation und eine Übersicht über die wichtigsten Hilfsmittel und Instrumente zur Verfügung. Damit wendet es sich sowohl an Studierende und Lehrende, die sich die Grundlagen geschichtswissenschaftlicher Fachinformation erarbeiten bzw. diese vermitteln wollen, als auch an forschende HistorikerInnen, die eine Einführung in den Stand der Fachinformation in für sie neue Forschungsgebiete benötigen. Im Frühjahr 2016 erschien die erste Auflage des Handbuchs, die sehr gut angenommen wurde. Das Feld der digitalen Geschichtswissenschaft ist schnelllebig und durch rasche Veränderungs- und Entwicklungsprozesse gekennzeichnet. Dies hat die HerausgeberInnen veranlasst, eine zweite Auflage früher als ursprünglich geplant zu publizieren und darüber auch einige inhaltliche Lücken zu schließen. [Inhaltsverzeichnis]

 

Gabriele Metzler

Der Staat der Historiker. Staatsvorstellungen deutscher Historiker seit 1945

Suhrkamp

Berlin 2018

ISBN 978-3-518-29869-5 

Die Bundesrepublik entwickelte sich im Laufe ihres Bestehens zu einem liberalen Rechts- und Sozialstaat nach westlichem Muster. Historiker trugen dazu bei, indem sie Orientierungswissen lieferten und als public intellectuals diese Entwicklung kritisch begleiteten. Sie erinnerten, imaginierten und kritisierten spezifische Staatsvorstellungen beziehungsweise reflektierten die Krisen von Rechts- und Sozialstaatlichkeit seit den 1970er Jahren. Und auch heute sind Historiker an der Neukonzeption von Staatlichkeit im Kontext von Globalisierung und europäischer Integration beteiligt. Gabriele Metzler erzählt eine Geschichte der Bundesrepublik von ihren Anfängen bis heute durch das Prisma ihrer zeithistorischen Erforschung.

 

Anke te Heesen

Theorien des Museums zur Einführung (koreanische Übersetzung)

Seokwangsa Publishing Company

Paju 2018

ISBN 978-3-518-29869-5 

Nur selten in der Geschichte hat eine Institution eine solche Konjunktur erfahren wie in den letzten Jahren das Museum. Zahlreiche Neueröffnungen und Neukonzeptionen haben diesen Speicherort von materiellen Sachzeugen in das Zentrum geisteswissenschaftlicher Reflexion gerückt. Zur gleichen Zeit hat sich ein differenziertes Ausstellungswesen entwickelt, das wichtige Impulse für die Darstellung von Wissen außerhalb der Buchkultur erbracht hat. Diese Einführung beschreibt die historischen Etappen der Sammlungs- und Museumsgeschichte seit der Renaissance und gibt einen Überblick über die derzeit wichtigsten theoretischen Annäherungen an das Phänomen. So erlaubt der Band einen differenzierten Blick auf den »Zeigeraum« des Museums und entfaltet dabei die feine, aber zentrale Unterscheidung zwischen Museum und Ausstellung.

 

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2017

 

Stefan Rinke, Michael Wildt (Hrsg.)

Revolutions and Counter-Revolutions. 1917 and its Aftermath from a Global Perspective

Campus

Frankfurt am Main, New York 2017

ISBN 9783593507057

1917 war ein bedeutendes Jahr des historischen Umbruchs im Weltmaßstab, in dem der Grundstein für prägende Strukturen des 20. Jahrhunderts gelegt wurde. Den Zeitgenossen waren diese globalen Zusammenhänge bewusst; doch in der auf nationale Belange beschränkten Geschichtswissenschaft spielten sie jahrzehntelang kaum eine Rolle. Dieser Band vereint neue Forschungen, die die transnationalen Verbindungen der unzähligen Aufstände, Rebellionen und Revolutionen sowie der gewaltsamen Reaktionen darauf in den Jahren zwischen 1917 und 1920 in allen Weltteilen aufzeigen.

 

Simon Strauß

Von Mommsen zu Gelzer? Die Konzeption römisch-republikanischer Gesellschaft in "Staatsrecht" und "Nobilität"

Historia (Franz Steiner Verlag)

München 2017

ISBN 978-3-515-11851-4

Theodor Mommsen ist eine der Zentralfiguren althistorischer Wissenschaftsgeschichte. Für lange Zeit stand jede Beschäftigung mit Rom in seinem Schatten. 1912 veröffentlichte der junge Schweizer Matthias Gelzer jedoch eine Habilitationsschrift, in der er sich im Namen einer fortschrittlichen "Gesellschaftshistorie" radikal vom "Staatsrechtler" Mommsen absetzte. Gelzers aufmüpfige Polemik bot späteren Forschern wiederum einen willkommenen Anlass, um sich vom gefürchteten Übervater loszusagen. Mit dem Verweis auf Gelzer konnte man sich auf die progressive Seite stellen und Mommsen zu den Akten legen. Simon Strauß stellt dieses Vorgehen nun entschieden in Frage und argumentiert, dass in Mommsens Werk – gerade auch in seinem 1871–1888 erschienenen "Römischen Staatsrecht" – schon viele gesellschaftsgeschichtliche Aspekte behandelt werden. Gelzers Leistungen lassen sich in diesem Licht betrachtet durchaus relativieren. Strauß weckt Zweifel an der Selbstdeutung der althistorischen Forschungsgeschichte und bewertet die Stellung Theodor Mommsens neu.

 

Theodor Mommsen, Wilfried Nippel (Hrsg.)

Wenn Toren aus der Geschichte falsche Schlüsse ziehen

Dtv

München 2017

ISBN 978-3-423-28143-0 

Theodor Mommsen (1817 – 1903) war Mitbegründer der deutschen Altertumswissenschaft und erhielt für sein Werk ›Römische Geschichte‹ 1902 den Nobelpreis für Literatur. Er nahm engagiert am Zeitgeschehen teil, war liberaler Reichstagsabgeordneter und stritt vehement mit Bismarck, auf den das Zitat im Titel des Buches abzielte und das Mommsen eine Beleidigungsklage eintrug. Eine ausführliche Einleitung schildert Leben, Werk und Zeit, jedem Text ist ein erklärender Vorspann beigegeben.

 

Julia Hörath

"Asoziale" und "Berufsverbrecher" in den Konzentrationslagern 1933 bis 1938

Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft (Vandenhoeck & Ruprecht)

Göttingen 2017

ISBN 978-3-8353-3002-3

Die Konzentrationslager-Haft von sogenannten »Asozialen« und »Berufsverbrechern« bildet eines der letzten Desiderate der KZ-Forschung, ist doch gerade über die erste Phase ihrer Verfolgung kaum etwas bekannt. Die Studie von Julia Hörath schließt diese Lücke und eröffnet zugleich neue Perspektiven auf die Geschichte der KZ. Indem sie einen weiten Begriff von Konzentrationslager zu Grunde legt, kann sie bislang kaum berücksichtigte Haftstätten in den Blick nehmen. Die Untersuchung zeigt die Schwächen des Stufenmodells, das die Forschungsdebatten bislang dominierte und von scharfen Zäsuren in der Entwicklung der KZ ausgeht. Demgegenüber stärkt Hörath die Argumente der Kontinuitätsthese, nach der alle wesentlichen Funktionen bereits in den frühen KZ angelegt waren. Wie ihre Studie zeigt, setzte schon kurz nach der Machtübergabe eine systematische Verfolgung von »Asozialen« und »Berufsverbrechern« ein. Die KZ-Einweisungen wurden nur punktuell und allenfalls rahmensetzend von den Zentralinstanzen gesteuert, gingen vielmehr in erster Linie auf die Initiative lokaler Akteure zurück. Bevor sich die in der Frühphase gesammelten Erfahrungen im Konzept der »rassischen Generalprävention« verdichteten, prägten verschieden motivierte und konzipierte Spezialpräventionen das Vorgehen, die Hörath in die langen sozialpolitischen Entwicklungslinien des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts einordnet.

 

Alexander Nützenadel 

Das Reichsarbeitsministerium im Nationalsozialismus

Wallstein

Göttingen 2017

ISBN 978-3-8353-3002-3

Die Arbeits- und Sozialpolitik spielte für das ideologische Selbstverständnis der NSDAP als Arbeiterpartei eine zentrale Rolle. Welche Stellung das Reichsarbeitsministerium im Kontext der NS-Herrschaft einnahm, wird seit 2013 im Rahmen eines Forschungsprojekts des Bundesarbeitsministeriums von einer unabhängigen Historikerkommission untersucht.
Im ersten Band der Veröffentlichungen der Kommission werden die Forschungsergebnisse umfassend präsentiert. In den Blick genommen werden neben Behördenstruktur und Personal die Handlungsfelder des Ministeriums, die von der Arbeitsmarkt- und Tarifpolitik über das Sozialversicherungswesen bis zur Wohnungsbau- und Siedlungspolitik reichten. Zugleich wird die Rolle des Ministeriums im Rahmen der Kriegswirtschaft und in den besetzten Gebieten Europas zwischen 1939 und 1945 beleuchtet. Deutlich wird, dass die klassischen Verwaltungsapparate weitaus stärker in das NS-Regime und seine Verbrechen eingebunden waren als lange Zeit vermutet wurde. Die ministerielle Bürokratie kooperierte sogar eng mit den nationalsozialistischen Partei- und Sonderstäben. Damit werden bisherige Erklärungsmodelle, wie das einer »polykratischen« Herrschaft, in Frage gestellt.

 

Marc Buggeln, Martin Daunton, Alexander Nützenadel (Hrsg.)

The Political Economy of Public Finance. Taxation, State Spending and Debt since the 1970s

Cambridge University Press

Cambridge 2017

ISBN 9781107140127

This volume examines the major trends in public finance in developed capitalist countries since the oil crisis of 1973. That year's oil shock quickly became an economic crisis, putting an end to a period of very high growth rates and an era of easy finance. Tax protests and growing welfare costs often led to rising debt levels. The change to floating exchange rates put more power in the hand of markets, which corresponded with a growing influence of neo-liberal thinking. These developments placed state finances under considerable pressure, and leading scholars here examine how the wealthiest OECD countries responded to these challenges and the consequences for the distribution of wealth between the rich and the poor. As the case studies here make clear, there was no simple 'race to the bottom' in taxation and welfare spending: different countries opted for different solutions that reflected their political and economic structures.

 

Michael Wildt

Volk, Volksgemeinschaft, AfD

Hamburger Edition

Hamburg 2017

ISBN 978-3-86854-309-4 

»Wir sind das Volk!« Das ist ein mächtiger und anspruchsvoller Satz, vor allem in einer Demokratie, in der das Volk herrscht. »Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus« heißt es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.
Doch: Wer ist das Volk? Die wahlberechtigten Staatsbürgerinnen und Staatsbürger? Die Demonstranten gegen die Diktatur in Leipzig im Oktober 1989? Die orangefarbenen Massen auf dem Maidan in Kiew, die 2013/14 erfolgreich die Neuwahl des Präsidenten erzwangen? In der langen Geschichte des Volkes wurde stets darum gestritten, wer zu ihm gehörte und wer nicht. Frauen zum Beispiel erhielten in den meisten Staaten erst im 20. Jahrhundert das Wahlrecht. Und was geschieht, wie Sebastian Haffner1933 fragte, wenn das Volk die Demokratie nicht mehr will? Die historisch-politische Intervention von Michael Wildt lotet die Ambivalenzen und Abgründe des politischen Konzepts des Volkes aus sowie die rassistisch-antisemitische Radikalisierung in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Auf dieser Grundlage hinterfragt er die populistischen Äußerungen der AfD, die sich lauthals auf das Volk beruft. Auch hier geht es um verschiedene Volkskonzepte. Die kulturell definierte Ausgrenzung von Minderheiten bei der AfD birgt die Gefahr radikaler Exklusion aus dem »Volk«. Jedoch auch das Beharren darauf, dass Volk demos und nicht ethnos sei, gelangt über die tückische Imagination eines einheitlichen Volkes nicht hinaus. Wäre es nicht stattdessen vielmehr an der Zeit, Hannah Arendts Gedanken aufzugreifen und nicht das Volk, sondern den Menschen und sein Recht, Rechte zu haben, in den Mittelpunkt unseres demokratischen Denkens zu stellen?

 

Sören Brandes und Malte Zierenberg (Hrsg.)

Praktiken des Kapitalismus

Mittelweg 36 Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung

Jahrgang 26, Heft 1

Hamburg 2017

Mehr Kapitalismus, so scheint es, war nie. Die im Zuge der Finanzkrise entfachten Debatten um die Zukunftsfähigkeit des Kapitalismus haben auch das Interesse an seiner Vergangenheit neuerlich belebt. Dabei ist die Frage, was die kapitalistische Welt im Innersten zusammenhält, heute umstrittener denn je. Angesichts der Vielzahl seiner historischen Ausprägungen fragt es sich, ob es "den" Kapitalismus überhaupt gibt.
Sören Brandes und Malte Zierenberg plädieren daher einleitend für eine konsequente Historisierung des Kapitalismus, die ihren Gegenstand als Teil einer komplexen und veränderlichen sozialen Wirklichkeit rekonstruiert. In Doing Capitalism werben sie dafür, den Kapitalismus praxeologisch als alltäglich erzeugte ökonomisch-soziale Ordnung zu verstehen. [Inhaltsverzeichnis]

 

Gabriele Metzler und Dirk Schumann (Hrsg.)

Geschlechter(un)Ordnung und Politik in der Weimarer Republik

Dietz Verlag

Bonn 2017

ISBN 978-3-8012-4236-7

Weltkrieg und Revolution konnten die Geschlechterordnung in der Weimarer Republik nicht erschüttern, sondern führten zu vielen kleineren Machtverschiebungen, etwa in den Medien oder im Sport. Daraus entstand eine Unübersichtlichkeit der Geschlechter- und Rollenbilder, die sich darauf auswirkte, wie Forderungen nach »männlicher« Führung und weibliche Partizipationsansprüche in zeitgenössischen Diskursen und Körperpraktiken ausgehandelt wurden.
Welche Wirkungen Erster Weltkrieg und Revolution auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern in der Weimarer Republik hatten, ist in der Forschung umstritten. Noch weniger geklärt ist die Beziehung zwischen Geschlechterordnung und politischer Ordnung. Die Beiträge dieses Bandes sind einem weiten, kulturhistorisch inspirierten Politikbegriff verpflichtet. Sie untersuchen, wie die grundlegende Unsicherheit der Geschlechterordnung auf die Sprache und Praxis des Politischen einwirkte und die neuen Partizipationsansprüche über die Behauptung oder Veränderung »hegemonialer Männlichkeit« entstanden. [Inhaltsverzeichnis]

 

Martin Sabrow und Peter Ulrich Weiß (Hrsg.)

Das 20. Jahrhundert vermessen. Signaturen eines vergangenen Zeitalters

Wallstein Verlag

Göttingen 2017

ISBN 978-3-8353-1878-6

Das 20. Jahrhundert trägt schon jetzt eine Vielzahl schillernder Titel, die seinen weltgeschichtlichen Platz bestimmen sollen: das Katastrophenjahrhundert, das Zeitalter der Extreme, das Jahrhundert der Ideologien, das Amerikanische Jahrhundert. Doch wie plausibel sind solche Etikettierungen im Licht aktueller Forschungen? Gemeinsames Ziel der hier versammelten Beiträge ist es, das je nach Perspektive »kurze« oder »lange« 20. Jahrhundert als eine von Kontinuitäten und Zäsuren durchzogene, aber doch unter gemeinsamen Blickwinkeln erfassbare Epoche zu begreifen.

 

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2016

 

Jochen O. Ley

Domitian. Auffassung und Ausübung der Herrscherrolle des letzten Flaviers

Logos Verlag Berlin

Berlin 2016

ISBN 978-3-8325-4225-2 

Die Quellen überliefern uns Titus Flavius Domitianus als schlechten Herrscher. Doch wenn man sich dem letzten Flavier jenseits der Zuschreibungen nähert und primär seine Handlungen betrachtet, zeigt sich ein fähiger, ja guter Kaiser mit einem schlechten Image. Die senatorischen Quellen sind somit keine Zeugnisse für Domitians Herrschaftspraxis, sondern bieten einen Blick auf die Schwierigkeiten und Irritationen, die der Senat mit ihm hatte. Die pseudorepublikanische Gestaltung des Prinzipats durch Augustus trug eine Paradoxie in sich, und der Umgang damit trennt die guten von den schlechten Herrschern.

Gut waren diejenigen, die die paradoxe Kommunikation beherrschten und den Senat zufrieden stellten. Schlecht waren diejenigen, die dies nicht vermochten oder nicht wollten. Der letzte flavische Herrscher brüskierte die senatorische Gruppe nicht vorsätzlich. Soweit er es wusste, erfüllte er die Erwartungshaltung; zugleich agierte er teils stark autokratisch und zeigte, dass er der Herrscher des Reiches sein wollte. Dem Senat unter Domitian wiederum gelang die Anpassung an das System Domitian nicht. Ein Manko von Domitians Herrschaft, das sich hier rächte, war das Fehlen von Vertrauten. Keiner konnte den Herrscher darauf hinweisen, dass eine Entscheidung oder Maßnahme möglicherweise seine Stellung und Legitimität gefährdete.

 

 

 

Anke te Heesen

Teorie muzeum

Neriton

Warschau 2016

ISBN 978-83-7543-416-3

Nur selten in der Geschichte hat eine Institution eine solche Konjunktur erfahren wie in den letzten Jahren das Museum. Zahlreiche Neueröffnungen und Neukonzeptionen haben diesen Speicherort von materiellen Sachzeugen in das Zentrum geisteswissenschaftlicher Reflexion gerückt. Zur gleichen Zeit hat sich ein differenziertes Ausstellungswesen entwickelt, das wichtige Impulse für die Darstellung von Wissen außerhalb der Buchkultur erbracht hat. Diese Einführung beschreibt die historischen Etappen der Sammlungs- und Museumsgeschichte seit der Renaissance und gibt einen Überblick über die derzeit wichtigsten theoretischen Annäherungen an das Phänomen. So erlaubt der Band einen differenzierten Blick auf den »Zeigeraum« des Museums und entfaltet dabei die feine, aber zentrale Unterscheidung zwischen Museum und Ausstellung.

 

Claudia Tiersch (Hrsg.)

Die athenische Demokratie im 4. Jahrhundert. Zwischen Modernisierung und Tradition

Franz Steiner Verlag

Stuttgart 2016

ISBN 978-3-515-11069-3

Die athenische Demokratie des 4. Jahrhunderts v. Chr. steht seit einiger Zeit verstärkt im Fokus der Forschung. Trotz ungünstiger äußerer Umstände, mehrerer militärischer Niederlagen und einer schwindenden außenpolitischen Bedeutung gelang den Athenern nicht nur die Bewältigung dieser politischen Krisen, sondern auch der daraus resultierenden Finanzprobleme. Hierbei werden Problemlösungskapazitäten und institutionelle Regularien erkennbar, die die athenische Demokratie zu einer der politisch innovativsten Ordnungen der Geschichte machen. Doch um welche Lösungsstrategien handelt es sich? Auf welchen Feldern werden Innovationen bzw. Dynamiken erkennbar? Wie wurden diese kategorial bewältigt? Die Autoren des Bandes zeigen, dass traditionale Argumente in manchen Bereichen durchaus weiterhin von Bedeutung waren. Entscheidend ist jedoch, dass die demokratischen Freiräume Athens im 4. Jahrhundert v. Chr. zu einem innovativen Schub sowie zur Ausdifferenzierung von Politikstilen genutzt wurden, die erklären, warum sich sowohl die wirtschaftliche Dynamik als auch die politische Stabilität und das Institutionenvertrauen in dieser Epoche nachhaltig erhöhte. [Inhaltsverzeichnis]

 

Rüdiger Hohls und Hartmut Kaelble (Hrsg.)

Geschichte der europäischen Integration bis 1989

Franz Steiner Verlag

Stuttgart 2016

ISBN 978-3-515-11303-8

Die europäische Integrationsgeschichte ist vielfältiger geworden und hat ihre normative Prägung verloren. Diese Entwicklung spiegelt sich in der Auswahl von Essays und Quellen für diesen Band wider, in dem klassische wie neue Themen behandelt werden. Durch die Kombination von historischer Quelle und einleitendem Essay erhalten die Leser einen Einblick in den jeweiligen historischen Kontext, die Handlungsoptionen sowie die Motive der beteiligten Akteure. Die Texte bieten zahlreiche Anregungen für Lehre und Studium. Die Gliederung folgt den Epochen der Integrationsgeschichte im 20. Jahrhundert: Auf die Anläufe der Zwischenkriegszeit bis zur Montanunion von 1951 folgt eine Konsolidierung der europäischen Integration bis zum Gipfel von Den Haag 1969. Die letzte Phase reicht von der Krise der 1970er-Jahre bis zur Rückkehr der Dynamik in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre. Den inhaltlichen Schlusspunkt dieses Bandes markiert der Fall der Berliner Mauer: Ein Ereignis, das den Integrationsprozess grundlegend veränderte. [Inhaltsverzeichnis]

 

Jan Hansen

Abschied vom Kalten Krieg? Die Sozialdemokraten und der Nachrüstungsstreit (1977-1987)

De Gruyter Oldenbourg

Berlin, Boston 2016

ISBN 978-3-11-044930-3

Die Kontroverse um den NATO-Doppelbeschluss und die Nachrüstung erschütterte die westdeutsche Gesellschaft in den 1980er Jahren. Besonders schwer traf sie die Sozialdemokraten, die gespalten waren zwischen der Politik ihres Kanzlers Helmut Schmidt und der Friedensbewegung. Jan Hansen untersucht diesen Nachrüstungsstreit auf breiter Quellenbasis. Er zeigt, dass Teile der SPD den Kalten Krieg für anachronistisch hielten, lange bevor er tatsächlich an sein Ende kam. Auf den Prüfstand gelangte dabei nicht nur der ideologische Gegensatz zwischen den Supermächten, sondern auch der sozialdemokratische Politikbegriff. Der Konflikt veränderte die SPD und führte dazu, dass sich die Partei stärker als zuvor gesamtgesellschaftlichen Transformationen anpasste. [Inhaltsverzeichnis]

 

Laura Busse, Wilfried Enderle, Rüdiger Hohls, Gregor Horstkemper, Thomas Meyer, Jens Prellwitz und Annette Schuhmann (Hrsg.)

Clio Guide. Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften

Historisches Forum, Bd. 19 (Clio-online)

Berlin 2016

ISBN 978-3-86004-318-9

Im Online-Handbuch Clio-Guide geht es um etwas Einfaches und Elementares: Um die aktuelle Kartierung des Feldes der digitalen Fachinformation der Geschichtswissenschaft. Der Begriff der Fachinformation wird dabei bewusst breit verstanden, so dass auch institutionelle Infrastrukturen und digitale Werkzeuge mit darunter subsumiert werden. Unabhängig davon, wie man Fachinformation im Detail definiert, ist ihre Existenz ein Faktum, das professionelle HistorikerInnen zunächst einmal zur Kenntnis nehmen und vor allem kennen müssen. Zur Erlangung dieser Kenntnisse will die vorliegende Online-Publikation „Clio-Guide - Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften“ einen Beitrag leisten. Es verfolgt mithin primär ein praktisches Ziel: Eine bewusst positivistisch und faktenorientierte Einführung zum Stand der digitalen Fachinformation und eine Übersicht über die wichtigsten Hilfsmittel und Instrumente zu geben. Damit wendet es sich sowohl an Studierende und Lehrende, die sich die Grundlagen geschichtswissenschaftlicher Fachinformation erarbeiten bzw. diese vermitteln wollen, als auch an forschende Historiker, die eine Einführung in den Stand der Fachinformation in für sie neue Forschungsgebiete benötigen. [Inhaltsverzeichnis]

 

Annette Vowinckel

Agenten der Bilder. Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert

Wallstein Verlag

Göttingen 2016

ISBN 978-3-8353-1926-4

Fotografiegeschichte wird oft als Geschichte der Bilder geschrieben. Wer aber fotografiert unter welchen Bedingungen und für wen? Wer wählt Fotografien zur Publikation aus (und verwirft oder zensiert andere), und wer nutzt sie zu welchem Zweck? Annette Vowinckel beschreibt die an der Bildproduktion beteiligten Berufsgruppen der Fotojournalisten und Bildredakteure als »Agenten der Bilder«. Sie zeigt, wie im vergangenen Jahrhundert Fotografien im öffentlichen Raum als Argumente eingesetzt wurden, welche unterschiedlichen Verwendungen Fotografie in der freien Presse, in staatlichen Organisationen, in Armeen und im politischen Diskurs fanden. Dabei hinterfragt sie auch, welche Rolle ethische und editorische Entscheidungen spielten. Anhand konkreter Beispiele - wie etwa Fotografien von Politikern oder aus dem Vietnamkrieg - erläutert die Historikerin, wie sich deren Verwendung über Landes-, Sprach- und Systemgrenzen hinweg auf die Formation visueller Öffentlichkeiten im 20. Jahrhundert auswirkte. [Inhaltsverzeichnis]

 

Stefan Troebst und Michael Wildt (Hrsg.)

Zwangsmigration im Europa der Moderne. Nationale Ursachen und transnationale Wirkungen

Leipziger Universitätsverlag

Leipzig 2016

ISBN 978-3-96023-016-8

[Inhaltsverzeichnis]

 

 

 

 

 

Christiane Eisenberg

(übersetzt von Deborah Cohen)

The Rise of Market Society in England, 1066-1800

Berghahn Books

Oxford 2016

ISBN 978-1-78533-217-3

Focusing on England, this study reconstructs the centuries-long process of commercialization that gave birth to the modern market society. It shows how certain types of markets (e.g. those for real estate, labor, capital, and culture) came into being, and how the social relations mediated by markets were formed. The book deals with the creation of institutions like the Bank of England, the Stock Exchange, and Lloyd's of London, as well as the way the English dealt with the uncertainty and the risks involved in market transactions. Christiane Eisenberg shows that the creation of a market society and modern capitalism in England occurred under circumstances that were utterly different from those on the European continent. In addition, she demonstrates that as a process, the commercialization of business, society, and culture in England did not lead directly to an industrial society, as has previously been suggested, but rather to a service economy. [Inhaltsverzeichnis]

 

Geert Keil, Lara Keuck und Rico Hauswald (Hrsg.)

Vagueness in Psychiatry

Oxford University Press

Oxford 2016

ISBN 9780198722373

This book addresses the problem of indeterminacy in psychiatry and its social, moral and legal implications. It represents the first systematic effort to draw various lines of inquiry together, including the debates about the principles of psychiatric classification, categorical versus dimensional approaches, prodromal phases and sub-threshold disorders, and the problem of over-diagnosis in psychiatry.Vagueness in Psychiatry relates these debates to philosophical research on vagueness and demarcation problems, helping readers navigate through the various discussions surrounding the problem of blurred boundaries in the classification and diagnosis of mental illness.

 

Sina Fabian

Boom in der Krise. Konsum, Tourismus, Autofahren in Westdeutschland und Großbritannien 1970-1990

Wallstein Verlag

Göttingen 2016

ISBN 978-3-8353-1920-2

Über das Verhältnis von Konsum und Individualität
Konsum, Tourismus, Autofahren - sind die 1970er Jahre mit diesen Schlagworten adäquat beschrieben, oder handelt es sich nicht vielmehr um ein Jahrzehnt der Krisen? Einerseits war der Alltag der westdeutschen und britischen Bevölkerung durch eine kontinuierliche Ausweitung der Konsummöglichkeiten geprägt. Andererseits kommen die Folgen des Ölschocks im Bild der leeren Autobahnen zum Ausdruck. Sina Fabian greift beide Erzählweisen auf und diskutiert die 1970er Jahre im Spannungsverhältnis von Krise und Boom. Sie untersucht den Einfluss von Ölpreis- und Wirtschaftskrisen auf den Tourismus und die PKW-Nutzung als zwei teuren Konsumgütern, die in beiden Ländern gerade während des Untersuchungszeitraums an Bedeutung gewannen. Ebenso fragt sie, inwieweit sich der steigende Konsum tatsächlich als Ausdruck fortschreitender Individualisierung begreifen lässt? Stellen Pauschalreisen und Fließbandprodukte die Individualisierungsthese nicht weit eher in Frage? Anhand unterschiedlicher Quellen, die von statistischen Erhebungen bis hin zu Tagebüchern und Reiseberichten aus der Bevölkerung reichen, relativiert die Autorin herkömmliche Lesarten der inzwischen vielfach historisierten 1970er Jahre. [Inhaltsverzeichnis]

 

Lars Behrisch

Die Berechnung der Glückseligkeit. Statistik und Politik in Deutschland und Frankreich im Späten Ancien Régime

Beihefte der Francia, Bd. 78 (Deutsches Historisches Institut Paris)

Thorbecke Verlag

Ostfildern 2016

ISBN 978-3-7995-7469-3

Wir leben in einem Zeitalter der Statistik – unsere Welt erschließt sich in Zahlen. Seit wann ist das so? Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts begannen die Regierungen insbesondere der deutschen Territorien und Frankreichs, alle möglichen Bereiche des öffentlichen Lebens zu beziffern und zu berechnen, um nachhaltiger in die Entwicklung der Staaten eingreifen, ja die irdische »Glückseligkeit« ihrer Untertanen herbeiführen zu können. Zugleich begann Statistik die allgemeine Wahrnehmung zu verändern, indem sie den Blick immer mehr auf funktionale Zusammenhänge und materielle Effizienz richtete. Die Erforschung der Wurzeln statistischer Welterkenntnis trägt folglich auch dazu bei, die Wahrnehmungslogiken unserer modernen Welt besser zu verstehen und zu hinterfragen. [Inhaltsverzeichnis]

 

Sören Flachowsky, Rüdiger Hachtmann und Florian Schmaltz (Hrsg.)

Ressourcenmobilisierung. Wissenschaftspolitik und Forschungspraxis im NS-Herrschaftssystem

Wallstein Verlag

Göttingen 2016

ISBN 978-3-8353-1877-9

Formen und Dimensionen der Mobilisierung und des Verfalls wissenschaftlicher Ressourcen im Nationalsozialismus
In welchen Dimensionen wurden zwischen 1933 und 1945 Ressourcen für die Forschung mobilisiert? Diese zentrale Frage des Verhältnisses von Wissenschaften und Politik im Nationalsozialismus wird für ein breites Spektrum an wissenschaftlichen Einzeldisziplinen thematisiert. Den zeitlichen Schwerpunkt bildet dabei der Zweite Weltkrieg. Konzeptionell wird eine Erweiterung und Differenzierung des Ressourcenbegriffs angestrebt.
Die räumliche Dimension der Ressourcenmobilisierung im europaweiten nationalsozialistischen Herrschaftsbereich markiert noch immer ein bedeutendes Desiderat der wissenschaftshistorischen Forschung. Im Fokus der Aufsätze steht der von Deutschland forcierte Transfer in die und aus den annektierten Ländern und besetzten Gebieten. Wie »effizient« waren Ressourcenaneignung und -raub im okkupierten bzw. verbündeten Europa für die NS-Diktatur? Welche Unterschiede lassen sich je nach europäischer Region ausmachen? Wie vernetzten sich dabei die gesellschaftlichen Teilsysteme Wissenschaft, Staat, Militär und Wirtschaft? [Inhaltsverzeichnis]

 

Martin Sabrow

Erich Honecker. Das Leben davor 1912-1945

C.H. Beck

München 2016

ISBN 978-3-406-69809-5

Nichts verkörpert die DDR so sehr wie das maskenhafte Gesicht Erich Honeckers und dessen kommunistische Musterbiographie, die ihm der Parteiapparat maßschneiderte. Martin Sabrow zeigt auf der Grundlage zahlreicher unbekannter Quellen, welche überraschenden Brüche und Nebenwege das Leben des saarländischen Jungkommunisten prägten. Erich Honecker (1912 – 1994) war von frühester Kindheit an fest im kommunistischen Milieu des Saarlands verwurzelt, und doch war er als Teenager auch offen für neue Orientierung. Er fuhr nach Pommern, um Bauer zu werden, kehrte für eine Dachdeckerlehre in die Heimat zurück, studierte an der Parteihochschule in Moskau und ging 1933 in den Widerstand. Erstmals werden diese Stationen detailliert nachgezeichnet, und sie eröffnen überraschende Ausblicke, etwa auf Honeckers enges Verhältnis zu Herbert Wehner oder seine Beteiligung an einem Terroranschlag. 1935 musste der Jungfunktionär untertauchen. Was machte er monatelang in Paris? Wie kam es zu seinem konspirativen Einsatz in Berlin und wie zu seiner Verhaftung? Von Rätseln umrankt war bisher auch, wie es Honecker gelang, wenige Wochen vor Kriegsende zu fliehen und bald darauf unbehelligt ins Gefängnis zurückzukehren. Die bahnbrechende Jugendbiographie des Revolutionärs und Überlebenskünstlers endet im Mai 1945, als Honecker eher zufällig Zugang zu Ulbricht fand und der Kaderabteilung seinen kommunistischen Lebenslauf einreichte, über den fortan die Partei wachte.

 

Stefan Wiese

Pogrome im Zarenreich. Dynamiken kollektiver Gewalt

Hamburger Edition

Hamburg 2016

ISBN 978-3-86854-304-9

Russland war das Land der Pogrome, so sah es zumindest die europäische Öffentlichkeit um 1900. Deshalb bürgerte sich auch in den meisten Sprachen das russische Wort »Pogrom« für diese Form von meist antijüdischer Gewalt ein. Aber was machte die Pogrome aus? Wer waren die Akteure? Geschahen sie spontan oder organisiert? Und warum war ihre Zahl gerade im Russischen Reich so hoch?
Antworten findet Stefan Wiese in den Handlungen aller Beteiligten, also der Täter, der Opfer, der Zuschauer und der Vertreter der Staatsmacht. Jede Gruppe verfügte über spezifische Ressourcen und verfolgte eigene Ziele, jede Gruppe beobachtete die übrigen und handelte dementsprechend. Aus dieser Dynamik ergaben sich Situationen, die Gewalt ermöglichten oder verhinderten. Laut Stefan Wiese waren bei Pogromen gegen Juden Strategien und Ressourcen der Akteure wichtiger als das Erbe des Antisemitismus, wie der Vergleich mit der Pogromgewalt gegen Armenier, Deutsche und die Intelligenzija bestätigt.
Stefan Wiese zeigt, was Pogrome sind, wie sie beginnen, vollzogen werden und wie sie enden. Er kontextualisiert die Pogrome neu, betont die Kontingenz von Raum und Gelegenheit und untersucht das Verhalten der staatlichen Organe. Mit seinem Buch über eine spezifische Form kollektiver Gewalt in den letzten Jahrzehnten des Russischen Reiches liegt eine analytische Phänomenologie des Pogroms vor. Die Untersuchung erweitert die Perspektive des Nachdenkens über Pogrome und Massengewalt, auch über das Zarenreich hinaus.

 

Rainer Orth

"Der Amtssitz der Opposition"? Politik und Staatsumbaupläne im Büro des Stellvertreters des Reichskanzlers in den Jahren 1933–1934

Böhlau Verlag

Wien, Köln, Weimar 2016

ISBN 978-3-412-50555-4

Bereits zehn Jahre vor dem gescheiterten Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944, im Sommer 1934, gab es einen Versuch von Kräften innerhalb des Regierungsapparates des Deutschen Reiches, das nationalsozialistische Regime gewaltsam zu stürzen. Ihr organisatorisches Zentrum hatten diese Pläne in der Dienststelle von Franz von Papen, dem konservativen Vizekanzler und gescheiterten „Beaufsichtiger“ Adolf Hitlers während der ersten eineinhalb Jahre seiner Regierungszeit.
Den Kern dieser Verschwörung, von der Papen selbst nichts wusste, bildeten der Münchener Schriftsteller Edgar Jung (Papens Redenschreiber), der Nachrichtendienstler Herbert von Bose (Papens Pressechef), Boses rechte Hand Wilhelm Freiherr von Ketteler, sowie der schlesische Gutsbesitzer Fritz Günther von Tschirschky (Papens Adjutant). Zusammen mit einigen Gleichgesinnten bauten diese das Ministerium Papens hinter dem Rücken ihres Chefs bis zum Frühjahr 1934 zu einer getarnten oppositionellen Zelle aus, die systematisch auf die Beseitigung der Regierung, deren hochgestellte Mitarbeiter sie offiziell waren, hinarbeitete.
Die vorliegende Studie rekonstruiert und erzählt die Geschichte der Reichsvizekanzlei als einer obersten Reichsbehörde, der Oppositionsgruppe, die von diesem Standort aus operierte, sowie des von dieser Oppositionsgruppe vorbereiteten Umsturzversuches, der schließlich – unmittelbar vor seiner Umsetzung – im Schatten der Mordwelle vom 30. Juni 1934 von der Gestapo auf blutige Weise vereitelt wurde.

 

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